socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Alfred Schäfer, Christiane Thompson (Hrsg.): Gemeinschaft

Cover Alfred Schäfer, Christiane Thompson (Hrsg.): Gemeinschaft. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2017. 160 Seiten. ISBN 978-3-506-78253-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 36,80 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Herausgeber und Herausgeberin

  • Alfred Schäfer ist Professor für Systematische Erziehungswissenschaft (i. R.) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
  • Christiane Thompson ist Professorin für Theorie und Geschichte der Erziehung und Bildung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Entstehungshintergrund und Thema

Über die Entstehung und Absicht des Buches geben Alfred Schäfer und Christiane Thompson keine Auskunft. Es liegt jedoch nahe, dass es um die Reflexion des Themas „Gemeinschaft“ geht, um die notwendige Arbeit am Begriff und die Sehnsucht nach ihrer Verwirklichung. Bereits in der Einleitung benennen die Herausgeber_in das Problem: Der Begriff „Gemeinschaft“ sei unscharf, baue auf einer romantischen Vorstellung auf und erzeuge eine normative Kraft, die nur mit der Abwesenheit „von Gemeinschaft“ erklärt werden könne.

Aufbau

Das Buch beginnt mit einer ausführlichen Einleitung, an die sich fünf weitere Beiträge zum Thema anschließen.

  • Juliane Spitta schreibt über: „Die politische Romantik der Gemeinschaft“.
  • Veronika Magyar-Haas und Jürgen Oelkers beschäftigen sich mit „(Reform-) Gemeinschaftsvorstellungen in der Weimarer Republik. Kritik im Anschluss an Helmuth Plessners Sozialtheorie“.
  • Nicolas Engel und Michael Göhlich schreiben über: „Vergemeinschaftung. Zur (Re-) Konstituierung von Organisationen“.
  • Felix Trautmann reflektiert: „Die Gemeinschaft und das Politische“.
  • Sabrina Schenk fragt nach: „Das ‚Wir‘ der Proteste. Zur Frage nach dem Verhältnis von Identität und Differenz in einer poststrukturalistischen Empirie“.

Das Autoren_innen Verzeichnis beendet das Buch. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Die Herausgeber_in zeichen in ihrem Beitrag „Gemeinschaft – eine Einleitung“ (S. 9-36) die Entwicklung des Gemeinschaftsbegriffs nach. Seine vormoderne Metaphorik basiere auf der antiken Idee von einer sozialen Einheit. Ideengeschichtlich sei „Gemeinschaft“ zunächst mit einem Organismus gleichgesetzt worden, der, bezogen auf den politischen Raum, mit „Volk“ und „Nation“ gedanklich verbunden war. Im 20. Jahrhundert kristallisierte sich, so die Herausgeber_in, in der Gegenüberstellung von „Gesellschaft“ und „Gemeinschaft“ die Vorstellung heraus, dass nicht mehr die soziale Einheit, sondern die soziale Zerrissenheit zu thematisieren sei und „Gemeinschaft“ beide Sozialformen verbinde. Der Gemeinschaftsbegriff diente jetzt dazu, in der Suggestion einer „wahren Gemeinschaft“ die Utopie einer gerechten Gesellschaft anzustreben.

Innerhalb der Soziologie wurde der Gemeinschaftsbegriff von Georg Simmel reflektiert. „Gemeinschaft“ sei, so Schäfer und Thompson, als schon immer dagewesen aufgefasst worden und in dieser Vorstellung sei die imaginäre Kraft der sozialen Einheit erneut mit der Idee des „Volkes“, der „Nation“ oder der „Rasse“ verbunden worden.

Im deutschen Idealismus des beginnenden 19. Jahrhunderts sei der „Gemeinschaftsbegriff“ durch Johann Gottlieb Fichte und Georg Wilhelm Friedrich Hegel inhaltlich geprägt worden. Aber auch in der Spätromantik diente die Gemeinschaftsidee der Staatsbildung. 1762 habe Jean Jaques Rousseau im „Contrat Social“ über die Frage der Herstellung eines Gemeinwillens nachgedacht (vgl. S. 26). Alfred Schäfer und Christiane Thompson zeigen, dass die Kritik an der gesellschaftlichen Entfremdung bis in die 1960er- Jahre hinein ein weiterer Motor war, die Idee „Gemeinschaft“ trotz ihrer Unschärfe als Programmatik zu nutzen, um die als bedrohlich empfundenen Entwicklungen der Industrialisierung auszugleichen.

Juliane Spitta schreibt über „Die politische Romantik der Gemeinschaft“ (S. 37-63). Sie stellt fest, dass der Gemeinschaftsbegriff nach wie vor zur Selbst- und Fremdbeschreibung politischer Kollektive genutzt werde. Er sei als ein „Sehnsuchtsbegriff“ offensichtlich geeignet, zwischen dem Verlust von „Gemeinschaft“ und ihrem Versprechen zu oszillieren. Die emotionale Bindekraft entfalte der Begriff jedoch im Narrativ der Krise und der politischen Transformation. Die Autorin erarbeitet eine handlungspraktische Einbindung des Gemeinschaftsbegriffs.

Veronika Magyar-Haas und Jürgen Oelkers thematisieren „(Reform-) Pädagogische Gemeinschaftsvorstellungen in der Weimarer Republik. Kritik im Anschluss an Helmuth Plessners Sozialtheorie“ (S. 65-93). Sie untersuchen die ideologischen und semantischen Strategien pädagogischer Ansätze, die „Gemeinschaft“ als Fluchtpunkt gegen die empfundene soziale Kälte der industriellen Moderne beschworen. Eine theoretische Rückbindung bot der Sozialphilosoph Ferdinand Tönnies. Er hatte 1887 darauf verwiesen, dass „Gemeinschaft“ im Gegensatz zu „Gesellschaft“ auf Willensbildung basiere, die für ihn die Basis eines sozialen Kollektivs sei. Die Gesellschaft brauche, so Tönnies, die gemeinsam verbindende Gesinnung ihrer Mitglieder. Ein weiterer Ideengeber war John Dewey, der den Gemeinschaftsbegriff nicht in Opposition zur Gesellschaft, sondern in Hinsicht auf die Befähigung zur Kommunikation im Nahbereich einer Community konzeptualisierte.

Innerhalb der philosophischen Anthropologie hatte Helmuth Plessner, so Oelkers und Magyar-Haas, den Gemeinschaftsbegriff genutzt, um die darin assoziierte Nähe, Intimität, Echtheit und Unmittelbarkeit aufzugreifen. Zwischen der Intimsphäre des Individuums und seiner sozialen Rolle innerhalb der Gesellschaft könne der Gemeinschaftsbegriff vermitteln (vgl. S. 68). Der Gemeinschaftsbegriff wurde zudem vom Nestor der Jugendbewegung, Paul Natorp, 1899 in seinem Aufsatz über Sozialpädagogik „Theorie der Willensbildung auf der Grundlage der Gemeinschaft“ entfaltet. Der Gemeinschaftsbegriff gilt als ein Schlüsselbegriff der Sozialpädagogik, der durch die sogenannte Jugendbewegung gestärkt worden war. Durch die Jugendbewegung sei der Wunsch nach „Gemeinschaft“ in Form von Kameradschaft und gemeinsamen Unternehmungen wie Wandern und Singen fernab der Städte erstarkt. Paul Geeheb, Gustav Wyneken und Hermann Lietz hatten dieses Bedürfnis erkannt und in ihren Landerziehungsheimen pädagogisch aufgegriffen. In Frankreich hatte Adolphe Ferrière die Idee der Landerziehung weiterentwickelt. Paul Geeheb formulierte 1910: „‚Im Landerziehungsheim sollen die Kinder in reiner Luft, unverkümmert und unverborgen, sich zu wahrem Menschentum entwickeln, bewahrt vor den Übeln der Zivilisation, von denen die Welt draußen voll ist. Unsere Kinder bilden den Mikrokosmos einer wirklich organischen, einheitlichen Lebensgemeinschaft‘“ (S. 75). Oelkers und Magyar-Haas zeigen auch auf, dass der Gemeinschaftsbegriff innerhalb jedes politischen Systems genutzt und auch pervertiert wurde. Durch die reformpädagogische Auslegung wurde allerdings die „Tyrannei der Intimität“ deutlich. Es bleibe die Erkenntnis zurück, dass „Gemeinschaft“ niemals auf Dauer gestellt werden könne (vgl. S. 88).

Nicolas Engel und Michael Göhlich greifen in ihrem Beitrag „Vergemeinschaftung. Zur (Re-) Konstituierung von Organisationen“ (S. 95-118) auf Überlegungen zu zweckrationalen und intentionalen Strategien sowie Mustern der Hervorbringung von Gemeinschaft zurück. In ihren ethnografischen Beobachtungen fanden sie Hinweise auf die Abgrenzung, z.B. der einen Gemeinschaft von einer anderen Schulgemeinschaft. Besondere Rituale und Förderungen sowie Projekte und sogar eine Sitzordnung oder die Erarbeitung eines Schulethos können die Funktion einer Vergemeinschaftung annehmen.

Felix Trautmann schreibt über „Die Gemeinschaft und das Politische“ (S. 119-148) und arbeitet heraus, dass der Gemeinschaftsbezug der Politik vorausgehe und als unverfügbare Voraussetzung in sie einfließe. Der Kommunitarismus habe den Gemeinschaftsbegriff als unverzichtbare normative Ressource aufgewertet. Doch im Anschluss an französische und spanische Theoretiker politischer Philosophie (Bataille, Nancy, Esposito etc.) müsse, so der Autor, davon ausgegangen werden, dass es die „Gemeinschaft“ nicht gebe. „Gemeinschaft“ könne nur als radikal abwesend begriffen werden, weshalb sie einen wesentlichen Einfluss auf die Politik habe (vgl. S. 123). Wie bei Rousseaus Konzeption des Gesellschaftsvertrages müsse man von einer „negativen Gemeinschaft“ ausgehen, d.h. von einem Ideal, dass es so nicht gebe, dass sich nur im Glauben daran konstituieren könne (vgl. S. 126).

Sabine Schenk reflektiert „Das ‚Wir‘ der Proteste. Zur Frage nach dem Verhältnis von Identität und Differenz in einer poststrukturalistischen Empirie“ (S. 149-171). Ihr Beitrag wirft einen Blick auf moderne empirische Forschung, wie sie durch Judith Butler, Dieter Rucht und Sebastian Haunss theoretisch reflektiert wird. Die Autorin zeigt, dass wissenschaftliche Forschung Realität konstruiert und im Versuch der Verallgemeinerung und der Kategorisierungen ein gemeinsames „Wir“ unterstelle. Dabei seien, so die Autorin, Differenzen nicht wahrgenommen worden. In der modernen Protest- und Bewegungsforschung spiele der Gemeinschaftsbegriff eine Rolle, doch werde, so die Autorin, das „Wir“ und die „Gemeinschaft“ als mythologisch-historisch belasteter Begriff identifiziert. Die poststrukturalistische empirische Forschung habe ihre Perspektive von der identitätslogischen zur differenzlogischen Sicht gewechselt (vgl. S. 168). Durch diese Sicht auf Wirklichkeit, werde nun eine Lebenspraxis sichtbar, die eben nicht von einer ähnlichen oder geteilten Weltsicht ausgehe. Die medial verbreiteten Bilder von Gemeinschaft suggerieren, wie der Begriff selbst, eine Realität, die es nicht gebe (vgl. S. 149).

Diskussion

Das Buch regt dazu an, sich mit dem „Gemeinschaftsbegriff“ neu auseinanderzusetzen. Es entlarvt den Diskurs und den Begriff und befreit ihn von romantisierenden Vorstellungen. „Gemeinschaft“ ist als nicht zu realisierende Leitidee, als eine Utopie dennoch hilfreich. Würde sie real werden, wäre sie Tyrannei. Insofern klärt das Buch auf. Es spiegelt wissenschaftliche Entwicklungen wider und lässt einen neuen Blick auf reformpädagogische Gedanken zu, die aktuell sind.

Fazit

Die Beiträge des Buches regen zum Studieren an. Sie können aufgrund ihrer Länge in einem Seminar genutzt werden und erhellen darüber hinaus bisherige Forschungserkenntnisse z.B. über die sogenannte Reformpädagogik oder poststrukturalistische empirische Forschung.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Homepage www.dhbw-stuttgart.de/themen/studienangebot/fakulta ...
E-Mail Mailformular


Alle 63 Rezensionen von Christiane Vetter anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 24.01.2019 zu: Alfred Schäfer, Christiane Thompson (Hrsg.): Gemeinschaft. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2017. ISBN 978-3-506-78253-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22985.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung