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Sigurd Hebenstreit: Janusz Korczak

Cover Sigurd Hebenstreit: Janusz Korczak. Leben - Werk - Praxis : ein Studienbuch. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 334 Seiten. ISBN 978-3-7799-3691-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Autor und Thema

„Der Mann und seine Ideen begeisterten mich, sodass ich beschloss, den Menschen und seine Inhalte näher kennenzulernen. Das tue ich jetzt seit 45 Jahren – und unverändert mit Begeisterung.“ (9) Die Rede ist hier vom polnisch-jüdischen Schriftsteller, Kinderarzt und Pädagogen Janusz Korczak (1878/79 – 1942) und der Begeisterung des Autors Sigurd Hebenstreit, die dieses Praxishandbuch zum Leben und Werk des Pädagogen nicht nur einleitet, sondern die Leserinnen und Leser bis zur letzten Seite begleitet. Der Erziehungswissenschaftler Hebenstreit hat seine Publikation vorwiegend für „den Einsatz in Fachschulen für Sozialpädagogik, (Fach-)Hochschulen und Universitäten mit Studiengängen im Bereich des Sozialwesens und der Pädagogik“ (13) verfasst. Den Studierenden soll mit den theoretischen Abfassungen und den praktischen Übungsaufgaben ein individueller Zugang zum Thema ermöglicht werden. Des Weiteren kann das Buch „als Anregung für ein Seminar“ (14) herangezogen werden. Das Studienbuch über Leben, Werk und Praxis Janusz Korczaks reiht sich ein in weitere Biografien Hebenstreits bekannter Pädagoginnen und Pädagogen (u.a. zu Maria Montessori, Friedrich Fröbel und Heinrich Pestalozzi).

Aufbau

Da sich die Publikation vorwiegend an einen Leserkreis richtet, der mit „Person und Pädagogik Janusz Korczaks wenig vertraut“ (12) ist, wird sein Leben und Werk in einen weitumspannenden Rahmen gesetzt. Das Buch unterteilt sich in vier Themenfelder, deren Kapitel mit „Textproben und Übungsaufgaben“ (121) abgeschlossen werden:

  1. Auf den ersten 100 Seiten (16-107) bekommen die Leserinnen und Leser neben biografischen Angaben detaillierte und ausführliche Informationen über Korczaks Heimatland Polen und seine Verankerung im Judentum.
  2. Der zweite Block (108-166) stellt den Schriftsteller Janusz Korczak und seine poetische Pädagogik vor, die der Autor in Erwachsenen-, Kinder-Jugendliteratur und entwicklungspsychologische Arbeiten unterteilt.
  3. Im dritten Teil (167-252) rückt verstärkt der sozialreformatorische und konstitutionelle Pädagoge Janusz Korczak in den Mittelpunkt, indem seine pädagogischen Grundthesen und anthropologischen Grundüberzeugungen beschrieben werden.
  4. Der letzte Abschnitt (253-323) widmet sich Korczaks Praxis und den Methoden und Handlungsmaximen in den von ihm geführten Warschauer Waisenhäusern.

Der Autor beschließt das Buch mit einigen Schlussbemerkungen, die „Antworten auf mögliche Fragen“ (324) sind, die nach der Lektüre die Leserschaft umtreiben können. (324-330).

Inhalt

„Janusz Korczak ist jüdischer Pole und polnischer Jude.“ (16) Sigurd Hebenstreit fasst mit diesem Satz die zentralen Implikationen zusammen, die für das Verständnis Korczakscher Pädagogik, seines anspruchsvollen Lebens und tragischen Sterbens notwendig sind. Da sich das Buch an ein Publikum wendet, das sich zu einem bisher un- oder wenig bekannten Terrain aufmacht, führt der Autor die Leserschaft im ersten Kapitel in die Geschichte Polens ein. Dabei breitet er vor ihnen die polnische Landkarte der letzten 250 Jahre aus und führt damit durch die vier Stationen der territorialen Aufteilung Polens. Mit dieser Zeitreise, die 1795 beginnt und 1945 endet, wird der politische und sozialgeschichtliche Kontext aufgespannt, vor dem sich Leben und Werk Korczaks interpretieren lassen. Ferner geht der Autor auf das Judentum ein und erläutert die jüdische Glaubenslehre und -praxis, sowie die unterschiedlichen Glaubensrichtungen. Einen Schwerpunkt setzt er dabei auf die Geschichte osteuropäischer Juden und die Shoah. „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr.“ (64) Dieser Auszug aus einem NS-Bericht vom Mai 1943 schließt das Kapitel ab und führt die Leser gleichsam auch an den Anfang zurück, indem sich die Biografie Korczaks anschließt. (16-107)

„Janusz Korczak ist erst Arzt, dann Erzieher, immer aber Schriftsteller.“ (108) Dieser Satz leitet den zweiten Abschnitt des Buches ein und offenbart gleichzeitig das inhaltliche Programm: Janusz Korczaks literarische Arbeiten werden, sortiert nach den Lebensaltern, eingeführt und besprochen. Die Literatur für die Erwachsenen stellt der Autor unter den Aspekten der a. frühen Werke, b. Werke mit psychiatrischem Inhalt und c. mit religiösem Bezug vor. Korczaks Kinder- und Jugendliteratur schließt sich an, indem als Erstes ein Überblick über die wesentlichen Werke gegeben wird, um anschließen den Kinderroman „König Hänschen“ (Król Maciu?) vertieft hinsichtlich Struktur und Inhalt zu diskutieren. Die Vorstellung der „Kleinen Rundschau“ – einer Zeitung für und von Kindern, die von Korczak begründet wurde – findet im Besonderen Erwähnung. Die Entstehungsgeschichte dieser ersten, weltweiten Kinderzeitung, ihre Organisationsprinzipien und die grundlegenden Themenbereiche werden skizzenhaft vorgestellt. Rekurrierend auf den oben bereits eingeführten Einleitungssatz, Korczak wäre in erster Linie Kinderarzt gewesen, erläutert Hebenstreit die entwicklungspsychologischen Kenntnisse des Pädiaters Korczak anhand seiner zentralen Schriften zur Entwicklung von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen. (108-166)

Korczaks Bild vom Menschen und vom Kind eröffnet den dritten Abschnitt des Studienbuches, bei dem die pädagogischen Grundeinsichten und Handlungsmaxime anhand zahlreicher Zitate aus Korczaks Schriften belegt werden. Dabei geht der Autor immer wieder auf unterschiedliche Spannungsverhältnisse (beispielsweise das Erwachsenen-Kind-Verhältnis) ein. Ein Abschnitt widmet sich den endogenen und exogenen Faktoren der Entwicklung und Erziehung von Kindern. Hier wird das zuvor (114) kurz angerissene Thema der Eugenik intensiver ausgeführt, das den damaligen Zeitgeist prägte und sich damit auch in Korczaks Werk auffinden lässt. Nachfolgend wird auf die sozialkritischen Positionierungen und Forderungen des Sozialreformers Korczak (beispielsweise seine medizin- und schulkritischen Ausführungen) aufmerksam gemacht. Dieser dritte und vorletzte Abschnitt schließt mit einer ausführlichen Besprechung Korczakscher Erziehungsmaxime. Der Erziehungswissenschaftler Hebenstreit führt den Leserkreis zuerst skizzenhaft in bildungs- und erziehungsgeschichtliche Diskurse ein, um dann Korczak immanenten Erziehungsbegriff vor diesem Hintergrund auszubreiten. Dabei geht der Autor erneut auf Korczaks Schulkritik und sein prominentes Erwachsenen-Kind-Verständnis ein. Er differenziert ferner die beschriebene Erziehungsmaxime Korczaks anhand der Lebensalter und beschließt den Abschnitt mit der Einführung Korczak als konstitutionellem Pädagogen, der in seiner pädagogischen Theorie und Praxis die zwingende Realisierung von Menschenrechten einforderte. Beispielhaft wird diese Forderung anhand der Proklamation der „Magna Charta Libertatis“, der Grundrechte für das Kind, erläutert. (167-252)

Der letzte und das gesamte Studienbuch abschließende Abschnitt beschäftigt sich mit der erziehungspraktische[n] Konzeption Korczaks (253). Dabei legt Hebenstreit ein besonders Augenmerk auf die Beziehung Korczak´ zu schwierigen und die Erwachsenen herausfordernden Kindern. Anhand der komprimierten Darlegung Korczakscher Leitlinien und Alltagsregeln reflektiert er seinen einzigartigen und unkonventionellen Erziehungsstil. Dabei nimmt er sich auch der Erziehungsperson und ihrer Haltungen an. Die zwei nachfolgenden Unterkapitel zentrieren sich dann um sonder- und medizinpädagogische Zuschnitte. Hier positioniert sich der Autor kritisch gegenüber einer allumfassenden Vereinnahmung der Pädagogik Korczaks für das Themenfeld der Heilpädagogik und Inklusion. Anhand entsprechender primärer und sekundärer Quellennachweise belegt er seine distanzierte Haltung, ohne eine mögliche – vorsichtige – Rezeption der Pädagogik Korczaksauf heil- und sonderpädagogische Themen gänzlich auszuschließen. Das letzte Themenprisma, das von Sigurd Hebenstreit aufgearbeitet wird, zentriert sich um die strukturelle und konzeptionelle Organisation der beiden Warschauer Waisenhäuser. Dabei werden die prägnanten Institutionen als rahmen- und strukturgebende Beteiligungsinstrumente vorgestellt. Dem Kameradschaftsgericht kommt dabei besondere Aufmerksamkeit zu. (253-323)

Diskussion und Fazit

Der Autor Sigurd Hebenstreit beruft sich in seinen inhaltlichen Ausführungen auf die Kolleginnen und Kollegen, die zuvor die deutsche Korczakrezeption initiiert und nachhaltig beeinflusst haben. Die Herausgabe der Sämtlichen Werke Janusz Korczak sowie ihre detail- und kenntnisreiche Kommentierung vollendete dieses jahrzehntelange Engagement. Dies lässt den Autor anfangs die Frage stellen, wozu es eines komprimierten Buches über Janusz Korczak bedarf und er beantwortet sie mit seinen Erfahrungswerten als Professor. Diese haben ihm gezeigt, dass im Studium oftmals „kaum Raum für eine ausführliche Auseinandersetzung mit einem Autor, einer Strömung, einer Epoche besteht.“ (13) Gepaart mit der bereits offengelegten Leidenschaft für die Anliegen Korczaks, entstand eine Lektüre für Schüler und Studierende, die zum Nachdenken und Mitarbeiten einlädt.

Einige der Analysen und Positionierungen des Autors laden auch zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Janusz Korczak ein und erfüllen damit umso mehr den Anspruch einer wissenschaftlichen und damit distanzierten Annäherung. Gewinnbringend ist die Formulierung auch sensibler Themen, wie beispielsweise der Eugenik, die sich als Ausprägung des damaligen Zeitgeistes auch in Korczaks Werken niederschlug. Interessant weiter die dreifache Analyse des ersten Rechts des Kindes auf den Tod und die vorsichtige Inbeziehung-Setzung zur Ghettozeit. Der Tod findet als Thema, obwohl im Werk von Korczak umfassend vorhanden und im Ghettotagebuch explizit unter dem Traktat der Euthanasie ausgeführt, in der Korczakrezeption (vielleicht als „heißes Eisen“?) kaum Erwähnung. Dabei wäre es wichtig über dieses Grenzthema und seine Bedeutung für die Pädagogik unddamitunsere Gesellschaft zu sprechen. Janusz Korczaks Pädagogik ist untrennbar mit zwei weiteren Namen verbunden: Stefania Wilczy?ska und Maryna Falska. Ohne seine langjährigen Kolleginnen hätte er sich und seine Ideen nicht enthalten können. Ihnen gebührt zu mindestens ein Absatz.

Das Buch bietet, was es als Titel verspricht! Es ist ein umfassendes und gut belegtes Studienbuch über das ereignisreiche Leben, das aus diesem Leben entstandene Werk und die pädagogische Praxis des Ausnahmepädagogen Janusz Korczak.

Diese gelungene Publikation ist ein weiterer und wichtiger Baustein zur Verbreitung und Bekanntmachung der Pädagogik von Korczak, Wilczy?ska und Falska; außergewöhnlichen Menschen mit einer außergewöhnlichen Botschaft, die nach wie vor zu oft verhallt.


Rezensentin
Agnieszka Maluga
M.Edu.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Kiel


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Zitiervorschlag
Agnieszka Maluga. Rezension vom 02.01.2018 zu: Sigurd Hebenstreit: Janusz Korczak. Leben - Werk - Praxis : ein Studienbuch. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3691-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22990.php, Datum des Zugriffs 16.07.2018.


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