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Magnus Schlette, Thomas Fuchs u.a. (Hrsg.): Anthropologie der Wahrnehmung

Cover Magnus Schlette, Thomas Fuchs, Anna Maria Kirchner (Hrsg.): Anthropologie der Wahrnehmung. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2017. 544 Seiten. ISBN 978-3-8253-6756-5. D: 66,00 EUR, A: 67,90 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Der vorliegende Sammelband entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Marsilius-Kolleg der Uni Heidelberg und der Forschungsstätte der Evangelischen Bildungsstätte (FEST) in der Sommerakademie 2015. Ziel der hierbei vorgetragenen Beiträge war es, die Beziehung zwischen verschiedenen Wissenschaften bei Thema „Wahrnehmung“ zu konkretisieren und zu diskutieren. Die damaligen Beiträge erscheinen nunmehr in verschriftlichter Form im o.g. Reader.

Dass hierbei die Anthropologie quasi eine Brückenfunktion einnimmt, begründen die Herausgeber durch Ihre Definition der Anthropologie als der (empirischen) Wissenschaft von der Natur des Menschen- verstanden als leiblich-physischer und praktischer Existenz des Menschen. Gerade auf dem „…Feld der Wahrnehmungsforschung stellt sich in paradigmatischer Weise die Aufgabe, das fragmentierte Wissen aufeinander zu beziehen und die sich mit zentrifugaler Dynamik ausdifferenzierende Wissensbestände in Natur- und Geisteswissenschaften zueinander in Beziehung zu setzen“. (S. 30)

Herausgeber und Herausgeberin

  • Magnus Schlette ist PD. Dr. phil. Referent für Philosophie an der FEST, Institut für interdisziplinäre Forschung, Heidelberg, und PD für Philosophie an der Uni Erfurt.
  • Thomas Fuchs, Prof.Dr. med. und Dr. Phil. ist Leiter der Phänomenologischen Psychopathologie und Psychotherapie am Zentrum für Psychosoziale Medizin der Uni Heidelberg und Karl-Jaspers- Professor an der Psychiatrischen Universitätsklinik, Heidelberg.
  • Maria Kirchner ist Dipl.theol. und Wiss. Mitarbeiterin am Marsilius-Kolleg der Uni Heidelberg.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Nach einer Einleitung (Magnus Schlette und Thomas Fuchs) ist das Buch in drei Hauptteile gegliedert:

  1. „Annäherungen“,
  2. „Erwiderungen“ und
  3. „Ergänzungen“.

Schön bildet sich hier die diskursive Kultur der Auseinandersetzung in der Sommerakademie ab.

Jeder Teil wird eingeleitet in Verantwortung der Herausgeberschaft; es folgen dann verschiedene Artikel, die im 2. Teil Erwiderungen erfahren und im dritten Teil vertieft ergänzt werden. Für ein differenziertes Inhaltsverzeichnis sei auf die Deutsche Nationalbibliothek verwiesen.

So setzt sich Thomas Fuchs unter dem Titel „In Kontakt mit der Wirklichkeit. Wahrnehmung als Interaktion“ mit verschiedenen Zugängen zur Wahrnehmung auseinander. Deutlich setzt er sich von der neurokonstruktivistischen und rein naturwissenschaftlichen Betrachtung ab und betont, dass Wahrnehmung nur im sozialen Kontext, in der Interaktion geschieht: immer gehen wir davon aus, dass auch andere das sehen, was wir sehen- „…- wie nehmen es für wahr“ (S. 111). Objektivität resultiert aus der impliziten Intersubjektivität, die sich in der Sozialisation sehr früh beim Kind herausbildet. Der Autor distanziert sich deutlich von gängigen Modellen der Kognitionswissenschaften, erläutert überzeugend die Notwendigkeit, auch an Verkörperung und Enaktivismus bei der Betrachtung des Phänomens zu denken und diese Prozesse beim Phänomen- Verständnis zu berücksichtigen: Wahrnehmen kann nur ein Organismus, der sich bewegt, der „begreift“. So resultiert unsere Wahrnehmungsfähigkeit eben auch nicht durchgängig Top-Down, sondern fast umgekehrt schaffen und erzeugen unsere Handlungen und ihre Funktionen zentralnervöse Wahrnehmungsvoraussetzungen, was der Autor auch empirisch belegen kann. „In unseren Wahrnehmungen sind wir immer schon über den Leib hinaus und erfassen in Unmittelbarkeit, was sich durch ihn als Erfahrungsgehalt präsentiert: Es sind weder Sinnesdaten noch Zeichen, weder Bilder noch Repräsentationen, sondern eine relational erfasste und doch unmittelbar erfahrene Wirklichkeit.“(S. 120) Schön, dass der Autor seine Ausführungen mit einem Resümee (S. 133 ff) abschließt.

Um den Aufbau des Buches zu verdeutlichen sei korrespondierend auf Selin Gerlek und seinen „Antwort“-Artikel im Teil 2 des Readers verwiesen. Unter dem Titel „Der Leib als Subjekt der Lebenswelt“ nimmt er Fuchs bestätigend Bezug auf Merleau-Ponty „Phänomenologie der Wahrnehmung“ und hebt hervor, dass der Leib das eigentliche Subjekt der Wahrnehmung sei, und nicht das (äußere) Wahrnehmungsobjekt, welches uns quasi eine Wahrnehmung aufzwingt. Der Autor verweist mit Fuchs allerdings auch darauf, dass Philosophie nicht umhin kommt, empirische Belege für die angestellten Überlegungen zu finden, herzustellen., So könnte bspw. die Untersuchungen von Tomasello belegen, dass bereits Kinder im 8./ 9. Lebensmonat beginnen, sich gemeinsam mit Anderen der Welt und ihren Gegenständen (das sog. Joint attention) zuzuwenden, was im Einklang mit der Intersubjektivitäts- Hypothese steht,dass Vertrautheit quasi „Einverleibung“ ist.

Im dritten Teil des Readers schließlich geht es um weitergehende und ergänzende Untersuchungen von NachwuchswissenschaftlerInnen, die im Rahmen der genannten Sommerakademie das Projekt „Anthropologie der Wahrnehmung“ durch ergänzende Studien aufgenommen und vertieft haben. Als Beispiel mag hier der Aufsatz von Jonas Etten genannt sein, der sich mit Henri Bergson quasi als Vorläufer einer phänomenologisch-ökologischen Anthropologie auseinandersetzt; Bergson habe sich intensiv mit dem Neurokonstruktivismus auseinandergesetzt. Wie der Autor sagt, habe er sich stark gemacht für ein über die lediglich Reduktion der Wahrnehmung auf neurologische Zeichen hinausgehendes Wahrnehmungsverständnis: Wahrnehmung müsse jenseits der Dichotomie zwischen objektiver Wirklichkeit und subjektiver Wahrnehmung den Kontext der Handlung beachten und Wahrnehmung in diesem Sinne in ihrer Funktion verstehen: mit zunehmender Handlungsfähigkeit verfeinere sich auch die Wahrnehmung.

Diskussion

Es ist schwierig, dem Reader mit seinen sehr differenzierten Beiträgen summarisch gerecht zu werden. Dem Projekt „Anthropologie der Wahrnehmung“ muss unter dem Gesichtspunkt, die Anthropologie quasi als Brückenwissenschaft zu nutzen Anerkennung und Respekt gezollt werden. Den Herausgebern kommt neben der Leitung der Sommerakademie das Verdienst zu, die vielfältigen und disparaten Beiträge mit der Dreiteilung des Bandes in ein nachvollziehbares Konzept gebracht zu haben. Die jeweils einleitenden Beiträge zu den Teilen helfen dem Leser, die Untersuchungen aus den verschiedenen relevanten Wissenschaften einzuordnen. Von diesen Einleitungen aus mag dann auch der Leser Aufsätze der einzelnen Teile auswählen und in Beziehung setzen – im Ergebnis weitet sich das Verständnis für die Multidimensionalität eines uns so selbstverständlichen Phänomens, der Wahrnehmung. Und diese Erweiterung tut neben der analytischen Betrachtung des Phänomens in Einzelwissenschaften Not: auch in diesem Bereich erscheint es notwendig, dass Wissenschaftler miteinander trotz ihrer unterschiedlichen Fachsprachen lernen, ins Gespräch zu kommen; der vorliegende Reader belegt überzeugend, dass dabei trotz aller Schwierigkeiten umfassende Erkenntniserweiterung möglich ist.

Fazit

Gerade die Vermittlung unterschiedlicher Perspektiven auf das Phänomen der Wahrnehmung macht den Reiz des anspruchsvollen Readers aus -sich hierauf einzulassen, erweitert das Verständnis für ein komplexes Phänomen und erhöht die Bereitschaft, neben den Einzelwissenschaften übergreifend den Betrachtungshorizont zu erweitern. Nur in und mit dieser Erweiterung mag es uns gelingen, zu einem integrativen Verständnis des Menschen und seiner Erkenntnisfunktionen zu gelangen. In diesem Sinne sei dieses Werk besonders Wissenschaftlern in solchen Einzeldisziplinen anempfohlen; der Sommerakademie selbst sei zu dieser Thematik eine Fortsetzung gewünscht.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 04.12.2017 zu: Magnus Schlette, Thomas Fuchs, Anna Maria Kirchner (Hrsg.): Anthropologie der Wahrnehmung. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2017. ISBN 978-3-8253-6756-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23012.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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