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Tobias Zimmermann: Digitale Diskussionen

Cover Tobias Zimmermann: Digitale Diskussionen. Über politische Partizipation mittels Online-Leserkommentaren. transcript (Bielefeld) 2017. 391 Seiten. ISBN 978-3-8376-3888-2. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 48,70 sFr.

Edition Politik, Band 44.
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Thema

Gibt es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der Qualität klassischer Lesebriefe und der von Online-Kommentaren? Beeinflusst das Medium Internet die Qualität der Äußerungen von Leserinnen und Lesern einer Zeitung – und wenn ja, wie?

Autor

Tobias Zimmermann legt mit dem besprochenen Werk seine Dissertation als Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung vor.

Aufbau

Theorieteil mit einer Einführung in die deliberative Demokratietheorie sowie in die Bedeutung von klassischen Leserbriefen und Online-Leserkommentaren.

Empirischer Teil mit Darstellung dreier eigenständig durchgeführter Studien:

  1. Vergleich zwischen Leserbriefen und Online-Kommentaren zu einer identischen Themenstellung.
  2. Analyse von Online-Leserkommentardebatten. Gesucht wurden Belege für deren deliberative und/oder liberal-individualistische partizipatorische Qualität.
  3. Erneute Auswertung des Datensatzes der zweiten Studie unter Hinzuziehung der Leserkommentare eines Boulevardblattes mit dem Ziel, Indizien zu sammeln dafür, dass der Kontext (hier Boulevardblatt) die Qualität der Äußerungen beeinflusst.

Die Arbeit schließt mit einem Fazit ab.

Inhalt

Die zentralen Ergebnisse der drei durchgeführten Studien sind:

  • Online-Leserkommentare sind ein interaktives Partizipationsmedium, mit dessen Hilfe ihre Nutzer „…in einen zum Teil auch rationalen Dialog miteinander treten.“ (312) Leserbriefe folgen hingegen stärker der für Massenmedien charakteristischen Kommunikationsstruktur, in der sich eine Person an viele richtet, die sie nicht kennt (one-to-many). Wechselseitige Bezugnahmen sind darin eher die Ausnahme.
  • Überraschend ist, dass sich Leserbriefe und Online-Kommentare kaum unterscheiden in ihrer „negativen Tonalität“, also in ihrer Aggressivität und in mangelndem „demokratischen Respekt“. Offen bleibt, inwieweit hierfür eine Vorauswahl der veröffentlichten Kommentare durch die jeweiligen Redaktionen verantwortlich ist. Zimmermann folgert aus seiner Studie, dass das Online-Medium „Leserkommentar“ jedenfalls keine neue Qualität an Negativität und Aggressivität hervorgebracht hat.
  • Die Neigung, in klassischen Leserbriefen unter Hinzuziehung von Begründungen zu argumentieren, ist tendenziell höher als die Neigung, dies in Online-Kommentaren zu tun. (313) Der Unterschied fällt allerdings nicht so deutlich aus, wie erwartet. Selbstkritisch merkt der Autor an, dass Kommentare, die aufgrund bestimmter Schlüsselbegriffe als „begründet“ codiert und ausgewertet wurden, nicht notwendig auch eine hohe Qualität der Aussage aufweisen müssen (317). Diese Qualität ist nicht Teil der Studie.

Zimmermann zeichnet am Ende ein ambivalentes Bild diskursiver Partizipation durch Online-Leserkommentare: Deliberation ist möglich und findet statt, wenn auch auf überschaubarem Niveau. (331)

Diskussion

Mehrfach betont der Autor, einen durchaus noch weiter ausbaufähigen Beitrag zur Weiterentwicklung und Systematisierung der Erforschung von Online-Leserkommentaren leisten zu wollen, also lediglich einen Anfang gemacht zu haben (343). Diesem Anspruch wird der vorliegende Band gerecht. Er gibt einen Einblick in die Online-Deliberationsforschung und diskutiert systematisch auf der Grundlage von 381 ausgewerteten Leserbriefen und 1176 Online-Kommentaren seine Hypothesen.

Leider ist es häufig nicht möglich, die Kategorien Zimmermanns am konkreten Beispiel nachzuvollziehen. So ist unklar, welche konkreten Äußerungen vom Autor in die Kategorie „individueller Protest“ eingeordnet werden. Damit bleibt es unmöglich, sich ein eigenes Bild von der Qualität der Online-Kommentare zu machen.

Fazit

Die vorliegende Dissertation gibt einen breiten Einblick in die Online-Deliberationsforschung und leistet mit ihren drei empirischen Studien einen Beitrag dazu.


Rezensent
Dr. Ralf Vandamme
Politikwissenschaftler
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Zitiervorschlag
Ralf Vandamme. Rezension vom 10.01.2018 zu: Tobias Zimmermann: Digitale Diskussionen. Über politische Partizipation mittels Online-Leserkommentaren. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3888-2. Edition Politik, Band 44. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22955.php, Datum des Zugriffs 21.09.2018.


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