socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Brigitte Aulenbacher, Maria Dammayr u.a. (Hrsg.): Leistung und Gerechtigkeit

Cover Brigitte Aulenbacher, Maria Dammayr, Klaus Dörre, Wolfgang Menz, Birgit Riegraf, Harald Wolf (Hrsg.): Leistung und Gerechtigkeit. Das umstrittene Versprechen des Kapitalismus. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 381 Seiten. ISBN 978-3-7799-3051-8. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Mit der Abschaffung von Standesprivilegien beginnt die Moderne. Sie ist Voraussetzung kapitalistischer Produktion, und Leistungsgerechtigkeit kann als das Versprechen des Kapitalismus verstanden werden, welches nach Annahme der Herausgeber*innen inzwischen umstritten ist. Was unter Gerechtigkeit heute verstanden wird bzw. welche Deutungskonflikte darüber entstehen, welche Folgen die Veränderung der Arbeitswelt hat, das beleuchten die Autor/innen des Bandes unter verschiedenen Aspekten.

Entstehungshintergrund

Die Herausgeber*innen berichten: „Seine Kontur hat das Buch schließlich auf einem zweitägigen Workshop gewonnen“ (Einleitung, 9). Die Autor*innen kommen aus unterschiedlichen Arbeitszusammenhängen. Der fachlichen Herkunft nach sind Soziolog*innen dominant.

Herausgeber/innen

Brigitte Aulenbacher hat eine Professur für Soziologische Theorie und Sozialanalyse an der Universität Linz, wo Maria Dammayr als Stipendiatin promoviert. Klaus Dörre ist Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie, Wolfgang Menz wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für sozialwiss. Forschung e.V. München. Birgit Riegraf hat eine Professur für Allgemeine Soziologie an der Universität Paderborn. Harald Wolf ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des SOFI Göttingen.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Wegen des Umfangs des Bandes und der thematischen Vielfalt kann nur auf eine Auswahl von Beiträgen eingegangen werden. Diese wurden von den Herausgeber*innen auf fünf „Teile“ aufgeteilt.

Teil A ist überschrieben „Leistung und der Wandel des modernen Gleichheits-, Gerechtigkeits- und Aufstiegsversprechens“. Es geht hier um eine allgemeine Betrachtung, unabhängig von bestimmten gesellschaftlichen Bereichen oder Organisationen. Die Philosophin Cornelia Klinger steigt ein mit der Frage: „Stehen die Ideen von Aufklärung und Revolution im Neoliberalismus zur Disposition?“ Sie geht davon aus, dass die „Leitideen der Moderne“ nicht direkt in Frage gestellt werden, sondern „in verschiedenen, seitwärts laufenden Bewegungen, sozusagen im ‚Krebsgang‘ umgangen“ werden, um „die Wirklichkeit zu rechtfertigen“ (29) und nähert sich von diesem Beobachtungsstandpunkt her den Ideen von Gleichheit und Gerechtigkeit. Hans-Peter Müller untersucht als Soziologe „Bedeutung und Wandel des Leistungsideals ‚sozialer Gerechtigkeit‘“ im Übergang zur Selbstvermarktung der Individuen. Sein Schluss: Meritokratie nach dem „Leistungsideal sozialer Gerechtigkeit der industriellen Leistungsgesellschaft“ ist nicht mehr bestimmend, aber die „Selbst-Positionierung“ erfolgt nach wie vor in der Sprache von Leistung (59). Uwe Schimank geht empirisch der subjektiven Bedeutsamkeit des Leistungsgedankens nach, indem er vorliegende Umfragen sekundär analysiert und Gruppendiskussionen auswertet. Das Ergebnis sind unterschiedliche, auch widersprüchliche Haltungen gegenüber einem Leistungsethos.

Im Fokus von Teil B stehen der Wohlfahrtsstaat sowie sozialstaatliche und pädagogische Einrichtungen. Für Sigrid Leitner ist in ihrem Beitrag über „Leistungs- und Bedarfsgerechtigkeit im Sozialstaat“ die These leitend, dass für sozialstaatliche Hilfen eine Mischung von Versicherungs- und Solidarprinzip, von Erwerbsarbeitszentrierung und Fürsorge maßgebend ist, wobei sich die Bedeutsamkeit der Gestaltungsprinzipien im Lauf der Zeit geändert hat und ändert, wie sie mit ihren Ausführungen zeigt, in denen sie die bundesdeutsche Gesetzgebung rekapituliert. Ihr Fazit: Die veränderte Balance zwischen Versicherungs- und Solidarprinzip hat zur „Priorisierung der Aktivierungslogik“ geführt (115). Roland Atzmüller und Alban Knecht zeigen an der Ausbildungspolitik in Österreich auf, dass die Aktivierungspolitik inzwischen teilweise um „sozialinvestive Konzepte“ ergänzt wird, was eine Pädagogisierung sozialer Problemlagen und zugleich die Pathologisierung von ‚unvernünftigen‘ Jugendlichen impliziert.

Am Anfang von Teil C steht ein Aufsatz von Klaus Dörre, der sich, zunächst anknüpfend an Marx, theoretisch mit dem Begriff Ausbeutung auseinandersetzt, und zwar im Bemühen um eine Forschungsheuristik für die industriesoziologische Empirie. Über die Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Ausbeutung hinaus ist für den Forscher das „subjektive Relevanzsystem“ der Arbeitenden bedeutsam. Wolfgang Menz zeigt „Das befremdliche Überleben der Leistungsgerechtigkeit“ als normativem Prinzip trotz tief greifender Strukturveränderungen, wobei er sich auf eine empirische Studie stützt. Stefanie Hürtgen hält eine Aktualisierung der Frage nach dem „subjektiven gesellschaftlichen Sinnbezug“ von Arbeit für geboten, um die Hinnahme von Leistungsdruck seitens der Arbeitnehmer*innen und die normativ-institutionelle „Krise der Lohnarbeit“ zu verstehen. Sie beruft sich dabei auf sozialphilosophische Konzepte (Honneth, Boltanski), auf Robert Castel und eine empirische Studie. Beschäftigte sind für die Verf. als soziale Akteure zu betrachten, die sich stets auch aufs „allgemein Gesellschaftliche beziehen“ (212). Harald Wolf zeigt auf der Basis von industriesoziologischen Studien, welche Bedeutung der soziale Vergleich für Leistungsorientierungen hat.

Thema von Teil D sind „Grenzen des Leistungsprinzips“. Diese werden nach Hildegard M. Nickel gerade dort deutlich, wo den Beschäftigten „eine unternehmerische Rationalität im Umgang mit der eigenen Arbeitskraft abverlangt (wird)“ (243). In ihrem Beitrag über „Partizipative Arbeits- und Geschlechterpolitik“ lotet sie aus, wie sich aus der als ambivalent erlebten neuen Steuerung Chancen für eine stärkere betriebliche Partizipation von Frauen ergeben könnten, die bisher nicht genutzt worden sind. In eine gemeinsame Richtung weisen die drei Beiträge von Helga Eberherr und Regine Bendl „Zum Chancengleichheitsversprechen des Leistungsprinzips“, von Jule Westerheide und Frank Kleemann über „Die Arbeit von Sekretärinnen“ und deren Anerkennung und von Julia Brandl und Arjan Kozica über „Grenzen der Leistungsgerechtigkeit in Personalbeurteilungen“. Denn in allen drei Beiträgen wird deutlich, dass sowohl „Leistung“ als auch „Gerechtigkeit“ von Konventionen abhängige, kommunikativ ausgehandelte Maßstäbe sind, so dass es zum Beispiel zu „Deutungskonflikten rund um das Leistungsprinzip“ kommt, wenn das Quotenprinzip ins Spiel gebracht wird (278) und dass die an Personalauswahl Beteiligten „leistungsbezogene Beurteilungskriterien so auslegen, dass sie mit ihrem Gerechtigkeitsempfinden kompatibel sind“ (314).

In Teil E geht es um „verlagerte Zuständigkeiten, kontrollierte Autonomie, neue Ungleichheiten“, zum Beispiel beim Crowd Working, der Neuauflage von Heimarbeit. Zuerst zeigt Ingo Matuschek auf, dass generell ganzheitliche Aufgabenzuweisungen für das Management attraktiv sind, weil sie „das Verantwortungsgefühl (der Beschäftigten, G.A.) gegenüber dem Produkt anwachsen lassen“ (326). Der Verf. verdeutlicht auch die Ambivalenz der „autonomisierten Verantwortlichkeit“. Kerstin Rieder sieht „Neue Formen sozialer Ungerechtigkeit durch Outsourcing an Kundinnen und Kunden“, d.h. durch Aufgabenübertragung an diese, in der IT-Branche an die User. Die sozialen Implikationen und Folgen von Crowdsourcing, einem zunehmend bedeutsamen Zweig der digitalen Ökonomie, reflektieren Robert M. Bauer und Thomas Gegenhuber, wobei sie auch Chancen für marginalisierte Gruppen ausmachen, aber internationale Regulative für dringend geboten halten.

Diskussion

Ein Sammelband mit teilweise äußerst interessanten, anregenden Beiträgen, die zentrale Umstrukturierungen in der Arbeitswelt reflektieren. Aber den Zusammenhang mit dem Thema (Leistungs-)Gerechtigkeit muss der Leser/ die Leserin oft selbst herstellen. Manchen Autor*innen fällt es verständlicherweise nicht leicht, von ihrem speziellen Arbeitsfeld her die Relevanz für das Oberthema zu verdeutlichen. Ungeachtet dessen eignet sich der Band sicher hervorragend als Basislektüre für ein Seminar über Leistung und Gerechtigkeit. Im Übrigen hat das relativ breite thematische Spektrum Vor- und Nachteile, was den Gebrauchswert (nicht nur) dieses Sammelbands betrifft.

Fazit

Ein Sammelband mit teilweise äußerst interessanten, anregenden Beiträgen, die zentrale Umstrukturierungen in der Arbeitswelt reflektieren. Primäre Adressat*innen sind Industrie- und Arbeitssoziolog*innen. Aber auch für Aktivist*innen in Gewerkschaften und anderen NGOs liefern einige Beiträge Anstöße für eine theoriegeleitete Praxis.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
E-Mail Mailformular


Alle 67 Rezensionen von Georg Auernheimer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 04.08.2017 zu: Brigitte Aulenbacher, Maria Dammayr, Klaus Dörre, Wolfgang Menz, Birgit Riegraf, Harald Wolf (Hrsg.): Leistung und Gerechtigkeit. Das umstrittene Versprechen des Kapitalismus. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3051-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22968.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Geschäftsführer/innen, Weilburg

Stellvertretende/r Geschäftsführer/in, Siegen

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung