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Lydia Halbhuber-Gassner, Gabriele Grote-Kux (Hrsg.): Frauen in Haft

Cover Lydia Halbhuber-Gassner, Gabriele Grote-Kux (Hrsg.): Frauen in Haft. Spezielle Belastungen und Lösungswege. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2017. 150 Seiten. ISBN 978-3-7841-2953-2. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 24,00 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Im aktuell erschienenen Buch „Frauen in Haft. Spezielle Belastungen und Lösungswege“ werden die Tagungsbeiträge der gleichnamigen Veranstaltung veröffentlicht, die im Juli 2016 in Vechta stattgefunden hat, ergänzt um weitere Aufsätze zum Thema.

Herausgeberinnen

Die beiden Herausgeberinnen, Lydia Halbhuber-Gassner und Gabriele Grote-Kux, sind zwei Fachfrauen, die über langjährige berufliche Erfahrung mit inhaftierten Frauen verfügen.

Aufbau und Inhalt

Die ersten drei der insgesamt elf Beiträge des Bandes thematisieren insbesondere die psychische Situation betroffener Frauen.

So beschreibt Hilde von den Boogart zunächst allgemein die geschlechtsspezifisch höhere psychische Belastung inhaftierter Frauen, die sich niederschlägt in verschiedenen Störungsbildern (affektive, Angst- und Persönlichkeitsstörungen, posttraumatische Belastungsstörung). Hintergrund ist häufig das Erleben körperlicher, psychischer oder/und sexueller Gewalt der untersuchten Frauen. Auch wenn es nur wenige Studien mit in der Regel kleinen Stichproben zum Thema inhaftierte Frauen und speziell deren Gesundheit gibt, sind diese Befunde Praktiker/innen bekannt und erfordern spezielle Angebote in Haft, um dieser Belastung der Betroffenen gerecht zu werden.

Insbesondere die Depression in Gefangenschaft beruht oft auf komplexen Zusammenhängen, wie der Beitrag von Sabine Hüdepohl anschaulich erklärt. Sie macht deutlich, dass „die Inhaftierung eine äußere Situation her[stellt], welche dem innerseelischen Zustand der Depression auf gefährliche Weise ähnelt.“ (S. 34) Sie spricht sich gut nachvollziehbar für eine Behandlungsnotwendigkeit und in der Folge Professionalisierung im Vollzug aus, um betroffenen Frauen angemessen helfen zu können.

Diese Schlussfolgerung zieht auch Annegret Wiese, die in ihrem Beitrag eine psychoanalytische Betrachtung von Müttern, die töten, vornimmt. Diese äußerst spannende Analyse macht den Leser/innen die komplexe psychische Situation der Täterinnen deutlich, die unbedingt auch Berücksichtigung bei der gerichtlichen Einordnung dieser Taten finden sollte. Bisher geschieht dies nach Ansicht der Autorin nicht in angemessenem Umfang, was sicher auch mit dem gravierenden Bruch dieser Tat mit mütterlichen Rollenbildern zusammenhängt. Aber auch bei einer solchen Tat wird dem Einzelnen die Mühe abverlangt, „den anderen zu verstehen, seine Gründe zu erkennen und sein Verhalten gerade nicht pauschal und a priori zu bewerten.“ (S. 55)

Zu den folgenden Beiträgen über verschiedene Frauenstrafvollzugsanstalten und deren Angebote (JVA Chemnitz, JVA Vechta) gesellt sich eine literarisch schöne Beschreibung des Wachtmeisters F., Sebastian Franz, aus der JVA Berlin über seinen Vollzugsalltag mit den Frauen: „Habe auch schon mal Taschentücher als Sonderausgabe in meiner Steuererklärung angegeben, wurde widerspruchslos hingenommen.“ (S. 89)

Rund wird der Band durch zwei Beiträge, die Forderungen zu frauenspezifischem Strafvollzug und frauenspezifischer Straffälligenhilfe formulieren:

  1. Der Fachausschuss straffällig gewordener Frauen der Bundesarbeitsgemeinschaft für Straffälligenhilfe e.V. stellt sein „Werkstattpapier zur frauenspezifischen Straffälligenhilfe“ vor und geht hierin programmatisch auf die Prinzipien, die dieser Hilfe zugrunde liegen sollten, und die notwendigen Hilfeangebote für die betroffenen Frauen ein.
  2. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Frauenvollzug – Dr. Helga Einsele e.V. verfolgt den Plan, Mindeststandards für den Frauenvollzug zu formulieren und zu veröffentlichen.

Fazit

Der Band bietet eine gelungene Mischung aus theoretisch anspruchsvollen Analysen, anschaulichen Schilderungen aus dem praktischen Vollzugsalltag und programmatischen Forderungen zum Umgang mit inhaftierten Frauen. So bekommen Leser/innen einen aktuellen Überblick und interessante Einblicke zum Thema ‚Frauen in Haft‘, was eine Lektüre lohnenswert macht.


Rezensentin
Prof. Dr. Gabriele Scheffler
Professorin für Soziale Arbeit, Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg
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Zitiervorschlag
Gabriele Scheffler. Rezension vom 28.09.2017 zu: Lydia Halbhuber-Gassner, Gabriele Grote-Kux (Hrsg.): Frauen in Haft. Spezielle Belastungen und Lösungswege. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2017. ISBN 978-3-7841-2953-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22999.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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