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Claudia Mahler, Anja Mihr (Hrsg.): Menschenrechtsbildung. Bilanz und Perspektiven

Cover Claudia Mahler, Anja Mihr (Hrsg.): Menschenrechtsbildung. Bilanz und Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. 303 Seiten. ISBN 978-3-8100-4132-6. 29,90 EUR, CH: 52,20 sFr.
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Einführung in das Thema

Es muss immer wieder hervor gehoben werden: Insbesondere angeregt durch die von den Vereinten Nationen ausgerufenen Dekade für Menschenrechtsbildung (1995 - 2004), hat es in Deutschland in den letzten Jahren eine Reihe von Publikationen und Diskussionsbeiträge gegeben, die vom Bildungs- und gesellschaftlichen Aufklärungsauftrag zur Menschenrechtsbildung und -erziehung sprechen: vgl. dazu die Rezensionen zu den Büchern von Volker Lehnhart (2003), K. Peter Fritzsche, Claudia Lohrenscheit, Thomas Hoppe und Klaus Hüfner u.a. (alle 2004).

Herausgeberinnen und Intentionen

Die beiden Wissenschaftlerinnen, Claudia Mahler vom Menschenrechtszentrum der Universität Potsdam und Anja Mihr vom Institut für Politikwissenschaften der Universität Magdeburg, legen eine Bestandsaufnahme im bisherigen politischen und gesellschaftlichen Diskurs zur Menschenrechtsbildung in unserem Land vor; und sie zeigen Perspektiven zur Durchsetzung der von den Vereinten Nationen mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) eingeforderten Aufgabe auf, nämlich "durch Unterricht und Erziehung die Achtung dieser Rechte und Freiheiten zu fördern und durch fortschreitende Maßnahmen im nationalen und internationalen Bereiche ihre allgemeine und tatsächliche Anerkennung und Verwirklichung bei der Bevölkerung... zu gewährleisten".

Aufbau und Inhalt

Dazu lassen sie mehrere deutsche und internationale Experten aus den wissenschaftlichen und journalistischen Bereichen, aus internationalen Organisationen, NGOs und Menschenrechtsgruppen zum Stand der Menschenrechtsbildung im 21. Jahrhundert zu Wort kommen. Die Herausgeberinnen gliedern das Buch in drei thematische Teile.

  1. Im ersten Kapitel geht es um allgemeine Grundsätze der Menschenrechtsbildung.
  2. Im zweiten werden internationale Ansätze und Programme diskutiert.
  3. Und im dritten Teil geht es um Konzepte und Beispiele zur Menschenrechtsbildung im deutschsprachigen Raum.

Der Direktor des seit 2003 in Berlin bestehenden Deutschen Instituts für Menschenrechte, Heiner Bielefeldt, stellt philosophische Überlegungen zur Menschenrechtsbildung an, indem er die Würde des Menschen als ein unveräußerliches Menschenrecht herleitet und den didaktischen Rat gibt: "Deshalb darf eine Menschenrechtsbildung, die der Einsicht in die Menschenwürde Bahn brechen will, niemals autoritär oder doktrinär sein. Vielmehr kann sie sich nur vollziehen als Klärung und Sensibilisierung eines sittlichen Bewusstseins...".

George Andreopoulos von der City University New York mahnt bei der Bestandsaufnahme zur "Menschenrechtsbildung im 21. Jahrhundert" an, dass es im politischen Bewusstsein sowohl der Individuen, als auch der nationalen und internationalen Organisationen und Institutionen eines "Basisaktivismus" bedarf: "Diese Aufgabe kann jedoch nicht nur auf die elitäre Ebene begrenzt werden, sondern muss bei einer breiten Schicht Unterstützung finden". Volker Lenhart nimmt mit seinem Beitrag "Kontextspezifische Didaktik der Menschenrechtsbildung" die verschiedenen Lernmodelle, wie das Aufmerksamkeitsmodell, das Verantwortlichkeitsmodell und das Transformationsmodell auf. Als (didaktische) Planungs- und Implementierungsinstrumente können sie die Verwirklichung der Menschenrechte befördern. Über die professionalisierte Notwendigkeit, Lernakte und Aufklärungssubstitute zu evaluieren, ist, schon einiges gesagt worden: H.-G. Rolff, Annette Scheunpflug, H. Altrichter u.a.

Zur "Evaluation von Menschenrechtsbildungsprogrammen" äußern sich Paul Martin und Carolyn Kissane, New York. Sie lenken dabei unsere Aufmerksamkeit auf die simple, aber bisher im Bildungsakt vernachlässigte und wenig realisierte Erkenntnis, "dass es bestimmte gemeinsame Prinzipien gibt, die auf dem einzigartigen Inhalt der Menschenrechtsbildung basieren". In der Zusammenführung der Kerninhalte einer Menschenrechtsbildung - Kognition, Einstellungen und Fähigkeiten - zeigen sie Evaluierungskriterien auf, die für den Bildungsprozess fruchtbar sein können.

Im Teil "Internationale Ansätze der Menschenrechtsbildung" stellt Heike Alefsen von der Abteilung für Frauenförderung der Vereinten Nationen "Überlegungen zu institutionellen Entwicklung während der UN-Dekade" an. Dabei gibt sie einen Einblick in die Arbeit der verschiedenen Akteure und Einrichtungen, die in diesem Jahrzehnt die Initiative der Vereinten Nationen vorbereitet und durchgeführt haben.

Der Direktor des MenschenRechtsZentrums der Universität Potsdam, Eckart Klein, diskutiert "Menschenrechtsbildung aus der Sicht des UN-Menschenrechtsausschusses", als einer wichtigen internationalen Instanz bei der Durchsetzung der Menschenrechte überall auf der Erde, aber auch eines Gremiums zur Öffentlichmachung von Menschenrechtsverletzungen.

Die Ethnologin am Institut für europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin, Reeta Toivanen thematisiert die Aufgaben und Initiativen der KSZE / OSZE zur "Menschenrechtsbildung als Mittel zum Frieden". Das wichtige (essentielle und didaktische) Kriterium der "Konfliktprävention" könnte ein Instrument für eine Menschenrechtsbildungsarbeit sein.

Claudia Mahl erdiagnostiziert zu den Menschenrechtsbildungsprogrammen des Europarats, auf der Grundlage der Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (1950), dass die Kommunikations- und Übersetzungsprobleme in der Aufgabendarstellung noch lückenhaft sind und weitere Initiativen im Europarat erforderlich machen.

Wolfgang Benedek und Minna Nikolova-Kress von der Universität Graz analysieren die "Menschenrechtsbildungsprojekte der Europäischen Union". Besonders die "Europäische Initiative für Demokratie und Menschenrechte" (EIDHR) von 1999 verdient der internationalen Aufmerksamkeit, der Evaluierung und Weiterentwicklung.

Karl-Peter Fritzsche, UNESCO-Lehrstuhlinhaber für Menschenrechtsbildung / -erziehung an der Universität Magdeburg, zeigt die vielfältigen Initiativen der Wissenschafts-, Bildungs- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen im Bereich der Menschenrechtserziehung auf. Die Förderung des Menschenrechtsdialogs zwischen den Kulturen, z. B. auch durch das internationale Schulnetz der UNESCO-Projektschulen, kann als ein Exempel für konkrete Menschenrechtsbildung dienen.

Die Leiterin der Human Rights Education Associates (HREA) in Amsterdam, Felisa Tibbitts, will unsere Aufmerksamkeit auf die steigende Bedeutung und Einflussnahme von Nichtregierungsorganisationen (NGO) lenken. Die Ressourcen in diesem Bereich der Menschenrechtsarbeit müssen in viel stärkerem Maße als bisher wahr- und aufgenommen werden.

Die Vorsitzende der People`s Movement for Human Rights Education (PDHRE) und Trägerin des UN-Menschenrechtspreises 2003, Shulamith Koenig, ist mit ihrer Initiative "Menschenrechtsstädte" weltweit bekannt geworden. Sie weist darauf hin, dass der verführerische und vielfach missverstandene Begriff "Entwickeln" im konkreten Gemeinwesen bedeuten muss: "Integrieren und Einweben eines Menschenrechtskonzepts in alles, was wir tun mit der ganzen Teilhabe der Einwohner der Stadt".

Brigitte Hamm vom Institut für Entwicklung und Frieden der Universität Duisburg-Essen zeigt den Paradigmenwechsel auf, der sich seit Beginn der 90er Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit vollzieht - von der Grundbedürfnisorientierung hin zum Menschenrechtsansatz. Eine Soll-Aufgabe für alle, die sich im Bereich des Eine-Welt-Gedankens engagieren.

Schließlich stellen im dritten Teil zu "Menschenrechtsbildung im deutschsprachigen Raum", Verena Schwarz von der Stiftung Bildung und Entwicklung in Zürich, und der Vorsitzende des Vereins "Menschenrechte in der Schweiz", Alex Sutter, die Situation der Menschenrechtsbildung in der Schweiz vor. Trotz der aufgezeigten Defizite kann positiv vermerkt werden, dass es seit 2001 den vom Schweizer Bundesrat eingerichteten "Fonds gegen Rassismus und für Menschenrechte" gibt und eine "nationale Menschenrechts-Institution" geplant ist.

Das 1992 gegründete Ludwig-Boltzmann-Institut für Menschenrechte (BIM) in Wien präsentiert die österreichischen Erfahrungen zur Menschenrechtsbildung. Dem Anwachsen von politisch rechten Gruppierungen im Land stehen vielfältige Aktivitäten gegen Diskriminierung und Rassismus gegenüber: "Zu beobachten ist, dass gegenwärtig in der Bewusstseinsbildung zu Diskriminierung und Rassismus, sowohl auf staatlicher Ebene, v.a. seitens NGOs und zivilgesellschaftlichen Organisationen wesentlich mehr Aktivitäten als noch vor fünf Jahren existieren".

Nils Rosemann von der Friedrich-Schiller-Universität Jena thematisiert die Situation zur Menschenrechtsbildung in Deutschland. Seine Einschätzung, dass die Bundesrepublik Deutschland in Sachen Menschenrechtsbildung ein Entwicklungsland sei, begründet er mit zahlreichen Beispielen. Menschenrechtsbildung werde in erster Linie auf Grund von internationalen Verpflichtungen thematisiert. Die Realisierung vollziehe sich überwiegend in soziologischen, sozialpädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Aktivitäten; sie bedürfte der juristischen und völkerrechtlichen Ergänzung: "Menschenrechtsbildung bleibt ein vernachlässigtes Konzept und der Kampf gegen Rassismus ist häufig konzept- und mittellos".

Anja Mihr ergänzt diese Analyse durch die deprimierende, ernüchternde und alarmierende Darstellung der weitgehenden Unkenntnis zur Menschenrechtsfrage in der öffentlichen Information und im Bildungsbewusstsein. Nur vier Prozent der Deutschen kennen überhaupt ein richtiges Menschenrechtsdokument, wie z. B. die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948. So entstehe eine verräterische Diskrepanz: "Die Mehrheit der Deutschen (erachten) zwar die Menschenrechte für die Demokratie für wichtig... (können) diese Rechte aber nicht benennen, ihre Bedeutung für eine stabile Gesellschaftsform nicht in einem weitreichenden Zusammenhang setzen und dementsprechend auch nicht die Notwendigkeit für einen aktiven Einsatz für die Menschenrechte sehen".

Die Berliner Wissenschaftlerin Silvia Staub-Bernasconi stellt den Studiengang "Master of Social Work" vor. Sie zeigt damit einen Ausbildungs- und Tätigkeitsbereich "als Soziale Arbeit in lokalen, nationalen und internationalen Kontexten und Organisationen" auf.

Norman Weiß aus Potsdam berichtet über ein Praxisbeispiel: "Polizei für interkulturelle Verständigung in Brandenburg".

Die Hamburger Journalistin und Ethnologin Caroline Schmidt-Gross macht deutlich, dass die Darstellung der Menschenrechtsthematik in den Medien schwierig, aber mit "Geschick, Interesse, Hartnäckigkeit und persönlichem Engagement des einzelnen Journalisten" nicht unmöglich ist.

Sandra Reitz von der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster informiert über pädagogische Ansätze zur Menschenrechtsbildung als e-Learning.

Lothar Müller und Birgit Weyland von der Universität Trier schließlich geben einen Überblick über Ergebnisse von empirischen Untersuchungen zur Wirkung von Menschenrechtsbildung in Deutschland.

Fazit

Die Arbeit des Teams zur "Menschenrechtsbildung" ist zu einem Handbuch und zu einem Baustein geworden. Die Diskussion zu den zahlreichen, interdisziplinären Aspekten, Analysen, theoretischen und praktischen Fragestellungen zur Thematik zeigen Erfolge und Defizite in der wichtigen Anforderung zur lokalen und globalen Allgemeinbildung auf. Sie machen deutlich, dass Information über Menschenrechte und Empathie zusammen gehören. Neben Studierenden und Lehrenden in sozialwissenschaftlichen Fächern sollten das Buch auch Lehrerinnen, Lehrer und in der außerschulischen Bildungs- und Sozialarbeit Tätige in die Hand nehmen, damit realisiert werden kann: "Menschenrechtsbildung hat den Anspruch, alle gesellschaftlichen Schichten, Alters- und Berufsgruppen in einem Land zu erreichen". In Deutschland bestehen dabei, wie dargestellt, noch erhebliche Defizite.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 04.01.2005 zu: Claudia Mahler, Anja Mihr (Hrsg.): Menschenrechtsbildung. Bilanz und Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. ISBN 978-3-8100-4132-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2301.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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