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Constantin Wagner: Öffentliche Institutionen als weiße Räume?

Cover Constantin Wagner: Öffentliche Institutionen als weiße Räume? Rassismusreproduktion durch ethnisierende Kategorisierungen in einem schweizerischen Sozialamt. transcript (Bielefeld) 2017. 351 Seiten. ISBN 978-3-8376-3950-6. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,70 sFr.
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Thema

Constantin Wagner analysiert in seiner Studie Mechanismen der Reproduktion von sozialer Ungleichheit anhand ethnischer Zuschreibungen. Die Untersuchung, die von Franz Schultheis an der Universität St. Gallen als Dissertation angenommen wurde, fragt danach, welche Bedeutung es für das Handeln von Mitarbeitenden im öffentlichen Dienst hat, wie sie die ethnische Zugehörigkeit von Patientinnen bzw. Klienten/Klientinnen wahrnehmen. Anders als der Titel vermuten lässt, untersucht der Autor nicht nur ein Sozialamt in der Schweiz, sondern erforscht daneben in einem Schweizer Spital, inwiefern die Mitarbeitenden anhand ethnischer Kategorisierungen handeln.

Autor

Der Soziologe und Religionswissenschaftler Constantin Wagner arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Soziologie der Universität St. Gallen. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Rassismus, soziale Ungleichheit, öffentlicher Dienst sowie Islam.

Aufbau

In Kapitel 1: Einleitung stellt Wagner das Forschungsinteresse, die Fragestellung und den Aufbau der Arbeit dar. Außerdem diskutiert er die Aufgabe und Rolle von sozialwissenschaftlich Forschenden bei der Analyse von Rassismus. Dabei setzt er sich mit der Kritik auseinander, dass eine rassismuskritische Perspektive unwissenschaftlich sei.

Kapitel 2: Eine Kartografie ethnisierender Kategorien – Die Zimmeraufteilung in einem Spital enthält einen Exkurs über eine Geburtsabteilung, um – in Ergänzung zur Fallstudie des Sozialamtes – zu zeigen, wie ethnische Kategorisierungen Relevanz erhalten, um soziale Differenzen zu organisieren.

In Kapitel 3: „Ethnische Vielfalt“ im Öffentlichen Dienst zeichnet der Autor die Debatte um Diversity Management in öffentlichen Institutionen nach und kritisiert die Implikationen des Konzepts.

In Kapitel 4: Rassismus und Weißsein legt Wagner dar, wie diese Begriffe theoretisch konzeptualisiert werden können, analysiert sie in Bezug auf die Situation in der Schweiz und erläutert, wie Rassismus im Rückgriff auf die Praxeologie von Bourdieu empirisch untersucht werden kann.

Kapitel 5: Praxeologische Forschung über Rassismus in öffentlichen Institutionen beinhaltet die Darstellung der Methodik der Fallstudie sowie in einem „Exkurs über das Verhältnis zu den Beforschten“ die Diskussion forschungsethischer Fragen bei der Untersuchung von Rassismus.

In Kapitel 6: Fallstudie: Kategorisierung, Fallverstehen, Empathie für die Klienten stellt den Kontext der Sozialhilfe in der Schweiz dar, enthält eine Typologie der Sozialarbeitenden im untersuchten Sozialamt und analysiert die Mechanismen der Reproduktion von Rassismus im Rahmen der Fallstudie.

Es folgt ein kurzes Fazit und das Literaturverzeichnis.

Inhalt

Mit seinen Fallstudien zeigt Wagner, „dass ein komplexes Zusammenspiel von politischem Diskurs, institutionellem Kontext, beruflichen Anforderungen sowie Biografie und Habitus der Akteure in Bezug auf rassismusreproduzierende ethnische Kategorien relevant ist“ (S. 295 f.). Er macht deutlich, dass für die Mitarbeitenden Handlungsspielräume bestehen (etwa bei der Entscheidung, ob Leistungen gewährt werden sollen oder ob einer Patientin ein komfortableres Zimmer zugewiesen wird oder nicht) und dass dabei ethnische Kategorisierungen eine zentrale Rolle spielen. Die Etikettierungen anhand ethnischer Kategorien durch die Mitarbeitenden prägen damit stark die Möglichkeiten, die den Patientinnen und Klienten/Klientinnen eröffnet werden. Dabei begegnet dem Autor Rassismus weniger als offen ablehnende Haltung als in Form einer weiß dominierten Organisationskultur. Weiße Dominanz wird in den untersuchten Institutionen nicht thematisiert oder hinterfragt. Im Fall des Sozialamtes „reproduziert sich eine rassistische Hierarchie vor allem durch unterschiedliche Einschätzungen von Potenzial und Legitimität“ von Unterstützungsleistungen (S. 307).

Wagner geht damit einerseits der Frage nach, wie Rassismus in öffentlichen Institutionen konkret reproduziert wird. Andererseits interessiert er sich grundsätzlicher für den Umgang mit ethnischer Vielfalt im öffentlichen Dienst: Kritisch diskutiert er das Konzept des Diversity Management und argumentiert, dass es sich dabei nicht um eine machtkritische Perspektive handelt, sondern vielmehr die weiße Dominanz und die Privilegien der Mehrheitsangehörigen sichert: „Dies, weil der Prozess des Othering in der Debatte nicht aufgehoben, sondern eher verstärkt und ‚Vielfalt‘ gleichzeitig vom ‚Nutzen‘ ‚der Anderen‘ abhängig gemacht wird“ (S. 77).

Der Autor führt in die sozialwissenschaftlichen Konzepte „Rassismus“ und „Weißsein“ ein und bezieht sie auf den Kontext der Schweiz. Um die Konzepte empirisch untersuchen zu können, nutzt Wagner die Praxeologie von Pierre Bourdieu. Für die Studie kombiniert er berufsbiographische Interviews mit ethnographischen Verfahren. Hierbei setzt der Autor sich mit forschungsethischen Fragen auseinander. So diskutiert er, warum er gegenüber den Befragten nicht offenlegt, dass er sich für Rassismus interessiert, denn er befürchtet, dass er bei größerer Transparenz über sein Forschungsziel keine brauchbaren Aussagen mehr erhalten würde.

Diskussion

Der Autor hat viel Material aufgearbeitet, stellenweise droht er sich in der Vielzahl der Themenstränge zu verlieren. So ist der rote Faden nicht immer klar, manche Analyse wirkt etwas spekulativ und nicht vollständig im Material abgesichert. Vielleicht wäre es gewinnbringender gewesen, einen Schwerpunkt zu vertiefen statt etwa sowohl die Zimmerbelegung eines Spitals als auch die Beratungsgespräche in einem Sozialamt in den Blick zu nehmen. Gleichzeitig gelingt ihm somit ein facettenreicher Blick auf die Frage, wie im öffentlichen Dienst am Beispiel zwei unterschiedlicher institutioneller Felder ethische Zugehörigkeit relevant gemacht wird.

Constantin Wagner leistet mit seiner empirischen Untersuchung einen Beitrag zur Rassismustheorie und kritischen Weißseinsforschung, der auch über die akademische Debatte hinaus wertvoll ist. Allerdings ist der Band teilweise theoretisch-konzeptionell voraussetzungsvoll, für Praxisfachleute erschließt sich der Inhalt eventuell nicht immer ohne Weiteres. Die Sprache ist stellenweise kompliziert. Es verlangt Zeit, sich einzulesen, um sich in der Fülle des Materials zurecht zu finden.

Spannend wird es besonders da, wo Wagner in den Fallstudien eng am Datenmaterial den Arbeitsalltag und die Darstellungen der Befragten seziert. So legt er detailliert mit vielen Zitaten und Beispielgeschichten dar, auf welche Weise die Sozialarbeitenden ihre Klientinnen und Klienten infantilisieren oder deren Handeln kulturalisieren. Mit dem Mittel des Geschichtenerzählens (storytelling) nimmt Wagner die Lesenden gleichsam mit in die Geburtenabteilung des Spitals und in die Büros der Sozialarbeitenden des Sozialamts. Hier ist die Sprache einfach und verständlich, die Beschreibung dicht und anschaulich. Diese Abschnitte sind die Stärke des Bandes. Sie können Fachleuten aus gleichen oder ähnlichen Praxisfeldern Anlass für die Reflexion des eigenen Handelns geben. Für Forschende kann darüber hinaus besonders Wagners kritische Reflexion der eigenen Rolle im Forschungskontext und die Auseinandersetzung mit forschungsethischen Fragen – speziell der Offenlegung des Forschungsinteresses gegenüber den Befragten – fruchtbar sein.

Fazit

Constantin Wagner interessiert sich dafür, wie Rassismus im öffentlichen Dienst reproduziert und handlungswirksam wird: Welche Bedeutung haben ethnische Zuordnungen und wie hängt dies mit sozialer Ungleichheit zusammen?

Der Autor untersucht mit einem praxeologischen Zugang zum einen am Beispiel eines Sozialamtes in der Schweiz, inwiefern die Klientinnen und Klienten unterschiedlich behandelt werden, in Abhängigkeit davon, wie die Sozialarbeitenden deren ethnische Zugehörigkeit einstufen. Daneben untersucht er exemplarisch in einem Schweizer Spital, wie die Mitarbeitenden die Patientinnen auf unterschiedlich ausgestattete Abteilungen entlang ethnischer Kriterien aufteilen.

Die Studie ist auch über die Sozialen Dienste und Gesundheitsberufe hinaus interessant, besonders für die Forschung zu Rassismus und Weißsein.


Rezensentin
Dr. Susanne Bachmann
Wissenschaftliche Mitarbeiterin Hochschulzentrum Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit
Homepage www.fhnw.ch/de/personen/susanne-bachmann
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Zitiervorschlag
Susanne Bachmann. Rezension vom 14.02.2018 zu: Constantin Wagner: Öffentliche Institutionen als weiße Räume? Rassismusreproduktion durch ethnisierende Kategorisierungen in einem schweizerischen Sozialamt. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3950-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22952.php, Datum des Zugriffs 23.10.2018.


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