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Heike Baum, Volker Abdel Fattah: Wir sind da (praktische Arbeit mit Flüchtlingskindern)

Cover Heike Baum, Volker Abdel Fattah: Wir sind da - 40 Antworten auf ihre Fragen zur praktischen Arbeit mit Flüchtlingskindern. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2017. 32,00 EUR.

DVD. Ein Film von Steffi Thon. Zu bestellen über www.av1-shop.de.


Thema

Kinder, die mit ihren Eltern oder auch unbegleitet nach Deutschland geflüchtet sind, haben das Recht auf Förderung, Erziehung und Bildung wie alle anderen Kinder auch. Daraus ergibt sich insbesondere auch eine Aufgabe für die Fachkräfte in den Kindertagesstätten, die anscheinend – so könnte aus der wachsenden Zahl von Handreichungen zu diesem Thema gefolgert werden – noch nicht so genau wissen, wie sie damit umgehen sollen.

Autorin und Expertin/Experte

  • Steffi Thon hat ihr Studium der Erziehungswissenschaften mit dem Master abgeschlossen und ist Filmemacherin.
  • Heike Baum ist Erzieherin und Fortbildnerin im Elementarbereich.
  • Volker Abdel Fattah ist als Fachberater und in der Fortbildung von Erzieherinnen und Erziehern tätig.

Entstehungshintergrund und Aufbau

Nach eigenen Angaben werden die Expertin und der Experte immer wieder mit einer Reihe von Fragen konfrontiert, die sie mit dieser DVD beantworten.

Dementsprechend besteht der Inhalt der DVD aus schriftlich vorgestellten 40 Fragen, die von Baum oder Fattah abwechselnd beantwortet werden. Jedes Statement dauert 1 bis 1 ½ Minuten und wird mit einer Szene aus dem Kita- Alltag (spielende Kinder, Eltern im Gespräch, Teamsitzung) filmisch hinterlegt.

Inhalt

Die 40 Fragen und Antworten konzentrieren sich auf einige Themen. Zunächst geht es um die Willkommenskultur, zu der nicht nur Freundlichkeit und Handschlag gehören, sondern auch das förmliche Erstgespräch (notfalls mit Dolmetscher) und die Einladung, da zu bleiben und das Kita-Leben zu beobachten.

„Wie überwinde ich Sprachbarrieren?“ fragen wohl manche Fachkräfte. Die Experten raten zu Gesten, Zeichnungen, für den Notfall auch vorgefertigte Handy-Anrufe. Die sprachliche Entwicklung der Kinder werde am besten durch Spiele gefördert, bei denen die Kinder kooperieren und kommunizieren. Bewährt hat sich das handungsbegleitende Sprechen.

Immer wieder verweisen die Experten darauf, dass Kitas immer schon auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder eingehen, auch beim Essen, etwa bei Allergien oder in Punkto Fleisch. Es kann durchaus vorkommen, dass Kinder Schweinefleisch essen wollen, die (muslimischen) Eltern dies aber untersagt haben – dann braucht es ein klärendes Gespräch. Die Kita hat hier nichts zu regeln, ebensowenig wie in Bezug auf das Fasten im Ramadan, der für Kinder im Vorschulalter sowieso nicht greift.

Etliche Fragen betreffen die mögliche Traumatisierung, also Erlebnisse, die das Flüchtlingskind noch nicht verarbeitet hat. Die Fachkräfte sollten hier erst mal gute Beobachter sein und besondere, wiederholte Handlungen registrieren (z.B. Überreaktionen). Sie sollten auch die Eltern fragen, ob es bestimmte Auslöser für symptomatische Verhaltensweisen geben könnte. Generell sind ohnehin Therapeuten zuständig, doch kann die Kita durch Routine und Zuwendung viel Sicherheit und Beruhigung leisten, insbesondere auch das Selbstwertgefühl des Kindes stärken.

Schließlich gibt es Frage 34: Was muss bei Festen und Feiern beachtet werden? Auch wenn diese in der christlichen Tradition stehen, braucht es nach Ansicht der Experten dazu keine weitere Diskussion, doch sollten die Eltern darüber informiert sein, sodass sie ggf. darauf verzichten können, an diesem Tag ihr Kind in die Kita zu bringen. Muslimische Eltern wiederum, die ein muslimisches Fest in der Kita gestalten wollen, können dies gerne tun, wenn sie dies mit den Fachkräften und den anderen Eltern besprochen haben.

Was die Werte, Regeln und Normen angeht, die für eine Kita gelten bzw. von ihr vermittelt werden, so sehen die Experten keine großen Probleme. Grundsätzlich sind gesellschaftlicher Wandel und kulturelle Vielfalt ja nie auszuschließen. Flüchtlinge haben doch gerade auch der Freiheit wegen ihr Land verlassen, weil sie unterdrückt und verfolgt wurden. Eine klare Absage ist freilich allen zu erteilen, die die Gleichstellung der Frau ablehnen, also z.B. etwa eine Kita-Leiterin nicht als Gesprächspartnerin akzeptieren.

Diskussion

Heike Baum und Volker Abdel Fattah formulieren ihre Antworten angenehm unaufgeregt. Sie nehmen bei möglichen Problemen und Konflikten die Spannung raus, insbesondere dadurch, dass sie an die kulturelle Vielfalt schon in der sog. Mehrheitsgesellschaft erinnern und dazu raten, immer das Gespräch mit den Eltern, allen Eltern zu suchen. Das Elternrecht auf Erziehung zählt auch hier.

Auch wenn beide Experten ohne Umschweife und präzise ihre Antworten geben, ist es doch vierzig Mal das gleiche Setting. Steffi Thorn hat mit der der DVD „Kinder mit Fluchterfahrung in der Kindertagesbetreuung“ (vgl. die socialnet Rezension vom 18.12.2016) schon ein lebendigeres Format gefunden. Die Antworten sind zwar angenehm knapp, bleiben aber inhaltlich und argumentativ weit hinter den guten Print-Veröffentlichungen zurück, die gerade auch Fattah geliefert hat; „Flüchtlingskinder in der Kita“ – vgl. die socialnet-Rezension vom 23.8.2016. Es ist wohl kein Zufall, dass beide Experten während der Beantwortung der 40 Fragen ihre früheren DVDs bzw. Prints ins Spiel und Bild bringen.

Fazit

Eine recht einfache Präsentation, die in Hinsicht auf Inhalte, Argumentation und Regie hinter anderen Publikationen der gleichen Produzentin bzw. des gleichen Autors deutlich zurückbleibt.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 11.09.2017 zu: Heike Baum, Volker Abdel Fattah: Wir sind da - 40 Antworten auf ihre Fragen zur praktischen Arbeit mit Flüchtlingskindern. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2017. DVD. Ein Film von Steffi Thon. Zu bestellen über www.av1-shop.de. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23023.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


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