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Frieda Sichel (Hrsg.): Die Herausforderung der Vergangenheit

Cover Frieda Sichel (Hrsg.): Die Herausforderung der Vergangenheit. Jüdische Selbsthilfe in Kassel und Johannesburg. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2017. 208 Seiten. ISBN 978-3-95565-228-9. D: 17,90 EUR, A: 18,50 EUR.

Herausgegeben vom Archiv der deutschen Frauenbewegung und Wolfgang Matthäus. Bearbeitet und kommentiert von Wolfgang Matthäus und Cornelia Wenzel. Aus dem Englischen von Eva Schulz-Jander.
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Thema

Es gab eine Zeit in Deutschland, da waren die Juden fest in der Gesellschaft verankert und nicht wegzudenkende Akteure im sozialen und kulturellen Leben. Auch wenn die Posten in Armee und Marine, in Verwaltung und Universität nur sehr begrenzt Juden zugestanden wurden, so konnte doch die etablierte jüdische Mittelschicht Frieden, Reichtum und Sicherheit genießen. Doch wurde diese moderne Zeit von der „Tragödie der deutschen Kultur“ abrupt abgebrochen und aus einer „Einladung an alle“ wurde ein exklusives, durch die Rechte des Blutes definiertes Privileg. Staat und Gesellschaft zeigten eine Praxis des Schreckens und des Terrors und der Vernichtung gegenüber ihren jüdischen Bürgern.

Dass so viele Juden zu Beginn der Nazi-Zeit dennoch in Deutschland blieben und nicht sofort die Flucht ins Ausland antraten, war nicht so sehr ein Zeichen der Lethargie, sondern Ausdruck ihrer Überzeugung, dass solche Schrecken in einem Deutschland nicht von Dauer sein könnten. Heute wissen wir von diesem Irrtum: Die Zeit des Nationalsozialismus war eine Zeit der fortdauernden Vernichtung aller Juden. – Gershom Scholem hat 1962 auch das dem Nationalsozialismus und der Judenvernichtung vorgängige Zusammenleben nicht idealisiert, wenn er schreibt: „Die angeblich unzerstörbare geistige Gemeinsamkeit des deutschen Wesens mit dem jüdischen Wesen hat, solange diese beiden Weisen realiter miteinander gewohnt haben, immer nur vom Chorus der jüdischen Stimmen her bestanden und war, auf der Ebene der historischen Realität, niemals etwas anderes als eine Fiktion, eine Fiktion, von der Sie mir erlauben werden zu sagen, dass sie zu hoch bezahlt worden ist.“ Dem gegenüber weist Eva Schulz-Jander in ihren Vorbemerkungen mit einigem Recht und im Anschluss an unsere Autorin darauf hin, dass die deutsch-jüdische Geschichte im europäischen Kontext bis zum Aufkommen des Nationalsozialismus durchaus als Erfolgsgeschichte verstanden werden kann.

Autorin

Der Leser findet selten ein Klappentext, der ihm die Autorin so gelungen vorstellt: „Frieda Sichel (1889-1976) entstammte der jüdischen Verlegerfamilie Gotthelft in Kassel. Sie gehörte zur ersten Generation von Frauen, die Zugang zur höheren Bildung hatten. Nach dem Besuch privater Realgymnasialkurse legte sie das Abitur ab und studierte in München, Berlin, Freiburg und Heidelberg Nationalökonomie und Soziologie. Sie wurde 1915 mit einer Arbeit über ‚John Stuart Mills sozialpolitische Wandlungen‘ promoviert. 1918 heiratete sie ihren Cousin Karl Herrmann Sichel, 1919 wurde eine Tochter, 1923 ein Sohn geboren. Frieda Sichel engagierte sich in jüdischen Vereinen und in der Kasseler Frauenbewegung. Ab 1933 hatte die Familie unter rassistischer Verfolgung zu leiden und emigrierte 1935 nach Südafrika. Dort konnte Karl Sichel schnell als Architekt wieder Fuß fassen und Frieda Sichel arbeitete sehr erfolgreich als Sozialarbeiterin. 1975 publizierte sie in Johannesburg ihre Lebenserinnerungen, die hier erstmals kommentiert in deutscher Übersetzung vorliegen.“

Aufbau und Inhalt

Im ersten Teil der Lebenserinnerungen geht es um Aufstieg und Niedergang des „Kasseler Tagblattes“, dessen einziger Eigentümer die Familie Gotthelft 80 Jahre und über drei Generationen hinweg war:

Nach einem Rückblick auf die Lebensverhältnisse von Juden in den deutschen Ländern von 1650 bis 1750 wird über Abraham Hertz berichtet, der 1799 nach Kassel kommt und hier die Familiengeschichte der Gotthelfts begründet. Sie lebten ununterbrochen in Kassel, bis sie 136 Jahre später zu „Ausländern“ erklärt und vertrieben wurden. In der noch jungen Druckerei der Gebrüder Gotthelft erschien 1848 die sozial-demokratische Zeitung „Hornisse“. Die besonderen Schwierigkeiten der Entstehung des „Kasseler Tageblattes“, das unter dem Namen „Gewerbliches Tageblatt und Anzeiger“ mit 400 Abonnenten am 5. Dezember 1853 erscheinen konnte, die Jahre des Wachstums- um 1900 gab es 21.000 Abonnenten und 1925 insgesamt 200 Angestellte- und sein Niedergang- die letzte Ausgabe datiert vom 30. September 1932- werden dargestellt. Die nationalsozialistische Regierung übernahm einfach, ohne jeglichen Widerstand, die ganze Firma. Keiner der Tausenden von Lesern wagte es, sein Bedauern auszudrücken. Angemerkt sei noch, dass der Sozialdemokrat und spätere deutsche Reichskanzler Philipp Scheidemann von 1880 bis 1883 als Lehrling bei den Gotthelfts arbeitete.

Im zweiten Teil der Lebenserinnerung geht es um Frieda Sichels Lebensgeschichte:

Wir erfahren, wie Anfang des Jahrhunderts die Kindererziehung in einer wohlhabenden jüdischen Familie für die Kinder aussieht: Grundausbildung, Fremdsprachen, Theater/Konzert/ Museum, Musikstunden und Hauskonzert sind die Stichworte. Die große Etagenwohnung hat 9 Zimmer und Telefon. Der Behinderung ihrer Tochter wird durch vermehrte Bildungsanstrengungen geantwortet. Sie bekommt eine Sprachlehrerin für Griechisch und Italienisch, auch um eventuell auftretenden Minderwertigkeitsproblemen zu begegnen. Frieda erhält das Abitur und die Befähigung zum Studium. Zu ihrem familiären Umfeld zählt auch Otto Loewi, der 1936 den Nobelpreis für Medizin erhält und von den Nazis zur Auswanderung gezwungen wurde; er starb 1961 in New York.

Die Studienjahre verbringt Frieda Sichel in Freiburg, München, Berlin und Heidelberg. Freiburg hat 1911 circa 3000 Studenten, um einmal die Verhältnisse zur heutigen Massen-Universität zu beleuchten. Zu diesen förderlichen Verhältnissen zählen auch ihre persönlichen Kontakte mit berühmten Wissenschaftlern, die aufgrund ihrer persönlichen Begegnungen näher vorgestellt werden: u.a. Franz Oppenheimer (1864-1943), Hermann Cohen (1842-1918) und Max Weber (1864-1920). Sie lernt in dieser Zeit ihren Cousin und späteren Ehemann Karl Sichel kennen, trifft den ihr seit Kinderzeiten bekannten Franz Rosenzweig (1886-1929) wieder und beendet 1915 ihr Studium mit einer „summa cum laude superator“ bewerteten Dissertation. Über nachfolgende Treffen mit Alfred Weber (1868-1958), Emil Lederer (1882-1939), Karl Jasper (1883-1969) und Georg Lukacs (1885-1971) wird ebenfalls berichtet.

Während des 1. Weltkrieges trug die junge Frieda Sichel in Stuttgart die Verantwortung für ein Büro, in dem 50 Frauen beschäftigt waren. Es ging um die Lebensmittelpreiskontrolle unter Kriegsbedingungen. In Berlin organisierte sie 1916-1917 Nähstuben für Frauen und erhielt auch einen Auftrag, eine Studie über den Einsatz der Frauenarbeit im Krieg zu verfassen. Als ihre Mutter erkrankte, gab Frieda Sichel die Arbeit auf, kehrte nach Hause zurück und pflegte ihre Mutter.

Unter dem Naziregime hieß die Handlungsmaxime für Frieda Sichel, das Menschenmögliche zu tun, um möglichst viele Juden vor der Vernichtung zu retten. Vom ersten Tag des „Hitlerismus“ hatte sie erkannt, dass eine schreckliche Katastrophe auf die Juden zukam, während viele ihrer Brüder und Schwestern noch nach dem Reichstagsbrand einen „Tanz auf dem Vulkan“ aufführten. Gemeinsam mit Leopold Oppenheim (1887-1972) richtete sie ein Umschulungsprogramm ein, das hochgebildeten Menschen die Gelegenheit gab, sich zum Handwerker umschulen zu lassen, damit die Integration in der neuen Heimat gelingen konnte. Zur Ermöglichung der Einwanderung in Palästina wurden „Hachschara-Zentren“ eingerichtet, in denen Ackerbau und hebräische Sprache unterrichtet wurden. Vor den „Hilfsvereinen deutscher Juden“ wurden die Schlangen auswanderungswilliger Menschen täglich länger; Papiere, Pass und Visa mussten beschafft werden, um das Konzentrationslager zu vermeiden.

Als während eines Vortrages von Martin Buber (1878-1965) die Fenster der Synagoge eingeworfen wurden, ignorierte der Vortragende diesen Vorfall einfach und sprach weiter. Bei der Bewahrung des deutschen Judentums vor dem kompletten Zusammenbruch schreibt Frieda Sichel dem Rabbiner Leo Baek (1873-1956) eine beispiellose Funktion zu. Die Tätigkeit Baeks, der zweieinhalb Jahre Theresienstadt überlebte, wird von Frieda Sichel ausführlich gewürdigt. Baek war es auch, der die Familie Sichel mit ihren zwei Kindern Oktober 1935 drängte, Deutschland zu verlassen. Später hat Baek die Arbeit im Widerstand wie folgt charakterisiert: „Man könnte sie legale Untergrundarbeit nennen, immer im Rahmen des Gesetzes, aber völlig im Geheimen.“

In Südafrika nahm Karl Hermann seine Arbeit als Architekt wieder auf und Frieda Sichel fand als Statistikerin für eine Bevölkerungsstatistik südafrikanischer Juden eine kurzfristige Beschäftigung. Schon bald machte sie sich an die Arbeit, Neuankömmlingen zu helfen und die vorhandenen Selbsthilfekräfte zu mobilisieren. Es ist spannend zu lesen, wie es gelang, vor dem Inkrafttreten eines neuen Ausländergesetzes in Südafrika 540 deutsche Juden in einem gecharterten Schiff nach Kapstadt zu holen und von dort nach Johannesburg zu bringen. Die Gründung einer Nähstube, ein Kinderrettungsprogramm und das Projekt einer Wohnraumbeschaffung „Our Parents Home“ werden dem Leser vorgestellt. Nachdem ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden war, wurde von der Familie Sichel die südafrikanische Staatsbürgerschaft beantragt. Ihre Kinder konnten so im Krieg gegen die Nazis kämpfen. Frieda Sichel selbst nahm wieder ihre Arbeit auf, „bestehende Verhältnisse auf verschiedenen Gebieten zu verbessern“.

Im Schlusskapitel berichtet Frieda Sichel über ihr Eheleben und die Zeit danach.

Diese Lebenserinnerungen werden von editorischen Vorbemerkungen, Vorbemerkungen der Übersetzerin – Frau Eva Schulz-Jander - und einer Einführung von Rabbiner Dr. A. S. Super eingeleitet. Alle diese Beiträge verdienen eine sorgfältige Wahrnehmung.

Auch die im Text veröffentlichten Bilder sind aussagekräftig und tragen zur Veranschaulichung bei.

Die Anmerkungen sind unverzichtbar, insofern sie viele notwendige Aufschlüsse zu besonderen Bezeichnungen und Sachverhalten sowie geschichtlichen Ereignissen geben.

Wolfgang Matthäus stellt die „subjektiven“ Lebenserinnerungen kenntnisreich in einen „objektiven“ auf Kassel konzentrierten Zusammenhang städtischer Entwicklung und jüdischen Lebens und dessen Verfolgung und Vernichtung.

Es gibt einen Personenindex und sachkundige biographische Anmerkungen. Quellen und Literatur werden genannt.

Die besondere Vorstellung von Herrn Wolfgang Matthäus und Frau Cornelia Wenzel als Herausgebern und von Frau Eva Schulz-Jander als Übersetzerin ist nicht zuletzt aufgrund ihrer Leistungen und der gesamten Qualität der Veröffentlichung gerechtfertigt.

Diskussion und Fazit

Wenn man den ersten Teil der Erinnerungen und die 300-jährige Darstellung jüdischen Lebens und der Familie der Gotthelfts gelesen hat, wird dem Leser geradezu zwangsläufig die Monstrosität des nationalsozialistischen Programms der Judenvernichtung deutlich. Kein NS-Mann dürfte wohl eine lebendigere Beziehung zu Deutschland und der unmittelbaren Heimat als die Gotthelfts gehabt haben. Es wurde ein Teil Deutschlands ermordet.

Selten habe ich ein Buch über die Zeit des Nationalsozialismus gelesen, in dem die Selbsthilfe und gegenseitige Hilfe, die sich die Juden im Kampf gegen das Nazi-Deutschland gegeben und mit denen sie der unsäglichen Herausforderung Widerstand geleistet haben, so selbstverständlich und einleuchtend geschildert werden. Die Opferperspektive, in der wir allzu oft die Juden ausschließlich sehen, verhindert wohl einen Blick auf die jüdischen Handlungspotenziale, die dem Irrsinn der Vernichtung entgegengestellt wurden. Frieda Sichel zeigt uns Möglichkeit und Wirklichkeit, der Vernichtungspraxis eine widerständige Existenzperspektive entgegenzustellen.

Die Herausforderungen unserer Gegenwart werden minimiert, wenn man sie mit der Herausforderung der Vergangenheit vergleicht, der Frieda Sichel geantwortet hat.


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 12.02.2018 zu: Frieda Sichel (Hrsg.): Die Herausforderung der Vergangenheit. Jüdische Selbsthilfe in Kassel und Johannesburg. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-95565-228-9. Herausgegeben vom Archiv der deutschen Frauenbewegung und Wolfgang Matthäus. Bearbeitet und kommentiert von Wolfgang Matthäus und Cornelia Wenzel. Aus dem Englischen von Eva Schulz-Jander. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22972.php, Datum des Zugriffs 22.05.2018.


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