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Wolfgang Seibel: Verwaltung verstehen

Cover Wolfgang Seibel: Verwaltung verstehen. Eine theoriegeschichtliche Einführung. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2016. 213 Seiten. ISBN 978-3-518-29800-8. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 23,50 sFr.
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Thema

Jugendämter, Sozialämter, Wohlfahrtsverbände – ein großer Teil der Sozialen Arbeit findet in und um Verwaltungsorganisationen statt. Nicht umsonst hat Verwaltung eine recht prominente Position im Studium der Sozialen Arbeit. Wenn ein Buch auf dem Markt ist, das den verlockenden Titel „Verwaltung verstehen“ trägt, ist das schon ein Grund hin zu sehen, zumal wenn der Verfasser ein angesehener Vertreter seines Faches ist. Möglicherweise eignet es sich, bei Studierenden ein Verständnis für Verwaltung zu gewinnen, was über die gewöhnlichen Stereotypen zum Thema hinausgeht.

Autor

Wolfgang Seibel lehrt Politik- und Verwaltungswissenschaft an der Universität Konstanz sowie Public Administration an der Hertie School of Governance in Berlin. Seine theoriegeschichtliche Einführung in die Verwaltungswissenschaft entstand aus einer Einführungsvorlesung und wendet sich explizit auch an Nicht-Verwaltungswissenschaftler.

Aufbau

Die Gliederung des Buches in eine Einleitung und 13 inhaltliche Kapitel (Semesterwochen) ist wohl dem Entstehungskontext geschuldet. Neben dem Literaturverzeichnis verfügt das Buch auch über ein Namensregister. Das ausführliche Inhaltsverzeichnis ist bei der Deutschen Nationalbibliothek einzusehen.

Inhalt

Seibel erläutert das Ziel des Buches folgendermaßen: „Verwaltung verstehen, bedeutet nicht nur zu wissen, wie sie funktioniert, sondern auch beurteilen zu können, ob sie gut und angemessen funktioniert.“ (S. 16) Seibel ordnet sich damit einem normativ geprägten Verständnis von Verwaltungswissenschaft zu und grenzt sich von Niklas Luhmann ab, der Verwaltung als Großsystem zur Herstellung von Entscheidungen im Staat konzipiere (vgl. S. 17).

Ausgehend von der einleitenden Darstellung von Grundfunktionen (Effektivität und Verantwortung) und Begrenzungen (Institutionalisierung und Partizipation) der Verwaltung führt Seibel in jedem Kapitel anhand eines spezifischen Blickwinkels (z.B. Verwaltung als Institution oder Verwaltung als Arena) in die jeweilige Theoriegeschichte und die Klassiker dieser Perspektive ein.

In den ersten zwölf Kapiteln orientiert sich die meist 10-15 Seiten knappe Darstellung der Theoriegeschichte und die Auswahl der Klassiker an der Zielsetzung des Vorhabens (verstehen) und der faktischen Rezeption von soziologischen, politik- und organisationswissenschaftlichen Theorien und Theoretikern durch die Verwaltungswissenschaft und weniger an einer Theoriegeschichte dessen, was die Verwaltungswissenschaft selbst an Theorien produziert hat. Daraus entsteht ein Panorama unterschiedlichster theoretischer Bezüge, die für das Verständnis von Verwaltung fruchtbar gemacht wurden. Angefangen bei der Institutionentheorie Arnold Gehlens, über Max Weber und Robert K. Merton bis zu Michel Crozier u.v.a.m. Dabei umfasst Seibels Darstellung nicht nur die klassische Staatsverwaltung sondern bezieht auch stets Verwaltung als Funktion in Organisationen mit ein.

Als besonderes Highlight kann das 13. Kapitel empfohlen werden. Hier stellt Seibel in kurzer und schlüssiger Form die wesentlichen Strukturmerkmale der spezifisch deutschen Verwaltungsorganisation dar. Die Herkunft und Funktion des besonderen Zusammenspiels von Staatsverwaltung und Selbstverwaltung, dass in der Praxis gerade auf der Ebene der Kommunen und der selbstverwalteten Sozialversicherungsträger anzutreffen ist. Die historisch gewachsene Zuständigkeit für die Erstellung von Verordnungen und Gesetzentwürfen in der Exekutive und die daraus quasi resultierenden Probleme einer Exekutive, die es mit ihrer Kontrolle und der Bürgerbeteiligung nicht so wirklich ernst nimmt. Dieser Abschnitt wäre für sich genommen publikationswürdig und wird durch die vorhergehenden Abschnitte natürlich erst wirklich deutlich, wo überall im deutschen Verwaltungsmodell Probleme liegen.

Diskussion

Etwas kritischer hätte Seibels Umgang mit neo-liberalen Vordenkern ausfallen können, denn gerade Wiliam Niskanens Studie zur Budgetmaximierung in Bürokratien von 1971 (S. 92ff), bereitete u.a. den ideologischen Boden für die Deregulierer und Staatsversagensprediger. Ebenso wäre ein kritischer Umgang mit pejorativen Begriffen wie: organizational slack (slack: Slangbegriff z.B. für Faulheit und Verschwendung) oder garbage can hilfreich.

Bei der „Responsivität von Verwaltung“ (S. 78ff, S. 116ff) handelt es sich um eine normative Vorgabe, die davon ausgeht, dass im kommunikativen Dreieck von Politik, Verwaltung und Bürger die Leitung zwischen Bürger und Politik irgendwie gestört sein muss. In Ermangelung einer direkten Leitung zur Politik muss der Bürger sich also an die Verwaltung wenden, um seinen politischen Willen zu äußern. Als Konsequenz aus diesem (strukturell unhinterfragten) Phänomen, wird die Verwaltung „politisiert“. Das dies in seiner Legitimation durchaus kritisch zu betrachten ist, wird nicht thematisiert.

In seinem Kapitel über Bürokratiekritik (S. 132) entsteht der Eindruck, Seibel mache sich die Rede von der „Bürokratie zu Lasten der Gesellschaft“ zu eigen, und verschweigt dabei, dass die Bürokratiekritik in der Regel aus „interessierten Kreisen“ kam und die gesellschaftlichen Auswirkungen des Neoliberalismus gezeigt haben, wohin „Entbürokratisierung“ und „Deregulierung“ in den letzten Jahrzehnten führten.

Fazit

Seibels Buch ermöglicht in verdichteter Weise ein Verständnis für Verwaltung und fachübergreifend die Entwicklung der theoretischen Auseinandersetzung damit zu erlangen. Er erfüllt den selbstgesetzten Anspruch und legt damit ein für Lehrende im Feld der Verwaltung Sozialer Arbeit ein höchst empfehlenswertes Buch voller interessanter Diskursverbindungen und Leseanregungen vor. Für Studierende mit Interesse an einer nicht-nur-fachwissenschaftlichen Perspektive auf Verwaltung sicher eine sehr empfehlenswerte Lektüre zum Einstieg in die Thematik.


Rezensent
Prof. Dr. Sascha Weber
Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Organisation und Verwaltung Hochschule Magdeburg-Stendal
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Zitiervorschlag
Sascha Weber. Rezension vom 20.10.2017 zu: Wolfgang Seibel: Verwaltung verstehen. Eine theoriegeschichtliche Einführung. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2016. ISBN 978-3-518-29800-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22941.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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