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Michael Wimmer: Posthumanistische Pädagogik

Cover Michael Wimmer: Posthumanistische Pädagogik. Beiträge zu einer poststrukturalistischen Erziehungswissenschaft. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2017. 320 Seiten. ISBN 978-3-506-78615-9. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 60,90 sFr.
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Autor

Michael Wimmer, Dr. phil., Professor (i.R.) für Systematische Erziehungswissenschaft – Erziehungs- und bildungswissenschaftliche Grundlagenforschung an der Universität Hamburg.

Entstehungshintergrund und Thema

Das Buch „Posthumanistische Pädagogik. Unterwegs zu einer poststrukturalistischen Erziehungswissenschaft“ bietet in 14 Vorträgen und Beiträgen zu Tagungen und Büchern eine pädagogische Auseinandersetzung des Autors mit zentralen Kritiken an der Anthropologie und dem metaphysischen Humanismus der letzten dreißig Jahre. Die Lesenden nehmen an der epistemologischen Suche und Verortung einer Erziehungs- und Bildungstheorie teil, die im Anschluss an die anthropozentrische Kritik notwendig wurde. Das Buch bietet keine neue Erziehungs-, Bildungs- oder Handlungstheorie. Eine „posthumanistische Pädagogik“ an sich gibt es auch nicht, erklärt Wimmer. Die Texte zeichnen jedoch einen Diskurs nach, der in sich bereits heterogen ist, aber für eine „posthumanistische Pädagogik“ spricht. Vor dem Hintergrund der Luhmann'schen Systemtheorie und dem Denken französischer poststrukturalistischer Philosophien (Foucault, Deleuze, Guattari, Lacan, Lyotard, Derrida, Nancy, Kristeva, Barthes, Baudrillard) steckt Wimmer das Problemfeld eines „posthumanistischen“ erziehungswissenschaftlichen Verständnisses ab (vgl. S. 75).

Jeder Text des Buches spricht für sich. Gleichzeitig spiegeln die Beiträge eine handlungsrelevante disziplinäre Entwicklung wider, die auch Wimmers Arbeit an erziehungswissenschaftlichen Grundlagen kennzeichnen. Darüber hinaus bietet das Buch auch einen Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse, die als transhumanistische Bewegung einer humanistischen Sichtweise auf den Menschen im Wege stehen. „Die posthumanistische Herausforderung liegt in dem Versuch einer radikalen Umwendung des Selbstverständnisses der Menschen westlicher Gesellschaften hinsichtlich ihres Verhältnisses zu geschlechtlichen, ethnisch, sozial, kulturell, religiös oder wie auch immer bestimmten Anderen, zu Tieren, zu nicht-menschlichen Wesen und Dingen, zur Umwelt und zu sich selbst“ (S. 46).

Aufbau

Das Buch ist in vier Kapitel eingeteilt, die die zentralen Themen der anthropologischen Kritik und die des metaphysischen Humanismus aufnehmen. Die den jeweiligen Kapiteln zugeordneten Beiträge vertiefen die Problem- und Fragestellungen des Autors, die er in seiner Einleitung (erstes Kapitel) darlegt. Die Reihenfolge der Texte könnte beim Lesen auch variiert werden (vgl. S. 83).

    I. Einleitung
  1. Der zerbrochene Spiegel der Anthropologie, der Posthumanismus und der Einsatz der Dekonstruktion (S. 9-96)
  2. II. Der Körper, die Sinne, der Mensch
  3. Identitätsrettung in Therapieansätzen der Humanistischen Psychologie. Zur Implementierung einer neuen Technologie des Selbst (S. 99-132).
  4. Der gesprochene Körper. Zur Authentizität von Körpererfahrungen und Körpertherapien (S. 133-144).
  5. Verstimmte Ohren und unerhörte Stimmen. Zur Medialität der Sinne (S. 145-166).
  6. Kehrseiten des Menschen. Probleme, Fragen und Wege der Historischen Anthropologie (S. 167-194)
  7. III. Differenz, Fremdheit, Alterität
  8. Wendungen zum Anderen (S. 197-208).
  9. Die Frage des Anderen (S. 209-236).
  10. Fremde und Fremdheit als Problem (S. 236-254).
  11. Zwischen Widerfahrnis und Responsivität (S. 254-266).
  12. Generative Differenz, Generationsdifferenz, Kulturdifferenz. Fremdheit zwischen Generationen (S. 266-308)
  13. IV. Über Menschen Leere
  14. Flucht aus der Leib-Eigenschaft (S. 311-330).
  15. Antihumanismus, Transhumanismus, Posthumanismus. Die Enden des Menschen und seiner humanistischen Bildung (S. 331-362).
  16. Perfektionierung des Unverbesserlichen: unvermeidbar und unmöglich
    (S. 363-388).
  17. Die performative Kraft von Paradoxien. Theoriebildung in posttheoretischen Zeiten (S. 389-422).

Inhalt

Zunächst erklärt Wimmer, warum es seiner Ansicht nach keine „posthumanistische Pädagogik“ gibt, sie aber dennoch wirksam ist. Das moderne Denken über den Menschen hat seine Wurzeln im Humanismus, der sich im Laufe von mehr als zweihundert Jahren gewandelt hat und heute erneut eine Transformation erfährt. „Posthumanismus“ bedeute, so Wimmer, ein anders Denken des Menschen. Weiterhin gelte die Frage, worin Menschlichkeit bestehe und was es bedeute, Mensch zu sein (vgl. S. 17). Nach der anthropozentrischen Kritik an der Anthropologie können wir das Selbstverständnis des Menschen als Maß aller Dinge nicht weiterführen. Zwar habe das humanistische Denken mit Hilfe des Bildungsbegriffs den Vorgang der Mensch-Werdung als Emanzipation, Mündigkeit und kritische Rationalität bezeichnet (vgl. S. 19). Doch bereits Heidegger warnte davor, wie auch Horkheimer und Adorno, menschliches Sein zu überhöhen. Die Entmenschlichung gehöre, wie auch der Humanismus, zum menschlichen Dasein. Auschwitz sei nicht verhindert worden und der Anthropozentrismus habe zur kolonialen Ausbeutung beigetragen. Michael Foucault eröffnete in den 1970er- Jahren eine weitere Entwicklung im humanistischen Denken. In „Die Ordnung der Dinge“ formulierte er seine Metapher „vom Verschwinden des Menschen“ und löste eine tiefgreifende Anthropologiekritik aus. Foucault bezweifelte, dass der Mensch Grund, Quelle und Zentrum jeder Form des Wissens und an sich human sei. Er analysierte die machtvollen Mechanismen der menschlichen Vormachtstellung. Seine Analyse wurde durch die postcolonial Studies aufgegriffen und mündete in einer neuen Gender- und Rassismuskritik (vgl. S. 27).

Wimmer sieht auch das Werk Derridas als Auslöser für eine radikale Kritik am humanistischen Menschenbild des sogenannten Abendlandes. Diese habe das Ende des metaphysischen Humanismus eingeleitet und durch die Dekonstruktion als neue geisteswissenschaftliche Erkenntnismethode die Formel vom „Ende des Menschen“ geprägt (vgl. S. 29). Die verschiedenen Arten der Distanzierung vom metaphysischen Humanismus veränderten das Denken über den Menschen, welches die Basis für pädagogische Theoriebildung ist. Mit dem Begriff des Transhumanismus, der, so Wimmer durchaus mit der Aufklärung verbunden bleibt, weil es um die Verbesserung des Menschen gehe, beschreibt der Autor dieses Buches eine aktuelle Gefahr. Mithilfe von künstlicher Intelligenz, so die Protagonisten*innen dieser Bewegung, solle der Mensch sowohl biologisch als auch rational durch technologische Optimierung verbessert und durch maschinelles Handeln auch ersetzt werden (vgl. S. 72). Diese Entwicklung eines technologischen Posthumanismus, der durch Selbstoptimierungstechniken zur Beherrschung von Körper Geist und Seele nun auch mithilfe der Digitalisierung zur Totalisierungen im Bereich der Überwachung und Disziplinierung der Menschen beiträgt, erhöht den Kontingenzdruck. In der heutigen Zeit gehen wir mit Phänomenen um, so Wimmer, die es noch nicht gab. Maschinen lernen autonom zu sein und für Menschen zu sorgen. Die gen-, bio- und pharmakologischen Technologien in Kombination mit Nano- und Informationstechnologie verändern nicht nur das tägliche Leben, sondern auch die Tiefenstrukturen des menschlichen Geistes. Wie retten Menschen angesichts dieser Möglichkeiten ihre subjektive Handlungsfähigkeit? Wimmer zeigt immer wieder auf, wie aktuell seine theoretischen Reflexionen sind.

Herausforderungen für die Pädagogik

Worin besteht die Herausforderung für den erziehungswissenschaftlichen Diskurs, wenn pädagogische Grundbegriffe ihre Geltung einbüßen. Zunächst muss das Ziel von Erziehung und Bildung und die Hervorbringung eines moralischen Vernunftwesens neu begründet werden. Die Frage, wie die nachfolgende Generation gebildet werden soll, wenn es keinen humanistischen Konsens gibt und das Lernen des humanistischen menschlich-seins immer wieder in Frage gestellt wird, ist drängend. Die nachfolgen Texte spiegeln die Auseinandersetzung und Suche, die durch den fortschreitenden posthumanistischen Wandel stattfindet.

In den 1980er-Jahren kamen durch die sogenannte Humanistische Psychologie neue Formen der Subjektivierung auf. Körpererleben und -bewusstsein, psychische Grundbedürfnisse und Identitätsfragen wurden als psychologische Determinanten des Menschen diskutiert und vom gesellschaftlich interaktionistischen Paradigma befreit. Wimmer schrieb seine Texte in der Auseinandersetzung mit Carl Rogers, Fritz Perls und Alexander Lowen, denen es um die Ermöglichung einer guten Lebensführung ging, ohne allerdings die gesellschaftliche Determiniertheit von Einstellungen und Lebensstilen zu berücksichtigen. „Die Blindheit des therapeutischen Blicks besteht nun darin, dass er nur den entfremdeten Menschen und nicht ebenso das, wovon dieser sich entfremdet haben soll, als gesellschaftliches Produkt sieht“ (S. 105). „Das Fühlen“ sei zum Wahrheitskriterium erhoben worden (vgl. S. 113). „Dieser Perspektive entgeht“ so Wimmer, „dass eine Befreiung des Ich von Zwängen nur eine Befreiung vom Bewusstsein der Zwänge sein kann, solange nicht erkannt wird, dass das Ich als Zentrum selbst ein Teil der Herrschaft ist, vor der man es befreien will“ (S. 128).

In Kapitel 5 beschreibt Michael Wimmer die wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Problemstellungen, die das Anknüpfen an die herkömmliche Anthropologie hervorruft. Die historisch-kulturelle Bedingtheit der Anthropologie und ihrer Selbstbeschreibungen, die die Frage nach dem Wesen des Menschen als Norm des amerikanischen und westeuropäischen Menschen explizierte, müsse endlich wahrgenommen werden (vgl. S. 136). Neben der historischen Relativierung besteht das methodische Problem darin, Eigenes und Fremdes zu unterscheiden. Der Mensch ist sich selbst und anderen fremd, er ist auch nicht an sich vernünftig und sein Verhalten ist auch selten verlässlich steuerbar (vgl. S. 179). Der Mensch, so Wimmer, hat jedoch ein Verhältnis zum Anderen und Menschsein sollte unter der Prämisse von Fremdheit betrachtet werden. Die Aufgabe einer systematischen Pädagogik verschiebt sich vom Sollen zum Ermöglichen. Es geht um Fragen des Umgangs miteinander unter Bedingungen von Ungewissheit und Nicht-Verstehen (vgl. S. 201). Die Frage nach der Moralität des Menschen und den Mitteln, diese zu erreichen, bleibe aktuell. Doch wie beim Anderen bewirkt werden kann, „was man nicht hervorbringen kann“, bleibt offen (S. 205). Welche Maßstäbe und welche Gesetze helfen, menschliches Verhalten zu beurteilen? Wie kann der Anspruch der Anerkennung des Anderen individuell und gesellschaftlich wahrgenommen werden? Wie wenden wir uns dem Anderen zu und nicht ab (vgl. S. 207)?

Erziehung müsse vom Kind aus vorgedacht werden. Noch gelten Kinder, „die fremd und anders bleiben“ als schwer erziehbar und bedürfen „besonderer Integrationsmaßnahmen“ (S. 216). Heute kann Erziehung nicht im Sinne einer Verhaltensnormierung legitimiert werden, weshalb die Perspektive des anderen Weltbezug des Kindes zu entdecken sei.

Die akademischen Prinzipien Erkennen, Verstehen und Wissen zielen auf Aktivitäten, „die das, was sie er- und begreifen, verändern, allein schon dadurch, dass sie es sprachlich benennen, bestimmen, definieren und so zu einem Gedachten machen“ (S. 216). Das Verhältnis zum Anderen sollte als Begegnung und Gegenüber-Sein erkannt und verstanden werden. Welche Möglichkeiten zur Humanität und zur Herrschaftsausübung stehen Menschen zur Verfügung? (vgl. S. 223).

Auf der Suche nach einem neuen Denken des Menschen

Die neue Programmatik, „Den Anderen denken“ beschäftigte den Autor in den letzten Jahren seines Wirkens. So sei das Verhältnis zu Fremden für Menschen konstitutiv. Was als fremd wahrgenommen werde, variiere je nach Grenzziehung und Ordnungsmustern. Bisherige Figuren des Fremden waren der Wilde, die Hexe, das Kind, der Wahnsinnige, das Monster, das Tier, der Automat, der Körper, das Unbewusste. Heute sei Fremdheit keine Eigenschaft und auch keine Gegebenheit, sondern eine Konstruktion, abhängig von historischen Kontexten und der Perspektive des Wahrnehmenden (vgl. S. 241). Allerdings, so der Autor des Buches, habe diese Fähigkeit, Fremde zu verstehen, auch den Sieg über sie ermöglicht. Dass dadurch Humanität entstehe, dürfe also nicht angenommen werden. Das sogenannte „othering“ ist ein zentrales Machtmittel. Das Andere lässt sich allerdings, nur symbolisch vermittelt über Sprache mitteilen. Es kann für Humanität aber auch gegen sie verwendet werden. Die Relation zum Anderen, zum Fremden, sei auch in Bezug auf Lernen relevant. Wimmer thematisiert die wichtige Erkenntnis, das Lernen nur lernen sei, wenn das Fremde angeeignet und nicht einfach nur als Ähnlichkeit wahrgenommen wird. Erst im sogenannten Akt der Aneignung findet Lernen statt, nicht vorher oder nachher (vgl. S. 263).

Die Ausführungen Wimmers über „Generative Differenz“ verdeutlichen einerseits die soziale Ordnungsfunktion des Generationenverhältnisses. Andererseits ist die empirisch nachweisbare Differenz der Generationen gerade notwendig, um eine besondere Beziehung zu stiften. Denn nur, so Wimmer, in der Beziehung zur nächsten Generation kann eine Zukunft erfahren werden, die über die Erfahrung der Verbundenheit, die eigene Zukunft übersteige (vgl. S. 304).

Aktuelle Transformationen

Die transhumanistische Interpretation des Humanum, die seit der Erfindung der atomaren Spaltung und der Decodierung des menschlichen Genoms bestehe, habe den Menschen hypostasiert. Zwar kenne Niemand die Folgen von Genmanipulationen, doch mit der technischen Verfügbarmachung sei das Thema des „Ende des Menschen“ (Fukuyama) empirisch gesetzt. Zwar werden Erinnerungen an die Eugenik und die Folgen der nationalsozialistischen Rassenideologie noch wach, doch wenn sich der Mensch im Labor selbst herstellen kann, wird die ethisch gebotene Frage, wie weit wir machen dürfen, was wir können, auch eine Frage des Überlebens (vgl. S. 314). Im Kontext der Reproduktionsmedizin wird die Abhängig des Kindes von den Eltern relativiert. Ethisch reflektieren wir bisher nur den Einfluss in Bezug auf eine mögliche Verhinderung einer Behinderung. Weitere genetische Modifikationen von Erbanlagen und Verhaltensmöglichkeiten könnten heute bereits die Substanz des Menschen verändern. Noch beurteilen wir diese Möglichkeiten als Hybris wohlwissend, dass die Probleme, die durch diese Fähigkeit entstehen, die gesamte Gesellschaft betreffen (vgl. S. 326). Davon betroffen ist auch das Selbstverständnis des Menschen als Gattungswesen. Michael Wimmer fragt, wie wir uns angesichts dieser Möglichkeiten als moralisch urteilende und handelnde Wesen begreifen können (vgl. S. 27)?

Zum abendländischen Selbstverständnis gehörte die Annahme, dass Menschen Bildungsprozesse durchlaufen und sich dadurch auch selbst konstruieren. Um die gegenwärtigen Entwicklungen angemessen zu verbalisieren, können, so Wimmer nur Fragen gestellt werden (vgl. S. 335). Wir erleben, dass Bildung ihre Legitimität verliert, wenn sie mit Wissenserwerb gleichgesetzt, kompetenztheoretisch umschrieben und auf Problemlösungen reduziert wird. Der Wandel im Umgang mit dem Buch kann als Verlust von Kultur beklagt und die Deformation der Bildungsidee behauptet werden (vgl. S. 337). Doch Bildung sei noch nie ohne Medien ausgekommen. Könnte Bildung im Sinne einer „Unmöglichkeit“ aufgefasst werden, „diese versprochenen Möglichkeiten zu begreifen“ (S. 339)? In einer Welt, in der alles auch anders sein kann, ist es, so Wimmer, legitim zu fragen, welche Möglichkeiten es gäbe, Fremdes zu erleben, wenn alles nur noch möglich wäre (vgl. S. 339). Das Neue liegt vielleicht in der Frage der Konsequenzen der neuen technischen Möglichkeiten und ihren Folgeproblemen. Wenn wir uns nicht mehr vorstellen, was wir herstellen, darf nicht das Denkverbot eintreten. Vielmehr fordern „die Konvergenztechnologien von Atomen, Genen, Neuronen und Bits“ uns auf, Fragen zu stellen und sie „als die eigenen Fragen unserer Zeit in ihren Möglichkeiten und Ambivalenzen anzuerkennen, d.h. als Versprechungen wie auch als Drohungen des Schlimmsten“ (S. 344). Nur so könne eine politische Bearbeitung angestrebt werden, „die die irreführende Pseudoalternative zwischen profitabler Machbarkeit und ethischer Regulierung überwindet“ (S. 344). Nicht die Selbstoptimierung müsse bekämpft werden, sondern ihre Ideologisierung durch Wellness, Fitness Apps etc.

„Posthumanistische Pädagogik“ meint, so Wimmer, das Humanum neu und anders zu denken, „ohne der apokalyptischen Mystik, neuen Formen des Spiritismus oder technizistischen Utopien zu verfallen. ‚Das Ende des Menschen‘ denken heißt dann, die mit ihm konnotierten Illusionen und die in seinem Namen realisierte Geschichte kritisch durchzuarbeiten oder zu dekonstruieren, um zu verhindern, dass aus der ‚Introversion des Opfers‘ ein vollständiges Selbstopfer wird, dass die Beseitigung aller natürlichen Mängel aus dem Menschen ein Monstrum macht“ (S. 351).

Im letzten Beitrag des Buches thematisiert Michael Wimmer den heutigen Lebensstil, der von der digitalen Konsumindustrie geformt wird und Menschen darin stärkt, die Akzeptanz der eigenen Bedingtheit als Fremdheit wahrzunehmen.

Diskussion

Dem Autor gelingt es, existenzphilosophische und poststrukturalistische Denkweisen so darzustellen, dass die pädagogischen Zukunftsbezüge, die seiner Meinung nach schon immer einen utopisch-fiktionalen Charakter hatten, nicht aus dem Blick fallen. Die Unplanbarkeit des Neuen und die Unvorhersehbarkeit von Ereignissen kennzeichnen auch heute das menschliche Verhältnis zur Welt und sind die Basis für pädagogisches Denken und Handeln. Der Standort und die Perspektive der Beobachtung prägen Erkenntnisse und damit kann keine „Objektivität im Sinne von Fakten oder allgemeinen Wahrheiten“ angenommen werden. Auch wenn die neuen Medien die räumlichen und zeitlichen Grundkoordinaten der Erziehungswirklichkeit noch einmal erheblich entgrenzen und die Bilder eine Medienwirklichkeit und Komplexität erzeugen, die die Stellung des Menschen in der Welt relativiert, überzeugt Wimmers Plädoyer für eine „posthumanistische Pädagogik“.

Die Frage nach der Humanität kann und muss auch in dieser Zeit gestellt werden. Der Autor zeigt die geisteswissenschaftliche Kompetenz, Wirklichkeit zu analysieren und die Frage des Fremden ins Zentrum zu rücken. Fremdes erweist sich für ihn als etwas Gedeutetes und es ist radikal abhängig von der Perspektive des Wahrnehmenden. Dennoch ist dieser unverzichtbare Zugang der wissenschaftlichen Disziplin für die Praxis der Pädagogik notwendig. Das Insistieren auf das Wahrnehmen des kulturell und historisch wandelbaren innerhalb von Erziehungs- und Bildungsprozessen muss zwar eingefordert werden, doch zeigt Wimmer, dass sich diese Mühe wirklich lohnt.

Fazit

Michael Wimmer gelingt es, die performative Kraft von Antinomien und Paradoxien zu nutzen. Er selbst schreibt, wie Paradoxien helfen, Unentscheidbares sichtbar zu machen und ein Denken im sowohl als auch zu ermöglichen. Das öffnet den Blick auf das Andere und fordert zur Lösung eines Problems auf, das jenseits eines Machbarkeits- und Verwertungsinteresses liegt. Paradoxien provozieren Staunen und sie ermöglichen eine humanistische Beziehung zum Anderen (vgl. S. 391). Antinomien bringen das Denken in Bewegung, weil sie die Normalität unterbrechen. Die von Dualismen strukturierte Welt und die dichotome Welt gibt es nur als logische Konstruktion, nicht als realexistierende und Objektivität beanspruchende Welt. Wimmers Plädoyer für die geisteswissenschaftliche Analyse von Individuum und Gesellschaft überzeugt. Zu erkennen, was andere ausschließen und dadurch exkludieren ist auch Aufgabe von Erziehung und Bildung.

Die Lektüre dieses Buches ist allen, die an solchen Fragen interessiert sind, sehr zu empfehlen.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Homepage www.dhbw-stuttgart.de/themen/studienangebot/fakulta ...
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 23.07.2019 zu: Michael Wimmer: Posthumanistische Pädagogik. Beiträge zu einer poststrukturalistischen Erziehungswissenschaft. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2017. ISBN 978-3-506-78615-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22966.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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