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Mirjam Zels: Fast wie Freunde

Cover Mirjam Zels: Fast wie Freunde. Kunstanstifter Verlag (Mannheim) 2017. 44 Seiten. ISBN 978-3-942795-51-7. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
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Thema

Angst ist ein Gefühl, das jeder kennt - sie gehört zu den menschlichen Grundgefühlen. Angst hat den eigentlichen Sinn vor Gefahren zu warnen und sie erzieht uns zur Vorsicht. Angst spielte in der Evolution als Warn- und Schutzmechanismus eine wichtige Rolle. Sie half dabei, Bedrohungen zu erkennen und entsprechend zu reagieren.

Zu den Ängsten, die bei Kindern im Laufe der normalen Entwicklung auftreten und für den geistigen und emotionalen Reifeprozess wichtig sind, gehört die Angst vor der Dunkelheit, oft verbunden mit der Angst vor einem Monster unter dem Bett oder im Schrank. Auch die Angst vor unbekannten Menschen und Tieren oder vor Hexen und Geistern aus Bilderbüchern gehört zur normalen Entwicklung eines Kindes. In verschiedenen Entwicklungsphasen ist die Angst folglich mehr oder weniger präsent.

Bewältigung/Überwindung von Angst gehört zu unseren Lebensaufgaben. Kinder, die sich hierbei schwertun, brauchen sensible, kreative Unterstützung, um auf diese Weise freier zu werden und sich freier entfalten zu können. Gute Kinderbücher sind also höchst willkommen!

Autorin

Mirja Zels absolvierte eine Ausbildung in Illustration und Grafikdesign in Dresden, Hamburg, Nürnberg und Tel Aviv. Sie arbeitet als selbstständige Illustratorin in Hamburg.

Aufbau

Das auf 42 Seiten illustrierte und dabei mit sehr kurzen Texten versehene, hochkarätig verarbeitete Buch, das dem Namen des Verlages allein hierdurch bereits alle Ehre macht, wird die Angst-Geschichte von Sophie erzählt. Alle Bilder sind hauptsächlich in zarten braunen, beigen, grünen Farben gehalten. Das Buch vermittelt auf diese Weise die Atmosphäre, wie sie nachmittags an sonnenarmen Herbsttagen typisch ist. Es liegt sozusagen etwas in der Luft …

Inhalt

Sophie lebt irgendwo in einer Stadt, in der auf den ersten Blick alles in Ordnung ist. Das Mädchen hat es schwerer als alle anderen Kinder, denn es plagt sie die Angst in einem besonderen Maße. Zunächst findet Sophie keine Erklärung für ihren niedergeschlagenen Zustand. Dann aber entdeckt sie – allein mit sich im Haus – die Ursache: Es ist die Angst, die ihr bislang sprichwörtlich im Nacken saß. Dieser stellt sich Sophie, schüttelt sie gewissermaßen ab, um ihr gegenübertreten zu können, statt sich von ihr lähmen zu lassen. Nach und nach macht sie dabei die Erfahrung, dass es gut ist, der Angst nicht alles zu überlassen. Sophie wird so nicht angstfrei (was auch nicht gut wäre …), sie hält sich die Angst lediglich etwas vom Leibe, akzeptiert sie als – weniger mächtigen – Begleiter. Letztendlich sind sie „fast wie Freunde“.

Auch einige Leute in der Stadt – Erwachsene, die ihre Angst nie wahrhaben wollten – scheinen einen etwas anderen Umgang mit der Angst gewählt zu haben, denn sie bewegen sich unverkrampfter, sind etwas lockerer im alltäglichen Umgang miteinander und wagen auch schon mal ein Lächeln.

Diskussion

Die Angst nimmt in diesem sehr gekonnt illustrierten Buch Gestalt an und zeigt auch später Gesicht. Der Herausforderung, einem (fast) unsichtbaren Gefühl das passende Bild zu verleihen, stellt sich Mirjam Zels, indem sie schwarze fell- bzw. tuchähnliche Streifen im Nacken- und Gesichtsbereich der Menschen zeichnet. Durchaus gelungen ist diese Metaphorik bei Sophie, denn bei ihr ist die Angst ein größeres, an ein tierähnliches Wesen erinnerndes größeres Gebilde, das sich beharrlich an ihrer Kopf-, Nacken-, Schulter- und Rückenpartie geradezu festklammert (und somit glaubhaft Ballast darstellt). Bei den Erwachsenen verkümmern die „Angstflecken“ mitunter zu kaum erkennbaren Facetten der Illustration.

Sophies Erleben ändert und bessert sich allein dadurch, dass sie sich eines Tages – allein (!) – nicht mehr gegen ihre Angst auflehnt, sondern sie zulässt und damit Distanz schafft. Damit verliert die Angst ihre große Macht, ohne sich völlig aufzulösen. Die Angst wird in der Geschichte zu einer (wenn auch dunklen) Gestalt, die Gesichtszüge trägt, Arme und Beine hat – zu einem Wesen, mit dem man durchaus die Zeit verbringen kann, ohne von diesem dominiert und zur Ohnmacht gezwungen zu werden.

Psychiatrische/psychologische Behandlungs- und Interpretationsansätze finden hier eine bildhafte Umsetzung. Es gehört in der Tat zu den wesentlichen Bausteinen einer erfolgreichen Angstbewältigung (und dies gilt für Jung und Alt), dass man nicht vor ihr wegläuft, sich ihr vielmehr stellt. Angst muss man (zunächst) aushalten, um sie dann (partiell) loswerden und ihr in die Augen sehen zu können. Nur so verliert Angst ihre bizarre Maske.

Die Idee, solche Erkenntnisse zum Gegenstand einer Geschichte für Kinder zu machen, ist sehr gut und nur zu begrüßen.

Dennoch seien drei kritische Aspekte angemerkt, die den Rezensenten etwas ins Grübeln versetzten:

  1. Warum um alles in der Welt sind ausgerechnet die beiden Ärzte, die Sophie wegen ihrer Beschwerden untersuchen (und ihr letztlich nicht helfen können), die mit Abstand ‚hässlichsten‘ Menschen (wie überhaupt die Darstellung der Erwachsenen im gesamten Buch gewöhnungsbedürftig ist)? Vergessen wir nicht: In vielen Fällen sind spätere Behandler von stark ausgeprägten Kinderängsten auch Mediziner. Droht sich da evtl. ein angstbesetztes Bild von Ärzten (ungewollt) frühzeitig zu etablieren?
  2. Die Wende stellt sich für Sophie ein, indem sie sich allein ihrer Angst stellt, sie zulässt, um sie dann erfolgreich abzulegen … Das ist in den Anfängen von Angstbewältigung selbst bei Erwachsenen der „Königsweg“. Angstüberwindung erfordert in aller Regel zunächst Begleitung. Dass Sophie – offensichtlich als Reaktion auf ihr Leiden – es unvermittelt allein wagt, ist zumindest als ausgesprochen mutig zu bezeichnen. Unklar bleibt auch, was schließlich bei Sophie dazu geführt hat, sich dem Gefühl zu stellen.
  3. Und schließlich die Farben: Als Tenor ist die oben beschriebene farbliche Gestaltung genial. Zum Schluss wagt Sophie ein zartes Lächeln. Etwas mehr Licht (Sonne) hätte dem Ende gutgetan.

Fazit

Kindgerechte Bücher zum Thema Angst sind Wagnis und Abenteuer, denn hier müssen Texter und Illustratoren alles geben. Nicht umsonst gibt es so wenige gelungene Kinderbücher zur Angst.

Mirjam Zels schafft es, mit brillanten Illustrationen, einer (wenn auch zunächst etwas sperrigen) Metaphorik und einem versöhnlichen, glaubhaften Abschluss zu dem Ziel zu kommen, Kindern die Angst (etwas) zu nehmen.

Sophie trinkt (wie auf dem Titelbild dargestellt) zum Schluss in entspannter Atmosphäre eine Tasse Tee (oder Kakao) mit der Angst. Das Ende ist glaubhaft. Und das ist mehr als anerkennenswert – das ist Kunst!


Rezensent
Thomas Hax-Schoppenhorst
pädagogischer Mitarbeiter der LVR-Klinik Düren, Sachbuchautor, Herausgeber, Erwachsenenbildner
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Zitiervorschlag
Thomas Hax-Schoppenhorst. Rezension vom 18.10.2017 zu: Mirjam Zels: Fast wie Freunde. Kunstanstifter Verlag (Mannheim) 2017. ISBN 978-3-942795-51-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22961.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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