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Thomas Kunz, Markus Ottersbach (Hrsg.): Flucht und Asyl als Herausforderung und Chance (...)

Cover Thomas Kunz, Markus Ottersbach (Hrsg.): Flucht und Asyl als Herausforderung und Chance der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 156 Seiten. ISBN 978-3-7799-3518-6. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.

1. Sonderheft Migration und Soziale Arbeit.
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Thema

Insbesondere im Zuge der gesteigerten öffentlichen Aufmerksamkeit und medial geschürten Popularität der Themen Asyl, Flucht, Migration werden die damit einhergehenden gesellschaftlichen Spannungen und Divergenzen zur Thematik deutlich. Diese Kontroversen wirken sich auch auf die Soziale Arbeit mit geflüchteten Menschen aus und versetzen sie in ein Dilemma aus zahlreichen widersprüchlichen Anforderungen, Herausforderungen und Unsicherheiten (z.B. Hilfe vs. Kontrolle, Menschenwürde vs. Wertigkeit des Menschen, Langfristigkeit vs. kurzfristige Projektfinanzierung etc.).

Mit dem Werk „Migration und Soziale Arbeit – Flucht und Asyl als Herausforderung und Chance der Sozialen Arbeit“ von Prof. Dr. Thomas Kunz und Prof. Dr. Markus Ottersbach soll ein Beitrag zur fachlich und wissenschaftlich fundierten Positionierung, Standortbestimmung und Rolle der Sozialen Arbeit im Bereich Flucht und Asyl geleistet werden. Die Herausgeber zielen auf eine mehrdimensionale Betrachtung der Thematik, Reflexion der gegenwärtigen Dynamiken und Setzen von Impulsen für Theorie und Praxis, aufgrund dessen in dem Werk Beiträge aus der theoretisch-wissenschaftlichen sowie der Praktiker_innen-Perspektive zusammengetragen wurden.

Autor_innen

Herausgegeben wurde das Buch von Prof. Dr. Thomas Kunz und Prof. Dr. Markus Ottersbach, beides Vertreter des Beirats „Migration und Soziale Arbeit“.

Prof. Dr. Thomas Kunz ist an der Frankfurt University of Applied Sciences in Frankfurt am Main Professor für Soziale Arbeit und Bildung im Kontext sozialer Ungleichheit. Er verfügt über langjährige berufspraktische Erfahrungen zum Themengebiet Integration auf kommunaler, Bundes- sowie intermediärer Ebene und in der Zusammenarbeit mit den dort tätigen Akteur_innen. [1]

Prof. Dr. Markus Ottersbach ist Professor an der Technischen Hochschule Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften. Seine Lehrgebiete umfassen Soziale Ungleichheit, Migration und Soziale Arbeit. Dementsprechend sind seine Forschungsgebiete in den Bereichen Migration, Soziale Ungleichheit, Stadt- und Jugendsoziologie, Politische Partizipation verortet. [2]

Neben denen der beiden o.g. Herausgeber_innen finden sich weitere Expertisen verschiedener Autor_innen innen aus Theorie und Praxis in dem Werk:

  • Dr. Andreas Blume ist beim Zentrum für Psychiatrie Südwürttemberg in Ravensburg in der Abteilung Versorgungsforschung tätig.
  • Dr. Iris Engelhardt arbeitet als Koordinatorin für das Projekt „Frauen und Flucht“ der Evangelische Frauen in Baden (Karlsruhe).
  • Prof. Dr. Thomas Eppenstein befasst sich am Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Diakonie der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum mit den Lehrgebieten Pädagogik, Erziehungswissenschaft und Theorien Sozialer Arbeit. Im Bereich der Forschung beschäftigt er sich insbesondere mit interkultureller Bildung, interkulturellen pädagogische Kompetenzen, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Soziale Inklusion und Veränderungswissen. [3]
  • Hannah von Groenheim arbeitet an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst inHildesheim an der Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit.
  • Kurt U. Heldmann ist Mitarbeiter des Verbindungsbüros Nord des Regierungspräsidiums Gießen, mit den Schwerpunkten: Erstaufnahmeeinrichtung, Ehrenamt und Soziale Arbeit.
  • Dr. Ulrike Krause ist an der Philipps-Universität Marburg im Zentrum für Konfliktforschung tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Zwangsmigration, Flüchtlingsschutz und -arbeit; Nexus von Flüchtlings- und Entwicklungszusammenarbeit; Geschlechterverhältnisse und geschlechterbasierte Gewalt; Global und Lokal Governance. [4]
  • Tobias Lehmann beschäftigt sich im Rahmen seiner Tätigkeit im Jugendmigrationsdienst des Fachdienstes für Migration und Integration des AWO Kreisverbands Jena-Weimar e.V. in Jena mit den Themen Kinder und Jugendliche, Flucht und Migration.
  • Semira Sare befasst sich als Lehrbeauftragte der Technischen Hochschule Köln insbesondere mit den Bereichen Migrations-, Flüchtlings- und Antidiskriminierungsrecht. Sie ist Leiterin der Beratungswerkstatt (Informations- und Beratungsangebot) für Geflüchtete der TH Köln. [5]
  • Maja Schauder ist Fachbereichsleiterin der Sozialbetreuung für Geflüchtete in Erstaufnahmeeinrichtungen der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V., Regionalverband Kurhessen, in Kassel. [6]
  • Dr. Antonia Scholz ist als wissenschaftliche Referentin des Deutschen Jugendinstituts e.V. in München in der Abteilung Kinder und Kinderbetreuung, der Fachgruppe K2 – Bildungsorte und sozialstaatliche Leistungen für Kinder und dem Internationalen Zentrum Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung (ICEC) tätig. Ihre Arbeitsgebiete umfassen Bildung und Betreuung von Kindern, Systeme und Politiken der frühkindlichen Bildung im internationalen Vergleich, Zugang zu Bildung und Betreuung, Soziale Ungleichheit, Migration, Flüchtlinge/Asyl, Policy-Analyse und komparative Forschung. [7]
  • Nadine Seddig arbeitet am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. in Frankfurt am Main und ist eine der Autor_innen der Studie „Armutsfolgen für Kinder und Jugendliche“ [8]. Im Rahmen des Projektes „Young Refugees NRW“ beschäftigte sie sich mit dem Thema Integration junger Geflüchteter. [9]
  • Stephanie Warkentin ist ebenso am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. in Frankfurt am Main tätig. Auch sie beschäftigte sich im Rahmen des Projektes „Young Refugees NRW“ mit dem Thema Integration junger Geflüchteter. [10]
  • Petra Wiedemann lehrt an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule Köln zu den Gebieten Migration und Soziale Arbeit sowie Empirische Sozialforschung. Ihre Forschungen sind auf die Bereiche Migration, Kindheit und Jugend, Migration und Bildung, Unterbringung von Flüchtlingen und Bürgerschaftliches Engagement von und mit Flüchtlingen fokussiert. [11]
  • Irmela Wiesinger ist als Sozialraumleiterin im Jugendamt des Main-Taunus-Kreis tätig und fungiert als Landeskoordination für den Bundesfachverband unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in Hessen. [12]

Aufbau

Das Buch besteht insgesamt aus einem einleitendem Editorial sowie 13 separaten Fachbeiträgen, welche thematisch folgendermaßen geclustert werden:

1. „Grundsätzliche Überlegungen zur Rolle Sozialer Arbeit im Kontext Flucht und Asyl“

  • „Fluchtdynamiken im Spiegel von Aktions- und Reaktionsmustern Sozialer Arbeit“ von Thomas Eppenstein
  • „Reaktionen des Gesetzgebers auf steigende Flüchtlingszahlen. Überblick für die Soziale Arbeit“ von Semira Sare
  • „Geflüchtete – ‚neue‘ Zielgruppe der Sozialen Arbeit? Kontinuitäten und Brüche von Inanspruchnahme und Zuständigkeit Sozialer Arbeit angesichts der aktuellen Debatte“ von Thomas Kunz
  • „Vom Diskurs zur Praxis. Aktuelle Herausforderungen für die Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession“ von Hannah von Groenheim

2. „Allgemeine Herausforderungen der Praxis Sozialer Arbeit mit geflüchteten Menschen“

  • „Machtlos mächtig – Wie asymmetrisch ist die Flüchtlingssozialarbeit?“ von Tobias Lehmann
  • „Die Unterbringung von Flüchtlingen als Herausforderung für die Soziale Arbeit“ von Markus Ottersbach und Petra Wiedemann
  • „Ankommen – Begegnen – Neu orientieren. Soziale Arbeit in der Erstaufnahme“ von Kurt Heldemann und Maja Schauder
  • „‚Also ich würde behaupten: das ist ein willkürliches System!‘ – Die Situation von Flüchtlingen im Übergang von Gemeinschaftsunterkünften zu Anschlussunterbringung aus Sicht von haupt- und ehrenamtlichen Flüchtlingshelferinnen und -helfern am Beispiel Baden-Württembergs“ von Andreas Blume

3. „Genderdimensionen“ im Kontext Flucht und Asyl

  • „Konfliktbedingte Flucht und geschlechterspezifische Auswirkungen“ von Ulrike Krause
  • „Gender matters! Über die Notwendigkeit einer genderbewussten Sozialen Arbeit mit geflüchteten Frauen in Deutschland“ von Iris Engelhardt

4. „Soziale Arbeit mit geflohenen Kindern und Jugendlichen“

  • „Potenziale, Wohlergehen sowie Hindernisse beim Einleben junger Geflüchteter – Erkenntnisse aus der AWO-ISS-Studie ‚Young Refugees NRW‘“ von Stefanie Warkentin und Nadine Seddig
  • „Rechtliche Rahmenbedingungen und Gestaltungsaufträge an die Kinder- und Jugendhilfe“ von Irmela Wiesinger
  • „Flüchtlingskinder und ihr Zugang zu Kindertagesbetreuung. Chancen und Herausforderungen an der Schnittstelle von Kita und Flüchtlingssozialarbeit“ von Antonia Scholz

Ausgewählte Inhalte

Im Folgenden soll mittels exemplarisch ausgewählter Beiträge jeweils einer der vier o.g. Bereiche ein Einblick in das Werk geboten werden.

Vom Diskurs zur Praxis. Aktuelle Herausforderungen für die Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession“ von Hannah von Groenheim

Hannah von Groenheim greift hier den asylpolitischen Kurs und die sozialarbeiterische Praxis auf. Sie beschreibt verschiedene Herausforderungen, denen sich die Soziale Arbeit stellen muss. Unter dem Kapitel „Von Kontrolle zu Menschenwürde“ werden die restriktive, kontrollierende Asylpolitik, deren Ursache und die Rolle der Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession (Berufsethos, Einsatz für die Rechte und Würde der Menschen) umrissen. Sie stellt zudem den Prozess der Entmenschlichung und Wertzuschreibung durch die zur Wohlstandssicherung an „ökonomischen Interessen orientierten Migrationsauslesepolitik“ und deren Anforderung an die Soziale Arbeit dar. Hannah von Groenheim verweist hier auf das 3. Mandat Sozialer Arbeit, also die Orientierung an Menschenrechten und das Erfordernis der Abkopplung von rein ökonomischen Zielen, als Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit. Im letzten Kapitel werden Prozesse der Entwertung von Fluchtursachen und Personen, die Objektivierung von Geflüchteten sowie strukturelle Barrieren aufgezeigt und die Soziale Arbeit dazu angehalten, dieser Entwicklung u.a. durch Empowerment geflüchteter Menschen entgegenzuwirken. Spannend in diesem Fachbeitrag ist der anklingende Gedankengang der „Abkoppelung der Handlungsfelder von Zielgruppen an Bedarfslagen“ zur Ermöglichung einer bedarfsgerechteren und wertschätzenden Unterstützung.

Reaktionen des Gesetzgebers auf steigende Flüchtlingszahlen. Überblick für die Soziale Arbeit“ von Semira Sare

Da gesetzliche Änderungen im Bereich Flucht und Asyl auch die Soziale Arbeit betreffen, bietet Semira Sare hierzu einen Überblick. Der Einstieg erfolgt mit der kritischen Betrachtung der gesetzgeberischen Entwicklungen, Restriktionen und Formen der Abwehr (z.B. Dublin II, III) als Reaktion auf gestiegene Zahlen von Geflüchteten. Hierbei kritisiert sie, dass der Blick auf Fluchtursachen vernachlässigt und mit der Durchsetzung der u.a. auch fluchtauslösenden Ereignisse verursachenden ökonomischen Interessen fortgefahren wird. In jeweils einzelne Kapitel untergliedert, werden die jüngsten gesetzlichen Novellierungen erläutert. Betrachtet werden die Regelungen zu sicheren Herkunftsstaaten (starke Beschränkungen, Ent-Integration), das beschleunigte Asylverfahren (Clustern von Menschen), die Aussetzung des Familiennachzugs für Subsidiär Geschützte, das EU-Türkei-Abkommen und das Integrationsgesetz (unzulässiger Asylantrag, Wohnsitzauflage, Ausbildungsduldung, Arbeitsgelegenheiten und Flüchtlingsintegrationsmaßnahmen, Integrationskurse) im Hinblick auf deren wesentliche Änderungen und Auswirkungen auf die Betroffenen und Flüchtlingssozialarbeiter_innen. Zum Abschluss werden die Einteilung von Geflüchteten in „Flüchtlinge 1. und 2. Klasse“ und die Gefahr der Reproduktion dessen durch die Soziale Arbeit kritisch benannt.

Die Unterbringung von Flüchtlingen als Herausforderung für die Soziale Arbeit“ von Markus Ottersbach und Petra Wiedemann

Anhand ihrer empirischen Studie „Die Unterbringung von Flüchtlingen in nordrhein-westfälischen Kommunen – Bausteine eines integrierten Gesamtkonzeptes am Beispiel der Stadt Köln“ stellen die Autor_innen Markus Ottersbach und Petra Wiedemann die Situation geflüchteter Menschen in Köln im Hinblick auf die Unterbringung, Versorgung (Wohnen, medizinische und soziale Versorgung) und Unterstützung dar. Dem Stellenwert und der Rolle Sozialer Arbeit wird hierbei eine hohe Bedeutung beigemessen. Zur besseren Veranschaulichung bietet der Fachbeitrag zu Beginn einen statistischen Überblick zu geflüchteten Menschen in Köln. Im anschließenden Kapitel werden die regulären Unterbringungsformen und deren Standards skizziert. Spannend und diskussionsbedürftig ist hierbei insbesondere die Tätigkeitsbeschreibung der Heimleitung. Die Situation der Flüchtlinge, insbesondere die der besonders Schutzbedürftigen und die Rolle der Sozialen Arbeit werden betrachtet. Es werden Mängel, wie beispielsweise das Fehlen von Konzepten für die Erfassung von und den Umgang mit besonders schutzbedürftigen Personen, fehlende Standards der Sozialen Arbeit für die Unterbringung und Betreuung sowie das Abverlangen professionsfremder Tätigkeiten, genannt. Die Prekarität des Tätigkeitsbereiches wird durch die anschließenden Angaben zu Personalschlüssel, durchschnittlichem Arbeitspensum, Qualifikation und Vergütung der Fachkräfte verdeutlicht. Der Beitrag endet mit einer Empfehlung an die Politik, welche u.a. die Zustände der Notunterkünfte aus menschenrechtlicher Sicht als nicht akzeptabel bewertet, gegen die Unterbringung in Massenunterkünften und für eine vorbeugende, die Wohnungsnot mittelfristig lindernde Sozialpolitik sowie professionelle, qualitative, präventive Soziale Arbeit plädiert.

‚Also ich würde behaupten: das ist ein willkürliches System!‘ – Die Situation von Flüchtlingen im Übergang von Gemeinschaftsunterkünften zu Anschlussunterbringung aus Sicht von haupt- und ehrenamtlichen Flüchtlingshelferinnen und -helfern am Beispiel Baden-Württembergs“ von Andreas Blume

Andreas Blume nimmt anerkannte Asylbewerber_innen und deren Übergang von der Gemeinschaftsunterkunft zur Anschlussunterbringung in den Blick. Hierbei bezieht er sich auf die Ergebnisse aus leitfadengestützten Interviews mit haupt- & ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer_innen aus acht Gemeinden vier unterschiedlicher Landkreise Baden-Württembergs. Es werden die Situation der Anschlussunterbringung und damit einhergehende Herausforderungen, Spannungen und systembedingte Hürden aus Sicht der haupt- & ehrenamtlichen Helfer_innen dargestellt. Verdeutlicht wird hierbei die Problematik der Auslagerung hauptamtlicher Tätigkeiten auf ehrenamtliche Helfer_innen und die daraus resultierenden Folgen für alle Betroffenen. Folglich wird für eine Entlastung und kooperative Anleitung der ehrenamtlichen Helfer_innen durch die hauptamtliche (Flüchtlings-)Sozialarbeit plädiert. Kurz benennt der Autor das Erfordernis der Sozialen Arbeit, sich ihrer Aufgaben und Rolle bei der Integration und Unterstützung von geflüchteten Menschen, besonderen gesellschaftlichen Funktion und eigenen fachlich legitimierbaren Handlungsspielräume bewusst zu werden.

Gender matters! Über die Notwendigkeit einer genderbewussten Sozialen Arbeit mit geflüchteten Frauen in Deutschland“ von Iris Engelhardt

Im Fokus dieses genderspezifischen Fachbeitrags steht die Thematik „Flucht und Frauen“. Ziel der Autorin Iris Engelhardt ist die Verdeutlichung der Notwendigkeit einer genderbewussten Sozialen Arbeit anhand der Abhandlung zu „geschlechtsspezifischer Gewalt und Gewaltschutz“. Nach einer kurzen Auseinandersetzung mit dem Begriff „Gewalt“ als eines der häufigsten Fluchtursachen im Allgemeinen, werden geschlechtsspezifische Fluchtgründe und Gefährdungsaspekte während der Flucht aufgezeigt. Es folgt eine kritische Bewertung, dass die besonderen Bedürfnisse von Mädchen und Frauen, die geschlechtsspezifische Gewalt erlebt haben, im Aufnahmeland Deutschland meist nicht bzw. nur unzureichend wahrgenommen und somit Folgebehandlungen nicht angeboten werden. Auch die gängige Form der Unterbringung (Flüchtlingsunterkünfte) wird u.a. im Hinblick auf das Menschenrecht „Schutz vor (geschlechtsspezifischer) Gewalt“ kritisch beleuchtet und mögliche Gewalt in Unterkünften fördernde Faktoren skizziert. Daran anknüpfend wird der Blick auf Gewaltschutzkonzepte in Flüchtlingsunterkünften als ein Mittel zum effektiven Schutz von Frauen, Kindern und weiteren schutzbedürftigen Personen gerichtet. Es werden bereits bestehende Konzepte und Ideen zum Analysieren möglicher Risikofaktoren als Ausgangspunkt für die Gewaltprävention und konkrete Ideen, Handlungs- und Umsetzungsvorschläge, aber auch Hindernisse für die tatsächliche Umsetzung eines Gewaltschutzgesetzes betrachtet.

Potenziale, Wohlergehen sowie Hindernisse beim Einleben junger Geflüchteter – Erkenntnisse aus der AWO-ISS-Studie ‚Young Refugees NRW‘“ von Stefanie Warkentin und Nadine Seddig

Dieser Fachbeitrag stellt die Ergebnisse der Befragung geflüchteter Kinder, Jugendlicher und deren Eltern des Projekts „Young Refugees NRW“ (2016) vor. Im Mittelpunkt stehen hierbei 1) die Kompetenzen und Integration, 2) die Lebenssituation und 3) systematische externe Barrieren und individuelle Schwierigkeiten geflüchteter Kinder und Jugendlicher. Aus der Abhandlung zur Integration geht eine Unterscheidung zwischen kultureller, sozialer und indentifikatorischer/emotionaler Integration hervor, anhand dessen das Vorhandensein der Integrationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen aufgezeigt werden. Die Ergebnisse zur Lebenssituation veranlassen die Autor_innen zur Untergliederung der jungen Geflüchteten in drei Gruppen: a) im subjektiven Wohlergehen befindliche, b) versorgte, aber emotional belastete und eingeschränkte, c) in ertragener Isolation und Ablehnung befindliche Kinder und Jugendliche. Basierend auf den Befragungsergebnissen zum Wohlbefinden junger Geflüchteter wenden sich die Autor_innen den hierbei überwiegend genannten Bereichen (Bildung, soziale Beziehung, Lebensführung und Gesundheit) zu. Verdeutlich werden zudem systematische Hürden, welche Kindern und Jugendlichen sowie ihre Eltern bei ihrer Integration entgegenstehen. Die Ergebnisse münden in einer abschließenden Auflistung von Faktoren, welche das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen entscheidend verbessern würden.

Diskussion und Fazit

Das Werk begeistert bereits durch seinen übersichtlichen, nutzer_innenfreundlichen Aufbau: Nach einem spannenden thematischen Einstieg und guten Überblick, werden vielfältige, komprimierte Beiträge zur Thematik Asyl, Flucht, Migration und Soziale Arbeit aus unterschiedlichen Perspektiven geboten, jedem Beitrag vorangestellt eine kurze Zusammenfassung. Ermöglicht wird die Vielfalt an thematischen Einblicken durch die heterogene Autor_innenschaft und ist als Grundlage für eine fachliche, reflektierte Positionierung und Verortung der Sozialen Arbeit mit Geflüchteten dienlich. Durch die exemplarischen Beiträge, welche man sicherlich ohne großen Aufwand durch zahlreiche weitere Expertisen aus Theorie und Praxis ergänzen könnte, werden die Vielschichtigkeit, Komplexität und Mehrdimensionalität des Tätigkeitsbereiches der Sozialen Arbeit mit Geflüchteten, deren Berührungspunkte mit verschiedensten Bereichen des täglichen Lebens und deren Herausforderungen, Dilemma, aber auch Chancen erkenntlich.

Betrachtet man die Autor_innenschaft, fällt auf, dass zwar Vertreter_innen verschiedener Berufskontexte und Regionen Deutschlands abgebildet werden, die Mehrheit jedoch an akademischen Instituten, am stärksten vertreten hierbei die Hochschule Köln, verortet sind. Spannend wäre der Einblick in weitere praktische und theoretische Expertisen weiterer Backgrounds und Regionen Deutschlands, zumal – wie anhand der Beiträge auch deutlich wird – die Regelungen für die Aufnahme, Versorgung und Unterstützung von geflüchteten Menschen kommunal divergieren. Hierdurch könnten umfassendere Herausforderungen, Chancen und „Best Practice“-Impulse herausgearbeitet werden.

Kritisch zu beanstanden ist, dass in einzelnen Fachbeiträgen, teilweise sogar in ein und demselben Beitrag, unterschiedliche Termini Verwendung finden (z.B. Asylsozialarbeit/Flüchtlingssozialarbeit/Migrationssozialarbeit/Flüchtlingshilfe; Unterstützung/Beratung/Betreuung/Hilfe). Geschuldet ist dies zum Einen sicherlich der heterogenen Autor_innenschaft und deren vielfältigen Backgrounds. Zum Anderen werden hierdurch die Komplexität des Tätigkeitsbereiches und das Fehlen einheitlicher Fachstandards wieder gespiegelt. Die Standortbestimmung und Positionierung Soziale Arbeit erfordert auch eine Auseinandersetzung mit zu verwendenden (bzw. zu vermeidenden) Begrifflichkeiten, deren einheitliche Definition und klare Benennung als „Schlüsselelement für die Identität“ und Abgrenzung des Tätigkeitsfeldes. [13]

An dieser Stelle ist insbesondere Kritik an der verwendeten Bezeichnung „Betreuung“ zu üben. Unter Betreuung im eigentlichen Sinne zu verstehen ist die intensive Unterstützung einer Person, die durch ihre psychische, physische, geistige oder seelische Beeinträchtigung zur selbstständigen Bewältigung des Alltags ganz oder teilweise nicht fähig ist. [14] Die Verwendung des Begriff „Betreuung“ birgt insofern die Gefahr, dass den Betroffenen eine solche Beeinträchtigung und/oder Unmündigkeit unterstellt wird und sie die Zuschreibung der „defizitären, handlungsunfähigen, genuin hilfsbedürftigen Menschen“ erfahren, was jedoch weder dem tatsächlichen Sachverhalt entspricht, noch den individuellen Bedürfnissen gerecht wird. [15] Insofern ist von dieser Bezeichnung dringend abzusehen.

Durch die Komprimierung der Beiträge ist eine inhaltlich tiefgreifende Auseinandersetzung zu den vereinzelt aufgemachten Themenbereichen jedoch nicht wirklich erhältlich. Die Beiträge fungieren insofern eher als „Input“ und prägnante Bestandsaufnahme zur aktuellen Situation, lassen jedoch Diskussionen und kritische Auseinandersetzungen zu strukturellen Bedingungen, Herausforderungen, Anforderungen, Grenzen und Chancen sowie einen Ausblick, Forderungen und Positionierungen der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession überwiegend vermissen. Dies hat aber auch zum Effekt, dass das Interesse an einer intensiveren Auseinandersetzung mit der Thematik und weiteren Fachbeiträgen geschürt und Impulse für den anschließenden fachlichen Austausch gesetzt werden.

Alles in allem bietet das Werk eine verlockende Bündelung verschiedener Perspektiven, Wissens- und Erfahrungswerte als einführenden Überblick. Spannend wäre die ausführlichere Fortsetzung eines solchen Werkes, mit weiteren, umfassenderen Expertisen aus Theorie und Praxis. Vorstellbar wäre ggf. sogar deren übergreifende Verknüpfung und vor allem inhaltliche Diskussion, um das Ziel der Autor_innen zu verfolgen, also einen Beitrag zur Positionierungen, Standortbestimmung und Schärfung des Tätigkeitsbereiches und somit zur Steigerung der Orientierung und Handlungssicherheit zu leisten.

Literatur

  • BumF – Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (k.A.): Landeskoordinator_innen. In: http://www.b-umf.de/de/uber-uns/landeskoordinatoren; Letzter Zugriff: 28.12.2017.
  • DJI – Deutsches Jugendinstitut (2017): Wissenschaftliche Referentin Dr. Antonia Scholz. In: https://www.dji.de/ueber-uns/mitarbeiterinnen/detailansicht/mitarbeiter/antonia-scholz.html; Letzter Zugriff: 28.12.2017.
  • Evangelisch.de (2015): Irmela Wiesinger. In: https://www.evangelisch.de/personen/irmela-wiesinger; Letzter Zugriff: 28.12.2017.
  • Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe (k.A.): Persönliche Homepage Prof. Dr. Thomas Eppenstein. In: https://www.evh-bochum.de/persoenliche-homepage-prof-dr-thomas-eppenstein.html; Letzter Zugriff: 28.12.2017.
  • Frankfurt University of Applied Sciences (2017): Prof. Dr. Thomas Kunz. In: http://www.frankfurt-university.de/index.php?id=3343; Letzter Zugriff: 28.12.2017
  • Hemmann, H. (2015): Flüchtlingssozialarbeit. Analyse des Tätigkeitsfeldes der aufsuchenden Flüchtlingssozialarbeit und deren Aufgabenschwerpunkte am Beispiel Dresden. Masterarbeit. 2. Überarbeitung. In: http://www.socialnet.de/materialien/20088.php; Letzter Zugriff: 28.12.2017.
  • IFSW - International Federation of Social Workers (2014): Global Definition of Social Work. In: http://ifsw.org/get-involved/global-definition-of-social-work/; Letzter Zugriff: 28.12.2017.
  • ISS – Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. (2016): Studie „Armutsfolgen für Kinder und Jugendliche”. In: https://www.iss-ffm.de/presse/427.Studie_bdquoArmutsfolgen_fuumlr_Kinder_und_Jugendlicherdquo.html; Letzter Zugriff: 28.12.2017.
  • ISS – Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. (k.A.): Publikationen. In: https://www.iss-ffm.de/publikationen/publikationen/index.html; Letzter Zugriff: 28.12.2017.
  • Kunz, T.; Ottersbach, M. (2017): Migration und Soziale Arbeit. Sonderheft 2017. Flucht und Asyl als Herausforderung und Chance der Sozialen Arbeit. Basel; Weinheim: Beltz Juventa Verlag.
  • Philipps-Universität-Marburg (2016): Dr. Ulrike Krause. In: https://www.uni-marburg.de/konfliktforschung/personal/krause/krause-cv; Letzter Zugriff: 28.12.2017.
  • Regierungspräsidium Gießen (2017): Begegnun[g]sstätte für sportlich Interessierte. Skatehalle in der Erstaufnahmeeinrichtung in Calden eröffnet. In: https://rp-giessen.hessen.de/pressemitteilungen/skatehalle-der-erstaufnahmeeinrichtung-calden-er%C3%B6ffnet; Letzter Zugriff: 28.12.2017.
  • Schulz-Kaempf, W. (1994): Bericht über di Zentrale Koordination an der Universität Oldenburg. In: Meinhardt, R.; Schulz-Kaempf, W. (Hrsg.) (1994): Dezentrale Flüchtlingssozialarbeit in Niedersachsen. Eine Zwischenbilanz. Ein Projekt des Niedersächsischen Ministeriums für Bundes- und Europaangelegenheiten. Oldenburg: Werbedruck Köhler.
  • TH Köln (2017a): Prof. Dr. Markus Ottersbach. In: https://www.th-koeln.de/personen/markus.ottersbach/; Letzter Zugriff: 28.12.2017.
  • TH Köln (2017b): Semira Sare. In: https://www.th-koeln.de/personen/semira.sare/; Letzter Zugriff: 28.12.2017.
  • TH Köln (2017c): Petra Wiedemann. In: https://www.th-koeln.de/personen/petra.wiedemann/; Letzter Zugriff: 28.12.2017.

[1] http://www.frankfurt-university.de/index.php?id=3343; letzter Zugriff: 10.12.2017

[2] https://www.th-koeln.de/personen/markus.ottersbach/; letzter Zugriff: 10.12.2017

[3] https://www.evh-bochum.de/persoenliche-homepage-prof-dr-thomas-eppenstein.html; letzter Zugriff: 10.12.2017

[4] https://www.uni-marburg.de/konfliktforschung/personal/krause/krause-cv; letzter Zugriff: 10.12.2017

[5] https://www.th-koeln.de/personen/semira.sare/; letzter Zugriff: 10.12.2017

[6] https://rp-giessen.hessen.de/pressemitteilungen/skatehalle-der-erstaufnahmeeinrichtung-calden-er%C3 %B6ffnet; letzter Zugriff: 10.12.2017

[7] https://www.dji.de/ueber-uns/mitarbeiterinnen/detailansicht/mitarbeiter/antonia-scholz.html; letzter Zugriff: 10.12.2017

[8] https://www.iss-ffm.de/presse/427.Studie_bdquoArmutsfolgen_fuumlr_Kinder_und_Jugendlicherdquo.html; letzter Zugriff: 10.12.2017

[9] https://www.iss-ffm.de/publikationen/publikationen/index.html; letzter Zugriff: 10.12.2017

[10] https://www.iss-ffm.de/publikationen/publikationen/index.html; letzter Zugriff: 10.12.2017

[11] https://www.th-koeln.de/personen/petra.wiedemann/; letzter Zugriff: 10.12.2017

[12] http://www.b-umf.de/de/uber-uns/landeskoordinatoren; https://www.evangelisch.de/personen/irmela-wiesinger; letzter Zugriff: 10.12.2017

[13] IFSW 2014; Hemmann 2015: 25

[14] vgl. §§ 1896 ff. BGB

[15] vgl. Meinhardt; Schulz-Kaempf: 1994: 16; Hemmann 2015: 25


Rezensentin
Heidi Hemmann
Sozialarbeiterin; Soziale Arbeit mit geflüchteten Menschen/Flüchtlingssozialarbeit
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Zitiervorschlag
Heidi Hemmann. Rezension vom 04.01.2018 zu: Thomas Kunz, Markus Ottersbach (Hrsg.): Flucht und Asyl als Herausforderung und Chance der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3518-6. 1. Sonderheft Migration und Soziale Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23030.php, Datum des Zugriffs 17.07.2018.


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