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Christine Preißmann: Autismus und Gesundheit

Cover Christine Preißmann: Autismus und Gesundheit. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. 190 Seiten. ISBN 978-3-17-032027-7. D: 25,00 EUR, A: 25,80 EUR.
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Thema

Die Autorin bezieht sich auf das Recht auf Gesundheit im Rahmen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und sieht demzufolge „Gesundheit“ ganzheitlich; das heißt, sie bezieht verschiedene Lebensbereiche wie beispielsweise Arbeit, Wohnen und Umwelt in ihre Überlegungen ein.

Aufgrund ihrer Erfahrung und zahlreicher Anfragen ist die Autorin zu der Überzeugung gekommen, dass autistische Menschen oft keinen ihren speziellen Bedürfnissen entsprechenden Zugang zum Gesundheitssystem haben. Gründe dafür sind zum einen, dass sich Erscheinungsbild und Verlauf einer Erkrankung bei autistischen Menschen oft anders als sonst zeigen. Außerdem gibt es im Gesundheitssystem häufig knappe Zeitvorgaben und wenige Kenntnisse über die in diesem Zusammenhang relevanten Auswirkungen des Autismus.

Das Anliegen der Autorin ist es, sowohl für autistische Menschen als auch für Mitarbeiter im Gesundheitswesen Lösungsvorschläge vorzustellen, um die Zufriedenheit auf beiden Seiten zu erhöhen. Das kann allerdings die Suche nach individuellen Lösungen ihrer Ansicht nach nicht ersetzen. Die Autorin ist selbst Ärztin und Autistin, daher liegt ihr eine Verbesserung der Situation besonders am Herzen.

Aufbau

Das Buch ist folgendermaßen aufgebaut:

  • Vorwort und Einleitung
  • Vorsorge und Gesundheitsförderung
  • Ambulante und stationäre medizinische Versorgung
  • Häufige Begleiterkrankungen: Körperliche Erkrankungen
  • Häufige Begleiterkrankungen: Psychische Erkrankungen
  • Mögliche Ursachen für psychische Komorbidität: schwierige Lebenssituationen und Krisen
  • Barrierefreiheit im Alltag für Menschen mit Autismus
  • Gesundheitspolitische Aspekte und Ausblick

Jedes dieser Kapitel ist in weitere Unterkapitel aufgeteilt. Innerhalb dieser Unterkapitel werden die speziellen Themen meist in Abschnitten über ein bis drei Seiten behandelt, die Themen jedes dieser Abschnitte findet man ebenso im Inhaltsverzeichnis.

Die Autorin stellt die jeweilige Problematik immer kurz allgemein vor und geht dann auf die diesbezüglichen Besonderheiten bei autistischen Menschen ein. Erfahrungsberichte – ihre eigenen oder aus der Literatur – ergänzen die Ausführungen an vielen Stellen.

Ausgewählte Inhalte

Im Folgenden greife ich folgende Abschnitte heraus:

  • aus dem Kapitel „Vorsorge und Gesundheitsförderung“ das Unterkapitel „Hygiene
  • aus dem Kapitel „Häufige Begleiterkrankungen: Psychische Erkrankungen“ beschreibe ich das Unterkapitel „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom“ näher
  • aus dem Kapitel „Barrierefreiheit für Menschen mit Autismus“ greife ich die Abschnitte „Wahrnehmung“ und „Arbeit und Beruf“ heraus.

Vorsorge und Gesundheitsförderung: Hygiene

Dieses Unterkapitel gliedert sich in die Abschnitte „Körperhygiene“; „geschlechtsspezifische Hygiene“ und „Hygiene im Alltag“.

Aufgrund der Besonderheiten bei der Wahrnehmung brauchen autistische Menschen manchmal Unterstützung bei der Anwendung der Hygienemaßnahmen und Informationen über die notwendige Häufigkeit dieser Maßnahmen. Die Autorin wirbt für pragmatische Lösungen, nachdem man in einem gemeinsamen Gespräch die Gründe für eine eventuelle Problematik herausgefunden hat. Ein Erfahrungsbericht ergänzt die Ausführungen: Ein Kind weigerte sich immer wieder, frische Socken anziehen. Im Gespräch stellte sich heraus, dass die frischen Socken sich für das Kind immer unangenehm und kalt anfühlten. Den Vorschlag eines Teilnehmers, die Socken vor dem Anziehen auf die Heizung zu legen, akzeptierte das Kind begeistert.

Ähnlich pragmatisch beschreibt die Autorin die Probleme in den anderen Bereichen, wobei sie die Dinge detailliert vorstellt und auch beim Namen nennt. Sie plädiert dafür, die Betroffenen explizit über alles Notwendige zu informieren, auch über Dinge, die scheinbar selbstverständlich sind. Der autistische Mensch sollte Unterstützung dabei bekommen, seine individuellen Vorlieben und Bedürfnisse (Gerüche usw.) herauszufinden. Es ist zu beachten, dass eine eventuelle Problematik in diesem Bereich unabhängig von der Intelligenz eines autistischen Menschen ist.

Häufige Begleiterkrankungen: Psychische Erkrankungen; Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom

Die Symptomatik des AD(H)S wurde früher vor allem als Erziehungsproblematik verstanden, seit den Siebziger Jahren ist es in der ICD als Erkrankung aufgenommen, seit 2003 auch für Erwachsene. Die Kernsymptome der AD(H)S sind häufig auch Begleitsymptome bei Autismus, es bestehen vor allem im Kindes- und Jugendalter viele Überlappungen, was die Diagnostik erschwert.

Die Autorin beschreibt dann in Stichpunkten die Symptomatik. Im letzten Teil dieses Abschnitts geht sie kurz auf die Diskussion darüber ein, warum ADHS heute mehr als früher zutage tritt. Sie erwähnt auch, dass die Gabe von Stimulanzien im Rahmen der medikamentösen Behandlung nach neuen Erkenntnissen das Risiko für verschiedene Abhängigkeiten nicht, wie früher angenommen, erhöht, sondern sich zu verringern scheint. Allerdings verzichtet sie hier auf eine Quellenangabe.

Das Kapitel endet mit einem Erfahrungsbericht einer von beiden Diagnosen betroffenen Frau.

Barrierefreiheit für Menschen mit Autismus: Wahrnehmung, Arbeit und Beruf

Die Autorin fordert, dass der Begriff der Barrierefreiheit sich nicht nur auf Menschen mit Gehbehinderungen beschränkt, sondern auf Menschen mit anderen Behinderungen und auch auf Menschen mit Autismus ausgedehnt wird. Das kann beispielsweise im Bereich Schutz vor Reizüberflutung bedeuten, akustische oder visuelle Hilfsmittel oder auch Hilfen zur Strukturierung des Alltags.

Arbeit und Beruf: 80-90 % der Menschen mit Asperger-Syndrom sind von Arbeitslosigkeit betroffen. Während man das früher für unvermeidlich hielt, gibt es heute Bestrebungen, die speziellen Fähigkeiten und Ressourcen dieser Personen zu berücksichtigen, da diese im Arbeitsleben eine positive Rolle spielen können.

Die Autorin gibt konkrete Tipps, wie die Einarbeitung gestaltet werden kann, beispielsweise sollten die wichtigsten Hinweise schriftlich zusammengefasst werden, damit sie dann nochmals in Ruhe durchgelesen werden können; in den Pausen sollte ein ruhiger Ort zur Erholung zur Verfügung gestellt werden; reizreduzierte Arbeitsplätze sind meist günstiger. Auch ihre anderen Vorschläge sind konkret und werden kurz und klar dargestellt.

Diskussion

Die Autorin referiert sachlich und zählt die Punkte, die für sie aufgrund ihrer reichen Erfahrung im Bereich Autismus und Gesundheit für wichtig hält, stringent auf.

Den Anspruch, potentiell strittige Punkte zu diskutieren und/oder ihren Standpunkt ausführlicher zu begründen, hat sie nicht. Ihrem Anliegen, die Problematik deutlich zu machen und den autistischen Menschen und den Mitarbeitern im Gesundheitswesen Lösungen vorzuschlagen, wird die Autorin voll und ganz gerecht.

Fazit

Dieses Buch kann autistischen Menschen und Beschäftigten im Gesundheitswesen wertvolle Hinweise liefern. Es informiert über Problematiken, die bei autistischen Menschen im Zusammenhang mit Gesundheit häufig vorkommen, und bietet konkrete Anregungen für Lösungsmöglichkeiten. Das detaillierte Inhaltsverzeichnis ermöglicht es, Informationen zu einem bestimmten Bereich schnell zu finden.

Da die Autorin Gesundheit ganzheitlich versteht und auch Barrierefreiheit in den Lebensbereichen Schule, Wohnen und Arbeit thematisiert, können auch Angehörige und Beschäftigte in anderen Bereichen, die mit autistischen Menschen zu tun haben, von der Lektüre profitieren.


Rezensentin
Ortrud Aden
M.A. Sonderpädagogik und Rehabilitationswissenschaften, z. Z. Tätigkeit in einer Autismusambulanz
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Zitiervorschlag
Ortrud Aden. Rezension vom 06.11.2017 zu: Christine Preißmann: Autismus und Gesundheit. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-032027-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22959.php, Datum des Zugriffs 22.11.2017.


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