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Kerstin Jürgens, Reiner Hoffmann u.a.: Arbeit transformieren!

Cover Kerstin Jürgens, Reiner Hoffmann, Christina Schildmann: Arbeit transformieren! Denkanstöße der Kommission „Arbeit der Zukunft“. transcript (Bielefeld) 2017. 240 Seiten. ISBN 978-3-8376-4052-6. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 31,60 sFr.

Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung, 189.
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Thema

Bei dem Buch handelt es sich um den Abschlussbericht der von der Hans-Böckler-Stiftung im Jahr 2015 eingesetzten Kommission zum Thema „Arbeit der Zukunft“, der im Juni 2017 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde und nun als Monographie vorliegt.

Autorinnen und Autor

  • Kerstin Jürgens (Prof. Dr. phil.), ist Professorin für Mikrosoziologie an der Universität Kassel. Sie forscht seit den 1990er Jahren zum Wandel der Arbeitswelt und war langjährige Vorsitzende der Sektion Arbeits- und Industriesoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.
  • Reiner Hoffmann ist Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und Vorsitzender des Vorstands der Hans-Böckler-Stiftung.
  • Christina Schildmann leitete das wissenschaftliche Sekretariat „Arbeit der Zukunft“.

Entstehungshintergrund

Die Hans-Böckler-Stiftung hatte die Kommission eingesetzt, um Antworten auf zwei Hauptfragen zu erarbeiten: Wie wird die Arbeit der Zukunft aussehen? Vor welchen neuen Gestaltungsaufgaben steht die Arbeitspolitik? Hierzu wurde eine Kommission aus 32 Expertinnen und Experten, jeweils zur Hälfte aus Wissenschaft und Praxis kommend und bei entsprechend aufgeteiltem Vorsitz (Vorsitzende: Reiner Hofmann und Kerstin Jürgens) eingesetzt. Vertreten waren die betriebliche Praxis (Arbeitsdirektoren, Betriebsräte, darunter Vertreter aus klassischen Konzernen sowie aus der „New Economy“, Gewerkschaften (IG Metall, IG BCE, ver.di, IG Bau), Politik und Forschung. 40 % der Kommissionsmitglieder waren Frauen.

Während der zweijährigen Kommissionszeit tagte die Kommission auch bei SAP in Walldorf, im Museum der Arbeit in Hamburg und im Deutschen Technikmuseum in Berlin.

Prämisse war, dass der Wandel der Arbeitswelt keine zwangsläufige Folge der Technikentwicklung wie insbesondere der Digitalisierung ist, sondern gesellschaftlich und politisch beeinflussbar, wie es auch schon früher einmal breiter Konsens gewesen war (z.B. Technikfolgenabschätzung etc.).

Aufbau und Inhalt

Der Bericht präsentiert die zentralen Ergebnisse der Kommissionsberatungen. Hierbei wurde eine Präsentationsform gewählt, die sich deutlich von üblichen Berichten unterscheidet. Auch wird nicht eine „gemeinsame Beschlusslage“ aller Kommissionsmitglieder wiedergegeben, denn, wie es in der Einleitung heißt, es sei „von Anfang an klar“ (S. 7) gewesen, dass dies bei der heterogenen Zusammensetzung des Gremiums nicht möglich sein werde.

Auch wenn man gelegentlich den Eindruck habe, die Digitalisierung sei das einzige oder wichtigste Thema der Zukunft der Arbeit, hat die Kommission letztlich vier „Treiber“ für den Wandel auf dem Arbeitsmarkt in den Blick genommen: Digitalisierung, demografischer Wandel, Feminisierung und Wertewandel.

Der Band gliedert sich in sieben Kapitel:

  1. Erwerbstätigkeit,
  2. Einkommen,
  3. Qualifizierung,
  4. Arbeitszeit,
  5. Arbeitsorganisation,
  6. Migration und
  7. Gesellschaft.

Zunächst wird jeweils die Ausgangslage analysiert und sodann gefragt, wie die zukünftige Arbeitswelt gestaltet werden kann. Nicht was irgendwann passieren könnte, wurde zum Thema gemacht, sondern was hier und heute bzw. im Zeitlauf etwa der nächsten 15 Jahre getan werden muss.

Passagen, bei denen in der Kommission Konsens zu Empfehlungen erzielt wurde, nennen sich „Denkanstöße“. Passagen mit Aspekten, bei denen in der Kommission keine Einigkeit erzielt wurde, weil sie entweder auch nach intensiver Debatte kontrovers blieben oder wo die Zeit für eine abschließende Diskussion nicht reichte, nennen sich „Debatten“. Insgesamt gibt es 54 Denkanstöße und 23 Debatten, meist jeweils ca. 1-2seitige und grafisch und farblich hervorgehobene Passagen. Diese können hier nicht im Einzelnen vorgestellt werden.

Im Kapitel Erwerbstätigkeit – Stichworte für die Situationsanalyse sind das Normalarbeitsverhältnis und die Pluralität hiervon abweichender Arbeitsverhältnisse, die Ausdifferenzierung und Polarisierung von Beschäftigungsformen und die Prekarisierung auch innerhalb von „Normalarbeit“ – geht es u.a. um die Fragen, ob der Arbeitnehmerbegriff für die digitale Ökonomie noch tauge und der Betrieb als Referenzrahmen erodiere. Hier plädiert die Kommission, um Schutzrechte zu erhalten, für eine Neukonzeption des Arbeitnehmer- und des Betriebsbegriffes, die auch diejenigen in der digitalen Ökonomie einschließen müsste, die nicht persönlich, aber sachlich und wirtschaftlich abhängig sind. Hierfür wäre es folgerichtig, u.a. das Tarifvertragsgesetz zu ändern und auf „arbeitnehmerähnliche“ Personen auszuweiten, zur Stärkung der Tarifbindung über das neue Tarifautonomiestärkungsgesetz hinaus mehr Gebrauch von Allgemeinverbindlichkeitserklärungen zu machen und die Tarifbindung durch gezielte öffentliche Auftragsvergabe zu stärken. Als „Debatte“ wird u.a. vorgeschlagen, für die Sicherstellung von Standards bei Crowdwork ein verpflichtendes Bestellerprinzip für digitale Arbeit einzuführen, als „Abstiegsbremsen“ angesichts der Automatisierungs- und Rationalisierungspotenziale der Digitalisierung Instrumente wie das Qualifizierungsarbeitslosengeld, einen neuen sozialen Arbeitsmarkt und „Altersflexi“ als neue Form des Kurzarbeitsgeldes zu nutzen bzw. zu schaffen (S. 47). Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung schätzt das Automatisierungsrisiko in Deutschland auf 12 %; dem stehe aber mit der Arbeitsanreicherung durch Mensch-Maschine-Zusammenarbeit ein „beachtliches positives Beschäftigungs- und Gestaltungspotenzial gegenüber“ (S. 24). Bei der Gestaltung komme den Sozialpartnern eine zentrale Rolle zu.

Im Kapitel Einkommen geht es u.a. um die Frage, wer die „Digitalisierungsdividende“ einstreiche (S. 55). Da hier die üblichen Instrumente der Lohnfindung nicht oder nur begrenzt greifen, seien im Rahmen der „Rückkehr des Verteilungsdiskurses“ (S. 57) hier teilweise neue Mechanismen zu finden. Als Debattenbeiträge wurden geäußert: Abkehr von der prozentualen Lohnanhebung hin zu überproportionalen Erhöhungen der unteren Entgeltgruppen, ein Niedrigzeitsegment bzw. ein Sockel für die Arbeitszeit. Konsens war, einen neuen Produktivitätsbegriff (der auch für soziale Dienstleistungen passe, deren Bedeutung die Kommission auch generell herausstreicht) in der Gesellschaft konsensfähig zu machen und als neues Referenzsystem für die Wohlstandsentwicklung z.B. einen Jahreswohlstandbericht bzw. eine Berichterstattung zur Arbeitswelt im staatlichen Berichtswesen zu etablieren (S. 65). Konsens war auch, eine geschlechtergerechte Arbeitsplatzbewertung einzuführen und ein Eigentum an Daten sicherzustellen, Debatte war u.a., ob es ein Startguthaben für das Erwachsenenleben geben solle.

Neben der Vielzahl an Analysen und Vorschlägen auch in den Kapiteln zu Qualifizierung, Arbeitszeit, Arbeitsorganisation und Migration sei noch besonders auf diejenigen im Kapitel Gesellschaft hervorgehoben. Abgesehen von den Sozialpartnern komme es für die anstehende „Wiederbelebung der sozialen Marktwirtschaft, die diesem Namen auch gerecht wird“ (S. 204), besonders auf den Staat und seine Schlüsselrolle bei der Gestaltung von Wandel an („Die digitale Transformation gelingt nur mit einer funktionierenden Sozialpartnerschaft“).

Die Kommission möchte ein Staatsverständnis vom Staat als Repräsentant pluraler Interessen (statt: dem Staat als Nationalstaat) verteidigen, bei welchem der Staat „über die demokratischen Wege der Beteiligung einen Prozess initiieren und moderieren (A.d.V.: soll und kann), in dem Interessen und Bedürfnisse gehört werden und eine gemeinsame Verständigung über die Ziele der Transformation erfolgt“ (S. 205). Die in diesem abschließenden Kapitel enthaltenen Denkanstöße und Debatten lesen sich wie ein Füllhorn für Partei-, Regierungs- und Koalitionsprogramme, die aktuell und in naher Zukunft zu erarbeiten bzw. umzusetzen wären.

Diskussion und Fazit

Die Vielzahl an Denkanstößen und Debatten sind eine ungewöhnliche Präsentationsform für einen Abschlussbericht. Man kann sie deshalb auch durchaus einzeln lesen, debattieren und mit ihnen arbeiten, gleichwohl erschließt sich ihr innerer Zusammensetzung auch bzw. erst durch die inneren Bezüge. Manche Vorschläge müssen daher zwangsläufig auch in mehreren Kapiteln auftauchen. Positiv zu werten ist, dass die Kommission die Digitalisierung nicht als einziges Thema der Zukunft der Arbeit behandelt, wenngleich mit ihr wohl eine neue Etappe der Arbeitspolitik beginnt – und daher auch eine derartige Kommission mit einem solchen „Memorandum“ angemessen war und ist. Gehe es dabei doch um die „große Frage, wie Verantwortung im digitalen Kapitalismus neu organisiert werden muss“ (S. 226). Die Kommission hebt lobend hervor, dass ein solcher Dialogprozess in Deutschland (wie in wenigen anderen Ländern) auch durch andere Initiativen befördert wurde, wie das Weißbuch Arbeiten 4.0 des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales und andere.

Als Besonderheit kommt bei diesem Band hinzu, dass die Kommission als historischen Referenzpunkt das Programm „Humanisierung der Arbeitswelt“ (1974-1989) markiert und dafür plädiert, nun ein vergleichbar umfassendes Programm für die nächsten Jahre aufzulegen – in Form eines Forschungs- und Transferprogramms „Humanisierung der Arbeitswelt im digitalen Zeitalter“ (S. 226 ff.).

Fazit: Dieser Band kann allen an Arbeitspolitik und der gesellschaftlichen Zukunft Interessierten als Standardwerk rundheraus empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Elkeles
Hochschule Neubrandenburg FB Gesundheit, Pflege, Management
Homepage www.hs-nb.de/ppages/elkeles-thomas
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Zitiervorschlag
Thomas Elkeles. Rezension vom 07.12.2017 zu: Kerstin Jürgens, Reiner Hoffmann, Christina Schildmann: Arbeit transformieren! Denkanstöße der Kommission „Arbeit der Zukunft“. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-4052-6. Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung, 189. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23035.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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