socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Isabelle Liegl, Albert Wunsch: Wo bitte geht´s nach Stanford?

Cover Isabelle Liegl, Albert Wunsch: Wo bitte geht´s nach Stanford? Wie Eltern die Leistungsbereitschaft ihrer Kinder fördern können. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 347 Seiten. ISBN 978-3-407-86450-5. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Der schönste Erfolg ist ein verdienter Erfolg

Der Ausspruch kann widersprüchlich sein, wenn er in einem Ratgeber steht. Weil „Erfolg“ sich in unterschiedlichen Varianten und Deutungen darstellt: egoistisch oder empathisch, hörig-angepasst oder selbstkritisch, fremd- oder selbstbestimmt. Hier geht es nicht um Ratschläge „Wie werde ich Millionär?“, oder „Wie benutze ich meine Ellenbogen?“, sondern darum, was Erziehungsberechtigte dazu beitragen können, damit Kinder Resilienz erleben und erfahren können (vgl. dazu auch: Kurt Edler, Demokratische Resilienz auf den Punkt gebracht, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/23304.php). Es geht um den Anspruch, „Erziehungsideale oder Sichtweisen zu haben, die sich durchaus von traditionellen oder auch vermeintlich deutschen unterscheiden“; Einstellungen, die im Denken und Handeln einen Perspektivenwechsel herausfordern und ermöglichen.

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Es gibt einen Trend: Meist wohlsituierte Eltern versuchen, ihre Kinder auf meist angesehene, kostspielige Privatkindergärten, -schulen und später auch auf renommierte Hochschulen zu bringen. Das widerspricht erst einmal dem demokratischen Gleichheits- und Gerechtigkeitsgedanken; denn wie heißt es in der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948: „Jedermann hat das Recht auf Bildung“. Dabei ist nicht die Rede von „etwas mehr oder etwas weniger“, auch nicht von „einfacher oder qualifizierter“ Bildung. Eine Unterscheidung darf also im Sinne der allgemeinverbindlichen und -gültigen Menschenwürde nicht vorgenommen werden. Soweit erst einmal die Idealvorstellung! Die Frage: „Wo geht´s hier zum Erfolg?“ stellen sich Menschen in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen und Situationen. Wenn es idealerweise dabei nicht in erster Linie darum geht, wie mit (Ehr)Geiz, Egoismus und Chuzpe der Erfolg des Anderen be- oder verhindert werden kann, sondern wie es gelingen kann, den eigenen „Weg nach oben“ in empathischer, sozialer und solidarischer Weise anzustreben, ist mehr gefordert als der „Blick nach oben“. Es braucht den Blickwechsel in die Umgebung und in die Gesellschaft, und heute in die sich immer interdependenter, entgrenzender und globalisierter entwickelnde (Eine?) Welt.

Die Münchner Betriebswirtin Isabelle Liegl legt einen Ratgeber für Eltern vor, in dem sie ihre Ziele, Wünsche und Wege bei der Erziehung ihrer Kinder aufzeigt und verdeutlicht, wie es gelingen konnte, dass ihre beiden Söhne an der US-amerikanischen Stanford University und University of Chicago studieren. Als Co-Autor trägt der Düsseldorfer Psychologe und Erziehungsberater Albert Wunsch die bildungs- und erziehungswissenschaftlichen Aspekte bei. Das Plädoyer lautet: „Möchte ich mehr erreichen als das Herkömmliche und Bekannte, muss ich mich besser informieren, mich mehr anstrengen, besser arbeiten und oft auch länger durchhalten“. Das klingt wie rabotti, rabotti; ist es aber nicht. Vielmehr lässt sich aus den Ratschlägen und Erfahrungsberichten herauslesen: „Ein glückliches Leben schafft glückliche Menschen“. Damit bewegen wir uns hin zu der menschlichen Frage aller Fragen: Wie ist ein gutes, gelingendes Leben möglich? Das Autorenteam betont, dass der Fokus, der sich schwerpunktmäßig darauf konzentriert, wie Eltern ihren Kindern eine gute, qualifizierte, universitäre Ausbildung an renommierten Hochschulen ermöglichen, weit über diese Engführung hinaus bewegt. Es sind durchaus leistungs- und ordnungsorientierte Vorstellungen, die den allzu wohlfeilen Einstellungen wie „Ich will alles, und das sofort!“ Paroli bieten. Es sind Anregungen, „wie man in seinen Kindern den Wunsch nach mehr weckt, mehr als das Bequeme, Gewohnte oder Naheliegende“.

Aufbau und Inhalt

Das Autorenteam gliedert den Ratgeber in zwei Teile.

Im ersten Kapitel stellt Isabelle Liegl mit dem Beitrag „Der Weg von der Familie zur Top-Hochschule“ die familialen und erziehlichen Situationen vor, die sie zu der Überzeugung bringt: „Die University of Stanford und die UChicago sind besser als die Ludwig-Maximilians-Universität in München, die Humboldt-Universität in Berlin, auch besser als St. Gallen oder die Sorbonne…“. Sie beruft sich dabei auf die veröffentlichten Rankings, und sie nennt einige Gründe dafür: „Offensichtlich wird sich mehr um die Studierenden gekümmert, die Art zu studieren ist strukturierter, fortschrittlicher, projekt- und ergebnisorientierter“. Es bedarf keines besonderen Hinweises, dass diese persönliche Einschätzung und Wertung nicht als allgemeingültig und apodiktisch übernommen werden darf. Es sind vielmehr die spezifischen, originären, familiären (mittelschichtorientierten?) Bedingungen, die zu den je bestimmenden, selbstverständlichen Erziehungseinstellungen führen, wie: „Im Großen konsequent, im Kleinen großzügig“. Gleichzeitig aber sind es auch Auffassungen, die für jedes Erziehungsverhalten gelten, wie: Verantwortung lernen, soziale Toleranz einüben, Engagement und Solidarität praktizieren, Leistungsbereitschaft fördern und fordern. Die Autorin plädiert für eine „internationale Erziehung“ (vgl. dazu auch: Deutsche UNESCO-Kommission, Empfehlung zur „internationalen Erziehung“, 2., veränd. Auflage, Bonn 1990, 37 S.). Insgesamt 112 Seiten verwendet Isabelle Liegl darauf, um über die Möglichkeiten und Bedingungen zum „Studieren in den USA“ zu informieren. Sie fragt danach, warum es ihrer Meinung nach sinnvoll ist, als internationale StudentInnen an amerikanischen Universitäten zu studieren, welche Voraussetzungen dafür notwendig sind, wie eine Vorbereitung beim Bewerbungsverfahren aussehen sollte, welche Termine und Fristen zu beachten sind, welche finanziellen Voraussetzungen bestehen und welche Stipendien- und Förderprogramme angeboten werden. Sie geht auch ein auf die Möglichkeiten, bereits während der Schulzeit an internationalen Austauschprogrammen teilnehmen zu können und die Kinder und Jugendlichen zu ermuntern, über den eigenen Gartenzaun und Tellerrand zu schauen.

Im zweiten Teil thematisiert Albert Wunsch: „Dem Wollen mit Können gezielt den Weg bereiten“. Er nennt die bildungs- und erziehungswissenschaftlichen „Faktoren einer behutsamen Erziehung zwischen Unter- und Überforderung“ Er setzt sich in differenzierter Weise mit dem Begriff und den Traditionen von „Leistung“ auseinander und fragt danach, wer den Leistungsanspruch formuliert. Dabei kommt er zu der durchaus bekannten pädagogischen Weisheit, dass „Fordern und Fördern als Training zur Eigenverantwortung“ zu verstehen ist. Es kommt aufs Tablett die altbekannte Kontroverse „Begabung und Lernen“ (Heinrich Roth, 1969), die der Autor mit dem Rat ergänzt: „Dranbleiben ist alles“; und er diskutiert, welche individuellen und gesellschaftlichen Einflüsse den Leistungswillen massiv reduzieren können. Hier gerät die eher pragmatisch orientierte, pädagogische Auseinandersetzung sogar zu einer wenn auch vorsichtigen Gesellschaftskritik. Es überwiegen die Aspekte, die sich mit der Parole ausdrücken lassen: „Die Hoffnung stirbt zuletzt!“, vor allem dann, wenn es gelingt, im Leben der Menschen die positiven Tugenden wie Humanität, Empathie, Solidarität, Beziehungsfähigkeit, Leistungsbereitschaft und -freude als Leitbilder zu etablieren.

Fazit

Wo in Bildungs- und Erziehungsprozessen Resilienz, Lebenskraft, Lebensfreude und Lebensmut gelebt und vermittelt werden, herrscht Glück, das im philosophischen, anthropologischen Denken und Tun der Menschen mit dem guten, gelingenden Leben gleichgesetzt wird. Wenn es gelingt, „Stanford“ als eine Metapher für ein gutes Leben zu betrachten, das allen Menschen und nicht nur Bevorzugten und Bevorteilten zusteht, kann die Frage „Wo bitte geht´s nach Stanford?“ eine humane und solidarische Bedeutung haben. So möchte ich den Titel und die Informationen in dem Buch gerne verstehen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1221 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 04.10.2017 zu: Isabelle Liegl, Albert Wunsch: Wo bitte geht´s nach Stanford? Wie Eltern die Leistungsbereitschaft ihrer Kinder fördern können. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-407-86450-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23044.php, Datum des Zugriffs 19.10.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!