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Anne Allex (Hrsg.): Sozialrassistische Verfolgung im deutschen Faschismus

Cover Anne Allex (Hrsg.): Sozialrassistische Verfolgung im deutschen Faschismus. Kinder, Jugendliche, Frauen - Schwierigkeiten beim Gedenken. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2017. 434 Seiten. ISBN 978-3-945959-21-3. D: 28,00 EUR, A: 28,00 EUR, CH: 28,00 sFr.
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Thema

Die Geschichte der Asozialen und so genannten Kriminellen im deutschen Faschismus, die Auswirkungen der rassistischen NS-Sozialpolitik auf Kinder, Jugendliche und Frauen und die Deportation der „arisch Minderwertigen“ in Arbeitshäuser, Kinderheime, psychiatrische Anstalten und Konzentrationslager, ihre Zwangssterilisation und Vernichtung durch Arbeit.

Herausgeberin

Anne Allex (Hg.), geb. 1958, Mitbegründerin des Netzwerkes Grundeinkommen, Referentin zum Sozialrecht für Erwerbslose, Initiativen, Gewerkschaft, Publizistin u.a. „Asoziale im Faschismus“, Organisatorin „Musikalisch-literarischer Berliner Salonkunst“.

Autorinnen und Autoren

  • Ilona Bobulska, Psychologin und Sozialbetreuerin.
  • Bernhard Bremberger, geb. 1953, Kunsthistoriker und Forscher zu den Themen Zwangsarbeit, Strafvollzug und Medizin In der NS-Zeit.
  • Sylvia Degen Mitglied der Initiative für einen Gedenkort des KZ und Vernichtungslagers Uckermark. – Klaus-Peter Drechsel, geb. 1960, promovierter Sozialwissenschaftler.
  • Lothar Eberhardt, geb. 1954, basispolitischer Gedenkarbeiter, forscht in verschiedenen Berliner Archiven zur Geschichte der sozialen Ausgrenzung (Zwangsarbeiter, Kriegsdienstverweigerer, ‚Asoziale‘).
  • Vera Friedländer, geb. 1928, war mit 16 J. Zwangsarbeiterin bei Salamander, während der DDR Professorin für Deutsche Sprache an der Humboldt-Universität, als Autorin und als Zeitzeugin unterwegs.
  • Kathrin Framke bis 2011 Bürgermeisterin für Kultur für DIE LINKE in Lichtenberg, Projektmanagerin und Kuratorin.
  • Claudia v. Gélieu, geb. 1960, Diplom in Politikwissenschaft, freiberufliche Frauengeschichtsforscherin.
  • Matthis Graf, geb. 1979, nach dem Studium der Ethnologie, Soziologie und Religionswissenschaft Autor und Kurator mit dem Schwerpunkt soziokultureller Wandel und Modernisierungsprozesse.
  • Ilse Heinrich, geb. 1924, als ‚Asoziale‘ im Konzentrationslager Ravensbrück, als Zeitzeugin unterwegs.
  • Stefanie Hüttner studierte Geschichte, Germanistik und Erziehungswissenschaft und arbeitet seit 2010 mit schuldistanzierten Jugendlichen und unterstützt selbstorganisierte künstlerische, kulturelle und politische Projekte.
  • „Initiative für einen Gedenkort in der Uckermark/Netzwerk“ erforscht die Geschichte des Jugendkonzentrationslagers (später Vernichtungslager) Uckermark für Mädchen und junge Frauen, veranstaltet Informationsveranstaltungen und Begegnungscamps.
  • Thomas Irmer, Mitarbeiter bei CEDIS an der Freien Universität Berlin und der Stiftung Topografie des Terrors am Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit. – Ulla Jelpke, geb. 1951, Journalistin und Politikerin (DIE LINKE), Abgeordnete im Bundestag, Schwerpunkt Migrations- und Flüchtlingspolitik, Sicherheitsgesetze, Grundrechte.
  • Liane Lieske, geb. 1950, Verlagskauffrau, 1972-74 Entwicklungshelferin in Bolivien, Diplomsoziologin, ehrenamtliche Arbeit mit GastarbeiterInnen (Lateinamerika, Spanien, Türkei) in Hamburg.
  • Kamil Majchrzak, deutsch-polnischer Jurist und Publizist, tätig in der Erinnerungsarbeit, beim Kampf um Ghetto-Renten und Finanzierung der Gedenkstätte Sobibor.
  • Annemarie Müller, Tochter eines Gefangenen im KZ-Ravensbrück.
  • Susanne zur Nieden, geb. 1958, Historikerin und Germanistin, Forschungen zur Geschichte der Homosexualität in der NS-Zeit.
  • Markus Ohlhauser, geb. 1963, Historiker und Verwaltungsleiter der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten.
  • Harald Rein, geb. 1953, Erwerbslosenaktivist, Veröffentlichungen zu Grundeinkommen und Zwangsdienst.
  • Christa Schikorra studierte Erziehungswissenschaft, Soziologie und Politische Wissenschaften und promovierte am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin mit einer Arbeit über „asoziale“ Häftlinge des Frauen-KZ Ravensbrück; sie leitet die Bildungsabteilung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.
  • Robert Sommer, geb. 1974, promovierte 2003 mit dem Thema „Das KZ-Bordell. Die Rolle von Sex-Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern“. Er arbeitet als Guide für die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und als Übersetzer (Italienisch/Deutsch) für die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.
  • Urszula Sochacka, geb. 1967 in Polen, arbeitet nach dem Studium der Polnischen Literatur und Medien als Journalistin, Regisseurin und Produzentin und promovierte in Kulturwissenschaft mit dem Thema „Parallelwelten – Private und offizielle Erinnerung an das Polen-Jugendverwahrlager Litzmannstadt der Sicherheitspolizei in Litzmannstadt“, zahlreiche Reportagen und Dokumentarfilme.
  • Christa Sonnenfeld, (1945-2015), arbeitete beim Komitee für Grundrechte und Demokratie, im Sozialistischen Büro, in verschiedenen Redaktionen und dem FALZ e.V., den bundesdeutschen Vernetzungen von Erwerbslosen- und Sozialhilfeinitiativen.
  • Dirk Stegemann, geb. 1967, Mitorganisator des Zuges der Erinnerung, des Kindertransporte-Denkmals, Mitarbeiter im Arbeitskreis „Marginalisierte – gestern und heute“.
  • Heike Zbick, geb. 1963, arbeitet in einer NGO, Forschungen zur „Euthanasie“.
  • Die Schüler Emilia Beck, Kira Brodöhl, Nadja Brossmann, Judith Gailer, Linn Marie Kwass, Lukas-Maximilian Jaeger, Frederik Lettow, Alexei Muscat, Nele Neumann, Martha Olk, Anja Prüfert, Gustaf Rathfelder, Leon Reschke, Jan Rieser, Josefine Safira, Oona Schulz, Ennio Strohauer, Anja L. Thiel, Conquista Weineck, Roberta Wicke, Edwin Wiese, Haplo Zeiger des Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium.

Entstehungshintergrund

Anregung zur Auseinandersetzung mit Klischees und Vorurteilen gegenüber ‚Asozialen‘ und sozialrassistisch Verfolgten in der NS-Sozialpolitik.

Aufbau

Wissenschaftliche Untersuchungen, Zeitzeugenberichte und erinnerungspolitische- und Gedenkstätten-Initiativen.

Inhalt

Allex: Vorwort (7 Seiten). Zusammenfassung der sieben Unterkapitel.

1 „Asozialenverfolgung“ – politische und juristische Basis

  • Graf: „Erziehung zur Arbeit“ im kolonialen Deutschen Kaiserreich. „Zivilisierungsmission“ als bürgerliches und transnationales Unterfangen (15 Seiten). Im 18. Jhdt setzte ein Bevölkerungswachstum ein, gleichzeitig mit einer Veränderung der Arbeitsbedingungen (Privatisierung des Landbesitzes und Vergrößerung des Produktionsapparates) und der Folge von Bevölkerungswanderung und Massenarmut. Das Bürgertum wurde zur dominierenden Klasse und bestimmte auch die Mission der „Zivilisierung“ als transnationales Projekt: Arbeit als „Hebung“ der Gesellschaft in Metropolen und Kolonien.
  • Stegemann: „Arbeitsscheu“ und „asozial“ (7 Seiten). Stigmatisierung, Verfolgung und Vernichtung begann bereits 1933 auf gesetzlicher Grundlage. An der Aufarbeitung bestand auch nach der NS-Zeit kein Interesse, da das Arbeitsethos auch in der Bundesrepublik galt.
  • Zbick: Die Rolle der Fürsorge im Nationalsozialismus am Beispiel der „Asozialenpolitik“ (58 Seiten). Der Literatur- und Forschungsstand wird referiert und die nationalsozialistische Bevölkerungspolitik („Gemeinnutz geht vor Eigennutz“) analysiert unter den Aspekten von Ehestandsdarlehen, „Ehetauglichkeitszeugnissen“, Zwangssterilisation, „Asozialenpolitik“ (diese vor und nach 1933), entsprechende Gesetze, Erlasse und Massnahmen (Bettlerrazzia 1933, „Arbeitsscheu Reich“ 1938, Einrichtung von Konzentrationslagern) unter dem Gesichtspunkt von „Volksgesundheit“ und Gesundheitsfürsorge mit Beteiligung der Gesundheitsämter (Prostitution, Internierung und Entmündigung der Frauen; Fürsorgeerziehung und Selektion unter rassischen Gesichtspunkten und der Übergang zum KZ für Jungen und Mädchen). Die Situation der Opfer nach 1945: Nichterinnern einer Profession, Verdrängungs- und Rechtfertigungsstrategien und der Umgang mit dem Widerstand, die Auswirkungen der NS-Doktrin auf das Selbstverständnis eines Berufes.

2 Zwiespältige Fürsorge für Kinder und Jugendliche

  • Hüttner: Arbeitsscheu, unsittlich, verwahrlost. Zuschreibungen devianten Verhaltens in der Weimarer Republik (24 Seiten). Die Professionalisierung der Jugendfürsorge in den 20er Jahren beschäftigte Pädagog_Innen, Jurist_innen und Mediziner_innen und hatte Klassifizierungen, Stigmatisierungen bei unangepasstem Verhalten, neben Unterstützung und Förderung zur Folge.
  • Rein: „Abweichendes Verhalten“ von erwerbslosen Jugendlichen in der Weimarer Republik und den Anfängen des Nationalsozialismus (11 Seiten). Kritik an psychiatrischen Diagnosen, an Definitionen von normalem und abweichendem Verhalten im Hinblick auf Gesetze und Normen. Die betroffenen Jugendlichen wurden teils politisiert, teils schafften sie eine kreative und produktive Verarbeitung ihrer Erfahrungen nicht.
  • Ausstellung der Schüler des Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium in Berlin: „Unrecht an Kindern und Jugendlichen im deutschen Faschismus“ (21 Seiten). Zeitzeugeninterview: Rolf, geb. 1920, Jugend im „Dritten Reich“. Unbekannte Helden: Der Widerstandskämpfer Kurt Hillmann und Lore Diehr, geb. 1921. „Euthanasie“ an Kindern und Jugendlichen: Die Geschichte der Emma G. Systematisches Vorgehen gegen Kriminelle. Ein Großvater-Porträt von Rolf Jenrich (Interview). Widerstand und Auflehnung gegen das Regime. Bericht über die Erfahrungen des Mischlings Joseph Muscha Müller. Die Kinder und Jugendlichen im NS-Staat zwischen Hitlerjugend und Bombenangriffen.
  • Drechsel: Rassistisches Mordprogramm an Kindern und Jugendlichen im deutschen Faschismus (14 Seiten). Klärung der Begriffe Faschismus, Rassismus, Euthanasie, Darstellung der Euthanasie-Morde (Kinderaktion, Aktion T4, Tötungsablauf, offizieller Stopp und inoffizielle Neuplanung und Ausweitung der Morde, die ideologischen Hintergründe der Institutionalisierung der Rassenhygiene. Und heute?
  • Friedländer: Erinnerungen an die Nazi-Zeit (5 Seiten). Auszug aus der Veröffentlichung „Ich war Zwangsarbeiterin bei Salamander“. Das neue Berlin 2016.
  • Sochacka: Das Lager unverschuldeter Schuldgefühle (17 Seiten). Als Kind im Lager Lodz („Das Kind kam ins Lager und verließ es als Tier“ – durch Hunger, Arbeit, Strafen). Film „Böse Spiele sind verboten“, Erlebnisse eines Häftlings aus dem Kinderlager, übertragen ins Erwachsenenleben. Ursachen des Schweigens, Schwierigkeiten der Vermittlung der Erfahrungen.

3 Verfolgte „asoziale“ Frauen – Haftgründe und „Behandlung“

  • Framke: Einführung: sag mir wo die Frauen und Mädchen sind (2 Seiten): Eifersucht, lesbisches Verhalten, uneheliche Schwangerschaft, ‚Polenhure‘, Vergewaltigt und als asozial diskriminiert, asoziale Familie.
  • Allex: Verfehmt, verfolgt, vernichtet und immer noch nicht rehabilitiert: die sogenannten Asozialen (18 Seiten). Die „Asozialen“ bewusst verschwiegene Opfer der Gesetze und Aktionen der deutschen Faschisten, insbesondere die Verfolgung und Stigmatisierung von Frauen und deren Status nach 1945 – bis heute.
  • Schikorra: Gespräch von Christa Schikorra mit der Zeitzeugin Ilse Heinrich (16 Seiten), die ins Arbeitshaus kam, nachdem sie von Zuhause wegen ihrer Stiefmutter fortgelaufen war, später im KZ Ravensbrück Versuche sich zu solidarisieren. Ein ausführlicher und anschaulicher Erfahrungsbericht.
  • Degen: Die Geschlechterspezifik der „Asozialenverfolgung“ (4 Seiten). Die Erfahrungen der Uckermark-Initiative.
  • Bremberger: Von der „Landstreicherei“ zur „Vernichtung durch Arbeit“. „Asoziale“ Frauen im Zentralgefängnis Cottbus (4 Seiten). Das Gefängnis wurden 1937 in eine Frauenstrafanstalt, 1939 in ein Frauenzuchthaus verwandelt (Fallbeispiele).
  • von Gélieu: Inhaftierung angeblich asozialer Frauen im Frauengefängnis Barnimstrasse (9 Seiten). Jede eingelieferte Frau erhielt eine laufende Nummer mit Datum, Name, Adresse, Beruf, Delikt (z.B. Mietzins-Rückstand) und Haftdauer etc. im Gefangenenbuch. Mit der Machtübernahme war die Prostitution zunehmend kriminalisiert worden. Viele Frauen wurden auch in das Arbeitshaus Rummelsburg eingewiesen und zu Arbeit verpflichtet. Verweigerung wurde bestraft, einige Frauen sogar als „Volksschädlinge“ zum Tode verurteilt.
  • Sommer: Sex-Zwangsarbeit. Häftlingsbordelle in NS-Konzentrationslagern (20 S.). Nach einer Übersicht über die Kontrolle der Prostitution im NS-Staat, geht der Autor speziell auf die Sexualität im KZ ein (die Einrichtung von Bordellen, die Selektion von Bordellkommandos, die Besucher) und die Probleme einer späteren Rehabilitierung und Entschädigung.
  • Allex: Zwangsarbeit von Frauen im KZ (7 Seiten). Ausgehend von der Definition von Zwangsarbeit nach dem Grundgesetz folgt ein Überblick über die ZwangsarbeiterInnen (über acht Millionen) in Konzentrationslagern, Rüstungs- und Industrieunternehmen, ihre nationale Zugehörigkeit (z.B. in Ravensbrück) und die Einrichtung von Arbeitserziehungslagern seit 1942, z.B. in Hamburg-Wilhelmsburg.

4 Kampfbaustelle „Gedenken“

  • Allex (Transskription): „Jugendschutzlager oder KZ für Mädchen und junge Frauen?“ (14 ). Bericht über ein Podiumsgespräch am 8.3.2009 in der Kultschule Berlin-Lichtenberg mit dem Vorsitzenden der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis e.V., Frau Annemarie Müller und dem Verwaltungsleiter der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Markus Ohlhauser. Berichte über das Engagement und die Tätigkeiten, über die Gedenkkultur in der DDR und BRD, die Probleme heute (Sicherung und Finanzierung von Liegenschaften) und die historische Verantwortung.
  • Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark/Netzwerk: Plädoyer für ein Offenes Gedenken (4 Seiten).
  • Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark: „Filetstück“ in der Wasserstadt verdrängt „authentischen“ Gedenkort? (3 Seiten).
  • Irmer: Zur Geschichte des Arbeitshaus Rummelsburg in der NS-Zeit (4 Seiten).
  • Bremberger/Eberhardt: „Unfruchtbarmachung zur Verhütung asozialen Nachwuchses“ (11 Seiten). Die Zwangssterilisierung „Asozialer“ – eine historische Skizze seit 1909, konkret in deutschen Arbeitshäusern am Beispiel Rummelsburg, statistische Unterlagen aus dem Landesarchiv Berlin und ein Bericht über die Durchführung der Zwangssterilisation.
  • Eberhardt: „Sie zeigte einen ausgesprochenen Hang zum Lügen und zum Stehlen und gefährdet dadurch andere Kinder“. Aus den Beschlüssen des Erbgesundheitsgerichtes Berlin von 1934-1945 (11 Seiten). 15 Falldarstellungen von Frauen und Männern (Geburtsjahrgänge von 1894 – 1928).
  • Bremberger: Von Rummelsburg nach Rodgau. Über den Einsatz von Arbeitshausinsassen zur Urbarmachung in Südhessen (7 Seiten).
  • Allex: Zum Prozess der Gestaltung eines Gedenkortes in den Rummelsburger Arbeitshäusern (22 Seiten). Ausführlicher Bericht über die Initiative und kritisches Nachdenken darüber, wem die Verhinderung des Gedenkens und der Aufarbeitung nutzt (innere Vorbehalte und äußere im Hinblick auf die Kosten).

5 Werte und unwerte Verfolgte?

  • zur Nieden: „Wer ist ‚Opfer des Faschismus‘?“ Eine Frage der Würde oder Würdigkeit (6 Seiten). Die Geschichte der Aufarbeitung in der Nachkriegszeit. Die Differenz der Entschädigungen für erlittenes NS-Unrecht als Folge der unterschiedlichen Gesellschaftsformen der BRD und in der DDR und die Gemeinsamkeit der Bevorzugung der politischen, rassistischen und religiösen Verfolgung, während „Asoziale“ so gut wie keine Chance hatten (z.B. Ausschluss von Entschädigungen für Zwangssterilisierte).
  • Jelpke: Die so genannten „Ausgewogenheiten“ (3 Seiten). Die Geschichte der Entschädigung als eine Geschichte der Verdrängung.
  • Allex: Ein Interview mit Liane Lieske (10 Seiten), eine Enkelin von Erna Lieske, geb. 1900, in Auschwitz ermordet.
  • Liane Lieske und Frauke Steinhäuser: Biografie Erna Lieske (8 Seiten).
  • Allex/Eberhardt: Kein Mensch ist asozial (12 Seiten). Gekürzte Fassung eines Vortrags des Arbeitskreises „Marginalisierte – gestern und heute“ auf der Tagung „Marginalisierte Häftlingsgruppen“ in Dachau 2013. Themen sind: Information und Aufklärung, Recherche und Analyse, Suche nach Verbündeten und wissenschaftlichem Austausch und Berichte über Erfahrungen in der Erinnerungsarbeit, u.a. im Vergleich mit Argentinien.

6 Erinnerung

  • Sonnenfeld: Aktive Arbeitsmarktpolitik heißt: Zwang (15 Seiten). Kritik am Abbau von Bürgerrechten und „erzwungenen Beschäftigungen“ (die „Hilfe zur Arbeit“, Zumutbarkeitsregeln für Erwerbslose, Jugendsofortprogramm 2000) und manipulativen Strategien der Durchsetzung, der Handel mit Recht und Pflichten – eine Verletzung der Bürgerrechte, stattdessen die Perspektive für einen „weltbürgerlich geöffneten Lokalismus“ und gegen eine flexible Ausbeutung (Bourdieu) durch die Mitarbeit von SozialarbeiterInnen.

7 Anhang

  • Selbstdarstellung des Arbeitskreises „Marginalisierte – gestern und heute!“ (10 Seiten). Aktivitäten und Webseiten.
  • Weitere Informationen (2 Seiten): Radiosendungen, DVDs, Filme, die Geschichte der Stolpersteine. – Verzeichnis der Autorinnen und Autoren (6 Seiten).

Diskussion

Ein sehr politisches und themenreiches Buch, das in jedem Beitrag Engagement und Einsatz für eine Rehabilitierung der sozialrassistisch Verfolgten erkennen lässt und sich gut eignet als Anregung zum eigenen Nachdenken. Es wirkt durch die Mischung von Analysen und Zeitzeugenberichten sehr lebendig und gibt Anregungen, sich an Initiativen zu beteiligen. Schlussfolgerungen (z.B. Sonnenfeld) für den aktuellen Umgang mit Randständigen überzeugen vielleicht nicht immer, sind aber eine Herausforderung, sich mit dem Thema ernsthaft zu beschäftigen.

Gefehlt hat mir eine vertiefende psychologische Analyse, wieso gerade in den helfenden Berufen – Angehörige der Mittelschicht – so viele (nicht alle, in Berlin Wedding z.B. wurden fast alle Sozialarbeiter entlassen) bereit waren, sich an den verbrecherischen Aktionen der Diskriminierung und Verfolgung von Minderheiten zu beteiligen.

Fazit

Das Buch gehört in jede Schulbibliothek und in die Hand von Politikern, die Gelder für diese wichtige Gedenkstättenarbeit bereitstellen. Außerdem bietet es Stoff – auch durch zusätzliche Literaturangaben – für Seminare an Fachhochschulen als Anregung, über eine verantwortliche und verbindliche Ethik der helfenden Berufe nachzudenken.


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 13.12.2017 zu: Anne Allex (Hrsg.): Sozialrassistische Verfolgung im deutschen Faschismus. Kinder, Jugendliche, Frauen - Schwierigkeiten beim Gedenken. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2017. ISBN 978-3-945959-21-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22947.php, Datum des Zugriffs 21.01.2018.


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