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Barbara Rittmann, Wolfgang Rickert-Bolg: Autismus. Therapie in der Praxis

Cover Barbara Rittmann, Wolfgang Rickert-Bolg: Autismu. Therapie in der Praxis. Methoden, Vorgehensweisen, Falldarstellungen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. 340 Seiten. ISBN 978-3-17-033048-1. 39,00 EUR.
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Thema

Die Autismus-Therapiezentren sind für die Förderungen von Menschen mit Autismusspektrumsstörungen von großer Relevanz, weil es eine Reihe von spezifischen Therapien gibt, die in das gesellschaftliche Leben helfen. In diesem Buch stellen ExpertInnen aus der Praxis ihre Erfahrungen und Erkenntnisse dar, die über Jahre und Jahrzehnte entstanden sind.

Herausgeberin und Herausgeber

Barbara Rittmann und Wolfgang Rickert-Bolg sind seit Jahrzehnten in Autismus-Therapiezentren tätig. Frau Rittmann leitet das Hamburger Autismus-Institut und Herr Rickert-Bolg ist Leiter in Osnabrück. Beide engagieren sich darüber hinaus in der Fachgruppe Therapie des Bundesverbands Autismus Deutschland.

Aufbau

Das Buch besteht aus zehn Teilen, die wiederum verschiedene Beiträge enthalten:

  1. Grundlagen

  2. Methodenvielfalt in der Autismus-Therapie

  3. Autismus und frühere Interventionen

  4. Autismus und Familie

  5. Autismus und Schule

  6. Autismus und Arbeit

  7. Besondere Themen

  8. Qualitätssicherung der Arbeit der Autismus-Therapiezentren

  9. Rechtliche Grundlagen

  10. Autismus-Therapie aus der Betroffenenperspektive

Inhalt

Teil 1 Grundlagen: Dieser Abschnitt beginnt mit einem Beitrag von Wolfgang Rickert-Bolg, der unter der Überschrift Autismus verstehen zum einen grob umreißt, wie heute das Verständnis von Autismus ist und zum anderen daraus ableitet, was das Grundverständnis/die Grundhaltung in der Therapie sein muss. Vom gleichen Autor schließt sich folgenrichtig ein Beitrag zu ethischen Grundlagen in der Autismus-Therapie an. Dem schließt sich ein Beitrag von Christiane Arens-Wiebel an, die anhand eines Fallbeispiels die therapeutische Vorgehensweise deutlich macht und auch aufzeigt, in welchem Maß das Umfeld mit einbezogen wird. Das reicht bis in das Erwachsenenalter hinein, wenn es sein muss.

Teil II Methodenvielfalt in der Autismus-Therapie beginnt mit einem Beitrag von Christina Müller, die mittels einer Kasuistik beschreibt, was für ein Mix an Methoden im therapeutischen Geschehen erforderlich ist und dass das therapeutische Vorgehen stets an neue Situationen/Entwicklungen angepasst werden muss. Barbara Rittmann geht in ihrem Aufsatz „Die Bedeutung verhaltenstherapeutischer Förderung in Autismus-Therapiezentren“ auf die große Bandbreite von Verhaltenstherapie ein und greift gleichzeitig die (häufig ideologisch) geführte Diskussion zur Applied Behavior Analysis (ABA) auf. Das Spektrum wird anhand des multimodalen Konzepts deutlich. Das Hamburg Autismus-Institut ist 1972 die Geburtsstunde für die späteren Autismus-Therapiezentren gewesen, wo Hartmut Janetzke (Vorgänger von Barbara Rittmann) die Differentielle Beziehungstherapie entwickelte. Barbara Rittmann beschreibt diesen therapeutischen Ansatz und illustriert diesen mit Fallbeispielen. Einen jüngeren Ansatz beschreibt Leila Reineke in ihrem Beitrag „Lernen am Erleben – Erlebnispädagogische Methoden in der Autismus-Therapie“. Am Beispiel von verschiedenen Settings (Einzelsituation, Kleingruppe und Gruppe) beschreibt sie das jeweilige Vorgehen und die Maßnahme. In den Kontext von Körper/Körpererfahrung, Körperbewusstsein und Ausdruck gehört auch der Beitrag von Brit Wilczek: „Bewegung und Ausdruck in der Autismus-Therapie“. Sie beschreibt, welche nicht gleich offensichtlichen positiven Effekte aus einer solchen therapeutischen Vorgehensweise resultieren können. Was in diesem Teil des Buches noch fehlt, ist Musiktherapie zur Unterstützung der „Schlüsselfähigkeiten“ bei autistischen Kindern und Jugendlichen – ein Bericht aus der Praxis, den Renate Wahrmund liefert. Daran wird deutlich, welchen breiten Wirkungskreis dieser therapeutische Ansatz haben kann.

Teil III des Buches hat Autismus und frühere Interventionen zum Inhalt. Christina Müller greift in ihrem Beitrag: „Vom Methodenstreit zum Passungsgedanken: Zur Notwendigkeit von Methodenkombinationen in der Frühtherapie von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung“, die schon an anderer Stelle des Buches geäußerte Methodenpluralität auf. Susanne Lamaye beschreibt praktisch, wie Familienorientierte Frühtherapie in der Praxis umgesetzt wird. Einen bisher in Deutschland unbekannten Ansatz skizziert Barbara Rittmann: „Das Early Start Denver Model (ESDM)“, was vermutlich noch zu vielen Diskussionen in diversen Foren führen wird.

Teil IV Autismus und Familie beginnt mit einem Aufsatz von Oliver Eberhardt zum Thema Elternschaft. Dabei geht es vor allem um die komplexen inneren Prozesse, die Eltern erfahren und die weitreichende Auswirkungen haben können. Anas Nashef zeigt in seinem Beitrag „Multifamilientherapie für Asperger-Betroffene und deren Familien“, dass es Sinn machen kann, simultane Therapiearbeit zu leisten unter Einbezug von Asperger-Betroffenen. Insbesondere Rollen-Diffusitäten und Beziehungskomplexe ließen sich hier vielfach lösen. Daran schließt sich ein Aufsatz von Kathrin Mack zu „Systemisches Elterncoaching und Gewaltfreier Widerstand“ an, wo es darum geht, Eskalationen zu vermeiden trotz einer konfrontativen Positionierung.

Teil V ist mit Autismus und Schule überschrieben, was an sich schon ein Klassiker ist und im Kontext von Inklusion noch viel mehr an Relevanz gewonnen hat. Dementsprechend handelt der Aufsatz von Irmgard Herold von „Hand in Hand für eine gute Beschulung“. Einerseits geht es um die notwendige Sensibilität von Schulen und andererseits um die Unterstützung, die Autismus-Therapiezentren leisten können. Ähnlich akzentuiert ist der Beitrag von Maike Lohmann, die die „Kooperation von Autismus-Therapiezentren mit Beratungsstellen der Schulen“ aufgreift. Ein bisschen stärker auf der Metaebene ist der Aufsatz von Cordula Thiemann zu „Schule als »reizvolles« Lernfeld bei Autismus“ angesiedelt.

Teil VI geht in der Lebenslinie über die Schule hinaus und thematisiert Autismus und Arbeit. Kristina Beese zeigt mit „Erster Arbeitsmarkt – Chancen und Hürden für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung“ einen Überblick. Heinz Heit beschreibt mit „Beratung und Begleitung von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung in Ausbildung und Arbeit“, wie berufliche Teilhabe gelingen kann. Hajo Seng geht besonders auf die Ressourcen ein und skizziert „Fähigkeiten und Potenziale auf dem Weg ins Berufsleben“.

Teil VII ist mit „Besondere Themen“ überschrieben, wobei die Themen gar nicht so besonders sind im Kontext von Gender, aber sich den bisherigen Kategorien nicht zuordnen lassen. Als „Dreifach besonders: Asperger-Syndrom, ADHS, Hochbegabung – Eine Falldarstellung“ hat Barbara Rittmann diese außergewöhnliche Kasuistik überschrieben. Martina Steinhaus greift mit „Therapie für Mädchen und Frauen mit Asperger-Syndrom“ eine Thematik auf, die den besonderen Themen zugeordnet ist, aber eigentlich diesen Status nicht benötigt. Ebenso auch der folgende Beitrag von der gleichen Autorin: „Ganz normal und doch anders. Liebe, Partnerschaft und Sexualität bei erwachsenen Menschen mit Asperger-Syndrom – Ein kurzer Einblick in eine besondere Welt“.

Teil VIII greift die Qualitätssicherung der Arbeit der Autismus-Therapiezentren auf. Irmgard Döringer gibt mit „Zur Diskussion der Wirksamkeit von Autismus-Therapien“ einen Überblick und neben der üblichen Kritik an fehlenden an relevanten Studien in Deutschland weist sie vorsichtig auf die Vielschichtigkeit von therapeutischer Wirksamkeit hin als es sich mittels Evidenzbasierung nachweisen lässt. Wolfgang Rickert-Bolg stellt eine in Auftrag gegebene Studie vor, in der verschiedene Therapiezentren untersucht wurden und Eltern, Betreuer und – wo möglich – auch Klienten befragt wurden.

Teil IX ist mit Rechtliche Grundlagen betitelt und enthält nur 1 Beitrag. Christian Frese skizziert die „Rechte von Menschen mit Autismus unter Berücksichtigung des Bundesteilhabegesetzes (BTHG)“ und verweist auf den Stand 31.01.2017. Das ist insofern besonders relevant, als das BTHG in verschiedenen Phasen umgesetzt wird und zur Anwendung teilweise noch Ausführungen sowie einschlägige Urteile fehlen.

Der letzte Teil X ist auch nur 1 Beitrag. Heide Cohrssen hat sich erst mit 45 Jahren selbst diagnostiziert und dann bestätigen lassen und sie beschreibt die vielen Fragen, die bei ihr entstanden waren und zeigt die Brücken auf, die für sie hilfreich waren.

Diskussion

Das Buch wird seinem Titel „Autismus. Therapie in der Praxis“ gerecht. Es enthält wesentliche Grundlagen der therapeutischen Arbeit, stellt diese umfassend und vertieft dar und illustriert dieses an verschiedenen Stellen mit Beispielen aus der Praxis. Was stutzig macht, sind m.E. zwei fehlende Themenbeispiele: Wohnen wird überhaupt nicht angesprochen und Leben als Erwachsener mit Autismus-Spektrum-Störung wäre auch eine gute Ergänzung gewesen, zumal in manchen Beiträgen dieses Thema als Problem angerissen wird. Mit den beiden genannten Themen könnte jenseits der Fachwelt noch einmal besonders darauf hingewiesen werden, dass es bei vielen Autisten auch jenseits der Volljährigkeit noch (teilweisen) Unterstützungsbedarf gibt, sowohl was die Organisation und Bewältigung des eigenen Lebens aber auch die Teilhabe betrifft.

Das an sich gute Stichwortverzeichnis führt leider ABA nicht auf, was in diversen Beiträgen aber angesprochen wird.

Verwunderlich ist, dass es keinen eigenen Beitrag zu TEACCH gibt, auch wenn es in Deutschland vielfach zur Anwendung kommt, wobei man streiten kann, ob es eine Methode oder eine Haltung ist.

Für Personen, die sich bisher nicht mit Autismus-Therapie befasst haben, ist der Einstieg schwer, denn der Blick ins Internet listet eine Vielzahl weiterer Therapien auf. Das kann dieses Buch natürlich nicht auffangen, aber ein Überblick über gängige Therapieverfahren und deren Kategorisierung wäre hilfreich.

Schließlich wäre aus Sicht des Rezensenten ein Beitrag zur Haltung als Therapeut wichtig. Es klingt an einigen Stellen an, aber gerade auf dem Hintergrund der teilweise sehr kontroversen Therapie- und Methodendiskussion in Deutschland und dem heutigen hermeneutischen Zugang zu Autismus wäre eine solche Skizzierung sinnvoll.

Fazit

Das Buch gibt einen guten Überblick über die Bandbreite der Autismus-Therapie in Deutschland. Es ist für angehende Mitarbeiter_innen in Therapiezentren wie auch für Lehrer_innen, Erzieher_innen und alle, die mit der Förderung von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen zu tun haben, gut geeignet.

Es ist insgesamt gut lesbar und verzichtet auf überzogene wissenschaftliche Termini, führt diese aber auch an, wo sie notwendig sind. In Ergänzung mit anderen aktuellen Publikationen (z.B. Georg Theunissen, Wolfram Kulig, Vico Leuchte, Henriette Paetz (Hrsg.): Handlexikon Autismus-Spektrum, vgl. die Rezension) wird es einen berechtigten Platz als Nachschlagewerk und Informationsquelle einnehmen.


Rezensent
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 06.11.2017 zu: Barbara Rittmann, Wolfgang Rickert-Bolg: Autismu. Therapie in der Praxis. Methoden, Vorgehensweisen, Falldarstellungen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-033048-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22958.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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