socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Bettina Lindmeier, Lisa Oermann: Biographiearbeit mit behinderten Menschen im Alter

Cover Bettina Lindmeier, Lisa Oermann: Biographiearbeit mit behinderten Menschen im Alter. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 237 Seiten. ISBN 978-3-7799-3153-9. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Menschen mit Behinderung werden immer älter und verbleiben dadurch länger in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM), in Wohnstätten oder auch in ihren Herkunftsfamilien. Das Buch zeigt auf, wie älteren Menschen individuelle und biographieorientierte Unterstützung in der Werkstatt oder Zuhause gelingen kann.

Autorinnen

Dr. phil. habil. Bettina Lindmeier hat 1997 in Würzburg promoviert und ist seit 2003 Professorin für Allgemeine Behindertenpädagogik und -soziologie an der Leibniz Universität Hannover am Institut für Sonderpädagogik.

Lisa Oermann ist Diplom Pädagogin und arbeitet für die Osnabrücker Werkstätten gGmbH.

Die Autorinnen haben in der Vergangenheit gemeinsam zu diesem Themenkomplex publiziert.

Entstehungshintergrund

Das Buch „Biographiearbeit mit behinderten Menschen im Alter“ von Lindmeier und Oermann ist ein Praxisbuch und als Fortsetzung des Bandes „Biographiearbeit mit geistig behinderten Menschen. Ein Praxisbuch für Einzel- und Gruppenarbeit“ von Christian Lindmeier aus dem Jahr 2013 konzipiert. Die theoretische Auseinandersetzung sowie die praktische Arbeit hat die Notwendigkeit einer gesonderten Auseinandersetzung mit dem Thema Alter und Behinderung aufgezeigt (Lindmeier, Oermann, S. 9), deren Ergebnisse nun im vorliegenden Buch dargelegt werden.

Der Übergang in den Ruhestand von Menschen mit Behinderung bedarf häufig der Kooperation der Mitarbeiter aus den Bereichen Wohnen und Arbeit unter Einbeziehung der Erwachsenenbildung. Oft kommen in diesem Zusammenhang auch familienunterstützende Dienste oder die Kurzzeitpflege zum Einsatz.

Als Zielgruppe des Buches lassen sich Mitarbeiter aus den zuvor genannten Bereichen, die mit dem Thema „Alter“ zu tun haben, identifizieren.

Die abgedruckten Daten und Materialien entstammen aus mehreren Forschungsprojekten, die in der Einleitung aufgeführt werden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch widmet sich in zehn Kapiteln auf 237 Seiten älter werdenden Menschen mit einer Behinderung. In den einzelnen Kapiteln werden theoretische und praktische Fragen erörtert sowie kritische Auseinandersetzungen mit verschiedenen Themenschwerpunkten erarbeitet. Als roter Faden zieht sich dabei die Biographiearbeit in unterschiedlichen Facetten durch alle Kapitel.

  • Frau Lindmeier und Frau Oermann beginnen mit einem kurzen einleitenden ersten Kapitel.
  • Im zweiten Kapitel „Alter und lebenslange Behinderung“ wird der Begriff des Alter(n)s aus verschiedenen Perspektiven betrachtet wie auch das Kompetenzmodells des Alterns aus der Altenpflege, welches in Kapitel 8.4 auf ein Fallbeispiel angewendet wird.
  • In Kapitel drei „Bildung im Alter“ stehen die Auseinandersetzungen der Entwicklung der Altenbildung sowie verschiedener Lernmodelle im Alter, der aktuelle Stand der Erwachsenenbildung für (alte) Menschen mit Behinderung und die Bedeutsamkeit der Biographie für diese Personengruppe im Mittelpunkt.
  • Kapitel vier stellt „Die Situation älterer Beschäftigter in Werkstätten für behinderte Menschen“ vor. Ihre Wünsche wurden durch das Angebot von Zukunftstagen in fünf Werkstätten erfasst. Aus Experteninterviews mit WfbM-Mitarbeitern ergeben sich weitere Bausteine, welche von Werkstätten erprobt und bedacht werden sollten.
  • Im fünften Kapitel „‚Mit 66 Jahren‘… – Erwachsenenbildungsangebote im Übergang auf den Ruhestand“ wird ausführlich das gleichnamige Kurskonzept als Vorbereitung auf den Ruhestand erläutert.
  • In Kapitel sechs „Biographiearbeit mit dem Lebensbuch. Übergangsgestaltung mit ‚älteren Familien‘“ wird die Situation älterer Menschen, die in Bezügen ihrer Herkunftsfamilie leben, sowie die Unterstützung dieser Familien beschrieben. Im dritten Unterkapitel wird die Durchführung eines Kurses zu Bildungsarbeit mit dem Lebensbuch detailliert dargestellt.
  • Das siebte Kapitel „Alltagsbegleitende Angebote für Seniorinnen und Senioren“ befasst sich mit einer individuellen Alltagsbetreuung im Ruhestand wie auch mit den dazugehörigen notwendigen organisatorischen Blickpunkten.
  • Im achten Kapitel „Biographiesensible Alltagsbegleitung bei Demenz. Eine Fallstudie“ wird am Beispiel von Sarah Miller (Name geändert), die an einer fortgeschrittenen Demenz leidet, die Pflege und Unterstützung in der Alltagsbetreuung erläutert sowie u.a. auf das Kompetenzmodell aus Kapitel 2 übertragen.
  • In Kapitel neun „Herausforderung Demenz. Bildungsmaßnahmen für Mitbewohnerinnen und Mitbewohner in Wohnstätten“ wird das Kurskonzept „Wolken im Kopf“ für MitbewohnerInnen und Fortbildungen für Mitarbeitende zum Thema Demenz von Heike Lubitz beschrieben.
  • In Kapitel 10 „Methodensammlung“ werden 12 verschiedene Methoden, die in den drei erwähnten Kursen zum Einsatz kommen, detailliert erläutert.

Diskussion

Lindmeier und Oermann richten sich mit diesem Buch und den sehr aktuellen Inhalten an alle MitarbeiterInnen, die mit dem Thema Alter Berührungspunkte in den Bereichen Wohnen, Arbeit, Erwachsenenbildung, Familienunterstützende Dienste sowie der Kurzzeitpflege haben. Die Autorinnen beschreiben Beispiele, Methoden und aktuelle Situationen, die sowohl zur Verdeutlichung als auch zur Übertragung von Theorie in Praxis beitragen können. Insbesondere durch die detaillierten Beschreibungen der Kurse und auch der verwendeten Methoden in Kapitel 10 wird die Möglichkeit eröffnet diese Angebote in den verschiedenen Einrichtungen zu etablieren. Vor allem den MitarbeiterInnen in Werkstätten für behinderte Menschen werden neue Ideen (Kapitel 5 und 6) an die Hand gegeben und von den Autorinnen als wichtiger Bestandteil in Bezug auf das Alter gesehen.

Wünschenswerte wäre in Kapitel 10 „Methoden“ eine Bezugnahme zu den verschiedenen Kurseinheiten in den Kapiteln 5, 6 und 9. Dadurch hätte die Benutzerfreundlichkeit deutlich erhöht werden können. Derzeit ist die Zuordnung aus den besagten Kapiteln anhand der im Text gemachten Verweise möglich, aber umständlich. Ebenso wäre eine genauere Darstellung der methodischen Durchführung bzw. ein Verweis auf die Herkunft der Interviews in Kapitel 3 aus wissenschaftlicher Sicht von großem Interesse.

Fazit

Den Autorinnen gelingt es das Thema Biographiearbeit bei Menschen mit einer geistigen Behinderung aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Aufgrund der anschaulichen Darstellung kann eine Übertragbarkeit der Methoden in die eigene praktische Umsetzung gelingen, sodass dieses Buch von Lindmeier und Oermann insgesamt als große Bereicherung im Arbeitsalltag und in der Biographiearbeit mit Menschen mit Behinderung anzusehen ist.


Rezensentin
Jasmin Aust
Sozialarbeiterin B.A., seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe von Frau Prof. Dr. Müller zum Thema Demenz bei Menschen mit geistiger Behinderung.
Projekthomepage http://www.projekt-demenz.de.
Neben ihrer Arbeit studiert sie an der Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel im Masterstudiengang Präventive Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Rehabilitation und Prävention.
Homepage www.ostfalia.de/cms/de/s/not_in_menu/Aust/personena ...
E-Mail Mailformular

Rezensentin
Prof. Dr. rer. nat. habil. Sandra Verena Müller
Diplom-Psychologin und klinische Neuropsychologin, seit 2010 Professorin an der Ostfalia Hochschule für das Lehrgebiet Rehabilitation und Teilhabe. Im Sep. 2014 schloss sie ein vom BMBF gefördertes Drittmittel-Forschungsprojekts „Leben mit geistiger Behinderung und Demenz“ und im Oktober 2017 ein von der Bezirksregierung in Düsseldorf gefördertes Drittmittelprojekt zum Thema „Demenzarbeit bei geistiger Behinderung (DAGBE)“ erfolgreich ab. Projekthomepage: http://www.projekt-demenz.de
Homepage www.ostfalia.de/cms/de/s/not_in_menu/Mueller/person ...
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Jasmin Aust anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jasmin Aust/Sandra Verena Müller. Rezension vom 26.01.2018 zu: Bettina Lindmeier, Lisa Oermann: Biographiearbeit mit behinderten Menschen im Alter. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3153-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23029.php, Datum des Zugriffs 15.08.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!