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autismus Deutschland e.V. (Hrsg.): Autismus Lernen - Arbeit - Lebensqualität

Cover autismus Deutschland e.V. (Hrsg.): Autismus Lernen - Arbeit - Lebensqualität. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2017. 352 Seiten. ISBN 978-3-86059-233-5. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.
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Thema

Zentrale Bereiche für ein erfülltes Leben sind Bildung, Arbeit und Wohnen. Diese Lebensqualitäten sind für Menschen mit Autismus oftmals nicht gegeben bzw. alles andere als selbstverständlich. Die 15. Bundestagung des Bundesverbandes autismus Deutschland e.V. im Jahr 2017 stellte die Themen „Lernen – Arbeit – Lebensqualität“ in den Mittelpunkt. Die Beiträge zeigen wie facettenreich und vielschichtig die genannten Aspekte sind. Ziel ist, Antworten auf diese gesellschaftlichen Fragestellungen zu geben. Zudem werden die wichtigsten, neuen Erkenntnisse aus der Forschung und Wissenschaft sowie zeitgemäße Möglichkeiten von Therapie und Förderung von Menschen mit Autismus aufgegriffen. Sie werden an konkreten Beispielen erläutert, die zeigen, wie es gelingen kann, sich in der Arbeitswelt und der Gesellschaft zurecht zu finden.

Herausgeber

Herausgeber ist der Bundesverband autismus Deutschland e.V.

Autorinnen und Autoren

Das Buch druckt Tagungsbeiträge von 35 Autorinnen und Autoren ab. Dabei kommen Expertinnen und Experten mit und ohne Autismuserfahrungen zu Wort. Am Ende des Buches findet sich eine Übersicht mit den entsprechenden Kontaktdaten.

Entstehungshintergrund

Das vorgelegte Buch ist der Bericht der 15. Tagung des Bundesverband autismus Deutschland e.V. vom 9. – 11. Juni 2017 in Dortmund.

Seit 1978 gibt es den von Loeper Verlag mit Sitz in Karlsruhe. Es besteht eine Kooperation mit dem ARIADNE Buchdienst. Veröffentlicht werden literarische Werke und Fachliteratur.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im Softcoverformat erschienen. Es hat einen Umfang von 352 Seiten. Der hier vorgelegt Tagungsbericht dokumentiert die Beiträge der 15. Bundestagung Autismus in Dortmund. Er gliedert sich in drei Teile:

  1. Lernen
  2. Arbeit
  3. Lebensqualität

Die einzelnen Teile und jeweiligen Artikel sind nicht durchnummeriert. Auf jeder linken Seite jeweils am oberen Seitenrand findet man den Titel des behandelten Teils sowie des Unterkapitels, auf der rechten Seite ist die Überschrift des jeweiligen Vortrags abgedruckt. Zudem findet man zahlreiche Abbildungen und Fotos sowie Beispiele, die sich farblich vom Fließtext absetzen. Die Vorträge enden mit den entsprechenden Literaturangaben.

Der erste Teil Lernen umfasst zwei Unterkapitel.

  • Das erste Unterkapitel mit dem Titel Entwicklung und Forschung beinhaltet drei Vorträge. Zu Wort kommen Mareike Altgassen zum Thema Routinen und Rituale bei Autismus – ein neuropsychologischer Erklärungsversuch. Daran schließt sich Georg Theunissen mit seinem Ansatz der Positive Verhaltensunterstützung bei Menschen aus dem Autismus-Spektrum an. Dieses Kapitel Entwicklung und Forschung endet mit Natalie Werner, die selbstverletzendes Verhalten bei Menschen mit Autismus in Hinblick auf Lerntheorien und deren Implikation reflektiert.
  • Das zweite Unterkapitel Lernen und Förderung beginnt mit einem Beitrag aus Linz: Daniel Holzinger, Eva Dely und Dominik Laister berichten über das Early Start Denver Model, ein Frühförderprogramm, was von den Krankenkassen finanziert wird. Aufgezeigt werden Prinzipien, die Praxis und die Ergebnissen der Begleitforschung. Zudem berichten Martin Degner und Elisabeth Kunz von zwei Schulen unter einem Dach und den vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten für Schüler*innen mit Autismus in einer inklusiven Gemeinschaftsschule in Thüringen. Dieses Kapitel endet mit dem Thema Stress (-bewältigung) im Helfersystem, betrachtet von Beate Nitsche und Wiebke Hinz. Zielrichtung ist die Stärkung der Widerstandskraft gegen Stress des Einzelnen und des Systems. Favorisiert wird das sog. „Embodiment“ – Konzept. Statt Geist, Gehirn, Körper und Umwelt getrennt zu betrachten werden diese Teile wieder im Zusammenhang gedacht und Ableitungen für die Praxis gebildet, um Stressreaktionen besser zu kontrollieren. Menschen mit Autismus weisen seit langem auf die Notwendigkeit hin, sich mit dem Thema Stress zu fokussieren. Auch die Forschung belegt mittlerweile, dass Menschen mit Autismus eine hohe Verletzlichkeit (Vulnerabilität) für Stress aufweisen. Ich schließe mich der Empfehlung der Autorinnen an, Übungen aus den Büchern von Croos-Müller zu nutzen. Sie sind einfach zu erlernen und aufwandsarm anzuwenden. Zu den Büchlein von Claudia Croos-Müller liegen ebenfalls Rezensionen vor wie z.B. zu dem hier empfohlenen Titel: Kopf hoch – das kleine Überlebensbuch. Soforthilfe bei Stress, Ärger und anderen Durchhängern www.socialnet.de/rezensionen/16272.php.

Der zweite Teil Arbeit befasst sich ausführlich mit den Themen Ausbildung und Beruf und Förderung für den Arbeitsmarkt.

  • Hajo Seng fordert Arbeit anders zu denken. Er beschreibt Wege zur Inklusion autistischer Menschen in den Arbeitsmarkt.
  • Daran schließt sich Dirk Müller-Remus zum Thema Autismus und Arbeit an. Er berichtet von vielen Wegen, die zum Ziel führen.
  • Dirk Müller-Remus ist Begründer von auticon, einer Firma, die seit 2007 Menschen mit Autismus in Arbeit vermittelt und diese dabei coacht.
  • Björn Hagen berichtet über Menschen mit Autismus im Job, auch
  • Jan Henrik Klieve und Thorsten Hirsch behandeln im Vortrag Jobcoaching bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung und referieren über ein Praxisbeispiel aus zwei Perspektiven.
  • In der Eingliederung von jungen Menschen mit ASS auf den ersten Arbeitsmarkt sehen Berufsbildungswerke ihre Aufgabe. Dazu schrieb Hannelore Kastorff einen Beitrag, in dem sie von den beruflichen Inklusionsbereiter am Beispiel des Berufsbildungswerks Bugenhagen berichtet.
  • Der Vortrag von Andrea Stratmann und Britta Bender Sicherheit und Perspektive zeigt individuelle Lösungen der beruflichen Teilhabe in allen Formen des Arbeitsmarktes auf.
  • Dieser Teil endet mit dem Beitrag von Monika Labruier und Michael Bader über das RouterPrinzip® – Ziel: Passgenauigkeit.

Im letzten dritten Teil Lebensqualität wird in zwei Unterkapiteln die Lebensqualität in der Praxis und in Therapie und Forschung beleuchtet. Vier Vorträge befassen sich mit der Lebensqualität in der Praxis.

  • Den Anfang macht Peter Rödler, der den Paradigmenwechsel in der Elternselbsthilfe darstellt, gemeint ist der Paradigmenwechsel von der Betroffenheit zur Verschiedenheit.
  • Der Beitrag der Künstlerin Gee Veros stellt das Anders Dabeisein – Mittendrin mit Autismus in den Mittelpunkt.
  • Die Mitglieder zweier Regensburger Selbsthilfegruppen Anke Kidan, Heike Vogel, Silke Wanninger-Bachem und Jonatan Böhm betitelten ihren Beitrag „Zusammen ist man weniger allein“, der Titel spricht für sich.
  • Barbara Rittmann, die Leiterin des Hamburger Autismusinstituts berichtet von einer Sozialen Kompetenzgruppe mit inklusiver Leitung. Ein Therapeut und ein Hobbykoch mit hochfunktionalem Autismus leiten gemeinsam eine therapeutische Kochgruppe von Jugendlichen im Alter von 14-18 Jahren, die sich alle vier Wochen trifft. Diese Gruppe reiht sich in weitere SoKo – Angebote zur Förderung der sozialen Kompetenz wie z.B. einer SoKo – Sportgruppe ein.
  • Dieses Unterkapitel endet mit dem Beitrag von Bettina Bönsch Von der Idee zur WG. Sie beschreibt die Entwicklung eines betreuten Wohnprojektes mit fünf Plätzen in Dresden, die sich in vier Phasen vollzog: die Anfangsphase, die Entwicklungsphase, die Umsetzungsphase und die Betriebsphase. Dieser Beitrag zeigt die vielfältigen Aufgaben und Anforderungen.
  • Das letzte Unterkapitel Therapie und Forschung enthält vier Beiträge. Es beginnt mit Sven Bölte, der die Frage stellt: Ist Autismus heilbar?
  • Anschließend werden neuere psychotherapeutische Ansätze bei Asperger-Syndrom von Claus Lechmann reflektiert. Im letzten Abschnitt stehen Eltern im Mittelpunkt.
  • Judith Sinzig berichtet von einem Elterntraining als Behandlungsbaustein bei ASS.
  • Heinrich Tröster, Christin Oberfeld, Stefanie Krawinkel und Sarah Lange nehmen Anforderungen, Belastungen und Ressourcen von Eltern mit Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen in den Blick.

Das Buch endet mit der Vorstellung der Autorinnen und Autoren.

Diskussion

Der Tagungsband gibt einen guten Einblick in das Leben von Menschen mit Autismus und deren Umfeld. Die Beiträge zeigen welche Hürden jeden Tag zu bewältigen sind. Es wird über neue Wege nachgedacht und reflektiert, wie eine individuell abgestimmte Integration in die Gesellschaft gelingen kann. Im Mittelpunkt steht dabei die Heranführung an die zentralen gesellschaftlichen Werte von Arbeit, Bildung und einer weitgehenden Selbstständigkeit. In Deutschland gibt es gute Ansätze, die weiterhin fortzusetzen sind. 35 Expertinnen und Experten mit und ohne Autismuserfahrungen kommen zu Wort, sodass ein facettenreiches Kaleidoskop entstanden ist. Das macht Mut!

Der formulierte Paradigmenwechsel in der Elternselbsthilfe von der „Betroffenheit zur Verschiedenheit“ ist eine Herausforderung. Er bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen der Formulierung von Ansprüchen und Unterstützungsbedarfen und einer ressourcenorientierten Perspektive auf die Akzeptanz der Verschiedenheit von Lebensentwürfen unter den Bedingungen von Autismus.

Initiator der Tagung ist der Bundesverband autismus Deutschland e.V. Dieser vertritt als Selbsthilfeverband die Interessen von Menschen mit Autismus und ihrer Angehörigen. Auf der website ist zu lesen: Der Bundesverband „betreibt umfassende Aufklärung über das autistische Syndrom und die vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse, veranstaltet Kongresse und Fachtagungen und gibt Bücher sowie Broschüren heraus. Außerdem fördert er Einrichtungen und Maßnahmen, die eine wirksame Hilfe für Menschen mit Autismus bedeuten“ (Quelle www.autismus.de/ueber-uns.html, Zugriff 02.11.2017 10.00).

Im Umfeld der Tagung wurde Kritik von erwachsenen Betroffenen laut, dass die Forderungen bezüglich der Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten nicht nur in Sonntagsreden formuliert werden darf, da die Gefahr gesehen wird, dass es bei Absichtserklärungen bleibt. Ganz konkret wird gefordert, dass in den Mitgliedseinrichtungen des Bundesverbandes, das sind ca. 60 Regionalverbände und Landesverbände, Arbeitsplätze für Menschen mit Autismus geschaffen werden bzw. ausgebaut werden, da hier Möglichkeiten der Beschäftigung vorhanden seien, die bisher brach liegen würden. Man kann gespannt sein, wie sich dieser Anstoß in den kommenden Jahren auswirken wird.

Fazit

Zentrale Bereiche für ein erfülltes Leben sind Bildung, Arbeit und Wohnen. Diese Lebensqualitäten sind für Menschen mit Autismus oftmals nicht gegeben bzw. alles andere als selbstverständlich. Die 15. Bundestagung des Bundesverbandes autismus Deutschland e.V. stellte die Themen „Lernen – Arbeit – Lebensqualität“ in den Mittelpunkt. Wie facettenreich und vielschichtig die genannten Aspekte sind, zeigen die Beiträge. Sie wollen vielschichtige Antworten auf diese gesellschaftlichen Fragestellungen geben. Dargelegt werden zudem die wichtigsten, neuen Erkenntnisse aus der Forschung und Wissenschaft sowie zeitgemäße Möglichkeiten von Therapie und Förderung von Menschen mit Autismus. Sie werden an konkreten Beispielen erläutert, die zeigen, wie es gelingen kann, sich trotz dieser Lebensbedingungen in der Arbeitswelt und der Gesellschaft zurecht zu finden.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 17.11.2017 zu: autismus Deutschland e.V. (Hrsg.): Autismus Lernen - Arbeit - Lebensqualität. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2017. ISBN 978-3-86059-233-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22979.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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