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Stefanie Göweil: Grenzen und Chancen der modernisierten Geschlechterordnung

Cover Stefanie Göweil: Grenzen und Chancen der modernisierten Geschlechterordnung. Ein geschlechterkritischer Blick auf Gesellschaft und Schule. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2017. 360 Seiten. ISBN 978-3-8379-2677-4. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
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Thema

Im Mittelpunkt der Publikation steht die Diagnose traditioneller hierarchischer Geschlechterverhältnisse im Kontext des gegenwärtigen subjektorientierten neoliberalen Gesellschaftssystem. Die Autorin zeichnet nach, wie traditionelle, hierarchische Geschlechterverhältnisse erneut Fuß fassen und im Strom neoliberaler individualisierter Karrieremuster Geschlechterungerechtigkeit als individuelles Problem gekennzeichnet wird. Sie zeigt u.a. am Beispiel Schule auf, wie sich die offizielle Seite staatlicher Politik zunehmend von normativen geschlechtlichen Stereotypen distanzieren und sich gleichzeitig neokonservative familien- und bildungspolitische Werte und die ökonomischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern verfestigen.

Autorin

Stefanie Göweil ist Philosophin, Germanistin, AHS-Lehrerin und Diplom-Kindergartenpädagogin. Studium an der Universität Wien. Ihre wissenschaftlichen Schwerpunkte sind feministische Philosophie, Subjekttheorien, Sozialphilosophie, Psychoanalyse und Bildungsphilosophie.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich um eine wissenschaftliche Qualifizierungsschrift (Promotions- oder Habilitationsschrift), die an der Universität Wien erfolgreich eingereicht wurde und von der Dr. Maria Schaumayer Stiftung ausgezeichnet wurde.

Aufbau

In ihrem Eingangskapitel skizziert Göweil ihre Fragestellung nach den gegenwärtigen Dynamiken innerhalb des Geschlechterverhältnis und deren Relevanz für Gesellschaft und Schule. In den folgenden Kapiteln führt sie die in die Metapher des Selbstkannibalismus ein. Sie zeigt mit Verweis auf Seyla Benhabib anhand philosophischer Traditionen auf, wie der Ausschluss der Frauen nicht nur als „politische Unterlassungssünde“ oder als „blinder Fleck auf dem moralischen Auge“ zu werten sei, sondern als zentrales „epistomologisches Defizit“ des moralischen und politischen Universalismus in der Tradition Kants mit seiner unhinterfragten Zentrierung auf das autonome bürgerliche Subjekt (54).

Im Weiteren entwickelt sie die Entsubjektivierung als ethisches Commitment und Möglichkeit einer emanzipatorisch-politische Praxis. Sie analysiert die Macht der Bio-Politik und beschreibt den Nihilismus des modernen Subjekts und das Potential des Ethischen.

Gegen Ende des Buches geht sie vertiefend auf die Prinzipien der psychoanalytischen und Kritischen Pädagogik ein und zeigt die Überschneidungen zu Butlers Theorie der Performativität und Irigarays Ethik der sexuellen Differenz auf. Sie schließt ab mit Ausführungen über die Kultivierung sexueller Differenz und deren Bedeutung für die schulische Praxis.

Inhalt

Göweil benennt in der vorangestellten persönlichen Danksagung die einzelnen Quellen ihres „feministischen Interesses“, die in ihr „den Funken dieser besonderen Leidenschaft entzündet hatten“. Ein gelebtes Affidamento wird spürbar und stärkt die Bereitschaft, sich auf eine extrem komplexe und anspruchsvolle Durchdringung philosophischer, psychoanalythischer und feministischer Theoriebildung einzulassen.

Inhaltlich nimmt die Autorin die Jubelmeldungen über das angebliche Ende des Patriarchats durch den Vormarsch der Frauen in vielen gesellschaftlichen Bereichen zum Ausgangspunkt einer fundierten Analyse philosophischer, feministischer und post-feministischer Wissensbestände.

In Anlehnung an die beiden Theoretikerinnen Judith Butler und Luce Irigaray zeigt sie, inwieweit sich das neoliberale Ideal des souveränen, selbstbewussten Subjekts heutzutage auf Basis der De-Thematisierung und Individualisierung von Geschlecht und deren Auswechslung durch das moderne ‚Gender‘ neue Legitimation verschafft. Sie weist nach, wie geschlechterhierarchische Verhältnisse unter Mitwirkung der Frauen, die dem neoliberalen Ideal der Selbstunternehmerin anhängen, erneut zementiert werden. In der Nicht-Reflexion der Grenzen des Subjektes sieht sie einen der zentralen Mechanismen mit denen Geschlechtergewalt aufrechterhalten wird. Ohne das Potential der Individualisierung per se zu leugnen, fragt sie danach „wo die spezifischen Grenzen der modernen Individualisierung von Geschlecht liegen und welche Konsequenzen sich daraus für feministisches Engagement und emanzipatorisches Handeln sich ergeben.“ (39)

Diskussion

Göweil gelingt es die Dynamik der gegenwärtigen Transformation der Geschlechterordnung zu analysieren und daraus Konsequenzen im Hinblick auf die schulische Behandlung von Geschlecht zu ziehen.

Sie widmet sich einer Leerstelle innerhalb der wissenschaftlichen Behandlung von Schule und Geschlecht. Dank des konsequenten Fokus auf Jugendliche werden Ergebnisse der empirischen Schulforschung nachvollziehbar, die ein Auseinanderklaffen des Selbstwerts bei Mädchen und Jungen mit einsetzender Pubertät konstatieren. Ziel ihrer Analyse ist nicht Geschlechtsneutralität, „sondern eine demokratisch und gerecht gestaltete Geschlechterbewußtheit“. Darunter versteht sie die gesellschaftliche Anforderung an Männer und Frauen, „das Für-sich und Für-andere-Sein der menschlichen Existenz in gemeinschaftlicher Anstrengung zu bearbeiten.“ (309) Göweil liest sich als fundiertes Kontrastprogramm zum mittlerweile hegemonialen Diskurs um ‚Jungen als Bildungsverlierer‘, dem Vorwurf der ‚Feminisierung‘ des Bildungssystems und dem Wiederaufleben von Differenzannahmen.

Fazit

Göweil ist es gelungen, 300 Seiten lang zu fesseln, auch wenn immer wieder lange Durststrecken zu überstehen sind mit philosophischen und psychoanalytischen Vertiefungen, deren Verständnis vermutlich vielen Lesenden trotz durchschnittlichem Wissensbestand über diese Theoriebereiche nur schwer möglich ist. Es lohnt sich, gelassen damit umzugehen und die querdenkende und analytische Schärfe von Göweil zu genießen mit der sie offenlegt „wie die neoliberale Aneignung ehemals feministischer Prinzipien, den Feminismus als politische Kraft wirkungslos macht und filigran nachzeichnet“, wie „traditionelle, hierarchische Geschlechterverhältnisse durch die Hintertür wieder Fuß fassen können“. (22, 307) Dieses Buch ist lesenswert, gerade weil Göweil bei der Analyse nicht stehen bleibt, sondern Auswege aufzeigt, wie die Begrenzung des Ichs zu einem Modus des Bezugs zwischen Subjekten werden kann und somit „zu einer produktiven Quelle für die Entwicklung neuer symbolischer Ordnungen in der Welt“ (309).


Rezensentin
Prof´in Dr´in (em.) Monika Barz
Evangelische Hochschule Ludwigsburg, Frauen- und Geschlechterforschung
Homepage www.eh-ludwigsburg.de/hochschule/personenverzeichni ...
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Zitiervorschlag
Monika Barz. Rezension vom 28.09.2017 zu: Stefanie Göweil: Grenzen und Chancen der modernisierten Geschlechterordnung. Ein geschlechterkritischer Blick auf Gesellschaft und Schule. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2017. ISBN 978-3-8379-2677-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23040.php, Datum des Zugriffs 17.12.2017.


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