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Bettina Schmidt: Exklusive Gesundheit

Cover Bettina Schmidt: Exklusive Gesundheit. Gesundheit als Instrument zur Sicherstellung sozialer Ordnung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. 310 Seiten. ISBN 978-3-658-17929-8. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 31,00 sFr.
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Thema

„Mit der an der Ottawa-Charta orientierten Gesundheitsförderung liegt seit 20 Jahren ein Konzept vor, das aus den präventivmedizinischen Wirkungslosigkeiten und Vergeblichkeiten hinausführen sollte. Es betont eine über Fächer-, Organisations- und Berufsgrenzen hinausreichende Arbeits- und Denkweise, es bezieht die sogenannten Gesundheitsdeterminanten wie u.a. persönliche Ressourcen und soziale Situation, Wohn- und Arbeitsverhältnisse, Lebensstile und Umwelt systematisch in Perspektiven der Verhaltens- und Verhältnisänderungen ein, und es vertritt ein Interventionsmodell, das auf mehrere Ebenen – Individuum, Netzwerk, Gruppen, Institutionen, Politik und Administration – ausgerichtet ist. Darüber hinaus hat Gesundheitsförderung eine salutogenetische Grundlage und eine auf Selbstbestimmung, Empowerment und Selbsthilfe zielende Richtung. Langfristig dürfte sich mit diesem Konzept, das in der Bevölkerung vorhandene Wirkungspotential für die eigene Gesundheit mit größeren Aussichten auf die Senkung der Morbidität und Mortalität erschließen lassen als mit ausschließlich präventivmedizinischen, an Risikofaktoren orientierten Vorgehensweisen; den gesundheitspolitischen Herausforderungen könnte insgesamt wirkungsvoller begegnet werden.“

Erst nach der Lektüre dieser Rezension werden Sie, liebe Leser, verstehen, warum ich diesen Ausschnitt aus einem von mir 2007 geschriebenen kleinen Beitrag als Einführung in das Thema gewählt habe. Man kann sehen, dass es sich bei der Gesundheitsförderung um einen Ansatz handelt, der seit mindestens 30 Jahren fortlaufend praktiziert und verfeinert wird. Natürlich wäre es im Zusammenhang mit Public Health und Gesundheitsförderung viel ertragreicher bei den Publikationen von Prof. Dr. Christian von Ferber nachzuschlagen, der u.a. für die Einführung entsprechender Studiengänge und für die Implementation von kommunaler Gesundheitsförderung auf der Basis von kommunaler Gesundheitsberichterstattung und kommunaler Gesundheitskonferenzen eingetreten ist. An der Verwirklichung dieses Konzepts kommunaler Gesundheitsförderung hat von Ferber in Herne von 1990 bis 2005 als Berater und Umsetzer entscheidend mitgewirkt.

Autorin

Bettina Schmidt ist Professorin für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen an der EvH Rheinland-Westfalen-Lippe. Sie hat Sozialwissenschaften an der Universität Duisburg-Essen studiert (Dipl. Sozialwissenschaftlerin) und an der Universität Bielefeld Gesundheitswissenschaften (Dipl. Gesundheitswissenschaftlerin und Dr. Public Health).

Aufbau

Das Werk umfasst fünf Kapitel.

Zu 1. Einführung: Hauptsache Gesundheit

Die hohe Bewertung der Gesundheit entspricht den Vorstellungen der in der Leistungsgesellschaft privilegierten Sozialschichten. Sie sehen in der Gesundheit vor allem eine Voraussetzung der Funktionstüchtigkeit des Individuums. Wer diese hohe schichtspezifische Bewertung der Gesundheit infrage stellt, gilt leicht als Provokateur.

Erzählforschung untersucht nicht nur, was über Gesundheit erzählt wird, sondern auch, wer es erzählt und warum er es erzählt. Erzählforschung dechiffriert somit Gesundheitserzählungen auf ihre Hintergründe. Bettina Schmidt erzählt uns die Geschichte der Gesundheit als Geschichte von oben. Von oben aus betrachtet und propagiert, ist Gesundheit funktional und moralisch nützlich, da sie jedem erlaubt, sein Leben möglichst in Eigenregie zu bewältigen, den Wohlfahrtsstaat nicht mit selbst verschuldeten Sozialleistungen zu belasten und seine Zugehörigkeit zur Gesellschaft der Anständigen zu bezeugen. Gesundheit verkörpert den neo-liberalen Zeitgeist.

Zu 2. Diskurse, Geschichten, Erzählungen

Dieses Kapitel führt in die Erzähltheorie und Erzählforschung ein, in denen der Mensch als homo narrans definiert ist. Einige wesentliche Grundlagen des Erzählens über die Wirklichkeiten werden uns nahe gebracht: u.a. die Funktionsweise von Erzählungen, ihre Erfolgsaussichten im Kampf mit den anderen um Vorherrschaft konkurrierenden Erzählungen, die Darlegung der Unterschiede zwischen Diskursen und Geschichten oder die Beschreibung der aus wissenschaftlichen Diskursen und alltäglichen Geschichten kombinierten Erzählungen bzw. Narrative. Als Ergebnis dieser Unterweisung erscheint Gesundheit als eine große, aus unübersehbaren Teilerzählungen und Versatzstücken bestehende Meistererzählung.

Welche soziale Ordnung liegt dieser Meistererzählung nun zugrunde? Wie gelingt es den Verfechtern dieser Erzählung, sich mit ihrer Konzeption durchzusetzen? Zu den Kennzeichen erfolgreicher Erzählungen gehören zum Beispiel die Reduktion von Komplexität und die Flexibilität gegenüber Ungereimtheiten, widersprüchlichen Inhalten und widersprechenden Akteuren. Erzähler und Zuhörer sind aufeinander angewiesen, und sie führen letztendlich Verhandlungen über den Erfolg jeder Erzählung. Auch wird daran erinnert, dass die wissenschaftliche Erzählkunst nicht ganz so frei funktioniert, wie es sein sollte oder wie es die Wissenschaft glauben machen will. Interessen, Finanzmittel, Profiterwartungen, Karriereplanung, also außerwissenschaftliche Einflüsse lenken die Wissenschaft oft stärker ab, als es ihr guttut.

Nach diesen Erläuterungen kommt die Macht des Erzählens, ihre Fähigkeit, die Wirklichkeit zu beeinflussen, in den Blickpunkt: Die erzählerische Grundierung des gesellschaftlichen Wandels kann zum Beispiel zur Verinnerlichung gewünschter Verhaltensweisen führen und somit Kosten für entsprechende Info-Kampagnen oder motivierende Anreizsysteme ersparen. Wie erfolgreich sich das ökonomische Narrativ durchgesetzt hat, mag man an der Verwendung der Begriffe wie Kunde, Produkt, Markt, Wettbewerb und Performance in allen gesundheitlichen Einrichtungen und Diensten ablesen. Alle unsere Erzählungen haben jedoch das Streben gemeinsam, in Politik, bei den Medien und den Bürgern Gehör für ihre Forderungen zu finden; es geht um die Erhöhung ihrer Durchsetzungsfähigkeit. Des Weiteren werden die erzählerische Macht der Eliten, die Macht des Schweigens, die Macht der Gegenerzählungen und die Erosion machtvoller Erzählungen beschrieben.

Erzählungen oder Narrative setzen alles in allem orientierende Leitplanken für die konkrete Lebenspraxis und verändern auf diese Weise die Wirklichkeit. Für die Gesundheitserzählungen der Gegenwart gilt es, die Menschen zur Selbstsorge zu befähigen, damit auf diesem Legitimationsfundament der Sozialstaat entlastet und privatisiert werden kann.

Zu 3. Die Geschichte der tugendhaften Reinheit

Die Reinheitserzähler verfolgen rationale Zwecke. Sie wollen Reinheit und Gesundheit im Bewusstsein und im Verhalten der Menschen so verankern, dass es selbstverständlich wird, sich um Reinheit und Gesundheit und das damit verbundene Wohlbefinden zu sorgen. Der verborgene Zweck besteht darin, die gesellschaftliche Ordnung zu sichern; Reinheit und Gesundheit sind als vornehmlich sichtbare Merkmale besonders geeignet, Ausdruck gesellschaftlicher Respektabilität zu sein.

Ein Vorteil solcher Leitbegriffe wie Reinheit und Gesundheit liegt in der Möglichkeit ihrer großzügigen Interpretierbarkeit, die selbst entfernte Themenfelder vereinnahmen kann. Geht es bei der Reinheit erst um Sauberkeit, so gehört bald die Reinheit als Seelenqualität dazu; der Gesundheitsbegriff dehnt sich anfänglich von der Abwesenheit von Krankheit bis hin zum späteren allseitigen Wohlbefinden in der WHO- Definition. Mit der Reinheit lässt sich also gut und in vielen Richtungen hantieren.

Die tugendhafte Reinheit und die Unreinheit als ihr Widerpart und dauerhafter Begleiter fallen natürlich nicht vom Himmel auf die Erde. Sie sind das Resultat einer wechselvollen Geschichte von Reinheitsnarrativen, die jeweils dem Standort und der Interessenlage ihrer Erzähler folgen und daher unterschiedliche Vorstellungen von Reinheit und von Unreinheit als einem Abgrenzungsinstrument propagieren. Bettina Schmidt geht der Rolle und Bedeutung der Reinheits-und Unreinheitserzählungen u.a. im Prozess der auf zunehmende Affektkontrolle gerichteten Zivilisation (Norbert Elias) am Beispiel christlicher, bürgerlicher und proletarischer Auffassungen nach und diskutiert diese Narrative in ihrer Leistung, die Menschen an die jeweilige herrschende Ordnung anzupassen.

Ihr Resümee: Die meisten Reinlichkeitspraxen sind in den automatisierten Regionen des menschlichen Habitus abgelagert. Reinheit ist zur basalen Grundbedingung für Wohlsein und Wohlverhalten geworden. Was kann die Kunst der Narration mehr erreichen?

Zu 4. Die Erzählung von der guten Gesundheit

Die Nachfolge der Reinlichkeit als eines Synonyms für Ordnung, Anständigkeit und vernünftiges Verhalten hat heutzutage die Gesundheit als Leitbegriff übernommen. Natürlich sind die Formen und Inhalte von gesundheitsbewusster Lebensführung auf der einen Seite sowie gesellschaftlicher Ordnung und Tugend auf der anderen Seite den Erfordernissen der individualisierten Leistungsgesellschaft angepasst. Entsprechend fallen die Gesundheitserzählungen auch aus, mit denen die Menschen veranlasst werden sollen, das freiwillig zu tun, was sie tun sollen. Auch gibt es hier das Pendant zur Unreinheit; der Makel ist natürlich die Lebensweise derjenigen, die keinen so großen Wert auf ausgeglichene Ernährung, ausreichende Bewegung und Verzicht auf Suchtmittel etc. legen. Randständigkeit kann für die Gesundheitsversager bzw. Gesundheitsverweigerer die Folge sein.

Unsere Autorin liefert viele anschauliche Beispiele für die neuen Gesundheitserzählungen und für die neuen gesundheitlichen Praktiken. Oft geht es dabei auch um die feinen Unterschiede im Essen und Trinken, beim Sport und in vielen anderen Lebensbereichen. Alle diese Verfeinerungen haben vor allem den Charakter sozialer Selbstvergewisserung und sollen den anderen signalisieren, dass man dazugehört. Im Kern jedoch gleicht die in den tugendhaften Gesundheitsbemühungen zutage tretende Autonomie aber einer Selbst-und Fremddisziplinierung, die einzig und allein der finanziellen Entlastung des Gesundheitssystems dient.

Auf jeden Fall stünde es mit der gesundheitlichen Versorgung der Bürger – folgt man den Gedanken von Bettina Schmidt- wesentlich besser, wenn die durch gesundheitliche Unwissenheit, durch Vernachlässigung ihrer gemeinwohlorientierten Pflichten und durch Ablehnung umverteilender Steuererhöhungen etc. glänzenden herrschenden Eliten und Gesundheitspolitiker von Experten der Gesundheitswissenschaften beraten und zum Beispiel durch Health-Literacy- Schulungen kompetent gemacht wären. Dann würden vielleicht auch die Akteure mit den besseren Argumenten und nicht immer die Akteure mit den politischen Mehrheiten und der Lobbymacht im Hintergrund die gesundheitspolitischen Weichen stellen können. (Leider oder zum Glück aber ist eine parlamentarische Demokratie nun mal eine Institution, in der die Diskussion eher dem Interessenabgleich und dem Kompromiss als der Richtigkeit oder der Wahrheitssuche dient und in der demokratisch gewählte Mehrheiten entscheiden.)

Die Hauptrolle in der modernen Gesundheitserzählung nimmt das eigenverantwortliche Gesundheitssubjekt ein. Autonom und souverän ist es in Selbstsorge um stetige Gesunderhaltung und gesundheitliche Optimierung sowie um Krankheitsvermeidung bemüht. Dabei will der Gesundheitsaktivist möglichst von wohlfahrtsstaatlicher Unterstützung unabhängig bleiben. Ein unendliches Spiel beginnt, weil ideale Gesundheit unerreichbar ist, aber angestrebt werden muss: „Eine ewig offene Baustelle mit beständigem Renovierungsbedarf“, so heißt es treffend bei der Autorin. Die Figur des fitten Selbstunternehmers ist ein gesundheitliches Narrativ, das für die neoliberale Großerzählung erfunden wurde, um die Wirklichkeit der Gegenwart, den Bedarfslagen einer neo-liberalen Gesellschaft anzupassen.

Ausführlich und amüsant werden die verschiedenen Inkarnationen des fitten Selbstunternehmers dem Leser vorgestellt. Dabei werden in der Skizzierung auch diejenigen nicht vergessen, die den Anforderungen des neuen Gesundheitsnarrativs nicht gewachsen sind und oft als unwillig oder unfähig etikettiert und als unterengagierter Minderleister stigmatisiert werden. Wenn alles machbar erscheint, wird Krankheit leicht zu einem individuellen Verhaltens- und Anstrengungsmangel erklärt, der oft nicht nur von außen zugeschrieben wird, sondern als Schuldgefühl im Inneren des Kranken selbst wächst. Der Gesundheitsabstinente führt kein leichtes Leben.

Zu 5. Von der reinen Gesundheit zu lässigem Wohlsein

Das hegemoniale Gesundheitsverständnis wird als „funktionstüchtige Pluripotenz leistungsbereiter Selbstunternehmer“ beschrieben. Es handelt sich um ein Konzept der komplexreduzierten Biomedizin, das mit seinen Bestandteilen der Eigenverantwortung, Selbstsorge und Leistung den Bedürfnissen privilegierter Soziallagen entspricht und das mit mehr oder weniger Zwang auf alle Schichten und Klassen umgesetzt werden soll. Es werden damit geradezu „Felsblöcke auf das Leben von Menschen“ (Papst Franziskus) geworfen, wie Bettina Schmidt besonders glaubwürdig zitiert.

Gegen dieses Neo-Bio-Gesundheitskorsett wird ein neues, dem Public Health-Gedanken und der Gesundheitsförderung verpflichtetes Bild von Gesundheit entworfen. Ausgangspunkt ist die These: Jeder Mensch hat seine eigene Gesundheit. Da alle Menschen unterschiedlich sind, müssen sie auch ihren verschiedenen („diversifizierten“) Gesundheitsvorstellungen und Gesundheitspraxen nachgehen können. Auch haben die Menschen nicht die grenzenlose Pflicht, nach Gesundheit zu streben. Das herrschende, auf Zwangsbeglückung beruhende Gesundheitsparadigma wird ersetzt durch das gesundheitliche Programm eines Geleitschutzes für ein gesundes Leben. Anders gesagt: Eigenverantwortliche Gesundheitsprävention war gestern, benutzerfreundliche Gesundheitsförderung wird der zukünftige Hegemon sein.

Während in den hohen und privilegierten und verwöhnten Soziallagen Gesundheit die Essenz und das Zentralziel des gelingenden Lebens ist und feinfühlige Achtsamkeit und zartbesaitete Gesundheitsfürsorge dort beheimatet sind, zeichnen sich die Normalmenschen mit Robustheit und Vertrauen darauf aus, dass die eigene Gesundheit weniger verletzbar ist; das Leben wird hier nicht durch Vorrangigkeit der Krankheitsvermeidung bestimmt, sondern von dem Gedanken: Man muss es auch irgendwann einmal gut sein lassen! Da Gesundheit und Krankheit zum Leben gehören und gegen Krankheit kein Kraut gewachsen ist, ist es auch funktional, sich auf Bedingungen des gelingenden Lebens unter Krankheitslast und anderen Beeinträchtigungen einzurichten. Eine Gesellschaft, die so denkt und handelt, realisiert die inklusive Gesellschaft- ohne Ausschluss der Normalmenschen und mit gleichberechtigter Teilhabe auch der Privilegierten. Eine solche Gesellschaft zieht die „wilde Blumenwiese der plural Gesunden und Kranken der Monokultur der Maximalgesunden“ vor und führt die benutzerfreundliche Gesundheitsförderung ein.

Zur Illustration des herrschenden gesundheitlichen Schreckbildes oder des gesundheitlichen Zwangnarratives der Biogesundheit wird uns dann eine privilegierte Familie – Studienrat und Betriebswirtin – vorgestellt. Die entscheidenden Familien-Signale sollen genannt sein: Morgengymnastik, Radfahren, Treppensteigen, Gesundheitskurse, Vorsorge-Untersuchungen, Zeitsouveränität, 1a-Behandlung und Alternativmedizin, Nahrung aus der Region, Marktbesuch, Brot vom Bäcker, Hofladen und Auslandsreisen.

Nun aber werden uns Erzählungen des „Gesundheit ist nicht alles-Typus“ präsentiert: Die Familie K., bestehend aus Vater, Mutter und drei Söhnen, gehört „nicht eindeutig zu den Modernisierungsverlierern“, ist jedenfalls nicht privilegiert (wenn man die Söhnezahl nicht als Privileg rechnen will, wie ich es als Vater zweier Töchter unstatthaft tue) und verleiht der Gesundheit nicht so einen hohen Wert im Familienleben, wie es Familie K. tut.

Es folgen Narrative des Typus des „real existierenden gesundheitlichen Durchwurstlers“ und des „Typus des strikten Gesundheitsgehorsamsverweigerers“.

Höhepunkt der Präsentation sind die agesunden (mit dem a wird die Abwesenheit des Bezeichneten ausgedrückt) Dissidenten, die sichtbaren und bewussten Vertreter, die sich nicht den herrschenden Gesundheitsnormen unterwerfen. Diese Dissidenten sind Impuls- und Wegbereiter des neuen Gesundheitsnarratives und leiten den Wandel zur inklusiven Gesellschaft und ihrer benutzerfreundlichen Gesundheitsförderung ein. Das bisher von der gesundheitsgerechten Mehrheitsgesellschaft mit der Biogesundheit als Ideal gehaltene Zentrum wird im Sinne der inklusiven Gesellschaft und der benutzerfreundlichen Gesundheitsförderung ausgebaut und verändert.

Dann werden sich keine um ihre Kinder besorgten Mehrheitsgesellschafter mehr über die „Junkies im Stadtpark“ beschweren, weil sie ihr Spritzen dort liegen lassen, dann wird es keine Mehrheitsgesellschafter mehr geben, die die Zwei-Geschlechtlichkeit für natürlich und normal halten, dann wird es keine mehr geben, die es als ausnahmslos unverantwortlich ansehen, ungeschützten Sex mit beliebigen Partnern zu haben etc. Die tragenden Elemente der neuen Gesundheitspolitik sind – addiert man die entsprechenden Chiffren – Mehrgeschlechtlichkeit, Promiskuität, Drogen, Sex („geschützter Geschlechtsverkehr, von leidenschaftlichen Ausnahmen abgesehen“) sowie homosexueller Sex und vor allem Lust.

Es ist für unsere Autorin keineswegs verständlich, aber durchaus erschreckend, dass „moral panic“ aufkommt, wenn solche gesundheitlichen und die Mehrheitsgesellschaft mit einiger Berechtigung verunsichernden Vorstellungen propagiert werden. Es geht bei diesem Widerspruch nicht um Gefährdung der eigenen privilegierten Lage und um Statussicherung gegenüber Konkurrenten, wie Bettina Schmidt glaubt. Die Frage nach dem Konzept der öffentlich verantworteten und demokratisch legitimierten und -nicht zuletzt- umfangreich u.a. durch Steuern und Versicherungsbeiträge finanzierten Gesundheitsförderung in Gesellschaft, in Kindergärten, Schule, Fachhochschulen und Universitäten etc. wird von den sogenannten Normalbürgern gestellt.

Diskussion

Das Hauptargument gegen die im Buch vertretene Notwendigkeit eines Wechsels von der exklusiven zur inklusiven Gesundheitsförderung sticht nicht. Das dominante gesundheitliche Narrativ oder die herrschende gesundheitliche Großerzählung, die von den Verantwortungseliten exklusiv im Interesse der privilegierten sozialen Lagen und zur Sicherung der sozialen Ordnung propagiert wird, gibt es gar nicht, existiert nirgendwo. Es ist ein künstliches, der Karikatur nahekommendes Konstrukt. Es mag hier und da, vielleicht auch auf besondere Gruppen bezogene gesundheitliche Übertreibungen und Extremformen im Gesundheitsverhalten geben. Doch aus dieser allenfalls partiellen Lebenswirklichkeit ein dominierendes Schema gesundheitlicher Propagierung durch die Mehrheitsgesellschaft zu machen und dieses willkürlich konstruierte Narrativ noch allen irgendwie Privilegierten zuzuschreiben, ist etwas ganz anderes.

Hier rächt es sich, dass grundlegende Begrifflichkeiten kaum definiert werden: Was sind zum Beispiel Eliten, näher hin: Verantwortungseliten, was sind privilegierte und was sind nicht-privilegierte Soziallagen, und wie werden diese Lagen definiert? Auch die Zuordnung von sozialer Lage und Gesundheitsnarrativ bedarf einer Vermittlung und ist nicht von selbst einsichtig, wenn es nicht ein soziales Vorurteil sein soll.

Darüber hinaus bleibt die Konstruktion des Narratives selbst in vielen Dimensionen unterbelichtet. Narrative fallen nicht einfach in dem Mund der Geschichtenerzähler und können letztendlich mehr über die Wissenschaft und Technik der Meinungsbildung und Manipulation aussagen als über die Erzähler selbst.

Gleiche Einwendungen gelten für das dem Zwangsnarrativ der Herrschenden entgegengesetzte Narrativ der gesundheitlichen Lässigkeit der Nicht-Privilegierten. Der gute Wille, sich den unteren Schichten und Klassen zuzugesellen, kann nicht die Mängel des methodischen Vorgehens übertünchen.

Warum diese Simplifizierung der komplexen Stratifizierung unserer Gesellschaft in ein dichotomes Modell von Privilegierten auf der einen Seite und von Nicht-Privilegierten auf der anderen Seite? Die daraus entspringenden zwei großen Erzählungen sind in ihren vereinfachten Inhalten und auch in ihrer sozialen Zuordnung genauso unzutreffend und korrekturbedürftig. Es entsteht insgesamt ein dichotomes Schema von oben und unten- wohl die älteste These der Gesellschaftsgliederung. Warum verfährt die Autorin auf diese Art und Weise? Die immer wieder wichtige Frage nach dem: Cui bono? muss nun beantwortet werden. Diese „armchair-Soziologie“ der Narrative dient der Einführung einer neuen Form der Gesundheitspolitik und einer neuen hegemonial ausgerichteten Gesundheitserzählung.

Man kann dies leicht erkennen, wenn man sich fragt, warum eigentlich das bestehende Dispositiv der Ottawa-orientierten Gesundheitsförderung verändert werden soll. Die Theorie der Gesundheitsförderung auf der Grundlage, wie ich sie eingangs skizziert habe, hat weder mit biomedizinischer Engführung und kollektiver gesundheitlicher Zwangsbeglückung zu tun noch mit einseitigem Lagerdenken und mit Unterdrückung der Individuen bezüglich ihrer individuellen Verschiedenheiten und auch sexuellen Vorlieben oder mit der Vereinheitlichung von Gesundheitsvorstellungen und Gesundheitsverhalten. Salutogenese und Empowerment als grundlegende Elemente dieser Gesundheitsförderung gewähren geradezu eine individuell abgestimmte Förderung unter Beachtung vieler gesundheitlicher und sozialer Determinanten. Die sogenannte Diversifizierung und Pluralisierung des Gesundheitsbegriffes und der Gesundheitsförderung ist unnötig und überflüssig, weil die Gesundheitsförderung immer auf der Basis von Verschiedenheit und Vielfalt gearbeitet hat und sich bis heute dieser Werte durchaus verpflichtet weiß. (Schon die werbewirksame und für Technik-Geräte gewählte Kennzeichnung ihrer Benutzerfreundlichkeit ließ für diese Art der Gesundheitsförderung nichts Gutes ahnen)

Das gesamte Projekt zielt darauf, die bestehende Hierarchie der Werte in neuer Weise zu ordnen und neue Werte zu etablieren. Das geltende Normgefüge der bestehenden Mehrheitsgesellschaft soll als veraltet und anti-individuell und inhuman diskreditiert und verdrängt werden, um eine neue Reihenfolge der Werte zu kreieren. Minderheiten, die doch jeder Normalbürger achtet und respektiert, sollen schleichend die Mitte der Gesellschaft bestimmen und verändern. Die Mitte der Gesellschaft soll die Dominanz verlieren – ein Rollen- und Machttausch?

Mit der Umwertung der Werte und der neuen Werteskala sollen die Tugenden der Minderheiten zu oberst rangieren. Offen gesagt: Der Gesundheitsbegriff wird entkernt und seiner lebensweltlichen und insbesondere medizinisch-naturwissenschaftlichen, psychologischen, soziologischen und sozialphilosophischen Anteile beraubt und bis hin zur Beliebigkeit und grenzenlosen Toleranz ausgedehnt. Darüber hinaus wird Gesundheit von jeder human-natürlichen Disposition des Menschseins und von allen natürlich verlaufenden Stufen des Lebens von Kindheit und Jugend über die mittlere Lebenszeit bis hin zum Alter und zum Tode abgelöst und fast zu einer „tabula rasa“ für alle möglichen Freiheitsvorstellungen. Erfindung von neuen Geschlechtern, Geringschätzung aller Formen der Familie und ihrer natürlich-sozialen Weitergabe des Lebens und Bevorzugung aller anti-generativen und genderbezogenen Formen des Zusammenlebens sind die Folgen dieser Freistellung der Gesundheit. Beliebigkeit, Freizügigkeit und Lustgewinn sind die Kriterien, nach denen gesundheitliches Denken und Handeln beurteilt wird. Alles in allem: Gesundheit wird zu einer Zone der individuellen und gesellschaftlichen Entproblematisierung, und jeder lebt dort seine Identität mit sich selbst aus. Das Gebiet der Gesundheit wird zum Garten der Lüste.

Die unteren Klassen, die natürlich keine Minderheit sind und zur Mehrheitsgesellschaft zählen sollten, dienen in diesem Projekt als Vehikel der beabsichtigten bunten Transformation. Sie können auch ohne diese Umwertung, ja besser noch ohne Umwertung ihren Bedürfnissen und Interessen nachgehen. So auch die zahlreichen Minderheiten, die bei den Gesundheitsförderern immer gut aufgehoben waren und wohl noch sind; mit Sucht-und Drogenarbeit, mit AIDS-Hilfe und Substitution habe ich mich in der Gesundheitsförderung und Selbsthilfe über Jahre beschäftigt.

Der Kampf um die Wörter und die leitenden Begriffe ist grundsätzlich kein Selbstzweck. Auch wer in der Gesundheitspolitik die Begrifflichkeit bestimmt, hat die Deutungshoheit und gewinnt an Ansehen, Geltung und Gewicht im Diskurs. Diversifizierung, Inklusion, Exklusion und Pluralisierung sind Beispiele für diese Signalwörter, die die Gesundheitslandschaft zu einer „Blumenwiese“ machen sollen und von denen viele im Text gefunden werden können. Diese und andere Wörter sollen u.a. zu neuen Leitbegriffen werden, die unsere Gesundheitsdiskussionen führen sollen.

Was mich aber als Gesundheitssoziologe am meisten in der Darlegung gestört und geärgert hat, ist eine gesundheitliche Theoriebildung, die ohne jeden Bezug zu den empirisch gesicherten Angaben über die tatsächlichen Gesundheitslagen in den verschiedenen Gruppen, Schichten und Klassen erfolgt. Nur auf einer solchen Grundlage können überhaupt belastbare Aussagen für eine Gesundheitsförderung und deren prioritäre Handlungsfelder erarbeitet und dort demokratisch diskutiert werden, wo sie letztendlich umgesetzt werden müssen: nämlich in den Kommunen(Städte und Kreise). Auch die fehlende Erörterung der volkswirtschaftlichen Zusammenhänge und Folgen der neuen nutzerfreundlichen Gesundheitsförderung bleibt aus. Es ist schwer vorstellbar, dass diese Form einer relativ beliebigen Gesundheitsförderung eine breit angelegte demokratische Diskussion überlebt und eine demokratische Legitimation findet, die Voraussetzung jeder Finanzierung durch Bund, Land, Kommunen und Sozialversicherung ist.

Neuerdings – vielleicht war das schon immer so, nur ein wenig diskreter – gibt es in einigen Veröffentlichungen immer stärkere Hinweise der Autoren sowohl auf die Zugehörigkeit zum bunten Mainstream, als auch besonders ein offenes Glaubensbekenntnis zu ihm. Da wird die AfD als demokratische Partei getadelt, weil sie ihrer Pflicht nachkommt und die wegen der Migration ansteigenden Gesundheitskosten öffentlich thematisiert. Da wird der als intellektuelle Größe nicht gerade bekannte, aber migrationsfreundliche Papst zitierfähig. Da wird von „scheinbarer“ Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch Migranten gesprochen. Da wird die Bürgerversicherung ohne jede Diskussion propagiert, insofern alle Experten zugestimmt hätten. Da werden die westdeutschen Männer höherer Altersgruppen schlichtweg diskriminiert, weil sie sich nicht für die Pflege einsetzen würden (Warum wohl wirklich?). Da wird die Wirtschaftslobby wegen mangelnder Demokratie gerügt, und den Wohlfahrtsverbänden und den NGOs werden demokratische Persilscheine ausgestellt. Noch nie von der Republik als Verbändestaat gehört? Aber diese Organisationen schwimmen ja auch im bunten Finanz- und Mainstream. Oder irre ich mich?

Fazit

Ich empfehle dieses Buch zur Lektüre. Es enthält zahlreiche Einsichten und beschreibt viele Mängel der praktizierten Gesundheitsförderung. Auch gibt es bedenkenswerte Überlegungen, die für viele Arbeitsbereiche im Gesundheitswesen ausgewertet und genutzt werden können. Beim Lesen lässt sich durchaus Honig saugen, und die Autorin kann durchaus flott und gut formuliert schreiben.

Wer aber an bunter gesundheitlicher Theoriebildung und an den Grundlagen eines global-bunten Weltbildes interessiert ist, für den erkläre ich das Buch zur Pflichtlektüre mit dem Ziel, diesen grün-bunt-globalen Gesundheitsförderern nicht auf den Leim zu gehen. Nur wer den Kontrahenten besser kennt, als er sich selbst, kann der Erfolgreichere sein. Auf zur kritischen Lektüre!

Natürlich habe ich absolut nichts dagegen, wenn auch die bunten Freunde zu dieser Lektüre greifen, um ihre Position ein wenig zu grundieren. Auch gesundheitlich bunt zu sein, bedarf sicherlich der argumentativen Hilfen.

Doch bei aller Wertschätzung für das Buch: Für den normalen Mitteleuropäer dürfte die Lektüre fortschreitend kontraproduktiv werden.


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 30.01.2018 zu: Bettina Schmidt: Exklusive Gesundheit. Gesundheit als Instrument zur Sicherstellung sozialer Ordnung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-17929-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22937.php, Datum des Zugriffs 21.10.2018.


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