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Gudrun Jecht, Elke Kauka (Hrsg.): Spielerisch arbeiten. Transaktions­analytische Therapie (...)

Cover Gudrun Jecht, Elke Kauka (Hrsg.): Spielerisch arbeiten. Transaktionsanalytische Therapie mit Kindern und Jugendlichen. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2017. 252 Seiten. ISBN 978-3-95571-632-5. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR.
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Thema

In diesem Buch wird therapeutisches Arbeiten durch Spielen als hochwirksame und indizierte Methode der Kinder- und Jugendtherapie vorgestellt. Aucht Autorinnen und ein Autor erläutern und begründen anhand von Fallbeispielen ihre entsprechende therapeutische Herangehensweise. Alle arbeiten sie mit Konzepten und Methoden der Transaktionsanalyse (TA).

Wenn Kinder nach der Therapiestunde den Eltern sagen, sie hätten nur gespielt, könne leicht der Verdacht fehlender Ernsthaftigkeit seitens des therapeutischen Bemühens entstehen. Diesem Umstand und der Feststellung, dass wenig Literatur zu Kinder- und Jugendtherapie verfügbar sei, wollen die Herausgeberinnen Rechnung tragen, indem sie uns Lesenden und spezifisch auch interessierten Therapeutinnen und Therapeuten einen umfassenden Blick hinter die Kulissen verschiedener Therapiezimmer gewähren.

Herausgeberinnen

Dr. med. Gudrun Jecht ist Kinderärztin für Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik. Sie ist langjährige Lehrtrainerin und Lehrsupervisorin für Transaktionsanalyse. Nach langjähriger kinderärztlicher Tätigkeit arbeitet sie als kassenärztlich niedergelassene Psychotherapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Elke Kauka ist Diplomsozialpädagogin (FH), niedergelassene Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Lehrtrainerin und Lehrsupervisorin für Transaktionsanalyse unter Supervision und Traumatherapeutin.

Autorinnen und Autor

Die weiteren Autorinnen und der Autor haben alle einen transaktionsanalytischen Hintergrund und arbeiten entweder in Italien oder in Deutschland als Kinder- und JugendtherapeutInnen.

Entstehungshintergrund

Die beiden Herausgeberinnen haben das Buchprojekt aus dem Anliegen heraus, die spielerischen Methoden ihrer therapeutischen Arbeit als hochpotente und notwendige Interventionen interessierten Fachpersonen auf anregende Weise näher zu bringen, in Angriff genommen. Sie fanden innerhalb der transaktionsanalytischen Szene in Italien und Deutschland gleichgesinnte motivierte Kolleginnen und Kollegen, welche ihre je individuellen Vorgehensweisen anhand von Fallbeispielen vorzustellen bereit waren.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in folgende fünf Kapitel:

  1. Lebens- und Kommunikationsmuster von Kindern und Jugendlichen
  2. Die Physis – Quelle für Wachstum und Entwicklung
  3. Die Befreiung der Physis – Ziel des therapeutischen Handelns
  4. Lebens- und Überlebensgeschichten von Kindern und Jugendlichen
  5. Begleitende Elternarbeit

Die ersten zwei Kapitel des Buches, welche überwiegend von den beiden Herausgeberinnen verfasst wurden, beinhalten eine kompakt gefasste Einführung in wichtige transaktionsanalytische Konzepte und Denkweisen, um auch Fachpersonen, welche weniger mit Transaktionsanalyse vertraut sind, das Verständnis der folgenden Fallbeispiele und Interventionsplanungen zu erleichtern.

Im dritten Kapitel führen die AutorInnen sehr differenziert in die Bedeutung der Befreiung der sogenannten „Physis“, also der individuellen Lebensenergie ein.

In den letzten beiden Kapiteln werden die Fallbeispiele unter Berücksichtigung thematischer Schwerpunkte aneinandergereiht, so dass die Lesenden sowohl auf der Metaebene, wie auch auf der Mikroebene des einzelnen Falles einem roten Faden folgen können.

Zu 1.

(Lebens- und Kommunikationsmuster von Kindern und Jugendlichen)

Die transaktionsanalytischen Grundkonzepte werden in diesem Kapitel mit Bezug auf die ersten Beschreibungen aus der Pionierzeit durch deren Begründer Eric Berne, sowie auch auf wegweisende aktuelle Weiterentwicklungen vorgestellt.

Die Ich-Zustände, mit welchen das transaktionsanalytische Persönlichkeitsmodell erläutert wird, bildet eine Matrix für die weiteren konzeptuellen Darlegungen.

Darauf aufbauend folgen die Kommunikationsmodelle der Transaktionsanalyse und sogenannte „Psychologische Spiele“ (manipulative Manöver) zwischen Interaktionspartnern, welche zu erkennen für eine fruchtbare Therapie unabdinglich sind.

Im Weiteren werden die intrapsychischen Dynamiken erläutert, angefangen bei den Grundbedürfnissen über die Lebensmotivation hin zu Gefühlen und individuellen selbstbestätigenden Mustern. Dem vertieften Verständnis von Aggression als eine emotionale Ausdrucksform wird besonders Aufmerksamkeit geschenkt, da zum Beispiel Jugendgewalt ein Phänomen ist, welches gesellschaftliche Verunsicherungen auslösen und in der Folge pauschalisierte stigmatisierende Wirkung auf Betroffene haben kann.

Die Herleitung des Aufbaus eines individuellen Lebensplans, des sogenannten „Skripts“ bildet einen weiteren Schwerpunkt, durch den die Prägungsgeschichte eines jeden Menschen in einer tiefenpsychologischen Sichtweise verstanden werden kann. Herausgehoben wird an dieser Stelle eine diagnostische Herangehensweise mit Hilfe einer Typologie von Skripttypen, welche helfen kann, gewisse Verhaltensmotivationen von Klienten und Klientinnen besser verstehen zu können.

Besonders bedeutsam für das Grundthema des Buches ist selbstredend das theoretische Ausleuchten der Eltern-Kind-Beziehung unter dem Aspekt von Bindungsqualität und möglichen symbiotischen Verknüpfungen.

Abgerundet wird diese Einführung in die für transaktionsanalytisch arbeitende Fachpersonen sehr hohe Bedeutung der Vertragsarbeit. Dabei geht es sowohl um Formverträge wie auch um Beziehungs- und Prozessverträge, welche Schutz, Erlaubnis und Verantwortung geben sowie Rollen zuordnen. Damit wird auch die Rahmung eines übergeordneten Verständnisses durch ein humanistisches Menschenbild noch einmal deutlich gemacht.

Zu 2.

(Die Physis – Quelle für Wachstum und Entwicklung)

Vorbereitend auf das dritte Kapitel wird hier eine auf Eric Berne zurückgehende, in der späteren TA-Literatur aber wenig weitergeführte philosophische Annahme beschrieben, die besagt, dass jeder Mensch über eine innewohnende Kraft zur Umsetzung eigener Wünsche Bedürfnissen und Sehnsüchten verfüge, einem „heimlichen Garten“ gleich, in dem er oder sie so sein kann, wie er oder sie sein will. In der Psychotherapie müsse es darum gehen, den Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen zu helfen, ihre „geheimen Gärten“ wieder bewusst und nutzbar zu machen.

Zu 3.

(Die Befreiung der Physis – Ziel des therapeutischen Handelns)

Der therapeutische Weg zur Wiedererlangung und Befreiung der Physis wird mit Methoden namens „Rechilding“ und „Childing“ begangen. Beim Rechilding geht es darum, über Regressionserfahrung in Gruppen „eine neue Vergangenheit in der Gegenwart als Unterstützung für die Zukunft zu kreieren“ (S. 89). Mit Hilfe von Entwicklungsstufen der ersten 20 Lebensjahre lässt sich beobachten, wo mögliche Blockaden in der Biografie zu verorten sein könnten.

Damit diese Rückgewinnung der eigenen Kraft auch nachhaltig gelingt, bedarf es während der Befreiung des Kindes eines erlebbaren Schutzes von aussen wie auch einem Aufbau eines Selbstschutzes von innen her. In dieser Arbeit, in der Fachsprache „Beeltern“, isoliert man einschränkende verinnerlichte Botschaften, um sie mit gezielten Erlaubnissen zu entschärfen.

Im Geiste der sogenannten „drei Ps“ (Permission, Protection, Potency) kann eine unterstützende, aber auch bekräftigend zutrauende Beziehung angeboten werden, welche im Prozess ihre heilsame Wirkung entfalten kann. Beispielhaft wird ein Selbstbehauptungstraining für Mädchen und Frauen mit kognitiver Beeinträchtigung vorgestellt.

Ein Herzstück des Buches bildet das Kapitel 3.3 Kreative Methoden in der Therapie (S. 110). „Spielen ist Erleben und Handeln. Der Definition nach ist es zweckfrei, was bedeutet, es findet freiwillig und ohne Ergebnisziel statt. Der Verlauf sollte spannend, freudvoll, befriedigend und angenehm sein. Spiel ist aus dieser Sicht ein häufig befriedigendes emotionales Erlebnis und stillt die psychischen Grundbedürfnisse nach Struktur, Stimulierung und Anerkennung.“ (S. 110) Dieser Prämisse folgend wird unter Rückbezug auf klassische psychologische Literatur von u.a. Donald Winnicott, Anna Freud und Otto Kernberg differenziert und mit Beispielen unterlegt gezeigt, welche Bedeutung Symbolspiele, Rollenspiele oder Regelspiele in der Therapie haben.

Nun werden Methoden wie Bilder malen, Geschichten erzählen und Schreiben anhand einzelner Fallbeispiele differenziert vorgestellt. Dabei wird neben den konkreten Interventionen, Dialogsequenzen und Illustrationen stets auch die transaktionsanalytische Haltung der Arbeit mit dem ganzen System auf Augenhöhe transparent gemacht. Die Fallbeispiele werden sorgfältig mit Hinweisen zu Anamnese und ICD-10-Diagnosen unterlegt.

Zu 4.

(Lebens- und Überlebensgeschichten von Kindern und Jugendlichen)

Depressionen bei Kindern und Jugendlichen, Bindungsstörungen, emotionale Störungen, sowie auch posttraumatische Belastungsstörungen werden anhand von Fallbeispielen anamnestisch und diagnostisch mit transaktionsanalytischen Konzepten und der Auswertung projektiver Tests ausführlich ausgeleuchtet. Im Folgenden werden die Therapieverläufe inklusive der Zusammenarbeit mit Eltern illustriert und evaluiert. Wir erfahren viel über die je individuellen therapeutischen Herangehensweisen, ohne gleichzeitig die Gemeinsamkeiten in der humanistischen Grundhaltung und Gewichtung bezüglich der Autonomieförderung zu verlieren. Die therapeutische Arbeit mit Bildern, Geschichten und Rollenspielen wird sehr transparent in Bezug auf Indikation und Wirkung ausgebreitet.

Zu 5.

(Begleitende Elternarbeit)

Dieses Kapitel rundet die mehrperspektivische Absicht der Herausgeberinnen ab, indem die Elternarbeit als sinnvoll und notwendig postuliert wird. Einerseits sind da die Scham- und Schuldgefühle, welche von Therapeutinnen und Therapeuten verstanden und respektiert werden müssen, damit ein produktiver Therapieprozess überhaupt erwartet werden kann. Anderseits hilft es, sich Hypothesen über die verschiedenen Erziehungsstile und Beziehungsangebote der jeweiligen Eltern zu machen, um die Verhaltensweisen der Kinder und Jugendlichen besser einordnen zu können. Im Weiteren wird der heute sehr veränderten Formen der Elternschaft Rechnung getragen und abschliessend noch einmal transaktionsanalytisch die Herausbildung, das Wesen und die Wirkung des Eltern-Ichs dargelegt.

Diskussion

Die Herausgeberinnen und ihre Mitautorinnen und der Mitautor zeigen auf beeindruckende Weise mit viel Verstand und Herz, wie wichtig und wegweisend eine kinder- und jugendlichengerechte Therapie für die Betroffenen sein kann. Da die beiden Initiantinnen des Buches aus Überzeugung und mit viel Erfahrungshintergrund transaktionsanalytisch arbeiten, scheint es mir auch sehr sinnvoll zu sein, die Transaktionsanalyse als theoretische Basis dem Buch zugrunde zu legen. Daraus ergibt sich jedoch auch eine beachtliche Herausforderung, wie mit dem potentiellen Lesepublikum umzugehen ist. Das Buch ist ja an Therapeuten und Therapeutinnen gerichtet, welche mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Für diejenigen, welche also die Transaktionsanalyse nicht gut kennen, gibt es eine ausführliche Einführung, welche beinahe das halbe Buch umfasst. Die Lektüre dieser Kapitel hinterlässt bei mir einen zwiespältigen Eindruck, da bestimmte Konzepte, wie beispielsweise die Kommunikationsanalyse meines Erachtens zu ungenau und letztlich unsorgfältig dargestellt wird. Dies mag dem Kompromiss geschuldet sein, dass es ja „nur“ um eine rudimentäre Einführung gehen soll, aber gerade da besteht die Gefahr, dass die Komplexität dieser theoretischen Vorlagen unberücksichtigt bleibt. Nun können viele Fachpersonen sicherlich auch zwischen den Zeilen lesen und sich die Lücken selber füllen, trotzdem besteht die Gefahr, dass transaktionsanalytische Modelle als oberflächlich verstanden werden könnten.

Fazit

Dieses Werk überzeugt durch eine sehr leidenschaftlich transportierte Botschaft des AutorInnenteams. Kindern und Jugendlichen kann unter Einbezug altersgerechter Methoden nachhaltig geholfen werden, ihren Lebensweg autonom zu gestalten und zu bewältigen. Einer durchaus berechtigten Sorge, dass mangels entsprechend aufklärender Literatur die Bedeutung des „Spielens“ in der Therapie unterbewertet bleibt, wird hier beherzt begegnet.

Die Stärken des Buches liegen in der Sorgfalt und Offenheit, mit welcher die Fachpersonen uns Lesenden einen tiefen Einblick in ihre therapeutische Arbeit und ihr Denken gewähren.


Rezensent
Richard Jucker
Sozialarbeiter FH, Transaktionsanalytiker, Dozent an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften, Dep. Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Richard Jucker. Rezension vom 11.10.2017 zu: Gudrun Jecht, Elke Kauka (Hrsg.): Spielerisch arbeiten. Transaktionsanalytische Therapie mit Kindern und Jugendlichen. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2017. ISBN 978-3-95571-632-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22960.php, Datum des Zugriffs 12.12.2017.


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