socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Heinz Ulrich Brinkmann, Martina Sauer (Hrsg.): Einwanderungs­gesellschaft Deutschland

Cover Heinz Ulrich Brinkmann, Martina Sauer (Hrsg.): Einwanderungsgesellschaft Deutschland. Entwicklung und Stand der Integration. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 371 Seiten. ISBN 978-3-658-05745-9. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 37,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der vorliegende Sammelband, der sich als Lehrbuch für Universitäten und Fachhochschulen, die gymnasiale Oberstufe und berufliche Fachschulen versteht, handelt laut Aussage der Herausgeber von den „Themenbereichen Integration und Migration“ (2). Der Titel „Einwanderungsgesellschaft Deutschland“ signalisiert aber schon, dass erstens der Themenbereich Integration im Zentrum steht und zweitens auf ein bestimmtes Land, nämlich Deutschland, fokussiert wird. Damit steht der Sammelband in einer Reihe mit vergleichbaren Büchern, die ebenfalls diese zweifache Eingrenzung zum „Bereich Integration/Migration“ gewählt haben:

  • „Deutschland – ein Einwanderungsland?“ (Edda Currle/Tanja Wunderlich 2001),
  • „Deutschland, Einwanderungsland“ (Karl-Heinz Meier-Braun 2002),
  • „Einwanderungsland Deutschland“ (Thomas Sternberg/Frank Meier-Hamidi 2009) und
  • „Deutschland Einwanderungsland“ (Karl-Heinz Meier-Braun/Reinhold Weber 2013, 32017).

Ähnlich wie das zuletzt genannte Buch thematisiert der vorliegende Sammelband die Integration innerhalb Deutschlands aus einer mehr deskriptiv-wissenschaftlichen als normativ-politischen Perspektive. Das wird noch deutlicher durch die Wahl der Bezeichnung „Einwanderungsgesellschaft“ statt „Einwanderungsland“.

Herausgeber und Herausgeberin

Zu Dr. Heinz Ulrich Brinkmann als Person ist, außer dass er Politologe ist, nichts zu erfahren. Immerhin hat er schon, stets mit anderen Herausgebern, noch andere Sammelbände zu den Themenbereichen Integration und Migration herausgegeben: „Handbuch Migrationsarbeit“ (mit Britta Marschke, 2011, 22014), „Dabeisein und Dazugehören“ (mit Haci-Halil Uslucan, 2013) und „Methoden der Migrationsforschung“ (mit Débora B. Maehler, 2016).

Dr. Martina Sauer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des „Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung“ der Unversität Duisburg-Essen, zugleich eine Stiftung des Landes Nordrhein-Westfalen. Sie hat zusammen mit Dirk Halm, dem stellvertretenden Leiter des Instituts, mehrere Bücher zur Integration türkischer und muslimischer Einwanderer geschrieben: „Bürgerschaftliches Engagement von Türkinnen und Türken in Deutschland“ (2007), „Erfolge und Defizite der Integration türkischstämmiger Einwanderer“ (2009) und „Lebenswelten deutscher Muslime“ (2015).

Autorinnen und Autoren

Die Autoren, die die beiden Herausgeber gewinnen konnten, sind namhaft und repräsentieren teilweise auch für das Thema einschlägige Forschungsinstitute (Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück, Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung der Humboldt Universität Berlin, Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen) und Forschungsnetzwerke (Netzwerk Globale Migrationsstudien der Universität Göttingen).

Entstehungshintergrund

Die beiden Herausgeber stellen fest, dass inzwischen „zahlreiche Bücher und Artikel in Periodika zu den Themenbereichen Integration und Migration“ existieren. Gefehlt habe jedoch ein „Buch – bzw.: ein Lehrbuch – das die zentralen Aspekte bündelt, sie umfassend und didaktisch aufbereitet sowie in komprimierter Form für die akademische Lehre zur Verfügung stellt“ (3). Mehr ist zum Entstehungshintergrund des Buches nicht zu erfahren.

Aufbau

Von der Tatsache abgesehen, dass der Sammelband zusammen mit einer Einführung mit zwei Beiträgen zur Integration und Migration eröffnet, ist keine weitere Systematik des Bandes explizit ablesbar oder implizit erkennbar. Im Gegenteil wirkt die Reihenfolge der Beiträge nach der Eröffnung willkürlich.

Der Sammelband beinhaltet eine Einführung der beiden Herausgeber und zehn Beiträge zu verschiedenen Aspekten des Themas, wobei zwei, diesmal getrennt, von den Herausgebern verfasst worden sind. Jeder Beitrag enthält „einen kurzen Überblick über den Inhalt und das beabsichtigte Lernziel, sowie zum Schluss eine kurze Zusammenfassung“ (13) und „kurz kommentierte Literaturtipps“ (14). Das Buch wird sowohl mit einem Personen- als auch einem Sachregister abgeschlossen. Die der Einführung folgenden Beiträge referiere ich nicht in der gegebenen, wie gesagt willkürlich erscheinenden Reihenfolge, sondern nach inhaltlich sinnvollen Clustern.

Einführung: Integration in Deutschland

Die Einführung in den Sammelband von Martina Sauer/Heinz Ulrich Brinkmann unternimmt neben der Vorstellung des Buches Klärungen zu den zentralen Begriffen Migration und Integration und zu den Bezeichnungen für relevante statistische Gruppen im Zusammenhang von Migration und Integration.

Integration und Migration werden häufig als gemeinsamer Topos verwendet, befassen sich aber – wenngleich es vielfältige Überschneidungen gibt – mit unterschiedlichen Fragestellungen.“ So die Autoren. Migration gilt ihnen als „längerfristige oder dauerhafte Zu- und Abwanderung von Menschen über Ländergrenzen hinweg“ (3). Integration verstehen sie schlicht als, dann wohl mögliche, „Entwicklung nach der Migration“. Auch wenn Integration und Assimilation „im öffentlichen Diskurs häufig synonym und als normatives Konzept verwendet“ (4) werden, so plädieren Sauer und Brinkmann aus wissenschaftlicher Perspektive dafür, Integration von Assimilation abzukoppeln, „die zwar als ein möglicher – jedoch nicht als einzig wünschenwerter, sinnvoller oder erfolgreicher – Ausgang des Integrationsprozesses“ (5) anzusehen ist.

Neben den Begriffen der Migration, Integration und Assimilation gilt die Einführung verschiedenen Bezeichnungen für relevante statistische Gruppen: auf der einen Seite den „Deutschen, Deutschen ohne Migrationshintergrund, einheimischen Deutschen, ethnischen Deutschen“, auf der anderen Seite den „Migranten (bzw. Personen mit Migrationshintergrund)“ – erster und zweiter Generation – im Allgemeinen, den „Spätaussiedlern, (Alt-)Aussiedlern, Türkischstämmigen, Eingebürgerten“ im Besonderen.

Beiträge zu Integration und Migration

Theorien der Integration von Migranten – Stand und Entwicklung (Silke Hans). Hans diskutiert die beiden „zentralen Konzepte“ der Integration und Assimilation vom Migranten, stellt klassische und neuere soziologische Theorien zu ihnen vor und bietet so einen guten Überblick zur theoretischen Basis entsprechender Forschungen.

Europäische und deutsche Migrationsverhältnisse im 19. und 20. Jahrhundert (Jochen Oltmer). Der Beitrag Oltmers ist dem zweiten Stichwort des geläufigen Wortpaares „Migration und Integration“ gewidmet. Zunächst klärt er in kompakter und nachvollziehbarer Weise Begriff und Formen der Migration, um dann tatsächliche Migrationen zu beschreiben, die sich im 19. und 20. Jahrhrundert in Deutschland und Europa abgespielt haben.

Postmigrantische Gesellschaften (Naika Foroutan). Forountan prüft im und mit dem Begriff der postmigrantischen Gesellschaft die Vermutung, dass die Kennzeichnung eines Staates als „Einwanderungsgesellschaft“ in dem Moment obsolet wird, in dem schon jede dritte Person dieses Staates direkt oder indirekt von Migration betroffen ist.

Beiträge zu Migranten (und Einheimische)

Integrationsmonitoring (Dieter Filsinger). Filsinger rekonstruiert Stand und Perspektiven der systematischen und kontinuierlichen Beobachtung von Integrationsprozessen in Deutschland und der entsprechender Integrationsberichtserstattung.

Soziodemografische Zusammensetzung der Migrationsbevölkerung (Heinz Ulrich Brinkmann). Während Filsinger die Beobachter in den Blick nimmt, widmet sich Brinkmann den Beobachteten und der Frage, wer genau, soziodemografisch, die Migranten sind.

Jürgen Leibold und Steffen Kühne: Migranten und EinheimischeWelche wechselseitigen Wahrnehmungen haben sich im Verlauf der Zeit durchgesetzt? (Jürgen Leibold und Steffen Kühne). Leibold und Kühne beziehen mit den Einheimischen die Mitglieder von Gesellschaften ein, die sich in gewisser Weise als Nicht-Migranten definieren lassen. Sie frage sich, wie sich beide Gruppen, die zusammen qua definitonem die ganze Gesellschaft umfassen, gegenseitig sehen und beurteilen.

Beiträge zu Politik

Entwicklung der Integrationspolitik (Petra Bendel und Andrea Borkowski). Im Hinblick auf die Politik wechselt die Perspektive nun ganz zu den Einheimischen, solange hauptsächlich sie die politischen Akteure sind. Die beiden Autorinnen skizzieren die Geschichte der Integrationpolitik seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und machen insbesondere auf den politischen Paradigmenwechsel ab ungefähr 2005 hin zu einer Anerkennung der BRD als Einwanderungsland aufmerksam.

Kommunale Integrationspolitik (Frank Gesemann). Gesemann streicht die praktische Bedeutung der lokalen politischen Ebene heraus und verweist auf die Rolle der bundes- und landespolitischen Rahmenbedingungen für die Gestaltung vor Ort. Er diskutiert die zentralen kommunalpolitischen Handlungsfelder und deren Möglichkeiten und Grenzen.

Beiträge zu Integrationsfelder

Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern (Irena Kogan). Politische und zivilgesellschaftliche Partizipation von Migranten (Martina Sauer). Die beiden Autorinnen widmen sich in ihren Beiträgen zwei Feldern des gesellschaftlichen Lebens, für die Integration beiderseits, d.h. seitens der Migranten wie der Einheimischen, eine maßgebliche Rolle spielt: das Beschäftigungssystem und das politische System. Von vergleichbarer Bedeutung wäre wohl nur noch das Bildungssystem.

Religion und Migration: Vom Nutzen und Nachteil religiöser Lebensführung (Haci-Halil Uslucan). Uslucan kehrt die Perspektive der Beiträge von Kogan und Sauer insofern um, als er weniger die Integration von Migranten in die Gesellschaft der Einheimischen als, am Besipiel des Islam, die Integration der Einheimischen in eine (religiöse) Kultur von Migranten thematisiert. Er führt an, dass die prägende Kraft der Religion im Falle des Islam sehr viel weniger ungebrochen ist als die des Christentums.

Diskussion

Wie bei Sammelbänden üblich kann man auch im vorliegenden Band keinen Grundgedankengang identifizieren und dazu entsprechend Stellung nehmen. Es bleibt die Frage der Wahl der Themen und ihrer Zusammenstellung. Bei den Themen vermisse ich nur das Integrationsfeld der Bildung. Ein Beitrag zu Migrations- und Integrationsforschung wäre hilfreich gewesen, ist für die Objektebene aber nicht erforderlich. Die Beiträge und damit die Themen werden in eine beliebig erscheinende Reihenfolge gebracht, obwohl sich inhaltliche Cluster, wie in der Rezension vorgeschlagen, hätten identifizieren lassen.

Fazit

Mit den beiden Herausgebern von einem „Lehrbuch“ zu sprechen, halte ich für irreführend. Wer aber ein Handbuch zum Thema Integration in einer Einwanderungsgesellschaft wie Deutschland sucht, kommt mit dem vorliegende Band auf seine Kosten. Die Lektüre wird mit vielen Kenntnissen und Einsichten belohnt.


Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
E-Mail Mailformular


Alle 41 Rezensionen von Ulrich Papenkort anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 09.03.2018 zu: Heinz Ulrich Brinkmann, Martina Sauer (Hrsg.): Einwanderungsgesellschaft Deutschland. Entwicklung und Stand der Integration. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-05745-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22938.php, Datum des Zugriffs 21.09.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Pädagogischer Vorstand (m/w), Schelklingen

Stellvertretende/r Geschäftsführer/in, Siegen

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!