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Gesine Götting, Carsten Bromann u.a. (Hrsg.): Zeit geben – Bindung stärken

Cover Gesine Götting, Carsten Bromann, Matthias Möller, Markus Piorunek, Michael Schattanik u.a. (Hrsg.): Zeit geben – Bindung stärken. Konzepte der Beratung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 246 Seiten. ISBN 978-3-7799-3657-2. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Herausgeberinnen und Herausgeber

Die Herausgeberinnen und Herausgeber sind Leiter oder Mitarbeiter in Erziehungsberatungsstellen.

Thema

Gute Bindung ist ein wesentlicher Schutzfaktor, kann ein Ruhepol in einer von Beschleunigung geprägten Gesellschaft sein. Beratung hat zur Aufgabe, Zeit zu geben und Bindung zu stärken. Das Buch soll einen Einblick geben in die vielfältigen Zusammenhänge von Zeit und Bindung und wissenschaftlich anspruchsvolle und zugleich praxistaugliche Ansätze für die Arbeit in der Erziehungs- und Familienberatung vorstellen.

Aufbau und Inhalt

Die 13 Beiträge des Buches sind vier Themenbereichen zugeordnet.

1. Zeit und Bindung: Standortbestimmungen

Im ersten Beitrag diskutiert Fabienne Becker-Stoll das wichtige Thema der Krippenerziehung im Lichte der Bindungsentwicklung. Sie betont die Exklusivität der Bindungsbeziehung in den ersten Lebensjahren und die Bedeutung der Zeit, um Bindungen aufzubauen und zu leben. Dies gilt auch für die außerfamiliäre Betreuung in der Krippe oder durch Tagesmütter.

Anschließend stellt Hermann Scheuerer-Englisch die Anwendung der Bindungstheorie in der Elternbildung und in der Erziehungsberatung dar.

2. Mit Zeit und Bindung arbeiten

Die Beiträge in diesem Teil geben Einblicke, wie und in welchen Konzepten bindungsgeleitetes Wissen in der Beratung Eingang fand und angewendet werden kann.

So zeigt Astrid Keweloh an Beispielen der Lebensflussarbeit, wie Bindungsaspekte angesprochen und positive Bindungspersonen und positive Bindungsbotschaften thematisiert werden können. Eva Tillmetz stellt das Regensburger Familienentwicklungsmodell vor und erläutert das dazu gehörige Systemische Familienentwicklungsspiel FIB -FAMILIE IN BALANCE.

Der Übergang zur Elternschaft ist oftmals belastend, besonders bei (extremer) Frühgeburtlichkeit. Barbara Ollefs stellt bindungsorientierte Unterstützung vor und nach der Geburt durch Stärkung der elterlichen Ankerfunktion vor. Eine interessante und mittlerweile häufig verwendete Methode ist das Geschichtenergänzungsverfahren für die mittlere Kindheit. Mathias Berg stellt es nicht nur als Diagnostikinstrument vor, sondern präsentiert auch Ideen, wie das Verfahren therapeutisch und in der Elternberatung genutzt werden kann.

Die Einbeziehung von Bindungsthemen in therapeutische Konzepte für ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene besprechen die folgenden drei Beiträge. Cordula Alfes greift Bindungsthemen im Kinderpsychodrama auf. Michael Bach stellt in seinem Konzept des Feeling-Seen die Bedeutung der Mentalisierung in den Mittelpunkt und beschreibt die Förderung mentalisierter Affektivität und der Selbstentwicklung in kindzentrierten familientherapeutischen Sitzungen (mit einem Kommentar von Jürgen Kriz zur Einbettung des Konzepts in die personzentrierte Systemtheorie). Carsten Bromann erläutert mit einem ausführlichen Fallbeispiel bindungsbasierte Skulpturarbeit in der Paartherapie.

Abschließend berichtet Stefan Schwidder über den Einsatz von heilendem Schreiben im Beratungssetting, die Ressource der Kommunikation mit einem abwesenden Lieblingsmenschen zu nutzen und gibt dazu eine ausführliche Anleitung mit vielen Übungen zur Stärkung der eigenen Ressourcen.

3. Zeit und Bindung aus den Fugen: Themen in der Erziehungsberatung

In diesem Teil stellt Dennis Haase eine Reihe von Interventionen bei Schulvermeidung bis hin zur Wiedereingliederung in die Schule und der Rückfallvorsorge vor. Im zweiten Beitrag, den der Psychologe und Erziehungsberater Matthias Weber und der Familienrichter Michael Grabow gemeinsam verfassten, wird die Gestaltung des familiengerichtlichen Verfahrens bei Trennung und Scheidung und die wichtige Kooperation zwischen Familiengericht und Beratung besprochen.

4. Immer schneller – aber wohin?

Den Abschluss bildet ein Gespräch von Gesine Götting und Anja Werner mit dem Philosophen, Organisationsberater und Experten für die „Verzögerung der Zeit“ Professor Peter Heintel über die Bedeutung von Raum und Zeit im Beratungsprozess, für die Familien, aber auch für die Beraterinnen und Berater.

Diskussion

Im ersten Teil wird in die Bindungstheorie eingeführt und ihre Bedeutung in der Jugendhilfe dargestellt. Der zweite Teil beeindruckt durch die Vielfalt der Konzepte, in die Bindungswissen einfließt und die kreativen Ideen, wie dieses Wissen angewendet und für Eltern und Betreuungspersonen erlebbar werden kann. Dies wird durch viele Fallbeispiele illustriert.

In diesem Buch wird deutlich, welchen Gewinn eine wissenschaftlich gut abgesicherte Theorie wie die Bindungstheorie für die Praxis bedeutet, wie sie vorhandene Konzepte erweitert und hilfreich in vielen Kontexten eingesetzt werden kann.

Ein für Praktikerinnen und Praktiker sehr lesenswertes Buch.

Fazit

Das vorliegende Buch zeigt an vielen Beispielen, wie Bindungstheorie und Bindungswissen Eingang in die Jugendhilfe und vor allem in die Beratung fand. Die vielen praktisch umsetzbaren Konzepte und Methoden machen das Buch sehr empfehlenswert.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 11.01.2018 zu: Gesine Götting, Carsten Bromann, Matthias Möller, Markus Piorunek, Michael Schattanik u.a. (Hrsg.): Zeit geben – Bindung stärken. Konzepte der Beratung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3657-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23032.php, Datum des Zugriffs 20.04.2018.


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