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Inez Maus: Geschwister von Kindern mit Autismus

Cover Inez Maus: Geschwister von Kindern mit Autismus. Ein Praxisbuch für Eltern und Betreuende. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. 200 Seiten. ISBN 978-3-17-032475-6. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.
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Thema

Mittlerweile gibt es vielfältige Literatur, die sich mit Kindern im Autismus-Spektrum befasst. Der Autismus betrifft jedoch nicht nur das Kind selbst, sondern beeinflusst das gesamte Familienleben und somit die Entwicklung der anderen Familienmitglieder. Zu diesen zählen auch die Geschwister. Auf diese richtet Inez Maus in ihrem Buch den Blick. Es wendet sich an Eltern und andere Erwachsene, die mit Menschen im Autismus-Spektrum und vor allem deren Schwestern und Brüdern zu tun haben. Die Autorin möchte für ihre Situation sensibilisieren, sowie Anregungen für den Alltag und das familiäre Zusammenleben geben.

Autorin

Die promovierte Biochemikerin Inez Maus ist Mutter eines Jungen im Autismus-Spektrum und seiner zwei Brüder. Sie ist als Autorin, Bloggerin und Referentin für autismusspezifische Themen tätig.

Entstehungshintergrund

Die Basis für das Buch bilden Vorträge der Autorin zum Thema und ihre persönlichen Erfahrungen. Sie möchte mit ihrem Buch „Wege für ein gelingendes familiäres Miteinander aufzeigen, Fragen beantworten und eine Quelle der Inspiration sein“ (S. 9). In ihrem Vorwort betont Inez Maus die Individualität jeder einzelnen Familie. Sie möchte motivieren, den Fokus vom Idealbild Familie wegzurichten, eine individuelle Bedeutung und eigene Wege zum alltäglichen Umgang zu finden, um tragfähige familiäre Beziehungen zu schaffen.

Aufbau und Inhalt

An den Beginn des Buches stellt Inez Maus einige einführende Gedanken.

In der Einführung in die Betreuung wird dargestellt, wie die Komponenten der Betreuung auch die Geschwisterbeziehung prägen und welche Auswirkungen die Einstellung der Eltern zum autistischen Kind auf die Geschwisterkinder haben können.

Basierend auf einer von der Autorin durchgeführten Umfrage unter Pädagogen und Psychologen widmet sich der folgende Abschnitt der Außensicht auf Geschwister behinderter Kinder. Es werden Auffälligkeiten, die Geschwister zeigen können, aufgezeigt, sowie mögliche Hintergründe und Ursachen beleuchtet. Zudem werden auf Grundlage von Erfahrungsberichten Sichtweisen Außenstehender thematisiert.

Demgegenüber widmet sich der nächste Abschnitt der Familiären Sicht auf die Geschwister. Hier werden familiäre Positionen der Geschwister und die möglichen Auswirkungen dieser auf deren Entwicklung beleuchtet.

Nach diesen einführenden Kapiteln folgen ausführliche Darstellungen von Maßnahmen zum Verhindern eskalierender Situationen:

  • Erläutert werden die Hintergründe von Weglauftendenzen, deren Wirkung auf die Familie, ebenso mögliche Vor- sowie Nachsorgemaßnahmen und Regeln.
  • Im Zusammenhang mit verschiedenen Formen von Öffentlichkeit werden Reaktionen Außenstehender auf Geschwister in kritischen Situationen und mögliche Folgen beleuchtet, sowie Strategien für Eltern und Kindern aufgezeigt. Auch die Frage der Aufklärung des Umfeldes über Autismus wird thematisiert. Zudem wird die Bedeutung der Einbindung und Beachtung aller Familienmitglieder bei der Planung öffentlicher Situationen herausgearbeitet.
  • Die Themen Mobbing durch die Großeltern und der Umgang mit der Nachahmung autistischer Verhaltensweisen werden ebenfalls betrachtet.
  • Bezüglich der Aufklärung der Geschwister über Autismus werden Vorschläge für verschiedene Altersstufen gemacht, sowie Definitionen verschiedener medizinischer Begriffe, praktische Anregungen und Materialien gegeben.
  • Die Bedeutung von Perspektivübernahmen und eines erlernten Gefühlsmanagements für den Umgang mit negativen Emotionen und die emotionale Stärkung der Geschwister werden herausgearbeitet. Es werden unterstützende Materialien und Methoden vorgestellt. Zudem zeigt Inez Maus den Einfluss des familiären Umgangs mit dem Thema Lügen auf das Geschwisterverhältnis und die soziale Bedeutung des Lügens auf. Bezüglich der Nutzung therapeutischer Materialien durch die Geschwister und des gemeinsamen Spieles werden Vorteile, Besonderheiten, sowie die diesbezügliche Rolle der Eltern beleuchtet.
  • Inez Maus entwickelt zudem Gedanken bezüglich eines familiären Nachteilsausgleiches für Geschwister in verschiedenen Altersstufen. Hierbei geht es um Exklusivzeiten und Therapien für die Geschwister, sowie den Umgang mit besonderen Situationen wie Familienfeiern, Besuch von Freunden, Therapien des Kindes im Autismus-Spektrum und Hilfsangeboten durch Brüder und Schwestern.

Im folgenden Kapitel widmet sich die Autorin ausführlich Autistischen Besonderheiten im Kontext der Geschwister. Hierzu zählen unter Anderem das Streben nach Gleicherhaltung der Umwelt, repetitive Handlungen und Interessen, Kommunikationsprobleme, Wahrnehmung, Umgang mit Emotionen und Motorik. Neben kurzen Erläuterungen des jeweiligen Teilaspektes in Bezug auf Autismus, wird der Blick auf die Geschwister und die Rolle der Eltern gerichtet. Inez Maus gibt Anregungen für den Alltag und praktische Beispiele. Dabei gilt für sie der Grundansatz, dass die Aufklärung, Einbindung, sowie Wahrnehmung der Bedürfnisse und Anregungen der Geschwister diesen hilft, Einsichten in die Welt autistischer Menschen zu bekommen und sich mit Lösungsansätzen zu arrangieren. Sie stellt die Bedeutung einheitlicher Regeln und Rituale für alle und des einheitlichen Vorgehens der gesamten Familie dar. Zudem zeigt die Autorin, welche Wirkungen das Miterleben von verschiedenen Situationen und Interventionen auf die Geschwister haben können. Sie stellt die positiven Aspekte des Miteinanders und die Möglichkeiten voneinander zu lernen ausführlich dar.

Der Übertragung von Geschwisterstrategien in den außerhäuslichen Bereich widmet sich das folgende Kapitel. Die Autorin zeigt auf, wie Geschwister Strategien, Fähigkeiten und erlerntes Wissen bezüglich autistischer Besonderheiten auch im öffentlichen Raum nutzen und welche zusätzlichen Aspekte auftreten können. Inez Maus weist auf die Bedeutung von genauer Vorbereitung von Aktivitäten, Notfallplänen, Kompromissen und die Aufklärung der Geschwister hin. Zudem gibt sie Anregungen für Eltern zum Umgang mit Geschwistern in bestimmten Situationen und empfiehlt, diesen Strategien und Handlungsoptionen anzubieten. Dabei richtet sie den Blick bewusst auch auf die positiven Aspekte.

Im abschließenden Kapitel Schlussbemerkung und Ausblick fasst die Autorin zunächst ihre wichtigsten Kernaussagen noch einmal zusammen. Anschließend greift sie Anregungen aus den Fragebögen ihrer Umfrage bezüglich möglicher interner und externer Hilfen für Geschwister auf. Sie weist zudem auf die Notwenigkeit einer größeren Sensibilisierung aller hin, die mit den Geschwistern zu tun haben. Sie zeigt auf, dass es einen Bedarf an präventiven Angeboten ohne bürokratische Hürden und Angeboten für Geschwister gibt.

Im Anhang hat Inez Maus einige praktische Materialien, Literatur und Filme für die Arbeit mit Geschwistern im Kontext Autismus zusammengetragen.

Diskussion

Das Buch ist übersichtlich und strukturiert. Die Kapitel sind einzeln lesbar und informativ. Die Erklärungen zu autismusspezifischen Themen sind kompakt und lassen sich auch in anderen Zusammenhängen gut verwenden. Durch viele Beispiele veranschaulicht die Autorin ihre Ausführungen. Die persönlichen, meist grafisch abgesetzten Berichte aus ihrem eigenen Leben erzeugen Authentizität und Alltagsnähe. Neben möglichen Schwierigkeiten richtet die Autorin den Fokus vor allem auf die positiven Aspekte, Vorteile und Chancen der Geschwisterkonstellation. Sie bietet viele Anregungen und Handlungsimpulse für den Alltag, stellt praktische Materialien und Methoden vor. Ihre Ausführungen haben konstruktiven und motivierenden Charakter.

Da es noch wenig Forschung bezüglich der Geschwister von Kindern im Autismus-Spektrum gibt, greift die Autorin auf persönliche Erfahrungen und Meinungen, den Austausch mit anderen Betroffenen und ihre eigene nicht repräsentative Umfrage als Grundlage zurück. Wie die Autorin in ihrem Vorwort thematisiert, ist jede Familiensituation einzigartig. Diese individuellen Situationen können in ihrer Bandbreite nicht erfasst und keine Patentrezepte gegeben werden. Inez Maus gelingt es jedoch, die Leser anzuregen, ihren Blickpunkt auf die besondere Situation und die Entwicklung aller Kinder einer Familie zu richten.

Fazit

Auf Grund persönlicher Erfahrungen, einer eigenen Umfrage, sowie des Mangels an entsprechender Forschung und Literatur legt Inez Maus in ihrem Buch den Fokus auf „Geschwister von Kindern mit Autismus“. Das Werk richtet sich an Erwachsene, die privat oder professionell mit diesen zu tun haben. Einerseits blickt die Autorin auf das Leben der Geschwister zu Hause und andererseits auf die Besonderheiten im öffentlichen Raum. In kompakten, informativen Kapiteln beleuchtet sie die Hintergründe autistischer Verhaltensweisen, sowie deren Auswirkungen auf das familiäre Zusammenleben und die Entwicklung der Geschwister. Dabei thematisiert sie mögliche Schwierigkeiten, vor allem aber die positiven Aspekte. Durch Erfahrungsberichte, sowie die Vorstellung von Materialien und Methoden, gibt sie Anregungen und Handlungsimpulse für die individuelle Gestaltung des alltäglichen Zusammenlebens und familiärer Beziehungen. Des Weiteren werden Strategien für Eltern und Kinder zum Umgang mit schwierigen Situationen aufgezeigt. Inez Maus motiviert dazu, eigene Wege im alltäglichen Miteinander zu suchen und regt dazu an, den Fokus auf die individuelle Situation und Entwicklung jedes einzelnen Kindes einer Familie zu richten.


Rezensentin
Dipl.-Sozialarb. / Dipl.-Sozialpäd. Anja Karliczek
Schulbegleiterin
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Zitiervorschlag
Anja Karliczek. Rezension vom 05.12.2017 zu: Inez Maus: Geschwister von Kindern mit Autismus. Ein Praxisbuch für Eltern und Betreuende. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-032475-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22957.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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