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Matthias Horx: Future Love. Die Zukunft von Liebe, Sex und Familie

Cover Matthias Horx: Future Love. Die Zukunft von Liebe, Sex und Familie. DVA Deutsche Verlags-Anstalt (München) 2017. 320 Seiten. ISBN 978-3-421-04732-8. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Thema

Ist Liebe eine Himmelsmacht? Liebe wird im philosophischen Diskurs als „grundsätzlich jede affektgetragene Zuneigung oder Verbundenheit“ definiert (Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, 23., vollständig neu bearb. Auflage, Stuttgart 2009, S. 439). Mit der theologischen Aufforderung „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ wird das Primat der Zuneigung zu anderen Menschen verbunden mit der Liebe zu sich selbst und damit eine Verbindung hergestellt, dass Liebe immer etwas zu tun hat mit Menschlichkeit und mit der Anerkennung der Menschenwürde des Anderen: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“ – so lautet die höchste und wichtigste Prämisse in der Menschenrechtsdeklaration. Mit der Gedichtstrophe – „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst!“ – kommt deutlich zum Ausdruck, dass Liebe niemals Besitzergreifung sein kann, sondern immer verbunden sein muss mit dem Anspruch, dass Lieben Geben und Nehmen bedeutet, „amour propre“ und „amour de soi“ (Rousseau) bedingt, Partnerschaft, Selbst- und Gemeinsinn notwendig macht. Es sind Aufforderungen zum Perspektivenwechsel, hin zu Tugenden wie Vertrauen, Gelassenheit, Geborgenheit und Entschleunigung, die die „Slow Family“ (Julia Dibben / Nicola Schmidt) fordern. Mit Ingeborg Bachmanns Diktion „Liebe ist alles“ und Peter Lausters Zuschreibung „Liebe ist ein psychisches Phänomen“ (Kerstin Jergus, Liebe ist … Artikulationen der Unbestimmtheit im Sprechen über Liebe, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12661.php); wie auch des Einwandes, dass Liebe ein unordentliches Gefühl sei (Richard David Precht, Liebe. Ein unordentliches Gefühl, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/9461.php), wird erkennbar, dass Lieben eine humane Herausforderung darstellt und eine stetige Anstrengung erfordert. Denn die größten Feinde der Liebe sind Egoismus, Ego- und Ethnozentrismus.

Entstehungshintergrund

In den Zeiten der populistischen, globalistischen und individualistischen Entwicklungen eines „Ich-will-alles-und-das-sofort!“ – Denkens und Handelns, von soziopathischen Ego-First- und populistischen Fehlleitungen, in der „die Megatrends der Individualisierung, der Globalisierung, Mobilität und Konnektivität“ vorherrschen, zeigen sich immer deutlicher die Defizite und Unbeherrschtheiten sowohl beim partnerschaftlichen, familialen, als auch beim sozialen und gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen.

Autor

Der Zukunftsforscher und -denker Matthias Horx (vgl. auch: Matthias Horx, Das Buch des Wandels. Wie Menschen Zukunft gestalten, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/9735.php) kommt zu dem Ergebnis: „Liebe ist eine Turbulenz“. Und die emotionale und rationale Tugend ist komplex, und sie lässt sich nur mit dem ganzheitlichen, umfassenden Blick betrachten, analysieren und praktizieren. Weil Liebe menschlich und für ein gutes, gelingendes Leben der Menschen unverzichtbar ist, müssen wir alles tun, damit Liebe in der Welt ist, individuell und kollektiv, politisch, zivilisatorisch, also human. Horx ruft in seinem Buch zur „Liebesintelligenz“ auf, indem er auf die positiven und negativen, individuellen, lokalen und globalen Entwicklungen schaut und fragt: Wie kann es gelingen, die vielfältigen, förderlichen und kontraproduktiven Emotionen und Rationalitäten zusammen zu bringen? „Geborgenheit und Leidenschaft“ – „die Gesellschaft und das Private“ – „die Selbstverwirklichung und die Hingabe“ – „die Erotik und die Bindung“ – „die Sehnsucht und die Sicherheit“ – „die Freundschaft und die Erotik“ – „das Ich und das Wir“ – „die Fähigkeit, lebenslang zu lieben“ – „Hassen und Lieben“.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert seine Analyse in drei Teile.

  1. Beim ersten Kapitel geht es um „Vergangenheit: Wie die Liebe in die Welt kam“.
  2. Im zweiten setzt er sich mit „Gegenwart: Liebe in Zeiten der radikalen Individualisierung“ auseinander.
  3. Und im dritten Teil schaut er in die „Zukunft“. Er stellt drei Szenarien vor, wie eine „futuristische Liebe“ aussehen könnte.

Die Erkenntnis, dass der Mensch, will er in der Gegenwart ein gutes, gelingendes, humanes Leben führen, den Blick zurück wenden und sich fragen muss, wie wir geworden sind, was und wie wir sind, ist ein Prädikat und macht Menschsein aus. Die evolutionäre Entwicklung, die mit der Entstehung der natürlichen und institutionellen Familie beginnt und auf das menschliche, anthropologische Bedürfnis reagiert, als Individuum auf Gemeinschaft angewiesen zu sein. Die Fähigkeit zur Bildung von Emotionen, die ohne rationales Bewusstsein nur Gefühlsregungen, aber keine liebes- und bindungsfähigen Eigenschaften sind, braucht Resilienz und Resonanz. Es ist die Suche „nach einer Lebensweise, in der wir Liebe und Leidenschaft, Bindung und Verbindlichkeit ausbalancieren können“.

Weil der Mensch in seinem radikalen Jetztsein als Egozentrist nicht human leben kann, ist das Nachdenken darüber notwendig, wie er Partner findet, durch Zufälle und gezielte Einfälle, durch selbstlose und selbstmächtige Aktivitäten, mit Hilfe von anderen Menschen und/oder allzeit greifbaren Technologien, mit Trial and Error. Es sind traditionelle und moderne Formen der Partnerschaftsfindung, lineare, holistische, kybernetische und energetische Liebesbeziehungen, die es zu erkunden gibt, im Selbstversuch wie mit Hörensagen. Und es sind Grenzerfahrungen, die Liebe zur Erfüllung wie zur Trennung macht; wie aus Liebe Gleichgültigkeit, Ablehnung und Hass entstehen können und Menschen zur leeren Hülle, zur „Leere der Seele“ werden lässt. Gewiss: „Immer wieder scheitern wir. An uns selbst, unserer Kleinlichkeit, unserer unerlösten Sehnsucht nach Liebe und echter Freundschaft, die uns immer wieder dazu bringt, Menschen zu bewerten und zu beurteilen, sie abzuwerten. Und uns selbst dazu“.

Der Mensch ist ein Lebewesen, das in die Zukunft zu denken vermag. Die Frage stellt sich: „Könnten wir lernen, das hohe Spiel der Liebe auf tiefere, spirituellere Weise zu spielen?“. Von der „techno-erotische(n) Transformation“ ist die Rede, von der „biogenetische(n) Turbo-Adaption“ wird phantasiert, „Liebe im Zeitalter des technischen Funktionalismus“ wird geplant, die Liebe wird als Glasperlenspiel, als „Liquid Love“ (Zygmunt Bauman) gekennzeichnet. Da wird die oben gestellte Frage beinahe zum Menetekel und zum unüberwindbaren Katarakt. Doch der Autor bietet eine Lösung an: „Die coevolutionäre Liebe“, bei der zum Versprechen und zum Vorsatz von Aufmerksamkeit und emotionaler Sicherheit eine weitere Lebensdimension kommt: „Wir sehen und begegnen einander als Werdende. Wir gehen miteinander das Risiko der Selbstveränderung ein“. Dadurch werden wir in einer Liebesbeziehung nicht Eins, sondern erleben „die Utopie der Lebendigkeit“ und sind jederzeit und lebenslang aufgefordert „aufzuwachen“.

Fazit

Matthias Horx´ „Future Love“ ist kein Ratgeber mit den lapidaren Ratschlägen – „Tu dies, dann erreichst du das!“ – sondern eine Netzwerkidee, bei der der Wandlungs- und Veränderungsprozess des individuellen, partnerschaftlichen und kollektiven Menschseins Voraussetzung dafür ist, ein gutes, zufriedenes, glückliches, gelingendes, gebendes und nehmendes Leben führen zu können. Das äußere Design des Essays über die Zukunft von Liebe, Sex und Familie erinnert an den „rosaroten Panther“, dessen abstrakte und surreale Optik an Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten, Gewissheiten und Utopien erinnert – wie eben Liebe auch!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.07.2017 zu: Matthias Horx: Future Love. Die Zukunft von Liebe, Sex und Familie. DVA Deutsche Verlags-Anstalt (München) 2017. ISBN 978-3-421-04732-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22984.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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