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Armin Bernhard: Pädagogik des Widerstands

Cover Armin Bernhard: Pädagogik des Widerstands. Impulse für eine politisch-pädagogische Friedensarbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 245 Seiten. ISBN 978-3-7799-3628-2. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

„Spaß am Widerstand?“ Mit diesem Titel hat der britische Kultursoziologie und Anthropologe Paul Willis 1977 eine Studie vorgelegt, in der er sich mit der Frage auseinandersetzt, „was Arbeiterkinder veranlasst, ihr schulisches Scheitern nicht nur in Kauf zu nehmen, sondern dieses selbst aktiv durch die Zurückweisung des schulischen Leistungsindividualismus und durch ihr schuloppositionelles Handeln zu bewerkstelligen“ (Paul Willis, Spaß am Widerstand. Learning to Labour, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13174.php). Er verweist damit auf den einen pädagogischen Aspekt, wie sich Widerstand als physische und psychische Abwehrhaltung, sowie als strukturelle Bedingung ausdrückt. Die anderen, pädagogischen, philosophischen, politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge, die Widerstand möglich oder sogar notwendig machen, provozieren und herausfordern, zeigen sich sowohl in identitätsstiftenden Anlässen zum Widerspruch, als auch in der logischen Bildung von These und Antithese. Wenn wir uns hier auf die pädagogische Bedeutung von „Widerstand“ fokussieren, dann zeigt sich diese zuallererst darin, dass Lernen Verhaltensänderung ist, und damit als eine widerständige Form zur Identitätsbildung verstanden werden kann: „Lernen erfordert kritisches Hinterfragen(Peter Schreiner, u.a., Paulo Freire – Pädagogik der Autonomie. Notwendiges Wissen für die Bildungspraxis, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6090.php). Bei den vielfältigen Formen, Gelegenheiten und Herausforderungen, bei denen sich physischer und psychischer „Widerstand“ beim schulischen und außerschulischen Lernen zeigt, ist zum einen der politische, moralische und ethische Widerstand zu erwähnen, wie er in der antifaschistischen Bildung gefordert ist (vgl. dazu:Brigitte Kather, Die Vermittlung des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Ein Beitrag zur Identitätsentwicklung Jugendlicher, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21233.php); zum anderen auf die u.a. von der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik forcierten Aktivitäten, die Bildungs- und Lernanforderungen „Friedenspädagogik und Demokratiepädagogik“ zusammen zu bringen (Helmolt Rademacher / Werner Wintersteiner, Hrsg., Jahrbuch Demokratiepädagogik 4, 2016/17, www.socialnet.de/rezensionen/21432.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Frieden ist ein kostbares Gut, das für ein humanes Zusammenleben der Menschen unverzichtbar ist. Die konträren Zustände – Krieg und Frieden – werden alltags- und gesellschaftsbestimmt immer wieder diskutiert; und doch sind Friedenszeiten im Leben der Menschen oft eine Besonderheit. In der Verfassung der UNESCO, der Bildungs-, Kultur- und Wissenschaftsorganisation der Vereinten Nationen, wird in der Präambel festgestellt, „da Kriege im Geist der Menschen entstehen, müssen auch die Bollwerke des Friedens im Geist der Menschen errichtet werden“. In der „Erklärung von Yamoussoukro“, die beim UNESCO-Kongress „Frieden im Denken der Menschen“ vom 26. 6. – 1. 7. 1989 in der Elfenbeinküste erlassen wurde, wird „Frieden“ definiert

  • als Ehrfurcht vor dem Leben,
  • als das kostbarste Gut der Menschheit,
  • mehr als das Ende bewaffneter Auseinandersetzung,
  • als eine ganz menschliche Verhaltensweise,
  • als eine tiefverwurzelte Bindung an die Prinzipien der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Gleichheit und der Solidarität zwischen allen Menschen,
  • als eine harmonische Partnerschaft von Mensch und Umwelt.

So lässt sich formulieren: Frieden ist alles, was das menschliche Dasein ausmacht!

Der Erziehungswissenschaftler von der Universität Duisburg-Essen, Armin Bernhard – legt das Fachbuch „Pädagogik des Widerstands“ vor. Er will damit Impulse für eine politisch-pädagogische Friedensarbeit setzen, angesichts von (h)ausgemachten lokal- und globalgesellschaftlichen Tendenzen in der Theorie und Praxis, dem Bewusstsein vom „aktiven Frieden“ das der „Konfrontation“ entgegen zu setzen. „Friedensarbeit“ wird dann bestenfalls zur Konfliktbewältigung.

Der Pädagoge beginnt bei seiner Analyse nicht politikstrategisch, sondern schulpädagogisch in der eigenen Zunft: „Wer schwerpunktmäßig untersucht, wie die Leistungen von Schülerinnen und Schülern optimiert und Bildungsprozesse beschleunigt werden können, wer primär erforscht, auf welche Weise Selbstbehauptung und Belastbarkeit (Resilienz) von Kindern gesteigert werden können, wer die Vermittlung wirtschaftlich verwertbarer Kompetenzen in das Zentrum seiner Forschungsdesigns stellt, stiftet keinen Jota Frieden, sondern leistet in spezifischer Weise der Ausbreitung von Gewaltsamkeit und Unfrieden aktiv Vorschub“. Friedenspädagogik als das Bildungs- und Erziehungsmoment für ein friedliches, gerechtes und gleichberechtigtes Zusammenleben aller Menschen auf der Erde wird in der „Kritischen Friedensforschung“ strukturell thematisiert; „denn das System gesellschaftlicher Friedlosigkeit wird durch bestimmte Einstellungen, Mentalitäten, Eigenschaften, Haltungen, Verhaltensmuster der Menschen aufrechterhalten“. Die friedenspolitische und -pädagogische Lösung kann deshalb nur lauten: Frieden muss gelernt werden! Der Autor entwickelt in seiner Studie eine „Pädagogik des Widerstands gegen organisierten Unfrieden“-

Aufbau und Inhalt

Armin Bernhard gliedert seine „Friedensarbeit“ in sechs Kapitel. Er beginnt sie mit einer einführenden Analyse, in der er begründet und nachweist, weshalb er bei seiner Theoriebildung zum einen auf (friedens-)pädagogische Impulse der 1960er/1970er Jahre zurückgreift, zum anderen auf die sich aktuell verschärfenden und verstärkt sich darstellenden unfriedlichen, innergesellschaftlichen und internationalen Konfliktsituationen verweist, und er beendet die Studie mit einem Appell zum Widerstand „gegen die friedlosen Strukturen der kannibalischen Weltordnung“ und als Plädoyer für „die Utopie einer friedlichen Zivilisation in der gesellschaftlichen Wirklichkeit“.

  1. Im ersten Kapitel zeigt der Autor die „Geschichte und Theorie der Friedenspädagogik“ auf;
  2. im zweiten geht es um „Kritische Friedenserziehung – der unvollendete Versuch einer sozialkritisch angelegten Friedenspädagogik“;
  3. im dritten um „Ökologie und Kultur als neue Paradigmen – ökologische und kulturologische Friedenspädagogik“;
  4. im vierten um „Kritische Friedenspädagogik als radikale Kritik des Systems gesellschaftlicher Friedlosigkeit“;
  5. im fünften um „Pädagogische Friedensarbeit in der kannibalischen Weltordnung“;
  6. und im sechsten Kapitel werden „konkrete Utopien“ als pädagogische Komponenten einer friedenspolitischen Bildungsarbeit formuliert.

Die geschichtliche, theoretische und praktische Reflexion zum Friedensbegriff, zur Friedenssehnsucht („Ewiger Friede“, Augustinus / Kant), zu den weiterführenden Diskursen über die sozialen, sozioökonomischen und psychologischen Dimensionen, bis hin zu den globalen Aspekten, fokussieren sich auf die pädagogischen Aspekte der Friedenserziehung in der schulischen und außerschulischen Bildung. Der erziehungswissenschaftliche, didaktische, curriculare und methodische Übergang von der „idealistisch-appellativen Friedenserziehung zur kritischen Friedenspädagogik“ vollzieht sich in der gesellschaftspolitischen, revolutionären Phase der 1960er / 1970er Jahre.

Eine kritische Friedenspädagogik, Friedenserziehung und Friedensforschung orientiert sich an der gesellschaftlichen Überwindung des traditionalistisch entstandenen Status quo, einer Kritik an den materiell-ökonomischen Bedingungen und kapitalistischen und neoliberalen Strukturen. Die Aggression von Gewalt, Menschenfeindlichkeit, Macht und Krieg kann nicht individualistisch, sondern muss lokal- und globalgesellschaftlich und strukturell diskutiert werden.

Die in der Umwelterziehung und -aufklärung als „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausgewiesenen Handlungskompetenzen basieren auf der Fähigkeit zur kompetenten, individuellen und gesellschaftlichen politischen Wertungs- und Urteilsfähigkeit (siehe dazu: KMK / BMZ, Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung, Bonn 1916, 464 S.). Die Zusammenführung von kulturellen und ökologischen Paradigmen in der Friedenspädagogik führt zu einer neuen, interkulturellen Sichtweise: „Friedenserziehung heißt die Befähigung des Menschen zu einer über die Begegnung mit dem Anderen provozierbaren Selbstveränderung“; dennoch ist Bernhards Kritik zu beachten: „Die Geschichte der Friedenspädagogik stellt sich als eine Verfallsgeschichte dar, in deren Verlauf die friedenspädagogischen Debatten weit hinter den Erkenntnisstand kritischer Friedenserziehung zurückfallen“.

Weil kritische Friedenspädagogik radikale Kritik am System der gesellschaftlichen Friedlosigkeit sein muss. Es sind „konkret-utopische“ Visionen, wie sie z.B. der kritische Theoretiker Erich Fromm mit seiner Kritik an der „Habenmentalität“ und seiner Hoffnung auf den „Seinsmodus“ formuliert hat. Bernhards Konzept orientiert sich daran und definiert Friedenspädagogik als „Theorie und Praxis von Erziehung, Bildung und pädagogischem Handeln, die auf die Bekämpfung, den Abbau und … die Überwindung gesellschaftlicher Friedlosigkeit gerichtet sind“.

Die gesellschaftliche Friedlosigkeit zeigt sich in der „kannibalischen Weltordnung“, die von ungerechten gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsverhältnissen bestimmt ist. Widerstand ist angezeigt mit Formen von Ideologiekritik, als Subjektkritik, als Machtkritik, als geschichtliche Auseinandersetzung damit, „wie wir geworden sind, was und wie wir sind“, und als radikale Medienkritik.

Wie aber kann sich eine friedenspolitische, konkret-utopische Bildungsarbeit darstellen? „Die konkrete Utopie der Pädagogik ist im Unterschied zu gesellschaftspolitischen Utopien … in der gegenwärtigen Wirklichkeit angesiedelt. Denn aus dieser Wirklichkeit heraus und in Auseinandersetzung mit ihr soll Neues entwickelt werden“. Hier ist er wieder, der notwendige, individuelle und gesellschaftliche Perspektivenwechsel hin zum wichtigsten Gut des Menschseins, nämlich der „Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte, die (die) Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“ (Menschenrechtsdeklaration).

Gewissermaßen als Beweismittel für aktives, politisches Handeln fügt der Autor seiner Studie als Appendix drei Dokumentationen bei, die sich mit „Legitimationsmuster, Feindbildkonstruktion und Missbrauch von Auschwitz: Politpädagogische Überlegungen zur Durchsetzung des Krieges gegen Jugoslawien“ (2000), mit neun Thesen zur „Friedlosigkeit der neuen Weltordnung und die Pädagogik“ (2003), und mit dem „Feindbild Russland (als) exemplarischer Gegenstand einer friedenspolitischen Bildungsarbeit“ (2016) beschäftigen.

Fazit

„Die politische Alternative zu einer globalen Weltunordnung, geprägt von Abschreckung, Aufrüstung, Kriegen, Terrorismus und sozialen Verwerfungen liegt nach wie vor in der Verwirklichung der Strukturen einer solidarisch und ökologisch vernünftig organisierten Gesellschaft“. Dass dies keine Illusion, sondern eine konkrete Vision ist, die Wirklichkeit werden kann, wird in vielfältigen, unterschiedlichen Zusammenhängen artikuliert: „Eine andere, gerechtere und friedlichere EINE WELT ist möglich!!“

Der friedenspädagogische Beitrag von Armin Bernhard richtet sich an erziehungswissenschaftliche Theoretiker und pädagogische Praktiker, an Studierende der Lehrämter und an „Friedensarbeiter“ in den verschiedenen Funktionen, Engagements und Interessen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.08.2017 zu: Armin Bernhard: Pädagogik des Widerstands. Impulse für eine politisch-pädagogische Friedensarbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3628-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22992.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


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