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Stadt Dormagen (Hrsg.): Dormagener Qualitätskatalog der Jugendhilfe

Cover Stadt Dormagen (Hrsg.): Dormagener Qualitätskatalog der Jugendhilfe. Ein Modell kooperativer Qualitätsentwicklung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2001. 262 Seiten. ISBN 978-3-8100-3336-9. 20,50 EUR.

In Kooperation mit den Kreisdekanaten der AWO, Caritas und Diakonie.
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Hintergrund

Das Netz der kommunalen Jugendhilfe wird maßgeblich getragen vom örtlichen Jugendamt und den freien Trägern. Es bietet eine (nicht nur) für außen Stehende unüberschaubare Vielfalt von Angeboten, Hilfen, Programmen und Aktivitäten der Kinder- und Jugendhilfe. In Dormagen (ca. 63.000 EW; im Städtedreieck Düsseldorf-Köln-Mönchengladbach gelegen) hat dieses Netz gemeinsam einen „Qualitätskatalog der Jugendhilfe“ erarbeitet. Er macht diese Aktivitäten umfassend transparent und formuliert rechtliche Grundlagen sowie fachliche Qualitätsanforderungen.

Ein solcher Katalog sollte zu einer wichtigen Arbeitsgrundlage und tatsächlich genutzt werden. Hierfür bietet das kollektive Schreiben des Buches in „Kooperativer Qualitätsentwicklung“ beste Voraussetzungen: Reinhart Wolff von der Alice-Salomon Fachhochschule in Berlin hat insgesamt ca. 25 Fachkräfte des städtischen Jugendamtes und der freien Träger der Jugendhilfe über drei Jahre dabei begleitet, die fachlichen Grundlagen in einen „Qualitätskatalog“ umzusetzen.

Inhalt

Der Qualitätskatalog stellt folgende 23 Aufgabenfelder (genannt PPQs – Programm- und Prozessqualitäten) nach einem einheitlichen Gliederungsschema vor:

  • PPQ 1: Im Vorfeld der Hilfe – die Öffnung der Zugänge
  • PPQ 2: Frühe und präventive Hilfen für Eltern und Kinder
  • PPQ 3: Der Umgang mit Fremdmeldern
  • PPQ 4: Arbeit mit unfreiwilligen Klienten
  • PPQ 5: Fall- und Unterstützungsmanagement
  • PPQ 6: Beratung: Das Kernhilfeangebot
  • PPQ 7: Hilfe in Krisensituationen
  • PPQ 8: Kinderschutz
  • PPQ 9: Beratung bei Trennung und Scheidung
  • PPQ 10: Ambulante Hilfen zur Erziehung
  • PPQ 11: Außerfamiliale Hilfen zur Erziehung im stationären Bereich
  • PPQ 12: Aufgaben des Adoptionsvermittlungsdienstes
  • PPQ 13: Hilfe zur Erziehung in Pflegefamilien
  • PPQ 14: Hilfen für seelisch Behinderte
  • PPQ 15: Berichte, Stellungnahmen und Gutachten
  • PPQ 16: Vormundschaften
  • PPQ 17: Beistandschaften
  • PPQ 18: Beurkundungen
  • PPQ 19: Hilfen für unbegleitete ausländische Minderjährige
  • PPQ 20: Jugendgerichtshilfe
  • PPQ 21: Zusammenarbeit der Fachkräfte
  • PPQ 22: Öffentlichkeitsarbeit
  • PPQ 23: Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung

Bei diesen PPQs handelt es sich überwiegend um – im Kinder- und Jugendhilfegesetz sowie weiteren Gesetzen grundgelegte – Programmangebote. Die ersten vier PPQs behandeln die verschiedenen Eingangs- und Ausgangsphasen von Hilfen. Es folgen mit PPQ 5 bis 7 drei Querschnittsaufgaben, die immer wieder wahrgenommen werden müssen. In PPQ 8 bis 14 geht es um klassische Leistungsbereiche. Es folgen vier PPQs, die eher mit Verwaltungshandeln der Jugendhilfe assoziiert sind. Mit fast 20 Seiten fällt PPQ 19 „Hilfen für unbegleitete ausländische Minderjährige“ deutlich länger aus der Durchschnitt, der bei etwa 10 Seiten liegt. Schließlich folgen PPQ 20 „Jugendgerichtshilfe“ und noch einmal drei Querschnittsaufgaben (21 bis 23). Ich vermisse eine Begründung für die gewählte Abfolge

Diese 23 Kapitel zu Programm- und Prozessqualitäten sind jeweils wie folgt gegliedert:

  1. Aufgabe
  2. Rechtliche Grundlagen
  3. Probleme im Aufgabenfeld
  4. Qualitätsstandards
  5. Prozessgestaltung
  6. Prozessdokumentation

Diese einheitliche Gliederung erleichtert es, sich die Inhalte schnell zu erschließen. Die Autoren legen viel Wert auf eine kritische Darstellung: Rollenkonflikte, widersprüchliche Anforderungen an die Fachkräfte, Widerstände seitens der Klienten, Verengungen und Defizite werden deutlich angesprochen, Multiperspektivität wird als ethischer Grundsatz durchgehalten. Mit den beiden Gliederungspunkten „Qualitätsstandards“ sowie „Prozessgestaltung“ werden konkrete Hinweise für Lösungsmöglichkeiten und Anforderungen an fachliches Handeln gegeben.

Zielgruppen

Ganz konkret vor Ort kann der Katalog als Wegweiser durch die Kinder- und Jugendhilfe dienen. Er macht nach Außen und nach Innen deutlich, welches die fachliche Standards in den Aufgabenfeldern sind. Das Buch kann Berufsanfängern in die Hand gedrückt werden, sodass diese – vielleicht begleitet durch einen Mentor oder eine Mentorin – sich Schritt für Schritt alle Aufgabenfelder in ihrer Einarbeitungszeit vergegenwärtigen. Erfahrene Fachkräfte können die einzelnen PPQs immer wieder zum Ausgangspunkt fachlicher Qualitätsentwicklung und Diskurse nehmen. Diese Verwendungszwecke gibt es auch über Dormagen hinaus – vielleicht wäre in einer weiteren Auflage eine elektronische Fassung des Buches hilfreich, sodass die Texte als Ausgangspunkt für weitere lokale „Qualitätskataloge“ genommen werden können. Auf den Internetseiten der Stadt Dormagen habe ich vergeblich nach einer Kurzfassung des „Qualitätsdialoges“ gesucht – dies könnte weitere Nutzungen erschließen und die Bekanntheit fördern.

Anregungen

Wenn ich das Buch nachfolgend bewerte, möchte ich betonen, dass ich die fachliche Angemessenheit und auch die rechtliche Fundierung der 23 Felder des „Qualitätskatalogs“ nicht zuverlässig einschätzen kann. Die Vielzahl der beteiligten Fachleute aus Dormagen, des Prozesssteuerers von der Fachhochschule in Berlin sowie beigezogener Rechtsexperten – schließlich die umfangreich zitierte Literatur und der kooperative Schreibprozess – sind jedenfalls gute Voraussetzungen dafür, dass der aktuelle „Stand der Kunst“ eingehalten wird – strenggenommen bedürfte es einer Parallelrezension eines/einer intimen Feldkundigen.

Als Organisationsberater und Evaluator sehe ich schon in der Art des Erstellungsprozesses des „Qualitätskatalogs“ und in der Tatsache, dass dieser nach relativ kurzer Frist, getragen von fast 25 schreibenden Beteiligten auch verwirklicht worden ist, eine herausragende Leistung. Ein (sich in der vorgenommenen Selbstreflexion von Reinhart Wolff sich als immer komplexer erweisendes) sehr anspruchsvolles Vorhaben wurde mit einer respektablen Veröffentlichung beendet.

Mir fällt auf, dass sich die Autoren und Autorinnen mit den einzelnen PPQs viele sehr herausfordernde Aufgaben stellen, sich gegenüber der fachlichen Kritik, und auch gegenüber den Klienten in vielfacher Hinsicht exponieren und kritisierbar machen. Hinweise auf notwendige Begrenzungen, eine Kultur der Konzentration auf das im Berufsalltag mit hoher Aussicht Bewältigbare, finde ich kaum. Diese Gefahr der zu hohen Anforderung wird dadurch gesteigert, dass die „Qualitätsstandards“ durchgängig als Ist-Aussagen formuliert sind, beispielsweise der Standard „Ambivalenztoleranz und Besonnenheit“ im PPQ 11 „Außerfamiliäre Hilfen zur Erziehung im stationären Rahmen„: „Stationäre Erziehungshilfe im Verbund mit ambulanter Erziehungshilfe reflektiert die existierenden Ambivalenzen, die in jeder Fremdunterbringung grundsätzlich eine Rolle spielen, die nicht nur eine Reaktion auf Konflikte darstellt sondern selbst immer wieder auf ein permanentes Konfliktgeschehen hinausläuft…“. Ich rege an sich über die einzelnen „Qualitätsstandards“ als Einleitungssatz zu denken: „Es soll gewährleistet sein …“, um das oft (noch) Uneingelöste der Standards in Erinnerung zu halten.

Während die meisten der im Qualitätskatalog beschriebenen Aufgabenfelder in Dormagen institutionell gesichert bearbeitet werden – eine Ausnahme ist z.B. der noch fehlende „Krisendienst“ für den in PPQ 7 das Konzept beschrieben ist – so scheint mir die Aufgabe „Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung“ (PPQ 23) noch entwicklungsbedürftig. Der häufige Hinweis auf Kunden – und Klientenbefragungen in den verschiedenen Aufgabenfeldern verdeckt eher die Größe der methodisch zu bewältigenden Herausforderungen, um zu einem System der internen und der Selbstevaluation von Prozessen und Ergebnissen der Jugendhilfe zu kommen. Die Fassung der Kernleistungen der kommunalen Kinder- und Jugendhilfe als „Programme und Prozesse“ (statt „Produkte“ wie im Neuen Steuerungsmodell) weist deutlich auf das Besondere der Qualitätsentwicklung in der Humandienstleistungen hin und macht sie damit unmittelbar anschlussfähig für nutzenorientierte Evaluationen.

Gewinnen könnte der “ Qualitätskatalog“ schließlich durch einen angehängten Index, sodass Querschnittsthemen wie „Beratung“, „Hilfeplanung“, „Anamnese“ schnell in den verschiedenen PPQs aufgefunden werden können.

Fazit

Der Leser und die Leserin dieser Rezension wird merken: Ich habe mit meiner Kritik nicht hinter dem Berg gehalten – die Grundlage, den „Dormagener Qualitätskatalog der Jugendhilfe“ halte ich für ein so innovatives, exzellentes und letztlich Grundlagenwerk für die Qualitätsentwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe auf der kommunalen Ebene, dass ihm eine kritische Begutachtung angemessen ist. Ich wünsche diesem Buch nicht nur eine hohe Verbreitung sondern eine intensive Nutzung in den vielen hundert Jugendämtern und bei den vielen tausend freien Trägern, die in Deutschland in der Kinder- und Jugendhilfe mit Engagement und Neugierde für die fachliche Weiterentwicklung tätig sind.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Beywl
Fachhochschule Nordwestschweiz, Pädagogische Hochschule, Institut Weiterbildung und Beratung. Professur für Bildungsmanagement und Schulentwicklung – wissenschaftlicher Leiter Univation– Institut für Evaluation, Köln.
Homepage www.fhnw.ch/ph/iwb/professuren/bildungsmanagement
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Zitiervorschlag
Wolfgang Beywl. Rezension vom 10.03.2002 zu: Stadt Dormagen (Hrsg.): Dormagener Qualitätskatalog der Jugendhilfe. Ein Modell kooperativer Qualitätsentwicklung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2001. ISBN 978-3-8100-3336-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/230.php, Datum des Zugriffs 24.10.2020.


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