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D. Timothy Goering (Hrsg.): Ideengeschichte heute

Cover D. Timothy Goering (Hrsg.): Ideengeschichte heute. Traditionen und Perspektiven. transcript (Bielefeld) 2017. 237 Seiten. ISBN 978-3-8376-3924-7. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Thema

Der Sammelband befasst sich mit der Entwicklung und den aktuellen Debatten des Fachbereichs Ideengeschichte. Dabei zeigen sieben Autoren und eine Autorin in deutsch- und englischsprachigen Beiträgen die Genese einer Disziplin der Geschichtswissenschaft und geben Auskunft über aktuelle methodische Neuerungen und Impulse sowie die Verortung der Ideengeschichte im Wissenschaftskanon.

Herausgeber und Autor_innen

Der Herausgeber D. Timothy Goering ist Historiker und seit 2016 Visiting Fellow an der Harvard University.

Der überwiegende Teil der weiteren Autor_innen entstammt ebenfalls der Disziplin der (Neueren) Geschichte. Unter ihnen findet sich Quentin Skinner, Professor an der Queen Mary University of London. Neben den Historikern bilden die Autoren Helge Jordheim als Kulturgeschichtler und Marcus Llanque als Vertreter der politischen Theorie eine Ausnahme. Sie ergänzen den Band damit um eine, die geschichtswissenschaftliche Fokussierung erweiternde, Perspektive.

Entstehungshintergrund

Der Band versammelt die Ergebnisse einer Tagung an der Ruhr-Universität Bochum, die im November 2014 unter der Leitung und Organisation von D. T. Goering stattfand.

Aufbau und Inhalt

Eingeleitet wird der Band durch einen Beitrag von D. Timothy Goering. Seine umfassende Einleitung, diese macht immerhin mehr als 1/5 des gesamten Bandes aus, zeichnet zunächst die Geschichte der Geistes- und Ideengeschichte und damit der Ausbildung einer Fachdisziplin im 20. Jahrhundert nach. Anfänglich steht hier die historische Ideen- neben der Geistesgeschichte. Diese werden in jüngster Zeit jedoch kaum mehr analytisch getrennt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts handelte es sich jedoch um zwei, im Widerstreit zueinander stehende Disziplinen. In der Folge zeichnet der Autor die Ausdifferenzierung eines Faches nach, wobei ebenso bekannte (u.a. Friedrich Meinecke und Reinhard Koselleck) als auch heute nahezu in Vergessenheit geratene Theoretiker der Ideengeschichte (bspw. Hans-Joachim Schoeps, der den Terminus der „Zeitgeistforschung“ prägte) in den Analyserahmen einbezogen werden.

Goering rückt dabei zunächst die Entwicklung im deutschsprachigen Raum in das Zentrum seiner Betrachtungen. Im Anschluss wendet er sich aber ebenso den „turns“ der „intellectual history“ in Großbritannien und den USA zu. Als dritte lokale Ausprägung betrachtet Goering die schwedische „idé- och lärdomshistoria (Ideen- und Gelehrtengeschichte)“(S. 25), die ebenso Einfluss auf die Ausprägung des Faches nahm. Schließlich sei die aktuelle Ideengeschichte eine Zusammenführung dieser drei Entwicklungen, womit sich bereits ihre differenzierte Ausprägung und Methodenvielfalt erklären lässt. Im weiteren Verlauf des Bandes wird diese in der Einleitung angeführte Vielfalt anhand einzelner Beiträge weiterhin dargelegt.

Mit dieser Ausdifferenzierung beginnt Quentin Skinner, dessen Name eng mit der „Cambridge School“ verknüpft ist. Er plädiert in seinem Beitrag für eine stärkere Zuwendung der Ideengeschichte zur historischen Einordnung, gleichzeitig aber zu einer gewissen Trennung von Text und Autor. Nicht ohne Einschränkung könne schließlich von einer Äußerungen auf die konkrete Autorenmeinung geschlossen werden. Vielmehr lassen sich mit Hilfe der Ideengeschichte „Handlungen beschreiben, nicht Überzeugungen“(S. 61).Weiter verweist Skinner darauf, dass Ideen und Texte in einem ständigen Austauschprozess entstehen. Eine intertextuelle Untersuchung vermag daher erst den einzelnen Beitrag in ein Gefüge von Bezugnahmen und Verflechtungen zu verorten und so ihre Absichten hervorzubringen.

Sean Forner verfolgt in seinem Beitrag schließlich den Pfad einer post-idealistischen Intellektuellengeschichte. Für ihn stehen soziale Umsetzungen und die Repräsentation durch Symbole im Fokus. Anschaulich zeigt er im Anschluss an seine theoretischen Überlegungen zur Wirkung des Imaginären anhand der Debatte über die Herrschaft der Manager nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, welchen Einfluss Vorstellungen und Ansichten auf das Handeln und die öffentliche Meinung haben können.

D. Timothy Goering untersucht in seinem Beitrag die Verknüpfung von Ideen und Handlungen. Seine zentrale Frage lautet dabei: Wie und unter welchen Motiven finden Ideen Eingang in die Praxis? Als essentielle Verknüpfung sieht Goering hierfür „Handlungsgründe“ an. Diese unterscheiden sich elementar von Wünschen und können diesen sogar zuwiderlaufen. Ihre herausgehobene Bedeutung bestehe darin, dass Sie sich als Normen auch nachträglich manifestieren können und somit selbst als Machtmittel dienen. Die Verortung von Handlungsgründen im sozialen Diskurs und in der praktischen Darlegung vermag diese schließlich herauszustellen.

Darius Harwardt plädiert in seinem Beitrag für eine Intellektuellengeschichte, in der der Intellektuelle innerhalb eines begrenzten Rahmens eingeordnet wird, um somit eine Übergewichtung der sozialen Faktoren zu vermeiden. Dabei solle der Intellektuelle in Zirkeln, Milieus und Netzwerken eingebettet werden. Seine Rückwirkung auf gesellschaftliche Prozesse und die Widerspieglung historischer Traditionslinien auch außerhalb eines weit zugänglichen öffentlichen Raumes sei somit deutlich darlegbar. Die Umsetzung dieser Methodik zeigt er anschließend anhand der Wirkungsweise des Netzwerkes um Armin Mohler und Caspar von Schrenck-Notzing. Im Umfeld dieser Protagonisten der Neuen Rechten nach 1945 bewegten sich sowohl Carl Schmitt als auch Franz-Josef Strauß. Anknüpfend an aktuelle Forschungen zeigt Harwardt durch die Untersuchung dieses Netzwerkes auf, dass das Konzept der „kulturellen Hegemonie“(Salzborn 2017: 35 f.) bereits frühzeitig zu den Grundlagen der Neuen Rechte gehörte. Damit rücken insbesondere die Anfangsjahre der Bundesrepublik in den Fokus. Hier bildeten sich schließlich die Ideen einer Neuen Rechten heraus, deren Fortwirken bis heute zwar unbestritten, aber kaum erforscht ist.

Im anschließenden Beitrag widmet sich Emily J. Levine wiederum der Wirkung von Netzwerken. Ihr geht es jedoch vor allem um die Verknüpfung der Ideengeschichte auf lokaler Verbindung und globaler Ebene. Entgegen der Tendenz der letzten Jahre die globale Wirkmacht von Ideen zu untersuchen, plädiert Levine für die Einbindung der lokalen Ebene. Hierbei sieht die Autorin die Universitäten als Orte, in denen Ideen transnationaler und globaler Größenordnung unter lokalen Besonderheiten zur Geltung, Untersuchung und Wirkung kommen. Durch die Einbeziehung des lokalen Kontextes würde die Ideengeschichte sich nicht nur als Geschichte der Gelehrten darstellen, sondern sie würde ebenso einen Schwerpunkt auf die historische Soziologie legen können und somit neue Erkenntnisse fördern.

Marcus Llanques Beitrag widmet sich der Subdisziplin der Genealogie als ideengeschichtliche Methode. Der Autor verweist dabei darauf, dass Ideengeschichte häufig zu stark nach einzelnen Ursprüngen einer Idee gesucht habe. Mit Hilfe der Genealogie vermöge es zu gelingen, die gegenseitige Beeinflussung, Bezugnahme und Anwendung von Begriffen einem erweiterten Fokus zuzuführen. Damit macht sich Llanque für eine prinzipielle Offenheit der Forschung gegenüber manifestierten Interpretationen stark. Er folgt damit seinem eigenen Ansatz, Ideengeschichte als „Archiv und Arsenal“ (Llanque 2008: 2) politischer Theorien zu begreifen. Denn die Untersuchung verschiedener Ursprünge vermag schließlich auch Alternativen zu aktuell vorhandenen Begriffsdeutungen zu geben. Damit könne, bei sich verändernden Umständen, aus einem größeren Fundus an Ideen geschöpft werden, deren Anwendung auch fernab aktueller Fragestellungen und Voraussetzungen getätigt werden kann. Wie sich diese Methodik anwenden lässt und welche Erkenntnisse dadurch gewonnen werden können, zeigt der Autor anhand der Betrachtung des Begriffes Menschenrechte und seiner verschiedenen Ursprünge.

Helge Jordheim widmet sich in seinem Beitrag der zeitlichen Dauer von Ideen. Er geht dabei der Frage nach, welche Bedeutung der zeitlichen Beständigkeit von Ideen bei verschiedenen Autoren beigemessen wird. Identifiziert Jordheim mit Arthur O. Lovejoy einen Vertreter, der die Beständigkeit von Ideen über zeitliche Grenzen hinweg betont, so sieht er in Michel Foucault und Quentin Skinner zwei Autoren, die Ideen an ihren sozialen, historischen und kulturellen Kontext gebunden sehen. Mit Hilfe des Konzept der „deep time“ entwickelt Jordheim schließlich eine Möglichkeit, Zeitachsen wechseln zu können und somit die Dauer und den kulturellen Kontext von Ideen herausarbeiten zu können und damit die Thematisierung der zeitlichen Veränderung von Ideen hervorzuheben.

Abgeschlossen wird der Band mit einem höchst aktuellen Beitrag zur Ideengeschichte im Zeitalter der Digitalisierung von Peter Hoeres. Dieser verweist dabei auf die Möglichkeiten der Frequenzanalyse und die Bedeutung weiterer quantitativer Methoden. Anschließend fragt der Autor in einem kurzen Kapitel nach der Veränderung der Forschungslandschaft durch die Digitalisierung. Begriffe wie „Schwarmintelligenz, Open Access und Big Data“(S. 230) verändern die Forschungslandschaft und bilden auch in der Ideengeschichte sowohl Potential als auch Risiko. Wie mit diesen Phänomenen und den Auswirkungen auf die Ausbildung und Erforschung von Ideen umgegangen werden kann, werden wohl erst zukünftige Studien belegen können. In diesem Bereich befindet sich die Ideengeschichte trotz ihrer langen Tradition erst am Beginn.

Erwähnt sei noch, dass in der Einleitung auch ein Beitrag von Riccardo Bavaj, der sich mit der Thematik „mental maps“ auseinandersetzen sollte, als Teil des Bandes genannt wird. Dieser hätte damit den bereits angesprochenen räumlichen Aspekt ebenso erweitert. Im Band selbst fehlt dieser Aufsatz allerdings.

Diskussion und Fazit

Wie soll und wie kann Ideengeschichte aktuell geschrieben werden? Der Sammelband benennt und vereint eine der Stärken dieser Disziplin: die Methodenvielfalt. Sowohl bei der Untersuchung von der Implementierung von Ideen, wie beispielsweise durch Handlungsgründe (Goering), bei der Betrachtung von Zirkeln, Netzwerken und Wirkungskreisen, die Auskünfte über Verbreitung von Ideen geben können (Harwardt) als auch auf die räumliche und zeitliche Verbreitung von Ideen und ihre Bindung an den lokalen Kontext (Levine und Hoeres) kann das in diesem Sammelband dargelegte Instrumentarium einer aktuellen Ideengeschichte hilfreich sein. Die Autor_innen zeigen anhand unterschiedlichster Beispiele, dass sich die Ideengeschichte als innovative und vor allem interdisziplinäre Wissenschaft begreift. Insbesondere die Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen Idee und Gesellschaft, zwischen Theorie und Praxis, zwischen Vergangenem und Zukünftigem erweist sich dabei als wiederkehrendes Motiv, dessen verschiedenen Ausprägungen durch eben jene Methodenvielfalt beizukommen scheint. Im Gegensatz zu den Jahren um 1900, als Ideengeschichte sowohl inhaltlich als auch methodisch streng abgesteckt schien, ist sie heute eine Disziplin der Pluralität. Einzig die Fokussierung auf Intellektuellen und Gelehrten, die sich auch deutlich im Aufbau des Bandes widerspiegelt, grenzt den Erkenntnishorizont ein.

Das Fach der Ideengeschichte – das vermag der Band deutlich aufzuzeigen – unterlag in den letzten 100 Jahren einem ständigen Wandel, welcher sowohl durch innerdisziplinäre und internationale Anstöße, aber auch durch realpolitische Veränderungen (Nationalsozialismus, Kalter Krieg und Zusammenbruch der Sowjetunion) hervorgerufen wurde. Die Beiträge vermitteln in ihrer Summe damit eine „Ideengeschichte der Ideengeschichte“. Wer sich neben den historischen Entwicklungen auch mit aktuellen Herausforderungen eines Faches befassen möchte, dem sei sowohl als Einstieg, aber vor allem als Anregung zur weiteren Ausdifferenzierung und den Chancen und Möglichkeiten der Ideengeschichte dieser Band empfohlen.

Literatur

  • Llanque, Markus, Politische Ideengeschichte. Ein Gewebe politischer Diskurse, Oldenbourg Verlag: Berlin 2008.
  • Salzborn, Samuel, Angriff der Antidemokraten. Die völkische Rebellion der Neuen Rechten, Beltz Juventa: Weinheim 2017.

Rezensent
Ronny Noak
Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Zitiervorschlag
Ronny Noak. Rezension vom 06.10.2017 zu: D. Timothy Goering (Hrsg.): Ideengeschichte heute. Traditionen und Perspektiven. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3924-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22953.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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