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Thomas E. Hauck, Stefanie Hennecke u.a. (Hrsg.): Aneignung urbaner Freiräume

Cover Thomas E. Hauck, Stefanie Hennecke, Stefan Körner (Hrsg.): Aneignung urbaner Freiräume. Ein Diskurs über städtischen Raum. transcript (Bielefeld) 2017. 325 Seiten. ISBN 978-3-8376-3686-4. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

Der Begriff der Aneignung wird auf den öffentlichen Raum angewendet und erinnert damit an die vor Jahren diskutierte „Stadtentwicklung von unten“. In dem Buch sind die Beiträge zu dem Workshop „Theorien der Aneignung von urbanen Räumen“ im Jahr 2016 an der Universität Kassel veröffentlicht.

HerausgeberInnen und AutorInnen

Die HerausgeberInnen sind Landschaftsarchitekten und Landschaftsplaner und als Professoren an der Universität Kassel tätig. Die Beiträge wurden von Fachleuten aus den Bereichen Landschaftsarchitektur, Landschaftsplanung, Architektur, Stadtplanung, Kulturwissenschaft und Sozialpädagogik verfasst.

Aufbau

Es gibt eine voran gestellte Einleitung der Herausgeber. Die darauf folgenden 13 Kapitel sind drei Teilen zugeordnet: Aneignung im Gebrauch, Planung von Aneignung, Aneignung als Kritik.

Inhalte

In der Einleitung wird das Ziel des Readers umrissen: Es geht um den selbstbestimmten Gebrauch öffentlicher Freiräume. Als Aufhänger dient das Beispiel eines Platzes auf dem Campus der Universität Kassel, auf dem die Vorgehensweisen des Top-down und Bottom-up und deren Zielvorstellungen: moderne Urbanität zum einen und alltägliche unspektakuläre Nutzbarkeit zum anderen, aufeinander stießen. Danach folgt ein Überblick über die weiteren Kapitel.

Im ersten Teil wird in vier Kapiteln der Themenkomplex „Aneignung im Gebrauch“ behandelt.

Frank Lorberg stellt in seinem Beitrag fest, dass die Nutzungsspuren, die Aneignung hinterlässt, für andere lesbar sein müssen, um zu einem Konsens für eine passende Nutzung von Freiräumen zu gelangen, so dass sich ein sozial adäquater Gebrauch heraus kristallisieren kann. Nutzungsspuren sind somit bedeutsame Zeichen. Wie sich die Nutzung von Freiräumen trotz gleich bleibender baulicher und gärtnerischer Ausstattung ändern kann, zeigt Lorberg am Beispiel der Nutzung des Stadthallengartens in Kassel. Die anfänglich repräsentative Gartenanlage, die nicht betreten werden sollte, wird heute anders gelesen und vielfältig genutzt.

Florian Bellin-Harder richtet den Fokus auf Straßenbäume. Zunächst kommt er jedoch auf die Kasseler Schule zu sprechen, in der Aneignung der zentrale Begriff ist und in der das Potential an Aneignungsmöglichkeiten als entscheidendes Qualitätskriterium von Freiräumen gesehen wird. Der Autor geht ausführlich auf die 7000-Eichen-Baum- Aktion ein, einem documenta Beitrag von Joseph Beuys in den 1980er Jahren. Dem Künstler war es um mehr Natur in der bislang grünarmen Stadt und dann vor allem um eine Verlagerung der Zuständigkeit für das Stadtgrün weg von der Verwaltung hin zu den Stadtbewohnern gegangen.

Andrea Benze und Anuschka Kutz gehen erst einmal sehr ausführlich auf den Aneignungs-Begriff ein, bevor sie der Frage nachgehen, wie sich ältere Menschen öffentliche Räume aneignen. In der Pilotstudie „Urbane Portraits“ wurden 18 Interviews mit Älteren durchgeführt, um herauszufinden, wie sie nach der Phase der Erwerbsarbeit ihren Alltag räumlich strukturieren. Unterschiedliche „Taktiken“ werden identifiziert und mit ausgewählten Fallbeispielen illustriert.

Dorothee Rummel untersucht die verschiedenen Formen der Aneignung im Zusammenhang mit der Nutzung von Resträumen, d.h. verstreuten unbestimmten Orten im Stadtraum wie Brachen oder Verkehrsrestflächen, die nicht im Fokus der Stadtpolitik sind. Die Autorin stellt fest, dass es unterschiedliche Arten und Grade der Freiraumaneignung gibt, was die Frage aufwirft, was jeweils das adäquate Maß an Aneignung ist. Sie führt als ein Beispiel die aktiven aneignungsfreudigen Raumpioniere in Berlin an, die Restflächen im Einverständnis mit der Senatsverwaltung nutzen. Aus diesen Nutzungen lässt sich, so die allgemeine Annahme, auf die Bedürfnisse der Stadtbewohner schließen.

Der zweite Teil behandelt den Themenkomplex „Planung von Aneignung“.

Stefan Körner schildert in seinem theoretisch-philosophischen Beitrag, wie sich die Landschaftsarchitektur weg von einem künstlerischen Anspruch hin zu einer nutzergerechten Planung entwickelt hat. Er verweist dabei auf die Kasseler Schule der Freiraumplanung, die im Unterschied zur Hannoveraner Schule den Akzent auf gebrauchsfähige statt künstlerisch gestaltete Räume legt und die der Aneignung der Freiräume durch die Stadtbewohner eine zentrale Bedeutung beimisst. Methodisch setzt die Kasseler Schule nicht auf Befragungen, sondern auf das Erfassen und Interpretieren von Spuren.

Susann Ahn und Felix Lüdicke beziehen sich in ihrem Beitrag auf den Olympiapark in München, in dem eine nutzerorientierte Freiraumgestaltung realisiert wurde. Die Nutzer sollten nicht mit einem vordefinierten Raum konfrontiert werden, sondern die Gelegenheit haben, den Freiraum eigenständig zu nutzen. Das Ergebnis sind temporäre Nutzungen wie ein Spielprogramms für ein Sportfest. Es sind Aktionen im öffentlichen Raum, die Hinweise für gestalterische Verbesserungen sein können.

Udo W. Häberlin und Jürgen Furchtlehner haben sich mit einem Straßenraum in Wien befasst, in dem zwangsläufig unterschiedliche Nutzungsinteressen aufeinander treffen. Der Anspruch ist der öffentliche Raum für alle; in der Realität ist der Stadtraum ein Ort von Nutzungskonflikten und Austragungsort von Aneignungsinteressen. Hier knüpfen die Autoren mit der Frage an, wie die Interessen der „leiseren“ Nutzer wie insbesondere der Kinder hörbar gemacht werden können. Dafür geeignet ist die Methode der Sozialraumanalyse.

Norika Rehfeld analysiert den Begriff der Aneignung, wobei sie drei Ebenen unterscheidet: die subjektive, die gesellschaftliche und die räumliche Ebene. Anschließend rückt sie die räumliche Ebene in den Fokus. Das konkretes Projekt, in dem die Aneignungsqualität einer Wohnform für junge Menschen zu bewerten ist, wird am Schluss nur kurz skizziert.

Christof Göbel setzt bei der Aneignungstheorie von Leontjew an und beschreibt dann ein Experiment in Mexiko City, in dem ein zwar baulich verbesserter, aber kaum mehr genutzter Stadtplatz neu belebt werden sollte. Die Aktion bestand darin, dass einmal in der Woche Mikrophone, Lautsprecher, Stühle und ein Tisch herbei geschafft werden und dann ein Kulturprogramm abläuft, das zum Verweilen einlädt. Der Platz entwickelt sich so zu einem Treffpunkt.

Im dritten Teil, dem Themenkomplex „Aneignung als Kritik“, werden Fallbeispiele vorgestellt.

Sonja Dümpelmann befasst sich rückblickend mit Baumpflanzaktionen in New York in den 1970er Jahren, wobei sie auch auf die damaligen sozialwissenschaftlichen Forschungsergebnisse zur Verbesserung der Wohn- und Lebensqualität in Problemvierteln hinweist, die den Baumpflanzaktionen Rückenwind gegeben haben.

Serjoscha P. Ostermeyer entwirft eine Matrix mit den Dimensionen Raumordnung und Raumnutzung mit jeweils den Kategorien geplant und ungeplant. Diese Matrix ist geeignet, das Übereinstimmen oder Nicht-Übereinstimmen von Planung und Nutzung auf den Punkt zu bringen. Die Treppenanordnung vom Domfelsen in Magdeburg zur Elbe hinunter führt er als Beispiel für das Übereinstimmen von Planung und Nutzung an: Die Stufen werden wie geplant als Sitzplatz genutzt. Der Trampelpfad neben einem geplanten Treppenweg ist dagegen eine nicht geplante Nutzung. Bei Brachen sind Raumordnung und Raumnutzung ungeplant.

Tanja Mölders und Pia Kühnemann stellen im Anschluss an einige theoretische Erörterungen zum Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse ein Urban Gardening Projekt in Hannover vor, das 2013 auf Initiative einiger Bewohner realisiert wurde.

Thomas E. Hauck setzt sich mit der allgemeinen Frage einer nutzerorientierten Stadtentwicklung sowie speziell mit dem Konzept der Zwischennutzung auseinander, das in den 2000er Jahren in Berlin zu einem alternativen Stadtentwicklungsmodell erhoben wurde. Er unterscheidet zwischen Zwischennutzern, Raumpionieren und Raumunternehmern, die zugleich auch aufeinanderfolgende Phasen in der Stadtentwicklung repräsentieren.

Diskussion

Durch die Unterteilung in drei Abschnitte: Aneignung im Gebrauch, Planung von Aneignung sowie Aneignung als Kritik, wird eine Struktur hergestellt, so dass eine bloße Aneinanderreihung der Reader-Beiträge vermieden wird.

Im Zentrum aller Beiträge steht der Begriff der Aneignung, der dementsprechend in sämtlichen Kapiteln immer wieder aufs Neue präsentiert wird, so dass man sich als Leser fragt, ob nicht ein übergreifendes Kapitel zu Beginn, in dem das vieldeutige Konzept mit seinem weiten Bedeutungshorizont aufgeblättert und definiert wird, sinnvoll gewesen wäre. Auf diese Weise hätte sowohl Redundanz vermieden als auch eine gemeinsame theoretische Basis geschaffen werden können. Problematisch ist eine allzu weite Fassung des Begriffs wie z.B. in der Studie von Benze und Kutz, in der Aneignung als räumliche und zeitliche Strukturierung des Alltags verstanden wird. Ein solcher allumfassender Globalbegriff verliert an Aussagekraft.

Ähnlich wie ein Kapitel zum Begriff der Aneignung zu Beginn wäre ein Resümee am Schluss wünschenswert gewesen, das die zentralen Ergebnisse des Workshops, auf denen die Buchpublikation beruht, in knapper Form zusammenfassend schildert.

Bei den empirischen Studien wie derjenigen von Rehfeld als auch Benze und Kurz wird das methodische Vorgehen nur unzureichend beschrieben. Ein Blick in die Umweltpsychologie wäre hier sicherlich von Nutzen gewesen, zum einen, was die methodischen Herangehensweisen angeht als auch was den Begriff der Aneignung betrifft.

Die Frage, die sich bei allen Bottom-up Ansätzen stellt, ist, welche Nutzer und Nutzergruppen sich artikulieren und durchsetzen und welche unsichtbar bleiben und nicht gehört werden. Allein im Beitrag von Häberlin und Furchtlehner wird diese wichtige Frage aufgegriffen, inwieweit nämlich die Aneignung durch Zwischennutzer und Raumpioniere sowie deren Nutzungsspuren überhaupt ein repräsentatives Abbild der Bedürfnisse aller Nutzer sind.

Fazit

Auf dem Workshop, dessen Beiträge in dem Buch versammelt sind, wurde gründlich über die Möglichkeiten und Arten der Aneignung urbaner Räume durch die Stadtbewohner nachgedacht. Für die planenden Professionen ist es ein Buch, das zum Nachdenken anregt, die Nicht-Experten könnte es motivieren, genauer hinzuschauen, z.B. auf Restflächen und deren Gebrauch, auf Zwischennutzungen und Diskrepanzen zwischen Raumplanung und Raumnutzung zu achten und sich Stadtraum anzueignen. Das Buch sei allen empfohlen, die sich für die Fragen interessieren, wie und von wem öffentliche Räume in der Stadt gestaltet werden.

Summary

The articles in this book are the result of a workshop which was held to thoroughly discuss the possibilities and ways of appropriating urban spaces by citizens. It will help professionals to rethink the subject, while non-experts will be motivated to look at how leftover urban spaces are used and how temporary usage is often in disaccord to city planning. Ways to appropriate spaces through citizens are outlined. This book is highly recommended to everyone interested in how and by whom public spaces are designed in cities.


Rezensentin
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 04.09.2017 zu: Thomas E. Hauck, Stefanie Hennecke, Stefan Körner (Hrsg.): Aneignung urbaner Freiräume. Ein Diskurs über städtischen Raum. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3686-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23034.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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