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Melanie Benz-Gydat: Einstieg in erwachsenen­pädagogische Berufe

Cover Melanie Benz-Gydat: Einstieg in erwachsenenpädagogische Berufe. Studie zum Übergang von der Hochschule in die berufliche Praxis. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2017. 271 Seiten. ISBN 978-3-7639-5639-5. D: 44,90 EUR, A: 46,20 EUR.

Erwachsenenbildung und lebensbegleitendes Lernen, Band 28. Forschung und Praxis.
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Thema

Der Übergang vom Studium in einen Beruf ist ein entscheidender Wendepunkt, der als längerfristige, prozessuale Phase des Wandels zu verstehen ist. Am Beispiel des Wechsels von einer Hochschule in eine Einrichtung der Erwachsenenbildung/Weiterbildung wird dies besonders deutlich. Deshalb untersucht die Autorin den Berufseinstieg von Akademikerinnen und Akademikern, die ein erziehungswissenschaftliches Studium mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung/Weiterbildung absolviert haben. Diese verlassen ihr vertrautes Bezugssystem – die Universität – und machen neue Erfahrungen in der Arbeitsorganisation, die zu Unsicherheiten führen können. Ihnen fehlt ein individueller, professioneller Referenzrahmen, der diese Unsicherheiten ins Verhältnis zu anderen Erfahrungen setzen kann. Erst im Laufe der beruflichen Tätigkeiten können sie ihren Referenzrahmen inhaltlich füllen und als Bezugsgröße nutzen.

Der Berufseinstieg ist eine Umbruchsituation, ein kritisches Lebensereignis, das den einzelnen wachsen oder zerbrechen lassen kann. Dabei erfolgt eine Gratwanderung zwischen Erprobung und Können, Wissen und Nichtwissen, Ansprüchen und Grenzen sowie zwischen Belastung und Schonung.

Dieser Eintritt ins Berufsleben ist deshalb als andauernder, aktiver Verarbeitungsprozess zwischen innerer und äußerer Realität zu verstehen. Dies hat Konsequenzen für die Persönlichkeitsentwicklung, den eigenen Status und damit für die eigene Identität. Die Autorin analysiert deshalb, welchen konkreten Herausforderungen und Anforderungen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger im Bereich erwachsenenpädagogischer Berufe gegenüber stehen und leitet daraus Vorschläge zur Vorbereitung und Begleitung der Zielgruppe ab.

Autorin

Dr. Melanie Benz-Gydat ist Diplom-Pädagogin. Sie arbeitet als Projektmitarbeiterin in der AG Weiterbildung und Governance of Lifelong Learning (Fakultät der Erziehungswissenschaft) an der Universität Bielefeld. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Professionsforschung in der Disziplin Erwachsenenbildung/Weiterbildung.

Entstehungshintergrund

Die Professionsentwicklung im Berufseinstieg ist eine bedeutsame Phase der individuellen Biografie. Dies wird besonders in der Erwachsenenbildung deutlich, weil die Dynamik der Beschäftigungsfelder, insbesondere auch in Folge der Digitalisierung, aber auch die Diversität von Vertragsverhältnissen, die Beschäftigungsformen sowie die Unübersichtlichkeit und geringe Regelung des Zugangs zum Berufsfeld den Berufseinstieg erschweren. Die Hochschulabsolventinnen und -absolventen kommen also in ein Berufsfeld, in dem es wichtig erscheint, der Vielfalt, Diffusion, Offenheit und Zufälligkeiten mit Interesse, Initiative, Orientierungsfähigkeit bis Durchsetzungsvermögen zu begegnen. Dieses Spannungsfeld wird in dieser Arbeit untersucht.

Dabei geht die Autorin auf die Fragen ein, welche Phasen beim Berufseinstieg in eine hauptamtliche Tätigkeit in der Erwachsenenbildung durchlaufen werden und wie diese angegangen und bewältigt werden. Wie wird der Übergang im und dann vom Studium der Erziehungs- und Bildungswissenschaften mit dem Schwerpunkt „Erwachsenen- und Weiterbildung“ erlebt und gestaltet? Wie hängen die professionelle Sozialisation für den Beruf (vorberufliche Phasen) und durch den Beruf (berufliche Phasen) miteinander zusammen?

Die Autorin will damit dazu beitragen, Studierende auf die Anforderungen im Rahmen des Berufseinstiegs vorzubereiten, aber auch um das Studium mit dem Ziel, die Professionalität und das professionelle Handeln der Studierenden in der ersten beruflichen Phase zu unterstützen, zu optimieren. Weiterhin will sie Ansätze entwickeln, damit Vorgesetzte als auch Kolleginnen und Kollegen mit dem Wissen zu Eingliederungsschwierigkeiten und Handlungsproblematiken gezielte Hilfestellung bei der Einarbeitung in das neue Berufsfeld leisten können.

Aufbau und Inhalt

Im Rahmen der Einführung in die Arbeit formuliert die Autorin die zentralen Fragestellungen der Untersuchung:

  • Wie erleben, bewerten und reflektieren Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger ihre berufliche Anfangszeit im Tätigkeitsfeld der Erwachsenenbildung?
  • Wie bewältigen sie Anforderungen in dieser Phase? Stellen sie sich als aktiv handelnde Subjekte dar?
  • Wie entwickeln und verändern sich Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger in dieser ersten Berufsphase?
  • Verändert sich ihre pädagogisches Handeln im Laufe des Berufseinstiegs?

In den insgesamt acht Kapiteln werden zunächst nach der einführenden Betrachtung die Rezeption und Analyse des Berufsfeldes von Erwachsenenbildnerinnen und -bildnern und die berufliche Sozialisation als Rahmenkonzept für den Berufseinstieg aufgearbeitet. Danach beschreibt sie das Forschungsdesigns, also die Methoden- und Auswertungsansätze der empirischen Untersuchung. In den folgenden Kapitel werden die empirischen Ergebnisse dargestellt und mit dem Diskurs zur Professions- und Weiterbildungsforschung verknüpft.

Als Fazit der theoretischen Analyse ergibt sich, dass die berufliche Sozialisation vor allem durch die theoretischen Konzepte der Identität und der Rollen geprägt ist. Neue Rollen und Handlungsanforderungen, aber auch der neue Status, stehen im Zentrum der beruflichen Sozialisationsprozesse. Dies will die Autorin untersuchen.

Der Berufseinstieg kann als eine Zäsur im (beruflichen) Lebenslauf aufgefasst werden und wird in berufsbiografischer Rückschau von den Interviewten als krisenhaft empfunden. Neben dem Aufbau neuen Wissens und neuer Fertigkeiten spielen neue Erfahrungen eine wesentliche Rolle. Die Autorin fordert deshalb eine gezielte Vorbereitung auf den beruflichen Übergang und eine professionelle pädagogische Begleitung dieser Phase.

Voraussetzung dafür sind das Reflektieren und Durchdringen des organisationalen Handlungsrahmens ( z.B. Aufgaben, Tätigkeiten), des sozialen Interaktionsrahmens ( z.B. Personen, informelle Regeln)und des individuellen Subjektrahmens ( z.B. Rolle, Ziele oder Werte). Trotz des von ihr formulierten Zieles einer „Übergangskompetenz“ schlägt die Autorin darauf hin vor allem die „Vermittlung“ von Wissen über die Berufsfelder der Erwachsenenbildung/Weiterbildung sowie von vielfältigen Informationen, z.B. zu Übergangsproblemen oder zu zur Programmplanung, vor.

Die Studie zeigt weiterhin, dass die Berufseinsteigerinnen und -einsteiger keinen Schonraum oder Probehandeln erwarten können. Deshalb erleben sie vom ersten Tag an in der Praxis hohe Belastungen, was zur Überforderung und zu einem existenziellen Orientierungsverlust führen kann. Auch für diese Phase schlägt die Autorin wieder trägerübergreifende Berufseinsteigerseminare vor, um die Arbeitsplatzsituationen zu reflektieren, um den Statusübergang zu unterstützen und um zur Rollenfindung beizutragen. Weiterhin soll institutionelles Handlungswissen „vermittelt“ sowie das Berufsselbstbewusstsein „angeregt“ werden.

Die abschließende, unreflektiert zitierte Erkenntnis, dass durch professionelles Wissen die Handlungskompetenz gesteigert würde, steht im Widerspruch zu allen Erkenntnissen der Kompetenzforschung. Kompetenzorientierte Lernformen im Prozess der Arbeit und in Praxisprojekten in Verbindung mit einem Ermöglichungsrahmen, Peer-to-Peer-Learning, professioneller Lernbegleitung oder den Aufbau von Communities of Practice kommen in ihren Überlegungen überhaupt nicht vor.

Abgerundet wird die Arbeit durch Anregungen für weitergehende Forschungsansätze.

Fazit

Die vorliegende Untersuchung liefert einen wertvollen und fundierten Beitrag zum Verständnis der Herausforderungen, denen junge Weiterbildnerinnen und Weiterbildner beim Übergang in die pädagogische Praxis gegenüber stehen. Damit erhalten die Verantwortlichen für das Studium, aber auch die Führungskräfte und Kolleginnen und Kollegen wertvolle Hinweise zum Verständnis der Entwicklungsprozesse vor und in der Phase des Berufseintritts.

Leider widmet die Autorin den Vorschlägen zur Vorbereitung auf den Berufseinstieg sowie der professionellen Begleitung von beruflichen Übergängen gerade mal zwei Seiten. Unverständlich bleibt, dass sie zwar den Aufbau einer „Übergangskompetenz“ fordert, aber dafür rein seminaristische LEHRangebote über einen neu zu gründenden Berufsverband fordert. Da Kompetenzen jedoch nur selbstorganisiert, bei der Bewältigung von realen Herausforderungen aufgebaut werden können, ist dieser Vorschlag nicht zielführend. Wäre es nicht konsequent, bereits im Studium kompetenzorientierte LERNphasen zu gestalten, in denen die Studierenden im Rahmen von herausfordernden Praxisaufgaben selbstorganisiert die erforderlichen Kompetenzen aufbauen können? Leider gibt es hierzu keine Vorschläge der Autorin.

Dieser Bruch in der Argumentation setzt sich auch in ihren Vorschlägen zur professionellen Begleitung von beruflichen Übergängen fort. Dies empfinde ich als sehr schade, weil diese Forschungsarbeit das Potenzial bieten würde, bedarfsgerechte Lösungen zum Kompetenzaufbau dieser Zielgruppe her zu leiten. Dies würde den Verantwortlichen tatsächlich helfen, die Einarbeitungsphasen der Weiterbildnerinnen und Weiterbilder optimal zu gestalten.


Rezensent
Prof. Dr. Werner Sauter
Blended Solutions GmbH
Homepage www.blended-solutions.de
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Zitiervorschlag
Werner Sauter. Rezension vom 07.02.2018 zu: Melanie Benz-Gydat: Einstieg in erwachsenenpädagogische Berufe. Studie zum Übergang von der Hochschule in die berufliche Praxis. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-7639-5639-5. Erwachsenenbildung und lebensbegleitendes Lernen, Band 28. Forschung und Praxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22948.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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