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Björn Milbradt, Floris Biskamp u.a. (Hrsg.): Ruck nach Rechts?

Cover Björn Milbradt, Floris Biskamp, Yvonne Albrecht, Lukas Kiepe (Hrsg.): Ruck nach Rechts? Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und die Frage nach Gegenstrategien. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 220 Seiten. ISBN 978-3-8474-2069-9. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Das Buch „Ruck nach rechts? Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und die Frage nach Gegenstrategien“ beschäftigt sich – wie der Titel bereits andeutet – mit dem Erstarken von rechtsgerichteten Bewegungen sowie der Ausbreitung von rechtem Gedankengengut in Deutschland. Dabei werden als elementare gesellschaftliche Entwicklungen beispielsweise zunächst die NSU-Mordserie, das Erstarken der AfD sowie die Verbreitung von Elementen rechtsradikaler Ideologie in der „Mitte der Gesellschaft“ genannt.

Entstehungshintergrund

Das Buch geht auf die – seit dem Wintersemester 2012/13 jährlich stattfindende – „Kasseler Ringvorlesung gegen Rechtsextremismus“ zurück, welche im Wintersemester 2015/16 unter dem Titel „Lügner, Fremde, Konspirateure – Feindbilder der Rechten, Feindbilder der Mitte“ an der Universität Kassel abgehalten wurde. Anlehnend an das Vorlesungsprogramm der Veranstaltung, sollen im Buch nun in verschiedenen Beiträgen theoretische Perspektiven, gesellschaftliche Diskurse sowie Gegenstrategien in Bildungsarbeit und Alltag betrachtet werden.

AutorInnen

  • Dr. Björn Milbradt ist Leiter der Fachgruppe Politische Sozialisation und Demokratieförderung am Deutschen Jugendinstitut in Halle.
  • Dr. Floris Biskamp ist Lehrkraft für besondere Aufgaben im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften sowie Koordinator des Promotionskollegs Soziale Menschenrechte an der Universität Kassel.
  • Dr. Yvonne Albrecht ist Soziologin am Lehrstuhl für Makrosoziologie an der Universität Kassel.
  • Lukas Kiepe ist studentische Hilfskraft für die Kasseler Ringvorlesung Rechtsextremismus.

Aufbau

Die Beiträge im Band sind in drei inhaltliche Abschnitte unterteilt.

  1. Nach einer kurzen Einleitung folgt „Teil 1: Theoretische Perspektiven“ mit Beiträgen von Björn Milbradt, Rolf Pohl und Felix Knappertsbutsch. Während ersterer sich auf eine Ideologiekritik am Beispiel Pegida konzentriert, wird von Pohl eine sozialpsychologische Perspektive eingebracht und von Knappertsbutsch eine sprachpragmatische Perspektive eingenommen.
  2. Im zweiten Teil liegt der Schwerpunkt auf der Ebene gesellschaftlicher Diskurse und medialer Bilder. Die Beiträge stammen von Margarete Jäger, Paul Mecheril, Juliane Lang, Volker Weiß sowie Rolf van Raden. In der soeben genannten Reihenfolge liegt der Fokus zunächst auf dem deutschen Einwanderungsdiskurs seit dem Zweiten Weltkrieg, gefolgt von einer Analyse der „Silvester-Ereignisse“ in Köln, der Rolle von Geschlechterfragen innerhalb rechtspopulistischer Mobilisierung sowie einer Betrachtung der Begriffe „Gutmenschen“ und „Lügenpresse“.
  3. Der dritte Teil „Gegenstrategien in Bildungsarbeit und Alltag“ beschäftigt sich mit den Möglichkeiten der Intervention, vor allem im Bereich der politischen Bildungsarbeit. Die Beiträge hier stammen von Floris Biskamp, Eva Georg und Christopher Vogel. Ersterer beschäftigt sich zunächst mit den potenziellen Zielgruppen einer Bildungsarbeit gegen Rechtsextremismus. Georg konzentriert sich auf eine Kritik einer Bildungsarbeit, welche lediglich auf den rechtsextremen Rand reduziert wird und Vogel betrachtet die Situationen und öffentlichen Räume, in denen Argumente wirkungsvoll sein können und wann sie ihre Wirkung nicht entfalten können.

Es folgt eine abschließende Betrachtung der Herausgeber, welche die genannten Perspektiven um die Frage nach politischen Gegenstrategien zu erweitern versucht.

Zu Teil 1

In seinem Beitrag „Was ist Gegenaufklärung? Eine Ideologiekritik am Beispiel Pegida“ beschreibt Björn Milbradt zunächst idealtypisch einen Anhänger der „Pegida-Bewegung“, um im Folgenden das Gemeinsame von verschiedenen Einzelphänomenen der Bewegung darzustellen. Dabei wird argumentiert, dass zentrale Begriffe wie „Aufklärung“ und „Wahrheit“ in der Gefahr stehen von rechter Seite gekapert zu werden (beispielsweise, wenn ein Wahrheitsanspruch gegenüber der „Lügenpresse“ reklamiert wird). Im Laufe des Beitrags wird dabei auch eine Kritik an postmodernen Ansätzen geübt (da diese die Möglichkeit der Wahrheit eher verneinen) und stattdessen der Möglichkeit einer „gelingenden Aufklärung“ nachgegangen.

Rolf Pohl beschreibt in seinem Beitrag „Das ‚Eigene‘ und das ‚Andere‘. Zur Sozialpsychologie von Fremdenfeindlichkeit“ das Phänomen sowie die Logik von Fremdenfeindlichkeit. Dabei wird als Zentrum einer sozialpsychologischen Analyse der „gruppenstabilisierende Mechanismus von Inklusion und Exklusion“ ausgemacht (S. 37). Es geht hier somit vor allem um identitätsstiftende Mechanismen und der Darlegung ihrer Funktionen in rechten Diskursen. Die Herstellung von Homogenität oder Reinheit steht dann im Zusammenhang mit dem vorgegebenen Ziel eine „reine Identität“ vor „Unreinheit“ zu bewahren und abzugrenzen. Ähnlich wie Milbradt bescheinigt Pohl dem Hass auf Fremde mitunter einen „wahnhaften Charakter“ (S. 40). In Bezug auf die Psychoanalytiker Freud und Kristeva wird im Folgenden zudem das Fremde als „projektiv konstruierten Fremden“ betrachtet (S. 46).

Felix Knappertsbusch wendet sich in „Funktionen von Feind- und Fremdbildkonstruktionen aus der Perspektive einer sprachpragmatischen Vorurteilskritik“ gegen sozialpsychologische Ansätze und stellt stattdessen sprachliche Praxis ins Zentrum seiner Betrachtungen: „Vorurteile sind nicht etwas, das Akteu_innen haben, sondern etwas, das sie tun“ (S. 51). Vorurteile werden hier als Sprechakte aufgefasst, wobei eine soziale Kategorisierungen nicht „an sich“ als pathologisch zu beschreiben ist. Es stellt sich somit die Frage, ab wann soziale Kategorisierungen eigentlich problematisch werden. Hierfür wird sich für eine stärkere Betrachtung der „kontextspezifische Funktionsweise“ eingesetzt (S. 56). Im Folgenden wird der Auftritt von Björn Höcke (AfD) in der ARD-Talkshow Günther Jauch exemplarisch analysiert, wobei der Fokus auf Höckes ethnozentrischer Rhetorik liegt, welche sich als mit demokratischen Grundsätzen vereinbar zu geben vorgibt (vgl. S. 64).

ZuTeil 2

Der erste Beitrag zum zweiten Teil des Buchs ist von Margarete Jäger verfasst und trägt den Titel: „Skandal und doch normal. Verschiebungen und Kontinuitäten rassistischer Deutungsmuster im deutschen Einwanderungsdiskurs“. Jäger geht der Frage nach, wie sich das Sagbarkeitsfeld des Diskurses um die Einwanderung seit dem Zweiten Weltkrieg verändert hat. Dafür teilt Sie die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in neun Phasen ein und zeigt auf, dass „die Entwicklung und Etablierung von Rassismus“ schon immer „in einem engen Zusammenhang mit Migrationsprozessen“ steht (S. 76). So werden beispielsweise die Anwerbung von Gastarbeitern ab 1955, Die Debatte um das Asylrecht Anfang der 1990er oder der Beginn der Betrachtung von Deutschland als Zuwanderungsland Anfang 2000 beschrieben und anhand von Beispielen illustriert. Während einerseits gezeigt wird, dass Rassismus als Konstantes (jedoch veränderliches) im Einwanderungsdiskurs erhalten bleibt, wird andererseits auf die stärker werdenden rassismuskritischen Stimmen hingewiesen.

Der Beitrag „Flucht, Sex, Diskurs“ von Paul Mecheril (welcher eine abgedruckte Gastrede im Rahmen des Neujahrempfangs der Stadt Bremen 2016 darstellt) beschäftigt sich u. A. mit den Ereignissen der Silvesternacht 2015/2016 in Köln. Dabei wird beispielsweise der fundamentale Widerspruch dargestellt, dass sich heute „ältere, weiße und politisch konservativen Männer“ als Beschützer der Frau (vor Flüchtlingen) inszenieren, wobei sie bis 1997 noch versucht hätten, die Vergewaltigung in der Ehe nicht als Strafbestand anerkennen zu lassen (S. 103). Abschließend wird an eine Solidarität in der Weltgemeinschaft appelliert, welche die Solidarität der Nation zu überschreiten vermag.

Der dritte Beitrag im zweiten Teil – „‚Wider den Genderismus!‘ Extrem rechte Geschlechterpolitiken“ – ist von Juliane Lang geschrieben und behandelt die Debatten um „Gender“ in der extremen Rechten. Dabei wird der Ablehnung von „Gender“ eine stabilisierende Rolle für eine rigide Geschlechtervorstellung innerhalb der Rechten zugeschrieben. „Gender“ wird bekämpft, da es deren essentialistische Geschlechterordnung bedroht. Zunächst beschreibt Lang zwei Wellen von Angriffen der extremen Rechten gegen das dort als Ideologie betrachtete und als „Gender-Mainstreaming“ beschriebene. In einem zweiten Schritt erfolgt eine Analyse, welche dem Neologismus „Genderismus“ u.a. eine wichtige Scharnierfunktion zwischen extremer, konservativer und religiöser Rechter sowie dem bürgerlichen Mainstream zuschreibt. Des Weiteren wird die Strategie der Rechten beschrieben, durch „Gender“ ein Feindbild im öffentlichen Diskurs zu verankern.

Der Beitrag von Volker Weiß („Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! Von Carl Schmitt zu Thilo Sarrazin. Über den publizistischen Kampf gegen sogenannte Gutmenschen und die Achtundsechziger“) ist seinem Buch „Deutschlands Neue Rechte“ (2011) entnommen und beschäftigt sich u. a. mit der „Inszenierung des Sprechers als Opfer und Märtyrer“ in (neu)rechten Diskursen (S. 119). Mithilfe der Figur des „Partisanen“ von Carl Schmitt beschreibt Weiß diesen Vorgang. Beispielhaft wird das am Fall Sarrazin skizziert, welcher als angeblicher Märtyrer gegen ein vorgebliches Diskursverbot inszeniert wird. Im zweiten Teil des Beitrags geht Weiß auf das Feindbild des „Gutmenschen“ der Rechten ein.

ZU 3.

Der dritte Teil des Buchs beginnt mit dem Beitrag „Im Zwischenraum von Repression und Anerkennung. Über Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen politischer Bildungsarbeit gegen Rechtsextremismus“ und stammt von Floris Biskamp. Hier wird nun erstmals nach Gegenstrategien gefragt, vor allem in der schulischen sowie freien Bildungsarbeit. Dabei wird schon zu Beginn deutlich gemacht, dass in der Bildungsarbeit „Rechtsextremismus als Problem und ‚Gegner‘“ wahrgenommen werden sollte (S. 153). Dabei wird jedoch betont, dass sich politische Bildungsarbeit nicht auf die extremsten Ausprägungen konzentrieren sollte (bzw. kann), sondern vielmehr die Allgegenwärtigkeit des Phänomens in den Blick nehmen sollte. Nach einer Definition von „politischer Bildung“ sowie von „Rechtsextremismus“ folgt eine Betrachtung der Zielgruppen und der Ziele politischer Bildungsarbeit gegen Rechtsextremismus (S. 159). Dabei werden verschiedene Gruppen (bspw. potenzielle und reale Opfer, Politische Bildnerinnen oder Rechtsaffine) beschrieben und abschließend Mittel der politischen Bildung gegen Rechtsextremismus vorgestellt (bspw. Empowerment, Anerkennung oder Verunsicherung).

Der Beitrag „Grundlagen und Herausforderungen rassismuskritischer Bildungsarbeit“ von Eva Georg kritisiert eine Sichtweise, welche Rassismus lediglich am rechtsextremen Rand identifiziert. Vielmehr müsse die Bildungsarbeit alltagsrassistische Praktiken in den Blick nehmen und Sensibilität für ein Erkennen und Bekämpfen solcher Praktiken schaffen. Anschließend werden Ansätze einer solchen Bildungsarbeit vorgestellt und ein Blick auf zukünftige Herausforderung geworfen.

Der abschließende Beitrag „Argumentieren gegen Rechtsextremismus?!“ von Christopher Vogel stellt die Frage, ob und wie gegen Rechtsextremismus argumentiert werden kann. Während die Diskussion mit „ideologisch geschulten und neonazistischen Mitgliedern rechtsextremer Gruppen“ sowie wenn es um „strafrechtlich relevante Inhalte geht“ abgelehnt wird (S. 192), wird im Weiteren auf verschiedene Diskursstrategien hingewiesen (unterteilt in „Diskursstrategien allgemein“ und „Strategien im professionellen Kontext“). Die vorgestellten Strategien sollen dabei ein Handwerkszeug für Diskussionssituationen darstellen.

Diskussion und Fazit

Durch die Darstellung von verschiedenen Ansätzen aus der Forschung und aus der bildungspolitischen Praxis bietet der Sammelband „Ruck nach rechts?“ einen guten Einstieg in die Themenfelder Rechtsextremismus und Rassismus. Durch die relative Kürze der Beiträge sowie die thematische Vielfalt können diese jedoch jeweils nur als ein erster Ausgangspunkt in die Thematik angesehen werden. Für eine tiefergehende Beschäftigung mit den einzelnen Aspekten sollte daher weitere Literatur herangezogen werden. Zudem ist auffallend, dass das Buch verschiedenste Disziplinen zu vereinen versucht (Soziologie, Geschichtswissenschaft, soziale Arbeit, Psychologie, Medienwissenschaften). Während dadurch einerseits eine große Vielfalt an Betrachtungsansätzen gegeben ist, ist andererseits der Zusammenhang der Beiträge nicht immer einleuchtend. Auffallend ist außerdem die starke Konzentration auf Deutschland und Betrachtungen welche den allgemeinen rechtspopulistischen Trend in Europa aufnehmen fehlen.

Nichtsdestotrotz bietet das Buch eine hochaktuelle Orientierungshilfe bzgl. Rechtsextremismus in Deutschland und bietet durch den dritten Teil auch einen sehr praxisbezogenen Ansatz (für die politische Bildung).


Rezensent
Marian Pradella
Wissenschaftlicher Mitarbeiter/Doktorand, DFG-Kolleg “Deutungsmacht”, Universität Rostock
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Zitiervorschlag
Marian Pradella. Rezension vom 06.10.2017 zu: Björn Milbradt, Floris Biskamp, Yvonne Albrecht, Lukas Kiepe (Hrsg.): Ruck nach Rechts? Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und die Frage nach Gegenstrategien. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-2069-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22939.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


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