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Günther G. Goth, Eckart Severing: Asylsuchende und Flüchtlinge in Deutschland

Cover Günther G. Goth, Eckart Severing: Asylsuchende und Flüchtlinge in Deutschland. Erfassung und Entwicklung von Qualifikationen für die Arbeitsmarktintegration. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2017. 165 Seiten. ISBN 978-3-7639-5723-1. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Dass die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt ein zentrales politisches Thema seit 2015 ist, darüber besteht ein weiter Konsens. Dementsprechend gibt es vielfältige Beiträge, Vorschläge aber auch Kontroversen in diesem Bereich. Wie immer liegt zwischen Worten und Taten ein breiter Bereich. Welche Voraussetzungen stehen der Integration oder Inklusion in den Arbeitsmarkt im Wege. Wer soll hier gefördert, wer eher zurückgehalten werden. In diesem Kontext ist das Buch angesiedelt, welches das Thema sachlich, empirisch informiert und entsprechend seiner Komplexität differenziert behandelt.

Entstehungshintergrund

Der Band ist entstanden aus dem Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung“ (IQ), das aus Mitteln des BMAS gefördert wird. Es bietet einen Überblick über die vielfältigen Probleme aber auch Projekte und Aktivitäten, die auf eine Verbesserung der Arbeitsmarktintegration von Erwachsenen mit Migrationshintergrund zielen.

Die Autorinnen/Autoren, 12 an der Zahl, kommen aus verschiedenen Ebenen und Bereichen dieses Arbeitsfeldes und Projektes, aus damit verbundenen oder vernetzten Einrichtungen, wie etwa dem DAAD.

Aufbau

Das Buch enthält, neben zwei Vorwörtern sieben Beiträge, durchaus unterschiedlicher Länge. Ohne diese Beiträge im Einzelnen anzuführen, lassen sie sich wie folgt in drei Kapitel aufteilen.

  1. Die ersten drei Beträge- S. 9 – 39 stellen allgemeine Daten, Rahmenbedingungen und Erfahrungen dar. Stand und Perspektiven der Qualifikationsentwicklung von Asylsuchenden und Flüchtlingen, Rahmenbedingungen der Lebenssituation. Das betrifft die ökonomische Lebenssituation und die ungleiche Verteilung von Teilhabechancen.
  2. Die drei folgenden Beiträge S. 39 – 112 behandeln den Arbeitsmarktzugang für Geflüchtete, die Beratungs-, Anerkennungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten, die Qualifizierungsmöglichkeiten im Rahmen des Förderprogrammes.
  3. Die beiden letzten Beiträge, S. 113 – 164 beschäftigen sich mit den Rollen und Möglichkeiten der Hochschulen in diesem Bereich.

Der Rezensent bescheinigt allen Autorinnen/Autoren dass sie wichtige und informative Beiträge vorgelegt haben, auch wenn nachfolgend nur drei Beiträge näher besprochen werden, aus jedem Kapitel wurde ein Beitrag ausgewählt.

Ausgewählte Inhalte

Der Beitrag von Susanne Johannssen, „Verteilung von Teilhabechancen für geflüchtete Menschen in Deutschland: Rahmenbedingungen der Lebenssituation von Flüchtlingen“ stellt detailliert dar, in welchem Ausmaße die Lebenssituation von Flüchtlingen von ihrem Aufenthaltsstatus abhängt, wie ein unsicherer Aufenthaltsstatus und eine unklarer Bleibeperspektive die Teilhabechancen beeinträchtigt. Das betrifft die ökonomische Lebenssituation (Stichwort Armut), Einschränkungen nach dem AsylbLG, Arbeitsverbote, verzögerter Zugang zu den Bereichen Arbeit oder Bildung, Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften, Gesundheitsversorgung. Erörtert wird auch, dass die Bundesländer, bei der doch für die Integration entscheidenden Frage der Ausbildung, zwischen einem „Schulrecht“ und einer „Schulpflicht“ für minderjährige Flüchtlinge unterscheiden. Untersuchungen weisen demnach darauf hin, dass etwa Flüchtlingskinder mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus, lange Wartezeichen auf einen Schulplatz in Kauf nehmen müssen (S. 26). Sie weist aber auch darauf hin, dass Flüchtlinge zugleich „handelnde Subjekte“ sind (19), die in unterschiedlichem Maße über Ressourcen wie soziale Netzwerke und eigene Fähigkeiten verfügen.

Der Beitrag von Jana Hoffmann und Victoria Vockentanz „Beratung Geflüchteter zu Anerkennungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten“ stellt nach Auffassung des Rezensenten ein zentrales Thema des Arbeitsmarktzuganges für Flüchtlinge in den Mittelpunkt. Ein zentrales Thema, da die Anerkennung von im Herkunftsland erworbenen Qualifikationen, eine wesentliche Voraussetzung für den Arbeitsmarktzugang von Flüchtlingen ist. Der Beitrag befasst sich mit den Anerkennungsgesetzen, beschreibt die gesetzlichen Regelungen und die Beratung im Allgemeinen. In einem zweiten Teil wird die Gruppe der Flüchtlinge, welche die Beratungsangebote 2016 nutzten näher beschrieben. Der dritte Teil stellt dar, welche Herausforderungen und welcher Handlungsbedarf bei der Anerkennungs- und Qualifizierungsberatung besteht. Realistisch die Anmerkungen gegen Schluss des Beitrages, dass in die Anerkennungsberatung überwiegend junge männliche Geflüchtete mit Hochschulabschluss kommen, dass vor allem sprachliche Defizite auszugleichen sind. Betont wird auch, wie wichtig es ist, unter Einbezug der ehrenamtlichen Helfer und Helferinnen „ein realistisches Erwartungsmanagement zu betreiben.“ (S. 90)

Der Beitrag von Katharina Maschke und Katharina Riehle „Integration von geflüchteten Menschen ins Hochschulstudium“: Erfahrungen aus den DAAD Programmen, stellt die Rolle der Hochschulen für die Qualifizierung in den Mittelpunkt. Er zeigt in welchem Maße über die Finanzierung durch das BMBF und den DAAD die Praxis der Hochschulen in diesem Bereich ausgebaut und auf Dauer gestellt werden konnte. Der Beitrag berichtet von „ ersten Erfahrungen der Hochschulen bei der Integration von Flüchtlingen im Rahmen der DAAD-Flüchtlingsprogramme“ (S. 149). Der Bericht stellt das Projekt Integra vor, „Integration von Flüchtlingen ins Fachstudium“ und schildert in welchem Maße die Hochschulen hier tätig wurden. So sind 2016 172 Projekte im Integra Programm angeboten worden.

Diskussion

Empirisch gut unterfüttert und teilweise durch Grafiken unterstützt wird erkenntlich, welches komplexe und ausdifferenziert Gelände sich hinter dem Thema Arbeitsmarktzugang für Geflüchtete verbirgt, eine Komplexität, die in den öffentlichen Diskursen vielfach eine verfälschende Komplexitätsreduktion erfährt. Stets muss man als Bezugsrahmen den unterschiedlichen Status von Flüchtlingen; vom Asylberechtigten bis zum Flüchtling mit Duldung im Blick haben. Ein ausdifferenziertes und enttäuschungsanfälliges Gelände, da etwa die Anerkennung einer Qualifikation im Heimatland manchmal nur über zusätzliche Weiterbildungen möglich ist oder über die Klärung der Frage, wie denn eine nicht dokumentierte Berufsqualifikation nachgewiesen werden kann. Dokumente aus dem Herkunftsland nachträglich zu erhalten ist zumeist nicht möglich.

Fazit

Wenn der Rezensent den Band nachhaltig jedem empfiehlt, der in diesem Bereich professionell oder ehrenamtlich tätig ist, dann aus dem einfachen Grund, dass es in der Bücherwelt keineswegs Standard ist, dass man auf 160 Seiten so sachlich und umfassend über einen Bereich informiert wird. Hinzu kommt, das Werk kann durchaus auch als Nachschlagewerk genutzt werden.


Rezensent
Prof. Dr. Eckart Riehle
em. Professor für öffentliches Recht und Sozialrecht an der Fachhochschule Erfurt. Rechtsanwalt, Karlsruhe
Homepage www.rechtsanwalt-riehle.de
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Zitiervorschlag
Eckart Riehle. Rezension vom 17.01.2018 zu: Günther G. Goth, Eckart Severing: Asylsuchende und Flüchtlinge in Deutschland. Erfassung und Entwicklung von Qualifikationen für die Arbeitsmarktintegration. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-7639-5723-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23017.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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