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Rainer Funk: Ich und Wir. Psychoanalyse des postmodernen Menschen

Cover Rainer Funk: Ich und Wir. Psychoanalyse des postmodernen Menschen. Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2005. 220 Seiten. ISBN 978-3-423-24444-2. 15,00 EUR, CH: 25,90 sFr.

Reihe: dtv premium - 24444.
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Der Autor

Der Verfasser Dr. Rainer Funk, geb. 1943, praktiziert als Psychoanalytiker in Tübingen. Bekannt wurde er als Herausgeber der Schriften Erich Fromms ("Gesamtausgabe in zwölf Bänden") und als dessen literarischer Rechte- und Nachlassverwalter. Zudem unterhält er in Tübingen das Erich-Fromm-Archiv und ist im Vorstand der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft aktiv. Neben biografischen und bibliografischen Beiträgen beinhalten seine Arbeiten über Erich Fromm werkgetreue Interpretationen der Schriften Fromms und aktualisierende Weiterführungen zentraler Themen.

Der Ansatz des Buches

Mit seinem Buch beansprucht Rainer Funk, erstmalig den postmodernen Charakter psychoanalytisch zu betrachten. Dies tut er auf dem Hintergrund neuerer Arbeiten zur Postmoderne wie der von Jeremy Rifkin (Access. Das Verschwinden des Eigentums, Frankfurt/M.; New York 2000). Den Kern seiner Betrachtung bildet jedoch die Analytische Sozialpsychologie Erich Fromms mit dem zentralen Konzept des "social character" (deutsch: Sozialcharakter; Gesellschafts-Charakter). Erich Fromm hatte Ende der 40-er Jahre den Marketing-Charakter als aktuellen Sozialcharakter der westlichen Gesellschaften beschrieben und unter anderem David Riesman in dessen Zeitdiagnose des amerikanischen Sozialcharakters beeinflusst. Seit den 60-er Jahren untersuchte Fromm weitere Charaktertypen, die er als nekrophil und narzisstisch beschrieb. Mehrere Jahrzehnte nach diesen sozialcharakterologischen Versuchen ist es an der Zeit, die Änderungen des Charakters zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf den Begriff zu bringen, eine Aufgabe, die sich Rainer Funk vorgenommen hat. Als Bezeichnung für die charakterologischen Veränderungen im Übergang zum 21. Jahrhundert wählt Funk den "postmodernen Charakter", den er mit der Ich-Orientierung als charakterlicher Grundstrebung beschreibt. Nach seiner Schätzung im Zusammenhang mit den Milieustudien von SIGMA beziffert Funk die Verbreitung des postmodernen Charakters auf ca. 10 % der Menschen unserer Gesellschaft.

Aus psychoanalytischer Perspektive fragt Funk nach der Psychodynamik des postmodernen Charakters und stellt diesbezüglich deutliche Veränderungen gegenüber den bekannten Charaktertypen wie dem autoritären Charakter und dem Marketing-Charakter fest. So resultiert die Ausübung von Kontrolle nicht aus einer autoritär-sadistischen Grundstrebung, sondern aus einer Haltung der Rücksichtslosigkeit, und die Selbstinszenierung geschieht nicht um der eigenen Verkäuflichkeit wegen, sondern ist zum Selbstzweck geworden(vgl. S. 58f.).

Der Leserkreis

Seine Untersuchung des postmodernen Menschen aus der Sicht der Psychoanalyse ist für einen Leserkreis von Interesse, der aus Wissenschaftlern und Praktikern besteht, die eine fundierte Sozialdiagnose benötigen und den postmodernen Menschen verstehen wollen: Psychotherapeuten, Ärzte und Seelsorger, Psychologen und Soziologen, Pädagogen und Sozialarbeiter. Diese Berufsgruppen sind bei ihren Patienten, Klienten oder Schülern mit einem Wandel im Sozialcharakter konfrontiert, der sich in ganz unterschiedlichen Charakterzügen und Verhaltensweisen zeigt, wie Risikofreude, Ich- und Wir-Orientierung, Selbst- und Wirklichkeitsinszenierung, Spaß- und Erlebnisorientierung, Suggestibilität und Offenheit für Neues, Flexibilität bis hin zur Beliebigkeit, Austauschbarkeit und Bindungslosigkeit.

Die Kapitel des Buches

Nachdem Rainer Funk in der Einleitung den postmodernen Menschen zusammenfassend vorstellt, Grundlagen seines auf Erich Fromms Werk basierenden psychoanalytischen Zugangs mitteilt und einige verwandte Zugänge zum Thema (Ulrich Beck, Gerhard Schulze, u.a.) streift, entfaltet er in vier Kapiteln seine Gedanken zum postmodernen Charakter.

  1. Im ersten Teil Zur Entstehung der postmodernen Ich-Orientierung trägt Rainer Funk wichtige Bedingungszusammenhänge zur Wandlung des Sozialcharakters zusammen (S. 23-52). Die postmoderne Ich-Orientierung wird in ihrer Entstehung gesellschaftsdeterminiert aufgezeigt. Besonders die Marktwirtschaft bildet einen wesentlichen Hintergrund für die Entstehung der neuen Charakterorientierung. "Jede grundlegende Veränderung in Wirtschaft und Gesellschaft führt auch zu einer Veränderung der Persönlichkeit" (S. 10). Es sind Veränderungen der Marktwirtschaft, des Marketing, die zielgerichteten Werbestrategien des Produkt- und Kultmarketing, die neue Erlebniswelten kreieren und Lebensstile verändern sowie dem Konsumenten zunehmend Erlebniswirklichkeiten mit der Möglichkeit scheinbarer Selbstbestimmung und interaktiver Gestaltung offerieren. "Der Endpunkt einer solchen Entwicklung ist eine Welt, in der praktisch jede Aktivität zum gemachten und angeeigneten Erlebnis wird. Das Leben wird selbst zur Ware" (S. 42). Rückgebunden sind diese Veränderungen an den technologischen Wandel, besonders der digitalen Technik und der neuen Medien, die es dem Menschen ermöglichen, in einer scheinbar besseren, erlebnisreicheren und vielfältigeren Wirklichkeit zu leben, mit einem steigenden Anspruch unabhängig zu sein und sich umfassend selbst zu bestimmen. Zunehmend werden die Menschen mit illusionären Wirklichkeiten konfrontiert, die so geschickt inszeniert sind, dass sie besser und realer als die "wirkliche Wirklichkeit" erscheinen, ja aus Sicht der inszenierten Wirklichkeiten einzig Wirklichkeitsstatus beanspruchen können.
    Obwohl der Traum eines grenzenlosen gesellschaftlichen Fortschritts durch die "Trias von unbegrenzter Produktion, absoluter Freiheit und uneingeschränktem Glück" (Erich Fromm) aufgrund der globalen Entwicklungen seit den 70-er Jahren schon Makulatur ist, konnte mit Hilfe dieses postmodernen Wirklichkeitskonzepts die Illusion des Fortschritts noch ein letztes Mal der Bewusstwerdung entrissen werden, ja hat durch die Vorstellung der unbegrenzten Selbsterzeugung neue Nahrung erhalten. Statt diesen Traum aufgrund der äußeren Entwicklungen als unrealistisch aufzugeben, ist er in die bloße Subjektivität des postmodernen Menschen gerückt. Jetzt gibt es nicht mehr die in der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte verankerte Fortschrittsreligion als äußere Richtschnur, sondern sie zeigt sich auf die Spitze getrieben in der Täuschung, der Mensch könne kraft seiner geborgten Kompetenzen eine beliebige Wirklichkeit hervorbringen.
  2. Im zweiten Teil beschreibt Funk unter der Überschrift Der postmoderne Mensch (S. 53-100) die aktive und die passive Variante dieses Charaktertypus. Hier wird dargelegt, dass sich Veränderungen in der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit in Charakterstrukturen übersetzen. Nach Funk zeigt sich die postmoderne Ich-Orientierung in einem leidenschaftlichen Streben, "frei, spontan, unabhängig und ohne Begrenzungen durch Vor- und Maßgaben selbst bestimmen zu können" (S. 55). Das, was der postmoderne Mensch als Selbstbestimmung erlebt, ist ein hohes Maß an Beliebigkeit im manipulierenden Umgang mit Wirklichkeit. Als "sein eigener Fernsehproduzent und Programmdirektor" kann er per Knopfdruck auf den Fernseher eine Wirklichkeit erzeugen, die ihm das gewünschte Maß an Unterhaltung, Nervenkitzel oder Entspannung, "Kultur" und Information mit scheinbarer Teilhabe am Weltgeschehen bietet. Für den postmoderne Charakter erscheint diese beliebig erzeugbare Wirklichkeit nicht zuletzt aus Gründen seiner Identitätsbildung und inneren Balance, also aus kompensatorischen Gründen, als notwendig. Dabei lebt er die Grundüberzeugung: "Lass dir von niemandem sagen, wer du bist. Du bist der, der du bist" (S. 55).
    Mit "Ich und Wir" - so der Buchtitel - sind die zwei komplementären Dimensionen der postmodernen Lebensweise bezeichnet, die sich jeweils in einer aktiven und einer passiven Variante des Sozialcharakters zeigen. Die aktive Variante ist von Offenheit und Innovationsfreude sowie eingeschränkter Bindungsbereitschaft bei gleichzeitig hoher Kontaktfreude und Verbundenheitserleben gekennzeichnet; das eigene Ich wird als Zentrum der Selbstinszenierung erlebt und hat interaktiv an der selbstgeschaffenen Wirklichkeit teil. Demgegenüber strebt die passive Variante die Zugehörigkeit zum Wir und die Teilhabe an den inszenierten Wirklichkeiten an, um Abwechslung und Zerstreuung zu erleben. "Der aktive Postmoderne ist ein selbstbestimmter Anbieter, der passive Postmoderne ein selbstbestimmter Nutzer von erzeugter Wirklichkeit. Für den Ersteren ist das selbstbestimmte Erzeugen von Erlebnissen und Erlebniswelten attraktiv, während der Zweite vom selbstbestimmten Miterleben von Erlebniswelten angezogen wird" (S. 61). Beide zeigen ein eingeschränktes Bindungsverhalten, das aber weder von Egoismus noch von Autismus bestimmt wird, sondern aus Bedürfnissen nach Abwechslung und Spontaneität, ständiger Neuinszenierung und Selbsterzeugung von Wirklichkeit und von persönlicher Identität hervorgeht. Eindeutig werden Kontakte gegenüber Beziehungen vorgezogen; statt eine Beziehung zu einem Menschen oder einigen wenigen persönlich wichtigen Menschen zu leben, wird Kontaktpflege zu möglichst vielen Menschen betrieben. - Ausführlich beschreibt Rainer Funk die signifikanten Persönlichkeitszüge der aktiven und passiven Variante des postmodernen Menschen hinsichtlich seiner sozialen Bezogenheit, seines Selbstbezugs, seiner Berufsarbeit sowie seines Konsumverhaltens, seiner Wertorientierungen und seines Lebensstils, usw. (vgl. S. 64-89).

  3. Der dritte Teil ist als Psychoanalyse der postmodernen Ich-Orientierung konzipiert und zunächst mit der Psychodynamik dieser neuen Charakterorientierung befasst. Funk hält die postmoderne Ich-Orientierung in ihrer aktiven wie in ihrer passiven Spielart für eine "nicht-produktive Orientierung". Dies begründet er näher, indem er sein Verständnis von produktivem Ich-Erleben darlegt. Wesentlich ist hier eine Unterscheidung in Anlehnung an Erich Fromm, derzufolge der Mensch die Möglichkeit hat, "sein Leben mit Hilfe fremder, nicht zu ihm gehörender Kräfte und Kompetenzen zu gestalten oder mit Hilfe von Eigenkräften" (S. 129). Die produktive Alternative stellt Funk anhand von Beispielen (u.a. Liebe, Vertrauen, Zärtlichkeit, Aktivität und Erlebnisfähigkeit) dar, muss allerdings zugestehen, dass die produktiven Umgangs- und Bezogenheitsformen beim postmodernen Charakter nicht ausgebildet sind. In der Folge "bedarf es äußerer Anregungen und Belebungen, um die innere Leblosigkeit und Langeweile zu überwinden" (S. 133). Hier liegt der Verdacht nahe, dass die postmoderne Ich-Orientierung mit einem entfremdeten Ich-Erleben verbunden ist. Um diesen Sachverhalt zu klären, untersucht Funk die Entfremdungsdynamik in verschiedenen Charakterorientierungen und kommt zu dem Ergebnis, dass der Ich-Orientierte sein menschliches Vermögen (seine Eigenkräfte) auf von ihm geschaffene Dinge und Situationen projiziert und damit verleugnet und entwertet. An die Stelle von menschlichem Vermögen treten "gemachte" Kompetenzen (Kompetenzen, die man von anderen übernehmen kann und die dem adäquaten Gebrauch der technischen Mittel und Möglichkeiten entsprechen, die vom technischen Fortschritt als Ressourcen zur Verfügung gestellt werden). Durch den Gebrauch dieser "gemachten" Kompetenzen bringt der postmoderne Mensch Wirklichkeit zum Ausdruck, die er manipuliert und kontrolliert (oder zumindest miterlebt). Dabei verfällt er der Illusion, er könne durch seine Aktivität eine nicht-entfremdete und selbstbestimmte Wirklichkeit hervorbringen, die seinen Fähigkeiten zurechenbar ist. Der Ich-Orientierte ist sich dieser weitgehenden Entfremdung von seinen menschlichen Eigenkräften nicht bewusst und kann folglich die "projektive Identifikation mit dem 'gemachten' Vermögen" und die daraus resultierenden Abhängigkeiten nicht in sein Bewusstsein einholen. Stattdessen rechtfertigt er im scheinbar selbstbestimmten Gebrauch technischer Mittel und Möglichkeiten vor sich und den anderen sein "gemachtes" Vermögen als Eigenleistung, die ihm einen Zugewinn an freiheitlicher Selbstverfügung und an vielfältigen Kontaktmöglichkeiten eröffnet. Allenfalls auf einer unbewussten Ebene hat der postmoderne Mensch ein dumpfes Gespür für die Entfremdung von seinen Eigenkräften (und damit auch vom Mitmenschen und der Natur) bewahrt. Wenn die kompensatorischen Aktivitäten diese Selbstentfremdung nicht genügend zurückdrängen, treten Gefühle innerer Leere, Langeweile, Einsamkeit und Ohnmacht sowie chronische Depressivität in den Vordergrund, die signalisieren, dass der postmoderne Mensch mit seiner Lebensweise einen Selbstbetrug inszeniert. Diese Wahrheit ist aber kaum zu ertragen und ihre Erkenntnis wird durch Reaktionsbildungen nahezu verunmöglicht. Einfallstor für eine produktive Desillusionierung des Ich-Orientierten könnte die Erkenntnis sein, dass es sich bei der postmodernen Ich-Orientierung um eine Reaktionsbildung "auf das unbewusste Gefühl der existentiellen Abhängigkeit vom 'gemachten' Vermögen" handelt (S. 159). "Die Erlebnisorientierung des postmodernen Menschen zielt auf seine Aktivierung und hat offensichtlich die Funktion, ein tief reichendes unbewusstes Gefühl der Passivität und Leblosigkeit zu kompensieren" (S. 161f.). Hinzu kommen "Rationalisierungen als Ausdruck unbewusster Wahrnehmungen" (S. 166ff.). Schließlich sind auch die "pathogenen Wirkungen der Ich-Orientierung" zu beachten (S. 173ff.), die der von Fromm sogenannten "Pathologie der Normalität" entsprechen.
  4. Im vierten Teil untersucht Funk das Verhältnis von Produktivität und postmoderner Ich-Orientierung. Zunächst skizziert dieses Kapitel das Frommsche Menschenbild und Konzept menschlichen Wachstums und ist mit der Frage verbunden, wie der Mensch einen Zugang zu seinen Eigenkräften gewinnen und wie er seelisch gesunden kann. Dabei geht Funk davon aus, dass Wirklichkeitserzeugung eine grundlegende Leistung des Menschen ist, die optimalerweise eingebunden in das menschliche Vermögen und diesem dienstbar ist. So gesehen muss es keinen Gegensatz von menschlichem und "gemachtem" Vermögen geben. Die "Nutzung" des "gemachten" Vermögens muss nicht im Sinne der Ich-Orientierung erfolgen; denkbar ist auch eine produktive Nutzung und damit Einbindung dieses Vermögens in eine Lebenspraxis, die das Potential des postmodernen Lebensstils aufnimmt, ohne die bekannte "Bastelbiografie" als Weg der Identitätsbildung zu praktizieren. Die postmoderne Beliebigkeit und Orientierungslosigkeit lässt sich - statt unproduktiv in der postmodernen Ich-Orientierung - auch produktiv im Sinne der Stärkung der Eigenkräfte in redlichen geistig-intellektuellen und spirituellen Praktiken der Selbsterfahrung und des gesellschaftlichen Engagements bearbeiten und vielleicht auch bewältigen. Produktivität ist an den Wirkungen zu erkennen, die in der Nutzung des menschlichen und des "gemachten" Vermögens hervortreten. Wenn Funk den postmodernen Charakter vorrangig unter dem Gesichtspunkt der mangelnden Produktivität beschreibt (was gleichbedeutend mit der Ich-Orientierung ist), so schließt er doch nicht aus, dass in einer von Wachstumstendenzen gekennzeichneten Charakterstruktur produktive Orientierungen die Oberhand gewinnen können, es also auch "produktive Postmoderne" geben kann (S. 227ff.). So gesehen kann man in die Ausführungen Funks hineinlesen, es gebe Anlass zur Hoffnung, dass in einer Wirklichkeit, die von dem Exterminismus der westlichen Zivilisation bestimmt ist, Gegenkräfte wachsen, die Rettendes verkörpern. Denn der produktive Gebrauch des menschlichen und des "gemachten" Vermögens ist die Vorbedingung dafür, das mit dem "Ende der Illusionen" (Erich Fromm) entstandene gesellschaftliche Vakuum mit einer lebensdienlichen Vision auszufüllen, die den produktiven Gebrauch des menschlichen Vermögens mit dem nachhaltigen Gebrauch der natürlichen Ressourcen dieser Welt verbindet.

Diskussion

Solange keine neueren empirischen Ergebnisse zur Sozialcharakterologie vorliegen, ist es schwierig einzuschätzen, ob der von Funk beschriebene postmoderne Mensch der Prototyp des neuen Sozialcharakters der Epoche ist oder er nur in einem bestimmten sozialen Milieu, dem postmodernen Milieu, anzutreffen ist. Dann wäre gesamtgesellschaftlich eher von einem Nebeneinander sehr unterschiedlicher Charaktertypen auszugehen. Die konstruktivistische Weltanschauung mit der autonomistischen Idee der Selbsterzeugung der Person und ihrer Realität ist eher bei Menschen der IT-Branche verbreitet, bei Web-Designern und PR-Managern, Programmieren, Werbetextern und Werbedesignern als in der Gesamtbevölkerung. Deshalb könnte es sich bei dem postmodernen Menschen um eine milieuspezifische Ausprägung des Sozialcharakters handeln, die allerdings auf andere Milieugruppen ausstrahlt.

Die von Rainer Funk vorgelegten psychoanalytischen Annäherungen an den in der Postmoderne sich verändernden Menschen präferieren Strukturbeschreibungen (vgl. hierzu auch den Anhang mit den "Erkennungsmerkmalen der postmodernen Persönlichkeit"; S. 237-251), ohne dass im Detail aufgewiesen würde, wie dieser Charaktertypus, vermittelt z.B. über die personale Autorität der Eltern und die anonymen Autoritäten der Massenmedien und Moden, in Prozessen der Erziehung, Sozialisation und Selbstsozialisation entsteht. Durch welche Erziehungspraktiken, die in Abhängigkeit zur sozioökonomischen Situation zu begreifen sind, wird die neue charakterologische Ich-Orientierung hervorgebracht? Sind die Massenmedien - allen voran das Fernsehen - bei der Entwicklung dieses neuen Sozialcharakters leitend? Welche alternativen Ansätze der Erklärung gibt es darüber hinaus? Lassen sich die Theorie der Objektbeziehungen und die Bindungstheorie als weitere Erklärungsgrundlagen heranziehen? Alles Fragen, die deutlich machen, dass mit dem Thema ein weiter Problemhorizont verbunden ist.

Fazit

Rainer Funk hat mit seinem Buch eine psychoanalytisch fundierte Zeitdiagnose zum neuen Sozialcharakter vorgelegt. Sein Verdienst ist es, Frommsche Grundideen weiterzuentwickeln und neue Ausformungen des Sozialcharakters zu beschreiben, die die von Fromm vorgegebenen Typen differenzieren und ergänzen. Seine psychoanalytische Untersuchung der Entfremdungsdynamik des postmodernen Charakters ist ein originärer Beitrag zur Analytischen Sozialpsychologie.


Rezension von
Prof. Dr. Burkhard Bierhoff
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Zitiervorschlag
Burkhard Bierhoff. Rezension vom 25.10.2005 zu: Rainer Funk: Ich und Wir. Psychoanalyse des postmodernen Menschen. Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2005. ISBN 978-3-423-24444-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2295.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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