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Christin Haude, Sabrina Volk u.a.: Schulsozialarbeit inklusive

Cover Christin Haude, Sabrina Volk, Melanie Fabel-Lamla: Schulsozialarbeit inklusive. Ein Werkbuch. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2017. 240 Seiten. ISBN 978-3-525-70193-5. 25,00 EUR.
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Thema und Autorinnen

Das vorgelegte Werkbuch stellt den Arbeitsprozess und die Arbeitsergebnisse eines Forschungsprojektes der Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik, dar. Die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen des Projektes – Christin Haude, Sabrina Volk und Melanie Fabel-Lamla- sind Angehörige dieses Institutes. Das vom niedersächischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur geförderte Projekt zielt darauf ab, die aktuelle Praxis der Schulsozialarbeit in einen notwendigen Zusammenhang mit der rechtlich legitimierten Entwicklung zu einem inklusiven Regelschulsystem zu setzen. Dies betrifft sowohl das berufliche Selbstverständnis wie auch die Handlungskompetenzen der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter als auch ein neues Aufgabenverständnis der Schulsozialarbeit im Kontext von Inklusion. Wie kann diese Herausforderung gemeistert werden ist damit die grundlegende Frage?

Die empirische Basis stellen sechs allgemeinbildende Schulen in Niedersachsen dar, in denen entsprechende Interviews und Gruppendiskussionen durchgeführt wurden.

Aufbau

Die Gliederung des Bandes umfasst vier Kapitel:

  1. Inklusion – vielfältige Annäherung.
  2. Inklusion als Herausforderung für die Schulsozialarbeit.
  3. Inklusive Schulsozialarbeit reflektieren und gestalten. Dieses 120 Seiten lange Hauptkapitel differenziert sich nach acht Fokuspunkten, s.u.
  4. Projektvorstellung.

Durch ein Symbolsystem, verweisend z.B. auf Selbstreflexion, Tipp, Definition/Information oder Internetlink, ist eine durchgängige Orientierungshilfe gegeben. Zahlreiche Aufgaben im Text fordern zur Aktivität auf.

Inhalt

Das erste Kapitel beschäftigt sich u.a. zunächst begriffsgeschichtlich mit Inklusion, um die differenzierten Bedeutungszuschreibungen zu erfassen. Dabei werden die internationalen Bezüge besonders akzentuiert. Differenzen bestehen z.B. zwischen einem engen, auf körperliche und geistige Behinderungen bezogenen, und einem weiten, auf die Anerkennung von Vielfalt bezogenen, Inklusionsverständnis. Das weite Inklusionsverständnis versteht Behinderung als eine soziale Gegebenheit sowie universelle menschliche Erfahrung und überwindet somit, Behinderung individuell und defizitorientiert zuzuschreiben. An diese Grundlagenanalyse schließt sich die Beschreibung des Entwicklungsstandes inklusiver Beschulung in Deutschland an, insbesondere ab 2009 (Zeitpunkt der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention). Hingewiesen wird auf die nach wie vor hohe Beschulung in Förderschulen bei gleichzeitig langsam steigender Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf im System der Regelschulen. Ein wirksam werdender Faktor ist hier die Zunahme von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Weiterhin wird auf das Etikettierungs-Dilemma aufmerksam gemacht, dass also besondere pädagogische Zuwendung im schulischen Umfeld Aufmerksamkeit hervorruft und eben zu Etikettierung oder gar Ausgrenzung führen kann. „Inklusion führt zu Widersprüchen im Rahmen des deutschen Bildungssystems und stellt Beteiligte in Schule vor scheinbar unauflösbare Spannungsfelder“ (S. 32). Als eine konstruktive Lösungsperspektive wird auf ein Resilienzprogramm verwiesen: Persönliche Reszilienz bei Akteurinnen und Akteuren, kulturelle Resilienz im Rahmen der jeweiligen Schulkultur und organisationale Resilienz, um die bestehenden Herausforderungen durch eine entsprechende Organisationsentwicklung zu bewältigen.

Das zweite Kapitel bezieht sich auf das Handlungsfeld Schulsozialarbeit und verortet dieses an der Schnittstelle von Jugendhilfe und Schule. Auf diesem Hintergrund werden Positionierungen vorgenommen, die in der inklusiven Schule bedeutsam werden. Als Beeinträchtigungen der Schulsozialarbeit wird aber die unzureichende rechtliche Legitimation angesehen wie auch auf unklare konzeptionelle Grundlagen hingewiesen wird. Die Soziale Arbeit/Schulsozialarbeit hat indes eine enge Korrespondenz zu dem o.g. weiten Inklusionsbegriff weil Differenzkategorien wie soziale Herkunft, ethnische Herkunft, Behinderung und Geschlecht dahingehend berücksichtigt werden, dass die gesellschaftliche Teilhabe für alle Menschen zum Arbeitsfundament der Sozialen Arbeit gehört. Für die Schulsozialarbeit sind folgende Herausforderungen von ausschlaggebender Bedeutung:

  • Neue Adressatinnen und Adressaten.
  • Dominanz defizitorientierter Kategorisierungen.
  • Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams.
  • Gestaltung inklusiver Settings.

Gerade an dem letzten Punkt zeigt sich, dass die Schulsozialarbeit einen Rückstand hat sowohl in der aktuellen Praxis als auch im theoretischen Diskurs. Die im Forschungsprojekt befragten sozialpädagogischen Fachkräfte vertreten zwar umfangreich Ziele der Inklusion, haben aber keinen Umsetzungsauftrag (das hat sich in Niedersachsen seit dem 1.8.2017 durch einen neuen Erlass des Kultusministeriums geändert). Im Schlussabschnitt wird herausgestellt, dass Schulsozialarbeit ein wichtiger Akteur in der Schule ist durch das Leitprinzip der Lebensweltorientierung wie auch durch das Ziel Teilhabe herzustellen und Integration zu gewährleisten. Eine damit erfolgende Wertevermittlung bezieht sich auf Toleranz, Solidarität, Empathie und Anerkennung.

Das dritte Hauptkapitel ist strukturiert nach acht Fokuspunkten bzw. Themenfeldern. In den Themenfeldern sind Interviewanteile und Aussagen aus den Gruppendiskussionen enthalten und die Felder stellen mit den vielen Aufgabenstellungen einen engen und reflexiven Bezug zur eigenen Praxis und zum eigenen Inklusionsverständnis her:

  1. Schulische Rahmenbedingungen reflektieren und gestalten (z.B. an einem Schulkonzept mitarbeiten).
  2. Selbstverständnis reflektieren (z.B. die professionelle Identität klären).
  3. Multiprofessionelle Kooperation (z.B. um steigende Komplexität zu bewältigen).
  4. Gestaltung inklusiver Settings: Werkzeuge und Räume ( z.B ergeben sich über Werkzeuge wie das Sozialtraining, Patenmodelle und technische Hilfsmittel Formen der Zusammenarbeit).
  5. Differenzieren ohne auszusondern – Zugänge für alle schaffen (z.B. muss das enge Schulkorsett erweitert werden, um neue Zugänge zu ermöglichen).
  6. Teilhabe und Partizipation ausbauen (z.B. aktive und kreative Förderung der Elternarbeit)
  7. Klima der Anerkennung schaffen (z.B. den Index für Inklusion in der Schule einsetzen).
  8. Organisationsentwicklung (z.B. ist die Beteiligung aller Menschen der Schulgemeinde erforderlich, um Leitbild und Schulkonzept zu entwickeln).

Zu den vielen Aufgaben in diesem Kapitel ein Beispiel (Aufgabe 7, S. 60f):

Voraussetzungen für das Gelingen bestimmen:

  1. Was können Gelingensbedingungen für eine inklusive Schule sein?
  2. Recherchieren Sie ggf. nach ausgezeichneten inklusiven Schulen (z.B. mit dem Jakob Muth-Preis) und bearbeiten Sie anhand dieser Portraits folgende Reflexionsfragen:
    • Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich bei den Leitbildern und Konzepten erkennen?
    • Nach welchen Aspekten bzw. Kriterien werden die Schulen von der Jury begutachtet?

Das vierte Kapitel beinhaltet die Projektvorstellung (Förderung, Organisation, Forschungsdesign). Ziel des Forschungsprojektes war die Darstellung organisationaler und professioneller Herausforderungen bei der Gestaltung inklusiver Schulen für die Schulsozialarbeit. Ein Schwerpunkt war von der Praxis des Handlungsfeldes ausgehend, sechs entsprechende Schulen zu besuchen und die dortige Situation zu analysieren. Hierzu gehörte auch die multiprofessionelle Kooperation in den Institutionen. Ein Ergebnis ist: „Mit der Einführung eines inklusiven Bildungssystems scheint sich das Tätigkeitsfeld der Schulsozialarbeit besonders in den Bereichen der Beratung sowie anderweitiger Unterstützungsleistungen des Lehrerkollegiums zu verändern“ (S. 180).

Diskussion

Soweit sich sehen lässt ist dieser Band die erste umfangreiche und mit thematischer Reflexionstiefe versehene Buchveröffentlichung zum Thema Inklusion und Soziale Arbeit in der Schule. Durch die gewählte Forschungspraxis und ihre Umsetzung in die vorliegende Buchform wird ein erheblicher Praxisbezug erreicht, der insbesondere im dritten Kapitel zum Ausdruck kommt. Die dort vorgestellten acht Fokuspunkte, versehen mit Hinweisen zu den Interviews und Gruppendiskussionen, ermöglichen eine authentische Anschauung der bestehenden Herausforderungen und denkbarer Bearbeitungsschritte. Die in Text integrierten 63 Aufgabenstellungen führen sowohl zu einer Reflexionsarbeit seitens der Leserinnen und Leser als auch die soziale Phantasie bezüglich der Gestaltung inklusiver Praxis angeregt wird. Es entsteht in gewissen Sinne eine interaktive Auseinandersetzung mit dem Thema und der im Untertitel gewählte Begriff „Ein Werkbuch“ erfährt seine volle Berechtigung. Der Index für Inklusion (Boban/Hinz 2003) spielt in dem Buch eine wichtige Rolle. Die Frage, warum die aussagekräftige Evaluationsstudie von Boban/Hinz (2016) zur praktischen Umsetzung des Index nicht berücksichtigt ist, muss hier offen bleiben.

Zielgruppe

Die Zielgruppe der Veröffentlichung stellen in der Praxis befindliche Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter dar (z.B. in der Weiterbildung). Auch hat der Band didaktische und methodische Qualitäten, die seinen Einsatz in der Lehre in den einschlägigen Hochschulbereichen geradezu herausfordert. Für unvorbereitete Studienanfänger dürfte der Einstieg allerdings nicht ganz einfach sein.

Fazit

Der vorliegende Band füllt die ganz offensichtliche Lücke in der Fachliteratur zum Thema Inklusion und Schulsozialarbeit auf eine außerordentlich konstruktive Weise aus. Das zugrundeliegende Forschungsprojekt in Niedersachsen bezieht sich auf die aktuelle Praxis an sechs Regelschulen und diese Praxis kommt auch mit ihren Fragestellungen und Unsicherheiten voll zur Geltung. Die einleitenden Erörterungen zur Entwicklung des Inklusionsgedankens und seine Repräsentanz sowie seine aktuelle Durchsetzung im deutschen Schulsystem bieten einen guten Einstieg in ein unvollendetes Großprojekt.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 08.02.2018 zu: Christin Haude, Sabrina Volk, Melanie Fabel-Lamla: Schulsozialarbeit inklusive. Ein Werkbuch. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2017. ISBN 978-3-525-70193-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23014.php, Datum des Zugriffs 21.10.2018.


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