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Ulrike Geist: Mit einem anderen Blick (Autismus)

Cover Ulrike Geist: Mit einem anderen Blick. Zur geistigen Dimension des Autismus. Info3 Verlagsgesellschaft (Frankfurt/Main) 2017. 126 Seiten. ISBN 978-3-95779-051-4. D: 15,80 EUR, A: 16,30 EUR.
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Thema

Das Buch geht der Frage nach, was „Autisten“ erleben und wie sie sich selber sehen z.B. als „merkwürdige Einzelgänger und sozial schwer zugänglich“? (Klappentext). Es plädiert für das Verstehen einer anderen Art, weit hinausgehend über eine psychiatrische Einstufung. Mit bewegenden Texten und Gedichten von Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben wird die Leserschaft an das Thema herangeführt.

Autorin

Ulrike Geist lebt in Stuttgart. Sie hat Kunstgeschichte und Germanistik studiert und war lange Zeit in verschiedenen Kunstbuchverlagen als Redakteurin und Lektorin tätig. 1988 machte sie sich mit einer Kulturzeitschrift für Baden-Württemberg selbständig (www.kulturkalender-bw.de). Parallel dazu schloss sie eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin ab und arbeitete in verschiedenen Psychiatrien und Kliniken. Auch ist sie Referentin für Öffentlichkeitsarbeit in einer anthroposophischen Klinik.

Entstehungshintergrund

Die Autorin begab sich aufgrund „dem eigenen Familienschicksal auf die Suche nach einem Verständnis autistischer Seins- und Lebenswelten“ (S. 11).

Das Buch erschien im Info3 Verlag („Anthroposophie im Dialog“), der zur Verlagsgruppe Brüll und Heisterkamp in Frankfurt gehört.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im DIN A5 Softcover Format erschienen. Es hat einen Umfang von 128 Seiten, die sich in 10 Kapitel untergliedern, diese sind nicht durchnummeriert. 25 farbige Abbildungen ergänzen den Inhalt. Der Schutzumschlag ist aufklappbar.

Innen findet man eng bedruckte Seiten, in denen es um einen Schriftwechsel der Autorin mit zwei autistischen Mädchen geht, die mittels Gestützter Kommunikation von ihren Gedanken und Träumen berichten.

Die Texte im Buch sind unterschiedlich formatiert. Genannte Autorinnen und Autoren sowie Fremdworte sind rot unterstrichen und werden erklärt, Texte, die durch die Methode Gestützte Kommunikation entstanden sind, wurden aus technischen Gründen durchgehend klein geschrieben, die Schreib- und Ausdrucksweisen wurden aus den Originalen übernommen, um die Aussagen nicht zu verfälschen. Zahlreiche Zitate (O-Töne) sind kursiv gedruckt.

  • Vorwort
  • Zur Einstimmung
  • Ein anderer Blick
  • Vom Glück, mit diesen Kindern zu leben
  • Von Wahrheit, Authentizität und Bestechlichkeit
  • Von Heimatlosigkeit und Autonomie
  • Von inneren Augen, die das Wesentliche schauen
  • Von ewigen Kindheitskräften
  • Von der spirituellen Offenheit
  • Gegenwart und Ausblick

Das Vorwort formulierte Armin Husemann, Allgemeinmediziner und Leiter der Eugen-Kolisko-Akademie in Stuttgart.

Es folgt eine Einstimmung, das sind Innenansichten von Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben und Außenansichten, von den sog. neurotypischen, also die „Normalen“, die eben nicht unter diesen Bedingungen leben, sie werden gegenüber gestellt. Nicht selten ist der Außen – Blick auf den Menschen aus dem autistischen Spektrum defizitorientiert, autistische Menschen selber sehen nicht von vorneherein das Leiden. Es ist ein Anliegen des Buches, den Blick zu weiten auf Begabungen, statt Defizite und Mangel. Begabungen sind nicht therapeutisch behandlungsbedürftig, sie werden aus einem wertschätzenden Interesse heraus betrachtet, auch wenn sie zunächst fremd erscheinen. Dieser Zugang kann die Möglichkeit eröffnen, den „Klang einer besonderen und sensiblen Welt“ wahrzunehmen, den die „Normalen“ oft nicht mehr wahrnehmen (S. 16). Die Texte im Buch stammen aus einem extra eingerichteten Online-Portal oder aus Berichten, die wie Tagebücher verfasst sind.

Die Autorin möchte einen anderen Blick eröffnen.In diesem Kapitel werden die gebräuchlichen Klassifikationssysteme und deren Definitionen erläutert, sie haben eine negative Konnotation. Demgegenüber werden andere Sichtweisen gestellt wie beispielsweise die von Tony Attwood oder Georg Theunissen, bekannte Autoren, die Autismus auch immer unter dem Gesichtspunkt von Potentialen und Ressourcen beschreiben. Klar ist, das es nicht DEN Autisten gibt, sondern das jeder Mensch einzigartig ist. Diese Verschiedenheit wird in den anschließenden 13 Seiten durch O-Töne von Menschen, die Autismus Erfahrungen gemacht haben, dokumentiert.

Vom Glück, mit diesen Kindern zu leben – diese Aussage stellen Angehörige mit Autismuserfahrung der gesellschaftlichen Wahrnehmung, dass es ein „Unglück“ sei ein autistisches Kind zu haben, gegenüber. Dieses Glück wird wie ein Geschenk angenommen, das ungeahnte Türen öffnen kann hin zu „geistigen, spirituellen und außersinnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten“ (S. 39).

Gelingt es, die reine Symptomebene zu verlassen, dann findet man oft ein Wesen von Wahrheit, Authentizität und Bestechlichkeit. Menschen mit Autismus steigen aus der normalen Scheinwelt aus, sie wollen diese „Selbstverstellung“ nicht. Indirektheiten, Doppeldeutigkeiten, Small Talk sind nicht gewünscht, sie können nicht so tun, als ob. Ihre Interessen sind unmittelbar, manchmal auch „sehr eigenwillig“ (S. 43). Die Autorin resümiert, dass „autistische Menschen einen unbestechlichen Spiegel für die Glaubwürdigkeit unseren Verhaltens … unserer Wahrhaftigkeit“ (S. 45) darstellen.

Viele Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben erfahren Heimatlosigkeit und Autonomie. Das geht mit dem Gefühl auf einem falschen Planeten zu leben einher, dessen Kommunikationsformen und Regeln nicht verstanden werden. Temple Grandin bezeichnete sich selber als „Anthroplogin auf dem Mars“ und schrieb ein Buch darüber. Gelingt ein anderer Blickwinkel auf die gleiche Situation, dann eröffnet diese Lebenssituation Spielräume: Statt einen Mangel darin zu sehen erlaubt ein anderer Blick die Erfahrung, dass „Ideen so oft auch äußerst innovativ und befruchtend“ sind (S. 53).

Vom inneren Augen das Wesentliche schauen. Dieses Kapitel handelt von dem aktuell innovativsten Forschungsansatz aus der neurowissenschaftlichen Autismusforschung von Kamila und Henry Markram. Sie beschreiben die Wahrnehmung als hyperfunktional in Bezug auf Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistungen.

Die Art, die Welt zu sehen und sich selber darin zu erleben wird in den Kapiteln von ewigen Kindheitskräften und von der spirituellen Offenheit besprochen. Hier geht es um vorgeburtliche und Inkarnationserfahrungen.

Das Buch endet mit dem Kapitel Gegenwart und Ausblick. Die Zahl der Menschen aus dem autistischen Spektrum steigt. In den 1980er Jahren stieg die Zahl um den Faktor 10, laut Autorin soll es Forscher geben, die davon sprechen, dass 2050 in jeder zweiten amerikanischen Familie ein autistisches Kind leben könnte (S. 105). Genau deshalb war es für die Autorin und ihre Co-Autorinnen und Autoren aus dem Schriftwechsel und dem Onlineportal so wichtig, das Bücher wie dieses geschrieben werden, um mit dessen Texten Zutritt zu einer anderen Weltsicht zu geben, eben einen anderen Blick.

Diskussion

Der andere Blick, weg von der einseitigen Pathologisierung hin zur Ressourcen- und Potentialorientierung, eine Perspektive des Empowerment, das ist die Zielrichtung des Buches und vieler anderer, die sich mit dem Thema Autismus beschäftigen. Im Buch kommen überwiegend Betroffene zu Wort, eingestreut sind auch professionelle Fachmeinungen wie die von Tony Attwood oder Georg Theunissen. Ich habe zahlreiche Bücher über das Autismus Spektrum gelesen und viele Fortbildungen besucht. Eins fällt auf: Menschen, die wie die Autorin das Erscheinungsbild aus eigener Anschauung kennen und diesen Blick bekannt machen, tragen dazu bei, einen andere Perspektive zu entwickeln und regen an, umzudenken. Dieser Peer-Ansatz sollte sich weiter verbreiten.

Der Verlag und die Autorin weisen in diesem Zusammenhang auf einen weiteren Aspekt hin: „Mit einem anderen Blick werden Bedingungen und Werte autistischen Seins deutlich, die eine vorwiegend an Wachstum und Profit orientierte Weltsicht in Frage stellen und uns damit auf die meist vernachlässigten positiven Eigenschaften dieser Menschen, wie Sensibilität, Authentizität, Unbestechlichkeit und Spiritualität hinweisen“ (Klappentext).

Der Erklärungsansatz über die Spiritualität als eine Qualität des Erlebens habe ich mit Interesse gelesen und er hat mich angeregt. Spiritualität bedeutet Geistigkeit, gemeint ist eine auf das Geistige ausgerichtete Haltung, eine Beschäftigung mit den Fragen nach Sinn und Wert. „Spiritualität will das ‚Unerklärliche‘ in das eigene Leben integrieren“ (Bayrischer Hospiz- und Palliativverband, wikipedia Zugriff 29.06.2017; 9.29 Uhr). Hier kann ich gut anschließen. Ich persönliche verstehe Spiritualität als einem Streben nach Ganzheitlichkeit durch das Erkennen seiner eigenen Persönlichkeit verknüpft mit der Suche nach etwas, das höher ist als man selbst. Menschen streben nach Entwicklung und sie tun dies auf der Basis ihres Soseins, das gilt für jeden Menschen. Hier finde ich das Konzept von Tony Attwood passend, er sieht Autismus nicht als pathologische Erscheinung, sondern als Normvariante des Menschen. Da kein Mensch dem anderen gleicht, sind wir alle Normvarianten mit Stärken und Schwächen. Sein Zugang ist auch der Kern meiner Arbeit. Ich berate und begleite Menschen, die Autismus Erfahrungen haben oder mit Menschen aus dem autistischen Spektrum Kontakt haben, sei es privat oder auf beruflich. Ich erlebe es als sehr hilfreich, Bücher wie diese zu lesen und sich auch persönlich mit Menschen mit Autismus Erfahrungen auszutauschen, denn dabei lernt man von- und miteinander. Eine Haltung von Respekt und Offenheit lässt eigene Außenansichten überprüfen und erlaubt diese mit den erlebten Innensichten des Anderen abzugleichen, das eröffnet Spiel – Räume, um einseitige Beurteilungen beider Personen kritisch in Frage zu stellen. Menschliches Leben und Lebensentwürfe sind vielfältig!

In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Berliner Forschungs-Kooperation (AFK) hinweisen. Die AFK ist ein Zusammenschluss von autistischen Menschen und Autismus – Wissenschaftlern der Humboldt-Universität zu Berlin. Ziel der seit 2007 bestehenden AFK ist es, erstmalig Fragen gemeinsam zu erforschen, die aus der Perspektive autistischer Erwachsener relevant sind. Die Forschungsergebnisse sollen langfristig dazu beitragen, die Lebensqualität von Menschen aus dem Autismus Spektrum zu verbessern. Die Website ist sehr informativ und dort werden Materialien zum Download kostenlos zur Verfügung gestellt, die zur Aufklärung beitragen (www.autismus-forschungs-kooperation.de).

Problematisch waren für mich allerdings die Ausführungen zum Ende des Buches in Bezug auf vorgeburtliche und Inkarnationserfahrungen. Ich muss gestehen, dass ich dazu keinen Zugang gefunden habe, die Ausführungen blieben mir unverständlich. Da es sich aber nur um die letzten Kapitel handelt sind diese in Bezug auf den übrigen Inhalt des Buches zu vernachlässigen. Auf die Methode der Gestützten Kommunikation, die in Fachkreisen durchaus kritisch gesehen wird, möchte ich hier nicht näher eingehen, das würde den Rahmen sprengen.

Fazit

Das Buch geht der Frage nach, was „Autisten“ erleben und wie sie sich selber sehen z.B. als „merkwürdige Einzelgänger und sozial schwer zugänglich“? (Klappentext). Das Buch ist ein Plädoyer für das Verstehen einer anderen Art, weit hinausgehend über eine psychiatrische Einstufung. Mit bewegenden Texten und Gedichten von Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben wird die Leserschaft von der Autorin, in ihrer Familie persönliche Berührungspunkte zum Thema hat, zudem ausgebildete Kunsttherapeutin ist, an das Thema herangeführt. Es werden Einblicke in Lebenswelten eröffnet, die den sog. Normalen (oder wie Autisten sagen den sog. Neurotypischen) im Allgemeinen oft verborgen sind.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 16.08.2017 zu: Ulrike Geist: Mit einem anderen Blick. Zur geistigen Dimension des Autismus. Info3 Verlagsgesellschaft (Frankfurt/Main) 2017. ISBN 978-3-95779-051-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23009.php, Datum des Zugriffs 12.12.2017.


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