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Ralf Fücks: Freiheit verteidigen (Kampf um die offene Gesellschaft)

Cover Ralf Fücks: Freiheit verteidigen. Wie wir den Kampf um die offene Gesellschaft gewinnen. Hanser Verlag (München) 2017. 250 Seiten. ISBN 978-3-446-25502-9. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
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Thema

Thema des Buches ist die Krise der liberalen Demokratie im Westen wie sie sich in der autoritären Revolte gegen die offene Gesellschaft ausdrückt. Für den Autor kommen die größten Bedrohungen aus dem Westen, „von einem Westen, der seine Werte verleugnet“ (Heinrich August Winkler). Ralf Fücks bleibt aber nicht, wie manch anderer Autor bei der pessimistischen Analyse stehen, sondern macht Mut und Zuversicht, indem er aufzeigt, wie wir die Probleme der Gegenwart bewältigen können. Die Herausforderung unserer Zeit ist: Armut und Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und gleichzeitig den Klimawandel. Als zentrale Aufgabe der kommenden Jahrzehnte betrachtet er die ökologische Transformation des Kapitalismus. Der Autor plädiert für einen modernen grünen Liberalismus, der Marktwirtschaft, Ökologie, Selbstverantwortung und sozialstaatliche Garantien unter einen Hut bringt. Der Weg aus der sozialen Krise führe über eine Innovationsoffensive, die Europa an die Spitze der ökologischen Modernisierung bringe.

Autor

Ralf Fücks wurde 1951 in Edenkoben (Rheinland-Pfalz) geboren, studierte Sozialwissenschaften, Ökonomie und Geschichte in Heidelberg sowie Bremen. Er ist ein deutscherPolitiker von Bündnis 90/Die Grünen und war Bremer Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz, Bürgermeister und ist seit 2001 Vorstandsmitglied des zweiköpfigen Vorstands der Heinrich-Böll-Stiftung. Er ist verantwortlich für die Inlandsarbeit der Stiftung sowie für die Außen- und Sicherheitspolitik, Europa und Nordamerika. Er publiziert in den großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen, in internationalen politischen Zeitschriften sowie im Internet.

Aufbau

Die Studie besteht aus 15 Kapiteln. Der vollständige Aufbau des Buchs findet sich auf der Verlagshomepage. Ich fasse den Inhalt im Folgenden unter fünf Überschriften zusammen.

Zu I.

(Ein Gespenst geht um in Europa)

Die Welt und ihre Menschen sind in Aufruhr. Selten war das politische Geschehen so wenig vorhersehbar und kalkulierbar. In den Ländern des Westens hat ein längst tot geglaubtes Gespenst sein Haupt wieder erhoben. Es trägt die Gewänder von Wut, Hass, Geiz, Neid, Furcht und Zorn, appelliert an starke Gefühle und Leidenschaften und bemächtigt sich des Denkens vieler Menschen. Die Profiteure dieses Seelenzustandes treten als Stimme „des Volkes“ gegen die „abgehobenen Eliten“ auf und ziehen eine klare Trennungslinie zwischen „uns“ und „den Fremden“, „Freund und Feind“. Sie schüren Ängste, verwirren den Geist und bauen destruktive Ressentiments auf, die zu unüberlegten Handlungen führen. Nicht allein Amerika mahnt: Etablierte Demokratien können versagen und untergehen, wenn ihre Bürger/innen nicht in der Lage sind auf diese neuen Herausforderungen vernünftig zu reagieren. Demokratie ist keine heilige Kuh, die unter Artenschutz steht.

Ralf Fücks erweist sich als kritisch rationaler Denker und gibt diesem Gespenst ein erkennbares Gesicht als autoritäre Revolte gegen die offene Gesellschaft. Spätestens seit 1933 wissen wir: Jede neue Stufe gesellschaftlicher Modernisierung ruft Ängste und Abwehr hervor. Der Autor folgt hier Karl Popper, für den es eine ständig wiederkehrende Dialektik von Moderne und Gegenmoderne gibt. Aktuell seien derlei „regressive Tendenzen keineswegs auf die Milieus der Modernisierungsverlierer und sozial Abgehängten beschränkt.“ Die „neue Qualität der antiliberalen Revolte“ bestehe „darin, dass sie sich horizontal wie vertikal“ ausbreite. Sie erfasse „auch gutbürgerliche Kreise und Teile der Linken“ (S. 19). Ideologisch handele „es sich um einen Verschnitt aus nationalistischen, konservativen, völkischen und sozialistischen Elementen“ (S. 13). Der Autor zeigt sich als Vertreter eines aufgeklärten und kritischen Geistes, wenn er sich dem Denken von Karl Popper verpflichtet. Nach Fücks sei es verkürzt, „diese mannigfachen Strömungen als Konterrevolution von rechts zu beschreiben“. „Ihre Ausläufer“ zögen „sich quer durch das Parteienspektrum“ (S. 17). „Quer durch Europa“ gebe es „auffällige Berührungspunkte zwischen der nationalen Rechten und der souveränistischen Linken“ (S. 15).

Die Europäische Union gelte „ihnen als Trojanisches Pferd der ‚neoliberalen Globalisierung‘“. Man gebe sich „europäisch, aber auf der Basis eines ‚Europas der Völker‘ und der nationalen Selbstbestimmung“. Der Ablehnung der NATO als „Gehäuse amerikanischer Hegemonie“ entspräche „die Sympathie für Wladimir Putin und seine antiwestliche Politik.“ Tatsächlich sei „Moskau heute das neue Rom eines europaweiten Netzwerks antiliberaler Parteien, Vereinigungen und Medien“. Die „Idee universeller Werte“ lehnten sie ab (S. 15). Gegen den „liberalen Universalismus“ setzten sie „das Konzept einer multipolaren Weltordnung“. Diese neue alte Weltordnung sei „geprägt von Großräumen, die jeweils ihren eigenen Traditionen und Normen“ folgten: „Diversität im globalen Maßstab, Homogenität im eigenen Haus“ (S. 16).

Die „neue Scheidelinie europäischer Politik“ verlaufe, so betont Fücks, „nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen der offenen Gesellschaft und dem Rückzug in die Volksgemeinschaft, zwischen globaler Integration und nationaler Abschottung“ (S. 86). Das Problem beginne nach Auffassung des Autors dort, „wo Veränderungen in erster Linie als Gefahr gesehen“ würden. „Wenn die Zuversicht verloren“ gehe, „dass wir die Herausforderungen der Gegenwart mit den Mitteln der Moderne – Selbstaufklärung, Innovation und Demokratie – bewältigen können“, ändere „sich auch der politische Aggregatzustand unserer Gesellschaften.“ „Regressive Einstellungen“ bekämen dann „die Oberhand“ (S. 86 f.).

Zu II.

(Die Krise der linken Mitte und die Geringschätzung der „bürgerlichen Demokratie“)

Eine Ursache für die autoritäre Revolte sieht Fücks im Versagen der Politik von „New Labour“. Die Finanzkrise von 2007 habe einem „entkernten Liberalismus das Genick gebrochen“. »Neoliberalismus« sei heute zum „Synonym für alles geworden, was in den Augen der Öffentlichkeit falsch gelaufen“ ist. Dass der Begriff „Liberalismus ursprünglich für die Wiederbelebung einer freiheitlichen Philosophie und Politik“ gestanden habe, sei untergegangen (S. 42). Eine liberale Volkspartei sei „weit und breit nicht in Sicht.“ Zwar habe die FDP den Bürgerrechtsliberalismus an die Grünen verloren (S. 44), doch müsse man „das liberale Element in der grünen Wirtschafts- und Sozialpolitik mit der Lupe suchen“. Hier überwiege „die Versuchung, auf jedes Problem mit einer staatlichen Regelung zu antworten, statt sich auf ordnungspolitische Leitplanken zu konzentrieren“. Das gelte „erst recht für das grüne Kernthema, die Ökologie“ (S. 46).

Die radikale Linke sei nicht unschuldig an der Entkernung und Schwächung des freiheitlichen Liberalismus. Selbstkritisch stellt Fücks fest, dass seine „Generation mit dem paradoxen Credo aufgewachsen“, sei, „dass die größte Gefahr für die Demokratie vom demokratischen Staat“ ausgehe. Dies scheine „bis heute das pubertäre Grundmuster öffentlicher Erregung zu sein, vom Konflikt um die Vorratsdatenspeicherung bis zum Massenprotest gegen TTIP und CETA“ (S. 63). Die „Ausläufer linker Geringschätzung“ der »bürgerlichen Demokratie« seien bis heute wirksam. „Die Überzeugung, dass Parlamente und Regierungen letztlich nur potemkinsche Fassaden für die »Herrschaft der Konzerne« seien und die Politik vom »internationalen Finanzkapital« dominiert“ werde, sitze tief. Genährt werde sie beständig von ganz links wie von ganz rechts (S. 79). Auch „antiamerikanischen Affekte“ seien keine „exklusiven Merkmale der Rechten“ (84).

Durch eine verfehlte Politik habe die amerikanische liberale Linke auch zum Aufstieg von Donald Trump beigetragen. Fücks geht hart ins Gericht mit ihrer „Identitätspolitik“, wenn er bemerkt: „Während an den Universitäten die »Political Correctness« immer neue Blüten treibt, hat die postmoderne Linke jeden Bezug zu den Sorgen und Anliegen der Arbeiterklasse verloren. Der Identitätspolitik von links, die ganz um sexuelle Orientierung und ethnische Zugehörigkeit kreiste, schlägt jetzt eine Identitätspolitik von rechts entgegen. Der weiße, heterosexuelle Mann schlägt zurück, und Donald Trump ist sein Idol“ (S. 87 f.). Umfragen hätten gezeigt, dass „Trumps Wirkung auf seine Anhängerschaft vor allem auf drei Themen“ beruhe, „die mit Ökonomie allenfalls indirekt zu tun“ hätten: „Einwanderung, Islam und der ‚ethnischen Panik‘ unter weißen Wählern“ (S. 89).

Als grüner Realo befürwortet Ralf Fücks eine realistische Flüchtlingspolitik. Angela Merkel habe Recht, wenn sie sich weigere, „konkrete Obergrenzen für die Aufnahme von Flüchtlingen zu nennen.“ Aber „keine Regierung“, so Fücks, komme „daran vorbei, die Zuwanderung in Größenordnungen zu halten, die ohne größere soziale und politische Verwerfungen zu bewältigen“ sei (S. 95). Der Autor macht darauf aufmerksam: „Die Fundamente der Demokratie“ würden „unterspült, wenn sich der Eindruck“ verbreite, „dass die Politik nur noch Spielball unkontrollierbarer Kräfte“ sei. Das gelte für „die Bändigung der Finanzmärkte wie für die Besteuerung transnationaler Konzerne“. Es gelte „aber auch für das Thema Flucht und Migration“ (S. 223). Die Europäer, genauso wie die USA, müssten Migration besser steuern: Effektive Grenzkontrollen, eingehende Sicherheitsüberprüfungen und nahtloser Zugriff auf Informationen innerhalb Europas sowie über den Atlantik. Wolle man das „Asylrecht bewahren“ müsse „man es auch anwenden“ (S. 95). Dies erfordere eine „möglichst zügige Unterscheidung zwischen Menschen, die begründete Aussicht auf Asyl“ hätten, und „Flüchtlingen aus sozialen Gründen“. Auch „Kriegsflüchtlinge“ seien „nicht per se Einwanderer“ (S. 96). Fücks ist überzeugt: eine „nachhaltige Flüchtlingspolitik“ müsse „bei der Bekämpfung der Fluchtursachen ansetzen“ (S. 97). Er plädiert für ein „Einwanderungsgesetz“ und für „eine langfristig angelegte Integrationspolitik“ (S. 100). Diese erfordere auch „die Bereitschaft von Immigranten, sich auf dieses Land, seine Geschichte und politische Kultur einzulassen.“ Nicht verhandelbar seien „die Grundwerte unserer Verfassung und die freiheitliche Lebensform der Bundesrepublik“ (S. 101).

Zu III.

(Kritik an der Dämonisierung des Westens und an der mangelnden Bereitschaft, die westlichen Werte zu verteidigen)

Die „größte Gefahr für die Demokratie“ komme, so Ralf Fücks, „von innen“. Sie erlahme, sobald wir aufhörten, „sie als Garant der Freiheit zu schätzen“ (S. 59) und für ihre Werte einzutreten. Um das „demokratische Selbstbewusstsein“ vieler Deutschen sei es jedoch „nicht gut bestellt“. Man finde „die Lust an der Selbstgeißelung in akademischen Zirkeln, die noch in jedem Winkel unseres Lebens die finsteren Mächte von Patriarchat, Kolonialismus und Rassismus“ aufspürten; „bei Bußpredigern im grünen Mäntelchen, die im bescheidenen, selbstgenügsamen Leben die einzige Rettung vor der Klimakatastrophe“ sehen würden, und „bei zornigen alten Männern, die alle Übel der Welt auf die Schlechtigkeit des Westens“ zurückführten (S. 103). „Die Kehrseite dieser Dämonisierung des Westens“ sei „die Zögerlichkeit, unsere Werte zu verteidigen, wenn sie herausgefordert“ würden. Und: „Die Schärfe der Selbstanklagen“ stünden „in auffälligem Kontrast zum Verständnis, das große Teile der Öffentlichkeit despotischen Regimes und antiwestlichen Ideologien“ entgegenbrächten (S. 105). Die „deutsche Russlandschwärmerei“ sei „die Kehrseite der antiwestlichen Vorbehalte, die sich bei Nationalkonservativen ebenso“ fänden „wie bei braven Linken.“ Die „politische Landschaftspflege“ reiche von der „Linkspartei, die ihre Loyalität zur Sowjetunion bruchlos auf Putins Russland übertragen“ habe, „über die Junge Union bis zur NPD“ (138).

So zeige sich in der „Auseinandersetzung mit dem Islam und seinen Vertretern“ eine „verkrampfte Befangenheit“ in der „betonten Distanz“ speziell zu Leuten, die am Tabu rüttelten, wonach „terroristische Gewalt, die Intoleranz gegenüber Andersgläubigen oder die Deklassierung von Frauen“ ganz bestimmt „nichts mit dem Islam zu tun“ hätte (S. 114). „Islam gleich Terror.“ Diese Gleichsetzung ist für Fücks „angesichts der Vielfalt des real existierenden Islam ein offenkundiger Schmarren.“ Man bewirke jedoch, so Fücks, das „glatte Gegenteil“, wenn man der Öffentlichkeit weismachen wolle, es gäbe eine „glasklare Trennungslinie zwischen einem wahren, ganz und gar friedfertigen Islam und all den abscheulichen Handlungen, die in seinem Namen verübt werden“ S. 115).

Für den Autor „gibt eine merkwürdige Umkehrung der Debatte um Frauenrechte, sobald der Islam ins Spiel“ komme (S. 117). Deshalb habe „sich die »postkoloniale« Szene auch so schwer mit einer klaren Haltung zu den Silvesterübergriffen muslimischer Männer in Köln“ getan: „Ihre Sorge galt weniger den Opfern sexueller Gewalt als der Stigmatisierung nordafrikanischer Immigranten“ (S. 118). „Keine Religion steht über den Menschenrechten.“ Wer „die Einbürgerung des Islam in Deutschland“ befürworte, müsse die „offene Debatte unter und mit Muslimen fördern“ (S. 119). Wer „brisante Fragen“ tabuisiere, „um Minderheiten zu schützen, bereite den Boden für die populistischen Tabubrecher“ (S. 115). Fücks tappt nicht in die Falle des Generalverdachts, die die Gesellschaft in Muslime und Nicht-Muslime spaltet. Weder „die Muslime“, noch „der Islam“ sind Feinde der offenen Gesellschaft, sondern all diejenigen, die die liberale Ordnung bekämpfen. Islamisten wie ihre vermeintlichen Gegenspieler, die »identitäre Bewegung«, treffen sich in der Ablehnung der liberal-demokratischen Gesellschaft.

Zu IV.

(Das Unbehagen an der Moderne: Rückzug oder grüne Revolution?)

Ralf Fücks zeigt mit seinem Buch nicht nur welche Ideologien unsere freie Gesellschaft bedrohen. Er macht auch deutlich, wie wir sie erfolgreich verteidigen und weiterentwickeln können. Für Fücks wird die Zukunft aus Erfindungsreichtum, Unternehmergeist und Mut gemacht. Die „ökologischen und sozialen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“ seien „nicht mit einem fiktiven Rückzug aus der Moderne zu bewältigen.“ Sie erforderten geradezu „die Beschleunigung des technischen Wandels und die gezielte Entfaltung ihrer Potenziale“ (S. 153 f).

„Nullwachstum“ ist für Ralf Fücks „keine reale Option.“ Das gelte „zumindest für den großen Teil der Menschheit, der sich gerade im Aufbruch in die industrielle Moderne“ befände (S. 177). Mehr Wachstum wäre auch ein Mittel gegen die populistische Welle, die Europas politische Mitte bedrohe. Die „zentrale Herausforderung der kommenden Jahrzehnte“ sei „die ökologische Transformation des Kapitalismus: der Übergang zu einer Produktionsweise, die steigenden Wohlstand ermöglicht, ohne die natürlichen Lebensgrundlagen zu ruinieren.“ Kern dieser „grünen industriellen Revolution“ sei „die Entkopplung von wirtschaftlicher Wertschöpfung und Naturverbrauch“ (S. 178).

Gerade weil wir im Wettlauf mit dem Klimawandel stünden, bräuchten wir ein höheres Innovationstempo bei der Erneuerung von Verkehr, Landwirtschaft, Industrie und des Energiesektors (S. 180). Der Autor ist überzeugt: „Ohne eine grüne industrielle Revolution werden wir den Wettlauf mit dem Klimawandel nicht gewinnen“ (S. 181). Fücks kritisiert nicht nur die amerikanische liberale Linke, sondern auch diejenigen in seiner Partei, die den Liberalismus auf seine „bürgerrechtliche Schokoladenseite“ beschränken wollen. Vielmehr müsse „auch ihre Ökologie-, Wirtschafts- und Sozialpolitik freiheitlichen Ansprüchen genügen“ (S. 176). »Grüner Ordoliberalismus« könnte eine „Antwort auf die Frage sein, wie Regulierung und Selbstverantwortung, Staat und Markt auszubalancieren“ seien (S. 175).

Zu V.

(Antworten auf die Krise der liberalen Moderne)

Ralf Fücks stellt das populäre Narrativ vom Primat der Ökonomie über die Politik in Frage. „Dieses Narrativ ursprünglich von der globalisierungskritischen Linken in die Welt gesetzt“, werde, so Fücks, „nur allzu gern von den Nationalpopulisten aufgegriffen“, die dabei seien, „sich an die Spitze der Antiglobalisierungsbewegung zu setzen“ (S. 206). Kapitalismus und Globalisierung sind für Fücks kein Schicksal, dem wir hilflos ausgeliert sind. Sie seien eine Gestaltungsaufgabe der Politik und der Zivilgesellschaft. So wie der Kapitalismus zivilisiert worden ist und zivilisiert werden müsse, müssten wir die Globalisierung zivilisieren. An Anlehnung an Karl Popper lautet für Fücks die „liberal-demokratische Antwort auf die Exzesse des schrankenlosen Kapitalismus“: »Wir müssen soziale Institutionen konstruieren, die die wirtschaftlich Schwachen vor den wirtschaftlich Starken schützen, und die Staatsgewalt muss diesen Institutionen zur Wirklichkeit verhelfen« (zit. nach: Popper 1992, S. 146, S. 201).

„Trotz der Asymmetrie zwischen globaler Ökonomie und nationalstaatlich verfasster Politik“ könne von „unregulierter Globalisierung nicht die Rede“ sein (S. 213). Trotz „aller himmelschreienden Ausbeutungsverhältnisse“, würden wir „weltweit eine Aufwärtstendenz der Situation der arbeitenden Klassen“ erleben. So sei in den „letzten Jahrzehnten das Netzwerk internationaler Institutionen, Verträge und Regelwerke immer dichter und weiter“ (S. 214). Im Ergebnis treibe „die ökonomische Globalisierung zugleich die Herausbildung einer globalen Zivilgesellschaft und die Entwicklung der globalen Kooperation voran“ (S. 215). Wenn wir „den rasanten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel der Moderne mit dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Sicherheit in Einklang“ (S. 230) bringen wollen, so müssten wir „über den Nationalstaat hinaus denken und handeln“. Es gehe um den „Ausbau der `Global Governance´“, der Krisenprävention und des Krisenmanagements auf supranationaler Ebene (S. 231).

Für Ralf Fücks gibt es nicht die eine Antwort auf die Krise der liberalen Demokratie. „Ein Dreh- und Angelpunkt“ sei die „Wiedergewinnung von Zukunftsvertrauen.“ „Sicherheit und Zugehörigkeit“ seien „elementare Bedürfnisse, gerade in turbulenten Zeiten“ (S. 222). Im 21. Jahrhundert gebe es „Sicherheit nur im Wandel“. Dafür bräuchte es „selbstbewusste, handlungsfähige Menschen und starke republikanische Institutionen: ein öffentliches Bildungssystem, das allen die Chance zur Entfaltung ihrer Fähigkeiten gibt; soziale Sicherungssysteme, die vor dem Absturz ins Bodenlose schützen; Parlamente, in deren Debatten sich die Gesellschaft“ wiederfände (S. 222).

Ralf Fücks plädiert für eine „freiheitliche Sozialpolitik“, die „die Einzelnen in ihrer Fähigkeit stärken, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.“ Um „bürgerschaftliches Engagement zu fördern“, soll ein existenzsicherndes Bürgergeld mit gemeinnütziger Bürgerarbeit verbunden werden, ob im sozialen Bereich oder in der Kultur, im Umweltschutz oder in der Entwicklungshilfe. Möglicherweise liege in solchen Modellen auch die „Antwort auf die zunehmende Automatisierung, die menschliche Arbeit durch intelligente Maschinen ersetzt“ (S. 229).

„Europäische Gemeinschaftspolitik“ solle sich auf die „großen Gestaltungsaufgaben konzentrieren, in denen die EU als globaler Akteur gefragt ist: Außen- und Sicherheitspolitik, Welthandel und Regulierung der Finanzmärkte, Klimapolitik, Flucht und Migration, Stärkung der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit Europas und Abbau der internen Ungleichgewichte“ (S. 218). Der Autor ist überzeugt: „Die EU werde nur überleben, wenn sie der Leitlinie ‚Einheit in der Vielfalt‘ folgt“ (S. 219). Die „Einrichtung eines europäischen Sicherheitsrats, der die Außenpolitik koordiniert und gemeinsame Strategien ausarbeitet“, wäre ein „wichtiges Signal“ (S. 231 f.)

„Auf nationaler Ebene“, meint Fücks, spielten die „republikanischen Institutionen eine entscheidende Rolle für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die politische Stabilität.“ Die „Teilhabe von Bürgern an den öffentlichen Angelegenheiten“ vermittele „sich nicht nur über Wahlen und zivilgesellschaftliche Initiativen.“ In „den Haushalten von Bund, Ländern und Gemeinden“ müssten deshalb „Investitionen in die soziale und materielle Infrastruktur oberste Priorität haben“. Diese würden „weit mehr für Chancengerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe“ bewirken als eine „homöopathische Erhöhung der Hartz-IV-Sätze“ (S. 233).

Zum Schluss seines Buches hebt Ralf Fücks nochmals die große strategische Bedeutung der NATO und Amerikas als „Garant europäischer Sicherheit“ hervor, wie auch „die enge wirtschaftliche Verflechtung mit Amerika als Motor für Innovation und Beschäftigung“. Wer wie die nationalen Rechten und die souveränistischen Linken den Europäern einrede, „sie müssten sich endlich von den USA abkoppeln“, treibe „ein gefährliches Spiel.“ Die politische Trennlinie verlaufe „nicht zwischen Europa und Amerika, sondern zwischen Verteidigern und Gegnern der offenen Gesellschaft“ (S. 239). Deutschlands „langer Weg nach Westen“ sei „nach wie vor umkämpft.“ Wer in „dieser Frage“ wackle sei „ein Risiko für unsere Sicherheit und Freiheit“ (S. 239). Den Kampf um die offene Gesellschaft würden wir gewinnen, „wenn wir unsere Werte selbstbewusst vertreten und die Liebe zur Freiheit mit dem Sinn für Gerechtigkeit“ verbänden (S. 240).

Fazit

Fücks beschreibt in seiner klugen und konstruktiven Studie nicht nur, wie die liberale Demokratie durch antiliberale Parteien bedroht wird, sondern auch selbstkritisch seinen langen „Weg nach Westen“ und den der Grünen. Er kritisiert auch verfehlt Politiken der alten und neuen Linken. Der Autor charakterisiert die autoritäre Revolte nicht nur als Revolte gegen die globale Moderne, sondern zeigt auch, wie wir die offene Gesellschaft erfolgreich verteidigen und weiterentwickeln können. Wichtigstes Thema ist die ökologische und soziale Transformation des Kapitalismus. Ziel dabei ist der Übergang von der fossilen Ökonomie in eine kohlenstoffarme, ressourceneffiziente und gerechte Wirtschaftsordnung. Der Autor erinnert daran Demokratie immer wieder zu erkämpfen, mit Leben zu füllen und zu erneuern. Ausgangs- und Angelpunkt seien dabei die universellen Menschenrechte und der Klimaschutz. Das gelte auch für internationale Handelsabkommen. Im Wandel, nicht in der Stabilität, lägen die eigentlichen Chancen der Zukunft. Ohne Wandel gebe es auch keine Sicherheit. Für den grünen Vordenker und Realo Fücks liegt die Zukunft jenseits der Nationalstaaten, jenseits der Ethnie und jenseits der „Kultur des Abendlandes“. Er wünscht sie sich bunt und plural. Sie soll sich am Ideal des kantischen Weltbürgertums orientieren. Während die Feinde der offenen Gesellschaft die Angst vor Kontrollverlust, vor sozialem Abstieg und einer unsicheren Zukunft schüren, gelingt es Fücks die Furcht in Zuversicht zu verwandeln: Yes we can! Wir sind in der Lage, eine bessere Zukunft zu bauen. Ralf Fücks Studie ist uneingeschränkt zu empfehlen und eine wichtige Lektüre nicht nur im Wahljahr 2017 für all diejenigen, die an einer menschenrechtsorientierten Politik, an einer Politik der Nachhaltigkeit und an einer guten Art zu leben interessiert sind.

Literatur

Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. II, 7. Auflage, Tübingen 1992


Rezension von
Dr. phil. Bruno Heidlberger
Studienrat (Philosophie, Politik, Geschichte), Mitarbeiter am Institut für Tiefenpsychologie Gruppendynamik und Gruppentherapie in Berlin, Lehrbeauftragter an der MHB Berlin-Brandenburg
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Zitiervorschlag
Bruno Heidlberger. Rezension vom 12.07.2017 zu: Ralf Fücks: Freiheit verteidigen. Wie wir den Kampf um die offene Gesellschaft gewinnen. Hanser Verlag (München) 2017. ISBN 978-3-446-25502-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23025.php, Datum des Zugriffs 21.02.2020.


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