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Karl Heinrich Schäfer, Helmut Bunde (Hrsg.): Die Entwicklung der evangelischen Straffälligenhilfe

Cover Karl Heinrich Schäfer, Helmut Bunde (Hrsg.): Die Entwicklung der evangelischen Straffälligenhilfe. Von der Gefangenenhilfe zur Hilfe für Menschen in besonderen sozialen Lebenslagen. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2017. 208 Seiten. ISBN 978-3-7841-2992-1. D: 21,00 EUR, A: 21,60 EUR.
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Thema

Der Band „Die Entwicklung der evangelischen Straffälligenhilfe. Von der Gefangenenhilfe zur Hilfe für Menschen in besonderen sozialen Lebenslagen“ herausgegeben von Karl Heinrich Schäfer und Helmut Bunde ist der Versuch einer historischen Standortbestimmung der evangelischen Straffälligenhilfe. Das die Bearbeitung des Themas jetzt erscheint ist kein Zufall. Die evangelische Straffälligenhilfe hat in den vergangenen drei Jahren einen tiefgreifenden organisatorischen Veränderungsprozess durchlebt. 2015 wurde die Evangelische Konferenz für Straffälligenhilfe (EKS) als selbstständiger Fachverband mit eigener Geschäftsführung im Diakonie Bundesverband aufgelöst und fusionierte mit dem ebenfalls früher selbstständigen Fachverband „Evangelische Obdachlosenhilfe in Deutschland e.V.“ zum „Evangelischen Bundesfachverband Existenzsicherung und Teilhabe“ (EBET). Bei ihrer Auflösung 2015 beschloss die Konferenz zu ihrem 90. Jubiläum 2017 eine Dokumentation anzufertigen die ihre gegenwärtige Praxis mit ihrer Geschichte verbindet.

Herausgeber

Beide Herausgeber sind Vollzugspraktiker bzw. haben selber lange in der Straffälligenhilfe gearbeitet. Und beide hatten den Vorsitz der Evangelischen Konferenz für Straffälligenhilfe (EKS) inne. Helmut Bunde von 2006 – 2008 und Karl Heinrich Schäfer von 2008 – 2015 dem Jahr der Auflösung der EKS.

Karl Heinrich Schäfer ist Jurist, war lange Jahre im hessischen Vollzug tätig und war von 1994 bis 2010 Präses der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Er kennt sowohl die kirchliche als auch die staatliche Seite.

Helmut Bunde ist Sozialarbeiter und Diakon und steht für die Kenntnis der Struktur und Arbeit der Straffälligenhilfe. Der Band beinhaltet zehn fachliche Beiträge, ein Vorwort, ein Nachwort, sowie einen Anhang.

Im Nachwort, das von Helmut Bunde und Jens Rannenberg (dem Vorsitzenden der EBET) verfasst wurde, wird explizit die Absicht der Publikation formuliert, nämlich durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte auf die Herausforderungen unserer Zeit adäquat reagieren zu können. Das Buch enthält eine Zusammenfassung der eigenen Geschichte am Rande eines gesellschaftlichen Bedeutungs- und Generationswechsels.

Aufbau und Inhalt

Der erste Beitrag von Michael Häusler dem Leiter des Archivs für Diakonie und Entwicklung ist eine Darstellung der Entwicklung der ev. Straffälligenhilfe von ihren Anfängen im 19. Jhd. bis zur Gründung 1927, der Situation im Faschismus und den Neuanfängen nach 1945. Es gelingt Häusler die komplexen Zusammenhänge spannend darzustellen, die einzelnen sozialen Akteure zu beschreiben und die Veränderungen im Faschismus, mit denen wir offensichtlich heute noch zu tun haben, zu benennen.

Der zweite Beitrag von Helmut Bunde vertieft das Verständnis für die Entwicklung der Straffälligenhilfe durch die Konzentration auf die Entwicklung in Sachsen. Auch hier eine genaue Darstellung der Geschichte der Straffälligenhilfe vom 19. Jhd. zum Übergang des 20. Jhd. Bunde erwähnt am Ende des Beitrages den Rückgang der unbedingten Haftstrafen innerhalb eines Jahrhunderts von 75 % auf 5 % und benennt damit einen der historischen und soziologischen Gründe für die Veränderungen der Vorrausetzungen und Kontexte der Straffälligenhilfe.

Ute Passarge beschreibt in ihrem Beitrag „Nichts und Niemanden aufgeben“ die Geschichte und Entwicklung des Schwarzen Kreuzes, einem christlichen Gefangenenhilfsverein. Auch hier der Blick auf die Anfänge. 1925 setzen sich fünf Männer zusammen unter ihnen der Präsident des Strafvollzugsamtes am Oberlandesgericht Celle Johannes Muntau und gründen die „Christliche Gefangenenhilfe“. Aus ihr geht dann später das Schwarze Kreuz hervor. In diesem Beitrag wird deutlich wie der Blick zurück und die Beschreibung des Weges einer Institution das Verständnis für ihre Praxis in der Gegenwart zu erklären vermag.

Da historisch gesehen die Gefängnisseelsorge als Teil der Straffälligenhilfe verstanden wurde, widmen sich die folgenden zwei Beiträge der Geschichte und Gegenwart der Gefängnisseelsorge. Der Beitrag von Alexander Böhm „Zum 75-jährigem Bestehen der Evangelischen Konferenz für Gefängnisseelsorge in Deutschland (2002)“ ist ein Nachdruck des Festvortrages der erstmals im Reader Gefängnisseesorge Nr. 11 im Jahr 2002 abgedruckt wurde. Dem 2006 verstorbenen ehemaligen Professor für Kriminologie Strafrecht und Strafvollzug gelingt es die Gründung der Konferenz als den Versuch zu beschreiben den damaligen Status quo der Gefängnisseelsorger gegen Neuerungen zu verteidigen. Auch in der weiteren Darstellung der Geschichte wird immer wieder die Stellung des Gefängnisseelsorgers im System Gefängnis angesprochen und diskutiert. Ulli Schönrock,der derzeitige Vorsitzende der Evangelischen Konferenz für Gefängnisseelsorge in Deutschland spricht die aktuellen Themen und Entwicklungen der Gefängnisseelsorge an. Kernstück ist dabei die Reform des Strafrechtes bzw. Alternativen zum Strafrecht zu suchen und zu entwickeln. Der Beitrag verdeutlicht, dass die Gefängnisseelsorge das Gesamte System Gefängnis wahrnimmt und alle in ihm agierenden Personen und Institutionen. Das von Schönrock erwähnte Standortpapier „Zur Zukunft des Gefängnissytems“ ist mittlerweile als Sonderausgabe des Readers Gefängnisseelsorge im September 2017 veröffentlicht worden und unter www.gefaengnisseelsorge.de abzurufen. Schönrocks Beitrag stellt in der Systematik der Zusammenstellung der einzelnen Texte einen Übergang zur Gegenwart dar.

Der für mich zentrale Beitrag des Bandes stammt von Karl Heinrich Schäfer. Unter dem eher schlichten Titel „Evangelische Straffälligenhilfe – gestern, heute und morgen.“, gelingt es die Einbindung Dritter in den Behandlungsvollzug zu beschreiben (zu der ja auch die Straffälligenhilfe gehört) und die Position der Diakonie Deutschland und der EKD (Evangelischen Kirche in Deutschland) kritisch zu diskutieren. Seit vielen Jahren habe sich der Rat der EKD nicht mehr mit dem Strafvollzug beschäftigt. Die letzte Denkschrift sei über 25 Jahre her. Schäfer beschreibt die Veränderungen, er nennt Globalisierung, Zuwanderung, demographische Entwicklung, Föderalismusreform, neue Sicherheitssysteme (Elektronische Überwachung), neue Informationssysteme u.a. und fordert die EKD auf sich in diesem, wie er sagt zwar nicht populären aber wichtigen gesellschaftlichen Bereich zu engagieren. Dabei betont er die Wichtigkeit einer christlichen Straffälligenhilfe als eine Kernaufgabe kirchlichen Handelns.

Dass die evangelische Straffälligenhilfe ein kleines gesellschaftliches Phänomen ist – und daher für die Diakonie eher eine Nischengruppe darstellt –, zeigt der siebte Beitrag von Wolfgang Schmitt dem Leiter der Abteilung Statistik der Diakonie Deutschland. An der Entwicklung der Straffälligenhilfe in den Jahren 2002 bis 2014 arbeitet Schmitt die quantitative Bedeutung der Institution heraus. Es ist den Herausgebern positiv anzurechnen, dass sie die Zahlen und Entwicklung zur Verfügung stellen. Schade ist, dass man/frau eine Lupe benötigt um die Grafiken und Diagramme lesen zu können.

Es folgen zwei Beiträge aus der Praxis. Ullrich Weber, Eckhard Tarner und Uwe Nelle-Cornelsen stellen „Das Netzwerk soziale Strafrechtspflege Bielefeld“ vor. Weber ist der Sprecher des Koordinierungskreises des Netzwerkes, Tarner der Leiter der Abteilung Straffälligenhilfe der Diakonie in Bielefeld und Nelle-Cornelsen, Anstaltsleiter der JVA Bielefeld-Brackwede. Durch veränderte Kontextbedingungen gibt es die Notwendigkeit unterschiedliche Träger der Strafrechtpflege zusammenzuführen. Am Beispiel von „Herrn Q.“ wird verdeutlicht wer aus welcher Institution mit ein und demselben Klienten beschäftigt ist oder sein muss. Ein Beitrag der die Veränderungen zeigt. Im Kontext von KURS (Konzeption zum Umgang mit rückfallgefährdeten Sexualstraftätern), dem Übergangs- und Sicherheitsmanagement, der Anwesenheit der Bewährungshilfe im Vollzug, sind neue Arbeitsformen notwendig geworden. Ein Beispiel erfolgreicher Arbeit zur Haftvermeidung durch Straffälligenhilfe in Niedersachsen zeigt der Beitrag von Burkhard Teschner „Geldverwaltung statt Vollstreckung von Ersatzfreiheitsstrafen“. Er beschreibt den Projektverlauf, die Grundlagen zur Projektdurchführung und das Verfahren in der Praxis. Der messbare Erfolg dieses Projektes ist tatsächlich beachtlich. 2016 wurden 1947 Fälle insgesamt behandelt und durch Zahlung insgesamt 29782 Hafttage nicht vollstreckt.

Zwischen diesen beiden Beiträgen zur Praxis findet sich der zweite Nachdruck dieses Bandes. Herbert Landau Richter am Bundesverfassungsgericht Karlsruhe a.D. schreibt über „Grundgesetz und Strafvollzug. Menschenbild des Grundgesetzes und Umgang mit Straftätern“ erstmals erschienen im Forum Strafvollzug 2011. „Die Würde des Menschen prägt das Menschenbild des Grundgesetzes.“ (S. 145) In der Folge werden wesentliche Bundesverfassungsgerichtsurteile zu grundlegenden Fragen der Sicherungsverwahrung, der lebenslangen Freiheitsstrafe und der Entwicklung des Resozialisierungsgebotes aufgeführt.

Der Anhang enthält „Ziele und Aufgaben des Strafvollzuges. Rechtliche Regelungen seit 1933“ zusammengestellt von Karl Heinrich Schäfer, eine „Chronik der EKS und deren Vorsitzenden“ von Helmut Bunde und die Themen der „Fachwochen der Straffälligenhilfe“ erläutert von Karl Heinrich Schäfer.

Diskussion und Fazit

Das Ziel, das sich die Publikation selbst gesetzt hat, eine historische Standortbestimmung der Evangelischen Straffälligenhilfe zu geben und ihre Entwicklung darzustellen, ist gelungen. Wer die Gegenwart verstehen will, kommt nicht umhin, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Für ein sachkundiges Publikum ist es eine interessante Lektüre. Sie ermöglicht den eigenen Standort zu bestimmen. So wird anhand der Lektüre klar, dass das Verhältnis von Straffälligenhilfe und Gefängnisseelsorge neu definiert werden muss. Den Strafvollzug in seiner Ökonomie zu erfassen, seine gesellschaftliche Sinnhaftigkeit in Frage zu stellen tut das Buch nicht. Dazu sind die Herausgeber und ein Teil der Autoren zu sehr in ihrer eigenen Geschichte gefangen. Die neuen Ziele der Straffälligenhilfe und der Gefängnisseelsorge zu definieren, ist Aufgabe der nächsten Generation. Für Mitarbeiter der Straffälligenhilfen, der Gefängnisseelsorge und der Strafrechtspflege ist es eine lesenswerte Publikation. Von mir gibt es eine klare Kaufempfehlung.


Rezensent
Dr. Tobias Müller-Monning
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Zitiervorschlag
Tobias Müller-Monning. Rezension vom 17.01.2018 zu: Karl Heinrich Schäfer, Helmut Bunde (Hrsg.): Die Entwicklung der evangelischen Straffälligenhilfe. Von der Gefangenenhilfe zur Hilfe für Menschen in besonderen sozialen Lebenslagen. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2017. ISBN 978-3-7841-2992-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23000.php, Datum des Zugriffs 22.02.2018.


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