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Stephanie Witt-Loers: Nie wieder wir (Frauen nach dem Tod ihres Partners)

Cover Stephanie Witt-Loers: Nie wieder wir. Weiterleben von Frauen nach dem Tod ihres Partners. V&R unipress (Göttingen) 2017. 215 Seiten. ISBN 978-3-525-40278-8. D: 15,00 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 20,90 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Wahrscheinlichkeit für Frauen zu verwitwen liegt höher als für Männer. Nun richtet die Autorin den Hauptfokus auf jüngere Frauen, deren spezifische Sorgen als junge Mutter, als Alleinstehende und ihre Neuausrichtungen. „Das ist nicht wahr, das kann nicht sein!“ sind Gedanken der Betroffenen, wie sie der Autorin als professioneller Trauerbegleiterin begegnen. Sie selber lebt mit ihrem Mann und Kindern, hat verschiedene Studiengänge absolviert, praktische Erfahrungen gesammelt und leitet in NRW ein eigenes Institut, in dem sie Einzel- und Gruppenarbeit für Trauernde sowie Fortbildungen anbietet. Sie hat in den letzten Jahren bereits ein halbes Dutzend Bücher zum Thema verfasst – auch sehr spezielle, wie Kinder und Jugendliche diesen Verlust erleben und was sie brauchen. (Home-page: www.dellanima.de). Zum Titelthema „Nie wieder wir“ wünscht Witt-Loers Trauernden, mit dem Riss in ihrem Herzen leben (siehe Cover) und wieder zu einem erfüllten, anderen Leben finden zu können.

Aufbau und Inhalt

In acht zusammenhängenden und übersichtlich gegliederten Kapiteln werden zentrale, oft heikle Fragen angedacht, nacherlebbar gemacht und Bewältigungsschritte aufgezeigt.

  1. „Du fehlst …keine gemeinsame Zukunft … Zärtlichkeit und Sex“.
  2. Trauerreaktionen, Vermächtnisse und Erinnerungspflege.
  3. Was erwartet und was bietet die Gesellschaft? Ämter, Beruf, finanzielle Not.
  4. Todesumstände: Unfall oder Krankheit. Geheimnisse, z.B. fremdgegangen. Suizid.
  5. Was hilft mir weiter zu leben?.
  6. Alleinstehend und alleinerziehend. Blick auf die Kinder und ihre Trauer.
  7. Neuer Kontakt, neue Partnerschaft, aber wie?
  8. Wie bekomme ich menschlichen Zuspruch und praktische Hilfen (statt Sprüchen und Forderungen)?

Stephanie Witt-Loers spricht ihre LeserInnen fast immer direkt an, redet weniger über sie. Außerdem lässt sie in jedem Kapitel die Frauen selbst ausführlich ihre Geschichte erzählen und dadurch die vielfältige Problematik sehr konkret und greifbar werden.

Beispielsweise schreibt sie auf S. 88: „Wenn Sie spüren, dass Sie sich vorwiegend negativ mit ihrem Mann verbunden fühlen (z.B. ihn verherrlichen, er immer noch neben Ihnen steht und Ihnen sagt, was Sie falsch machen, er Ihnen ‚verbietet‘, neue Beziehungen einzugehen), empfehle ich Ihnen professionelle Unterstützung.“

Detailgenau macht die Autorin Mut, sich zu fragen: „Wo und wie haben Sie sich gut aufgehoben gefühlt?, in welchen Lebensbereichen weniger? Wo wurde Ihr Selbstbewusstsein gestärkt, wo geschwächt? Welche eigenen Interessen, Freunde hatten Sie?, was haben Sie gemeinsam unternommen? Haben Sie einen Seelenverwandten verloren?“ (S. 53)

Hier nun ein längerer Auszug aus der krassen Geschichte von Christina: sie war 20 Jahre, als Michael sich mit 21 Jahren das Leben nahm. Die gemeinsame Tochter war gerade sechs Monate alt. Die Trauernde schrieb es als Brief an ihn nieder: „Ich schaute dich an und wusste, dass es Schicksal ist. Du bist damals mein erster Freund gewesen und gleichzeitig meine erste große Liebe … dass wir sogar zusammen ein Kind bekommen. Für mich war klar, dass wir füreinander geschaffen waren. Du, ich und unser kleiner Sonnenschein … Mit meiner rosaroten Brille habe ich leider nicht erkannt, dass unser Familienglück zum Scheitern verurteilt war. Gespürt habe ich es schon länger, dass irgendetwas mit dir nicht stimmte. Als ich schwanger war, hast du viel geraucht und immer wieder zu viel getrunken. Du mochtest nicht viel sprechen und deine Stimmung war oft sehr trüb … warst dann ein stolzer Vater, hast die Kleine geknuddelt, bist gern mit ihr spaziert und hast sie sehr geliebt. Ende Juli 2008 trafen wir uns an einem heißen Sommertag auf dem Spielplatz. Du warst wieder einmal betrübt und genervt. Ich war sauer und hilflos. Du hast die kleine Maus aus dem Kinderwagen gehoben, ihr dabei tief in die Augen geschaut und ihr einen Kuss gegeben. Du fuhrst zu deinen Eltern. Am Telefon sagte ich dir abends, dein Lebensstil sei Gift für unsere kleine Familie. Ich glaubte, dass es eine Lösung geben könnte. Am nächsten Morgen rief deine Schwester an, weinte und sagte, dass du mit einer Plastiktüte auf dem Kopf eingeschlafen und jetzt tot seist … Als ich begriff, dass es zu spät war, um dich zu retten, zerschmetterte mein Herz in tausend Stücke … Ich war unglaublich wütend auf dich … Warum hast du uns das angetan? Nach der Beerdigung begann es richtig schlimm. Alle versuchten herauszufinden, wer Schuld an deiner tragischen Entscheidung hatte. Weil ich die Letzte war, die mit dir gesprochen hatte, war der Sündenbock schnell gefunden … Ich war allein mit meiner Trauer, meiner Tochter und mir. Meine Eltern erkannten, dass ich dringend Hilfe brauchte. Ich fand eine Therapeutin … Seither sind viele Jahre vergangen. Was ich von dir habe, sind Fotos und unsere lebhafte und wunderbare Tochter … Ich würde mir wünschen, dass Menschen, denen es ähnlich geht wie dir, Hilfe suchen und annehmen können, denn Hinterbliebene leiden lebenslänglich.“ (S. 137-141)

Diskussion

LeserInnen werden von der Autorin sehr unmittelbar einbezogen, ob betroffen oder nicht – sie werden es: Witt-Loers sensibilisiert sie für ein Lebensthema. Gerade die Erzählstruktur des Büchleins, ihr Abwechseln von berichten und Stellung nehmen erleichtert es enorm, so belastende Themen aufzunehmen, zu verstehen und zu verdauen. Die Autorin selbst bezeichnet sich als „liebevoll kritische Begleiterin“ und kann sich sacht konfrontierend äußern: „Ich möchte Sie bitten, gut auf sich zu achten und Ihre Gesundheit nicht zu riskieren. Fragen Sie sich bitte: Was ist wirklich wesentlich? Was kann warten? Geben Sie sich die Erlaubnis, eigene Werte und Lebensregeln zu verändern … Erklären Sie Ihren Kindern, dass der Tod Ihres Mannes Sie verändert hat … Suchen Sie sich Menschen aus Ihrem Freundeskreis, bei denen Sie sich aufgehoben fühlen und offen über Ihre Belastungen sprechen können.“ (S. 166)

Fazit

Eine ergreifende Arbeit vom Überleben des Partnerverlusts, eventuell mit gemeinsamen Kindern, bis hin zu neuen Lebensentwürfen. Zuallererst versteht Witt-Loers es, neuen Lebensmut zu wecken! Die Stärken der komprimierten und doch gut lesbaren Gedanken und Szenen sehe ich darin, wie LeserInnen geduldig und konsequent angeleitet werden, solche unvorstellbaren Krisen zu bestehen und letztendlich glücklich zu leben. Schon bei der Lektüre kann sich ihr tiefes Einfühlungsvermögen übertragen. So wird Stephanie Witt-Loers zur inneren Stimme von Trauernden, die alles konkret und ungeschönt, aber zuträglich, ja hoffnungsfroh vermittelt. Ganz verschiedenartige Möglichkeiten, sich Unterstützung zu holen, werden gerade auch durch Hinweise auf Angebote im Internet sehr farbig und glaubwürdig ausgewählt. Auch auf diesen Wegen „kann ein informiertes Lebensumfeld eher hilfreich unterstützen und ein zusätzlich belastendes Verhalten für Trauernde vermeiden“, schreibt sie am Schluss. (S. 202)


Rezensent
Dr. med. Joachim Gneist
Psychiater, Psychotherapeut, Evang. Theologe, Sachbuch- und Roman-Autor.
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Zitiervorschlag
Joachim Gneist. Rezension vom 20.09.2017 zu: Stephanie Witt-Loers: Nie wieder wir. Weiterleben von Frauen nach dem Tod ihres Partners. V&R unipress (Göttingen) 2017. ISBN 978-3-525-40278-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22962.php, Datum des Zugriffs 12.12.2017.


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