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Wolfgang Kühnel, Helmut Willems (Hrsg.): Politisches Engagement im Jugendalter

Cover Wolfgang Kühnel, Helmut Willems (Hrsg.): Politisches Engagement im Jugendalter. Zwischen Beteiligung, Protest und Gewalt. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-3719-7. D: 27,95 EUR, A: 28,70 EUR, CH: 38,10 sFr.
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Thema

Die Klage darüber, dass sich Jugendliche und junge Erwachsene nicht für Politik interessierten und noch weniger engagierten, ist hinlänglich bekannt. Dabei sind die Fakten, von der schwächeren Wahlbeteiligung abgesehen, an anderen Beteiligungsformen gemessen, so eindeutig nicht. In jedem Fall ist es gut zu wissen, inwieweit der familiäre Hintergrund, die Peers in Schule und Freizeit oder die neuen Medien das Engagement begünstigen.

Herausgeber und Entstehungshintergrund

Die Herausgeber sind Soziologen, Wolfgang Kühnel an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, Helmut Willems an der Universität Luxemburg, und geben diesen Band für die Sektion Jugendsoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie heraus. Größtenteils gehen die Beiträge auf die Herbsttagung der Sektion im September 2015 zurück.

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren forschen und lehren an verschiedenen deutschen oder schweizerischen Hochschulen oder Instituten, ein Autor vertritt TNS Infratest.

Aufbau

Der Band umfasst insgesamt zwölf Beiträge, nämlich von folgenden Autoren zu den folgenden Stichworten:

  • Schneekloth/Albert/Hurrelmann/Quenzel: 17. Shell-Jugendstudie
  • Gille/de Rijke/Gaiser: FES-Jugendstudie 2015
  • Busse/Hashem-Wange/Tholen/Wolnik: Projekt MYPLACE
  • Dagmar Hoffmann: Internet
  • Norbert Kersting: Online-Partizipation
  • Mörgen/Rieker/Schnitzer: Pädagogische Unterstützung von Beteiligung
  • Kira Nierobisch: Erfahrungsort Jugendverband
  • Silke Jakob: Für UNICEF engagierte Jugendliche
  • Ferdinand Sutterlüty: Riots (Jugendunruhen)
  • Bukow/Pressing: Protest in Köln-Kalk
  • Kühnel/Willems: Linkes Engagement und Gewalt
  • Kurt Möller: Dschihadismus.

Inhalt

Die ersten drei Beiträge stellen empirische Befunde vor, die das Verhältnis von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zur Politik erklären sollen. Ihnen zufolge ist eine Trendwende zu verzeichnen: Die befragten 15-24Jährigen haben wieder mehr (46%), wenn auch nicht mehrheitlich, Interesse an Politik, wie immer junge Männer mehr als junge Frauen. Ebenso positiv ist der Trend, was die Zufriedenheit mit der Demokratie angeht; allerdings gilt dies nur für junge Leute in Westdeutschland (¾ von ihnen sind zufrieden oder sehr zufrieden), während über 43% in Ostdeutschland unzufrieden sind.

In Hinsicht auf die Beteiligung an politischen Aktionen zeichnen sich große Unterschiede je nach Alter ab, dabei sind Warenboykott (sog. Buykott) oder Online-Petitionen und Unterschriftenlisten recht populär. Generell sind unkonventionelle und punktuelle Formen der Partizipation weitaus beliebter als die Mitgliedschaft oder Mitwirkung in Parteien und Verbänden. Nach Busse et.al. bewegen sich die jungen Leuten gar in zwei getrennten Welten. In jedem Fall sind hier soziale Netze und Freunde wichtige Motivationsfaktoren. Die Beteiligung an Wahlen bleibt indes die Form von Partizipation, die prozentual am häufigsten ist.

Für die politische Sozialisation die Erfahrungen heranzuziehen, die Kinder und Jugendliche in Jugendgruppen und Vereinen machen, bietet sich an: In Deutschland sind es gegenwärtig etwa 180.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die allein bei den Pfadfindern mitmachen. Im Ergebnis einer qualitativen Studie (Interviews mit 12 Frauen, die vor Jahren als Leiterinnen aktiv waren) zeigt sich u.a., dass – auf der Erfahrung von Selbstwirksamkeit – eine hohe Bereitschaft besteht und realisiert wird, im privaten wie im beruflichen Umfeld Verantwortung für Andere zu übernehmen. Wenn sich junge Leute, beispielsweise für UNICEF, engagieren, so geht dies häufig auf die Anschauung sozialer Berufe oder Freiwilligendienste in der eigenen Herkunftsfamilie zurück.

Wenn junge Leute politisch aktiv werden, dann gehören dazu auch Aktivitäten, die gesellschaftlich nicht erwünscht sind, ja als undemokratisch abgelehnt werden. Allerdings waren die „Jugendunruhen“ 2005 in den Pariser Vororten und 2011 in England darauf ausgerichtet, für Gerechtigkeit und Gleichheit zu demonstrieren, wozu Protest gegen soziale Benachteiligung und Rassendiskriminierung teilweise einherging. Bei Protestaktionen im Januar 2008 (Die Szene will nicht glauben, dass es Notwehr war, die einem Jugendlichen mit marokkanischem Migrationshintergrund das Leben kostete) zeigte sich, dass kaum Beteiligungsmöglichkeiten bestanden, dass sich die Jugendlichen nicht repräsentiert fühlten.

Aus Gesprächen mit jungen Leuten (bis 28 Jahre, fast alle mit Abitur), die – auch nach eigenem Bekunden – der linken Szene zuzurechnen sind, geht hervor, dass sie Gewalt gegen Sachen bedingt akzeptieren, Gewalt gegen Personen grundsätzlich ablehnen, es sei denn zur Abwehr und Selbstverteidigung. Mitunter führen Erfahrungen mit brutalen Polizeikräften zu kollektivem Hass und Ablehnung des staatlichen Gewaltmonopols.

Engagement, das so (fast) niemand will, zeigen Dschihadisten, die mit der (angeblich) gottgefälligen Lebensgestaltung auch Gewalteinsatz, ja Terror begründen. Manifest und handlungsrelevant werden, so Kurt Möller, diese Überzeugungen dann, wenn die betreffenden Personen Ablehnungen und Kränkungen erfahren haben und ihnen Diskriminierungs- und Gewaltroutinen, aber auch Gruppenzugehörigkeit angeboten werden.

Angesichts der Präsenz der neuen Medien würde man vermuten, dass sie ebenso häufig auch bei politischen Aktivitäten verwendet werden. Tatsächlich bedienen sich junge Leute digitaler wie analoger Formen: Mausklick für eine Online-Petition hier, dort Unterschrift auf einer Liste in der Fußgängerzone. Flashmob und Demo sind beide beliebt. Was Online-Foren betrifft, so weiß sie eine Hälfte der Jugendlichen zu schätzen, die andere findet sie weiterhin wirkungslos.

Wie ist die Partizipation von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu fördern? Ob nun in der Schule (Schülerrat, Schülervertretung) oder in Freizeiträumen, die Pädagogen müssen sie als gleichrangige Akteure wahrnehmen und respektieren. Die Kinderrechtskonvention ist deutlich: Nicht die Rechte der Kinder sind zu begründen, sondern deren Einschränkungen im Interesse der Kinder. Die Erwachsenen müssen bereit sein, Macht und Kontrolle abzugeben, den Kindern Selbstwirksamkeitserfahrungen zu ermöglichen

Diskussion

Der Band bietet diverse Ansätze und Zugänge zum Thema, teils empirische Grundlagen, teils konzeptionelle Überlegungen, auch praktische Bezüge. Die wichtigste Botschaft ist schon die, dass es immer um politisches Engagement gehen muss, das demokratisch ist.

Wenn von „Jugendalter“ die Rede ist, gehen die Konkretionen weit auseinander. Da sind einmal die Mitglieder des Schülerrates gemeint, das andere Mal Studierende unter 28 Jahren. Die qualitativen Untersuchungen haben eine recht schmale Basis, in einem Fall praktisch nur drei Probanden; es fehlen Kontrollgruppen und Gegenbeispiele. Über manche Details wäre zu streiten, z.B. weshalb auf die Weltverbände der Pfadfinder und Pfadfinderinnen verwiesen wird, nicht aber auf die reale Vielfalt mehr konfessioneller, eher politischer oder stark bündischer Einzelverbände und Gruppen, die für die Identitätsbildung viel wichtiger sind.

Etwas blass bleibt das Kapitel zur „medial vermittelten … Partizipation“, hier hätte man sich doch mehr Fallstudien gewünscht, auch solche, die etwas aktueller sind als der Rückblick auf „Riots“ vor Jahren.

Nicht ganz vermeiden kann auch dieser Band nicht den bekannten Duktus der politischen Bildung, jungen Leuten die Grundlagen der Demokratie vermitteln zu wollen, einen gesellschaftlich-staatlichen „Auftrag“ erfüllen zu müssen. Immerhin werden immer wieder die Perspektiven der Kinder und Jugendlichen gesucht. Von diesen ausgehend wäre ja zu fragen, wie sich politische Aktionen aus der Lebenswirklichkeit heraus ergeben, wie die Subjektwerdung jedes Menschen demokratische Praxis, von der Machtausübung bis zum Respekt für Andere, geradezu herausfordert.

Fazit

Der vorlegende Band lädt unwiderstehlich dazu ein, die vielfältigen und überzeugenden Formen des demokratischen Engagements junger Menschen ernst zu nehmen und sich mit Extremismus und Gewalt nicht abzufinden.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 21.07.2017 zu: Wolfgang Kühnel, Helmut Willems (Hrsg.): Politisches Engagement im Jugendalter. Zwischen Beteiligung, Protest und Gewalt. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3719-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22970.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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