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Jeannine Simon: Wirkungen von Daily Soaps auf Jugendliche

Cover Jeannine Simon: Wirkungen von Daily Soaps auf Jugendliche. Verlag Reinhard Fischer (München) 2004. 283 Seiten. ISBN 978-3-88927-352-9. 22,00 EUR, CH: 37,00 sFr.

Reihe: Angewandte Medienforschung - Band 30.
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Autorin

Jeannine Simon studierte von 1995-2000 Kommunikations- und Filmwissenschaften an der Technischen Universität Berlin. Die hier vorgestellte Arbeit wurde unter Betreuung von Prof. Döring als Dissertation eingereicht, Promotion 2003. Seither verschiedene Tätigkeiten im Medienbereich, unter anderem bei der Produktionsfirma Grundy UFA und bei Bertelsmann Springer. Simon hat sich auf quantitative Werbewirksamkeitsforschung spezialisiert und betreut in diesem Bereich internationale Studienprojekte.

Vorbemerkung

An jedem Werktag, also an rund 250 Tagen im Jahr, werden, so geht aus der hier vorliegenden Studie hervor, die deutschen Daily Soaps von bis zu 12 Millionen Zuschauern gesehen und das über Jahre hinweg. Dennoch findet dieses Fernsehformat insgesamt wenig Beachtung trotz seiner beträchtlichen Wirkungen auf die Zuschauer. Für viele Menschen ist dieses Fernseherlebnis - wie wir auch bei einer spontanen Nachbarschaftsumfrage feststellen konnten - zu einem festen Bestandteil ihres Alltags geworden. Manche Soaps nähern sich der 3000. Folge, andere wurden bereits mehr als 2000 Mal ausgestrahlt. Wie Untersuchungen bereits im Jahre 2002 ergaben, liegt die durchschnittliche Zuschauerzahl bei 4,78 Millionen pro Folge. Somit wäre zum Beispiel die älteste Variante des Genres, "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", deren Ausstrahlung im Jahre 1992 begann, rund 12 Milliarden mal seither gesehen worden. Eine gigantische Zahl, und ein Großteil dieser Zuschauer sind Jugendliche. Es gibt bislang kaum Antworten auf die Frage, wie sich dieser "Dauerbeschuss" auf diese Hauptzielgruppe der täglich ausgestrahlten Soaps auswirkt.

Aufbau und Inhalt

Insgesamt gliedert sich die Arbeit in sieben Teile:

  1. Neben einer Einführung, in der die Zielsetzung der Arbeit, wie sie im Titel formuliert ist, hervorgehoben und der Stand der Rezeptionsforschung von Daily Soaps kurz referiert wird, geht der zweite Abschnitt auf das
  2. Fernsehformat Daily Soap ausführlich ein. Es werden die unterschiedlichen amerikanischen und deutschen Serienbegriffe dargestellt und eine eigene Definition des Begriffs Daily Soap gegeben. Stichworte dazu: Fiktionale Fortsetzungsgeschichte, auf Endlosigkeit angelegt, Ausstrahlung werktäglich zum immer gleichen Zeitpunkt, kurze Produktionsbedingungen und niedriges finanzielles Budget. Des Weiteren wird in diesem Abschnitt auf die Geschichte der Soap Opera eingegangen. Man erfährt allerlei interessante Dinge, denn wer wusste beispielsweise schon, dass die ersten Radio Soaps von NBC bereits 1929 ausgestrahlt wurden. Oder die Entstehung des Namens für dieses Genre: Waschmittelhersteller Procter & Gamble - der Name ist noch heute in jedem Wirtschaftsteil zu finden - war damals einer der aktivsten Sponsoren des neuen Formats (es ließ sich die Werbung darin bestens unterbringen), so dass die Radio Serials bald den Spitznahmen "Soap Operas" bekamen, der sich bis heute gehalten hat. Unter anderem wird ausführlich die Entwicklung der Familienserie im deutschem TV beschrieben (wer kennt sie nicht die "Schölermanns" oder die "Familie Hesselbach"?) als, wie die Autorin hervorhebt, Grundstein für die Entstehung der heute so beliebten Daily Soaps. Wer sich für die weiteren Einzelheiten dieses Formats, wie Themen und Handlungsrahmen, Konstruktionen von Charakteren und Dialog, Handlungsstränge, Cliffhanger sowie Daily Soaps aus der ökonomischen Perspektive und als Werbeträger, Zuschauerzahlen, Übersicht über die derzeit laufenden Soaps und vieles mehr interessiert, der wird in diesem Kapitel reichlich Material finden.
  3. Die Zielgruppe Jugendliche ist der Titel des dritten Abschnitts. Sie soll insbesondere von den Daily Soaps erreicht werden, und daher ist es wichtig, dass diese Publikation ausführlich die spezifischen Charakteristika dieser Zielgruppe betrachtet. Der Autorin ist dabei durchaus bewusst, wie intensiv das Feld Jugendforschung von den diversen wissenschaftlichen Disziplinen wie Pädagogik, Psychologie und Soziologie beackert wurde und dass eine große Anzahl unterschiedlicher Ansätze zum Thema vorliegen. Sie gibt einen Überblick, hält allgemein fest, dass "Jugend weder an eine homogene Gruppe noch an eine genau definierte Altersklasse gebunden ist". Was in diesem Kapitel vor allem gezeigt wird ist, dass die Medien in allen Lebensbereichen der Jugendlichen eine bedeutende Rolle spielen. Die meisten verbringen täglich mehrere Stunden vor dem Fernseher und insofern kann es als das Leitmedium der Heranwachsenden gesehen werden, die sich besonders den TV-Musik- und Unterhaltungsformaten zuwenden. Was die Daily Soaps angeht, so werden sie von Mädchen stärker präferiert als von Jungen.
  4. Mit dem folgenden 4. Kapitel Ansätze der Medienwirkungsforschung vervollständigt die Autorin den Grundlagenteil ihrer Arbeit. Es wird die Geschichte der Medienwirkungsforschung referiert, Hypothesen über starke und schwache Medienwirkung sowie neue Konzepte in diesem gesamten Bereich. Schlagworte wie "Stimulus-Organism-Response-Modell" (es behandelt Grade starker oder eingeschränkter Medienwirkung) mögen in diesem Zusammenhang den Medienwissenschaftlern und Werbefachleuten vertraut sein. Insgesamt aber, so heißt es nach einem Überblick über die Geschichte der Medienwirkungsforschung und Darstellung neuer wichtiger Forschungsansätze, liege bisher keine einheitliche Theorie vor, die in der Lage sie, die Vielfalt der Wirkungsphänomene in ihrer Gesamtheit zu erklären.
  5. Daten und Methoden empirischer Untersuchung - das Motiv dieses fünften zentralen Abschnitts der Arbeit ist die Erkenntnis, welche die Autorin aus den vorangegangenen Kapiteln gezogen hat: Die empirischen Untersuchungen zu Wirkungen von Daily Soaps auf Jugendliche weisen große Lücken auf. Zu deren Schließung sollte mit einer eigenen empirischen Erhebung und deren Analyse beigetragen werden. Es war notwendig, zur Erhebung von Primärdaten bei den Jugendlichen einen Fragebogen zu entwickeln. Im Kapitel wird eine detaillierte Beschreibung dieser Überlegungen und der Vorgehensweise gegeben. Letztlich fiel die Entscheidung zugunsten eines standardisierten Fragebogens, bei dem allen Befragten die gleichen Inhalte in der gleichen Abfolge vorgelegt wurden und jeder Frage waren Antwortkategorien in einer fünfstufigen Rating-Skala beigegeben. Mehrere Vor-Tests ergaben die endgültige Gestaltung des Fragebogens (durchschnittliche 16 Minuten waren für die Ausfüllung erforderlich, das war zumutbar). Die eigentliche Durchführung der Befragung fand von Mai bis Juli 2002 mit insgesamt 423 Schülern an acht Schulen in mindestens zwei Klassen in Berlin, Bonn und Malchow statt. Es handelte sich dabei um Gymnasien, Real- und Hauptschulen. Die Befragten waren zwischen elf und 18 Jahren. Ausführlich wird in diesem Teil der Arbeit diese gewonnene Datengrundlage vorgestellt und die Analysemethoden einschließlich der verwendeten Software beschrieben.
  6. Eine Fülle von Ergebnissen wird im sechsten Kapitel Erkenntnisse zu Wirkungen von Daily Soaps auf Jugendliche, begleitet von umfangreichem statistischem Material und Grafik ausgebreitet. Von den befragten 423 Jugendlichen stellten sich 324 als Seher von Daily Soaps heraus. Und was den Machern des Genres längst bekannt war, hier wird es wissenschaftliche untermauert: Ohne Mädchen als Zuschauer gäbe es die Soaps nicht, denn nur die Jungen allein brächten viel zu geringe Einschaltquote, als dass sich die Produktion lohnen würde. Genauer: 56,7 Prozent der Mädchen wurden als häufige Konsumenten klassifiziert, bei den Jungen waren das nur 28,4 Prozent. Interessant ist, welche emotionalen Bedürfnisse die Jugendlichen mit dem Konsumieren dieses TV-Formats befriedigen. Ganz oben steht, wie die Autorin in ihrer Untersuchung herausgefunden hat, Neugier, Spannung und Unterhaltung, gefolgt von Gewohnheit und Bekämpfung von Langeweile. Es spielen zum Beispiel sozial-interaktive Nutzungsmotive, also das Zusammensein mit anderen beim Sehen eine weniger wichtige Rolle. Detailliert kann sich der Leser in diesem Kapitel darüber informieren, auf welche unterschiedliche Weise sich Alter und Schultyp auf das Nutzungsverhalten der jugendlichen Soap-Seher auswirken. Jüngere sowie weniger gebildete Zuschauer etwa suchen in den Soaps nach Trends, um "in" zu bleiben.
  7. In ihrer Schlussbetrachtung, dem abschließenden Kapitel, hebt die Untersuchung vor allem noch einmal einen Punkt hervor, der im vorangegangenen Abschnitt als Ergebnis bereits sichtbar wurde: "Daily Soaps wecken in Jugendlichen Bedürfnisse, daran kann es keinen Zweifel geben. Die Bedürfnisweckung ihrerseits beeinflusst den mittelbar Soap-bezogenen Konsum". Jugendliche imitieren in ihrem Konsum und ihrem Konsumverhalten in starkem Maße die Vorbilder aus den Daily Soaps. Dass an dieser Tatsache besonders die werbetreibende Industrie interessiert ist und entsprechend die Millionen fließen lässt, versteht sich. Nur wenn es gelingt, das Interesse an den Daily Soaps zu erhalten oder gar zu steigern, meint die Autorin, werden die Werbegelder weiter fließen und das Format wird seinen angestammten Platz in der Fernsehlandschaft behalten. Da müsse sich dann die Medienpädagogik und die Gesellschaft insgesamt weiterhin immer wieder fragen, ob und wieweit bestimmte Sendungen, in diesem Falle also die Daily Soaps erwünschte oder unerwünschte Wirkungen insbesondere auf Jugendliche hätten und wie diese Wirkungen kontrolliert werden könnten. Das war allerdings nicht Aufgabe der hier in Frage stehenden Arbeit. Es sollten die Wirkungen der Soaps auf Jugendliche auf objektive Weise untersucht, nicht bewertet werden.

Fazit

Der Kommunikationswissenschaftlerin Simon erschien das Format Daily Soap auch mit Blick auf andere fiktive Medienformate schon seit längerem als äußerst betrachtungswürdig. Faktoren wie der werktägliche Ausstrahlungsrhythmus (im Gegensatz dazu die "Weeklys" wie etwa die Kinderserie "Schloss Einstein), die auf Endlosigkeit angelegte Handlung und insbesondere die Zielgruppe Jugendliche als Werbeumfeld und -träger "ließen erahnen", wie sie schreibt, "dass hier recht komplexe Wirkungen ausgelöst werden könnten." Für eine Wirkungsuntersuchung also ein sehr relevantes Format, zumal es in Deutschland bislang wenig beachtet und nur oberflächlich untersucht wurde. Mit ihrer Arbeit hat Jeannine Simon dazu beigetragen, diese Lücke wenigstens teilweise zu schließen. Sie legt umfangreiches Material vor, mit Statistik und Grafik gut gegliedert und aufbereitet. Detaillierte Analyse gibt einen Überblick über die Motive der Jugendlichen, diese Serien zu sehen; sie zeigt auf, auf welche Weise sie wirken, welche Gefühlsskala in welcher Reihenfolge angesprochen wird.

Ohne Zweifel haben wir hier eine wichtige und notwendige Publikation vor uns, auch wenn man sich als Ergänzung/Anhang eventuell noch einige Interviews mit Jugendlichen zum Thema gewünscht hätte. Der nicht-fachlich orientierte interessierte Leser wird ebenfalls bei dieser Lektüre Gewinn haben, wenn er sich an manchen Stellen noch mit fachspezifischer Terminologie vertraut macht. Doch insbesondere Medienwissenschaftler und -pädagogen wird diese Schrift von großem Nutzen und Interesse sein. Denn die Frage steht natürlich im Hintergrund: Wenn schon gewisse Wirkungsmechanismen bezüglich des Konsumverhaltens der Jugendlichen eintreten beim Ansehen der Daily Soaps, wie kann da pädagogisch eingegriffen werden? Was sollte man den Kindern und Jugendlichen in den Schulen erzählen, welche Themen sollten in entsprechenden Unterrichtsreihen zum Thema Medien eine Rolle spielen, um diese Wirkungen zu beeinflussen und womöglich abzuschwächen (Stichwort Konsumverhalten!)? Antworten auf diese Fragen wollte die Studie nicht geben, aber zumindest regt sie an, diese zu stellen. Eine Langzeitstudie wäre notwendig, um vertiefend die Zusammenhänge zwischen Werbung, Fernsehverhalten (nicht nur Daily Soaps) und Konsum zu untersuchen.

Aber vielleicht geht es ja vor allem um Gefühl. Denn was rief die Nachbarin aus bei unserer spontanen "Soap-Umfrage": "Wenn ich nicht jeden Tag Gute Zeiten, schlechte Zeiten sehe, fehlt mir was!" Na bitte...


Rezensent
Gerd Schneider
Schriftsteller, Drehbuchautor


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Zitiervorschlag
Gerd Schneider. Rezension vom 12.04.2005 zu: Jeannine Simon: Wirkungen von Daily Soaps auf Jugendliche. Verlag Reinhard Fischer (München) 2004. ISBN 978-3-88927-352-9. Reihe: Angewandte Medienforschung - Band 30. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2300.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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