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Jörg Schlömerkemper: Pädagogische Prozesse in antinomischer Deutung

Cover Jörg Schlömerkemper: Pädagogische Prozesse in antinomischer Deutung. Begriffliche Klärungen und Entwürfe für Lernen und Lehren. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 282 Seiten. ISBN 978-3-7799-3475-2. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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„Es gibt nichts Neues – außer man tut (denkt) es!“ Mit dieser frei nach Erich Kästners Erkenntnis markiert der em. Professor vom erziehungswissenschaftlichen Institut der Frankfurter Goethe-Universität, langjähriger, geschäftsführender Redakteur der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, Bildungspolitik und pädagogische Praxis, „Die Deutsche Schule“, Jörg Schlömerkemper, sein neues Buch, das er einen Versuch nennt, „aus den anhaltenden Schwierigkeiten herauszukommen, in denen die Bildungspolitik und die Bildungsreform seit langem stagnieren“.

Mit seiner These – „Die Bedingungen des Lehrens und Lernens sind unbefriedigend, weil Konzepte und Praxis in vertrauten Denkmustern und in den verfestigten Strukturmerkmalen von Schule und Unterricht verhaftet sind“ – nimmt er auf, was zum einen in der Theorie und Praxis so etwas wie eine „Aussitz-Mentalität“ bewirkt und Tendenzen der Resignation zeigt: „Da kann man ja sowieso nichts machen!“, zum anderen aber formuliert er die Hoffnung und den Optimismus, dass Erziehung und Bildung als andauernder und lebenslanger, immer wieder neuer Prozess einer humanen Entwicklung der Individuen und lokalen und globalen Gesellschaften eines neuen Anstoßes bedarf (vgl. dazu auch: Karl Heinz Bohrer, Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22496.php; sowie: Max Fuchs, Bildung und kulturelle Entwicklung des Menschen. Zur Genese und Transformation von Welt- und Selbstverhältnissen in pädagogischer Perspektive, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22681.php).

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert das Buch in elf Kapitel.

Im ersten, einführenden Teil verdeutlicht er mit seiner kennzeichnenden Fokussierung auf „Antinomisches“ im Lern- und Bildungsprozess, dass bestimmte, in der erziehungswissenschaftlichen Theorie ausgewiesenen und in der pädagogischen Praxis angewendeten Konzepte „nicht unbedingt zueinander passen, dass es unterschiedlich motivierte Widerstände gibt und dass auch die Erfahrungen nicht einheitlich sind“.

Im zweiten Kapitel diskutiert er „aktuelle Baustellen“, wie einer allgemeinen und undifferenzierten Schulkritik, Erwartungshaltungen und Veränderungsprozessen, die sich für die Institution Schule durch Einstellungen und Verhaltensweisen von Schülerinnen und Schülern ergeben, den verschiedenen Erwartungshaltungen und Ansprüchen von Eltern an die Schule, den unterschiedlichen Anschauungen und Zuweisungen über die gesellschaftlichen Funktionen von Lehrenden, und den gesellschaftlichen Auffassungen zum Lernen und zur Leistung. Er diskutiert dabei auch die „System“- Frage(n), die sich aus der (unbefriedigenden – und ungelösten!) Situation ergeben und zum einen in den (durchaus) erkennbaren Veränderungsprozessen im traditionellen, dreigliedrigen Schulsystem sichtbar werden und eine grundsätzliche Entscheidung für eine „Schule für alle“ verhindern.

Diese angedeuteten Problemstellungen und Imponderabilien werden in den folgenden Kapiteln differenziert thematisiert, z.B. im dritten Kapitel mit der Frage: „Was sind Antinomien?“. Schlömerkemper diskutiert die verschiedenen Deutungen, wie sie sich im theoretischen und praktischen, pädagogischen Diskurs darstellen: Als dialektische, kommunikationstheoretische, interaktionistische Deutungen, mit dem Ziel, von einer „Differenzorientierung“ hin zu einer „Profilorientierung“ zu kommen.

Im vierten Kapitel werden Vorschläge zur begrifflichen Klärung der in der pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Diskussion mit unterschiedlichen Intentionen und Wirkungen benutzten Begriffe „Sozialisation, Erziehung, Bildung“ gemacht. Die Ausdifferenzierung dieser nicht selten im gesellschaftlichen Prozess als undifferenzierte Schlagwörter benutzten, erwartungs-, bedeutungs- und forderungsverschiedenen Argumentationen stellen eine verdienstvolle, gesellschaftspolitische Arbeit dar; und sie deuten eine notwendige Bildungs- und Schulkritik an.

Diese wird im fünften Kapitel geleistet, indem der Autor nach den „Funktionen der Schule in antinomischer Deutung“ fragt. Schlömerkemper widerspricht dabei den traditionellen Zuweisungen, wie sie als „Qualifikations-, Selektions- und Legitimationsfunktion“ bekannt sind. Er kritisiert, dass diese in ihren Zuschreibungen „wenig trennscharf und kategorial nicht vergleichbar“ sind. Er setzt dagegen die antinomischen Dimensionen des Qualifizierens als kognitive und emotionale Lebensbewältigungsstrategien und des Habituierens als stabile und gelingende Prozesse. „Für die Entwicklung eines konstruktiven und kooperativen ‚Habitus‘ sind Aufgaben zu bearbeiten, an denen die inhaltliche Sinnhaftigkeit entsprechender Tätigkeiten erfahren und eine subjektive Befriedigung erlebt werden kann“.

Die Zielsetzungen und Aufgaben der Schule im antinomischem Sinn lassen sich mit einer Kritik an deren „traditionellen Rahmungen“ erkennen, die der Autor im sechsten Kapitel aufzeigt. Es ist die Auseinandersetzung mit „vermeintlich homogenen Lerngruppen“ und mit dem Begriff der (überholten) Homogenität, wie sie dem dreigliedrigen Schulsystem zugrunde liegt, und es sind die Lösungsvorschläge für eine „differenzorientierte Lernorganisation“.

Im siebten Kapitel werden „Aufgaben und Ziele schulischer Erziehung“ im Sinne eines antinomischen Bildungsbegriffs einer „Erziehung im Medium der Kultur“ reflektiert. Es sind Anforderungen für „soziale Sensibilität“, für eine „Erziehung zur Demokratie“, zur „Entwicklung von Werthaltungen“, zur „Stärkung der Persönlichkeitsentwicklung“, zur „Anerkennungskompetenz“, zur „Motivationsfähigkeit“ und zur „Leistungsbereitschaft“.

Aus diesen strukturellen Überlegungen entwickelt Schlömerkemper im achten Kapitel „Konzepte schulischer Erziehung“. Sie zeigen sich als antinomische Konstellationen durch die Auseinandersetzungen mit „Verschiedenheit / Heterogenität“, „Kompetenz“, „Didaktik“ und „Lernen“.

Im neunten Kapitel werden diese Anforderungen und Strukturen als „Leitbilder“ herausgestellt, und zwar als „Personale Entfaltung in pluralen Erfahrungen“.

Im zehnten Kapitel wird die Frage nach dem Lernen gestellt: „Wie können sich im Rahmen institutionalisierten und formellen Lernens und Lehrens die Individualität und die Subjekthaftigkeit der Heranwachsenden entfalten?“. Es sind zum einen die individuellen Bedürfnisse in einer (wünschenswerten) humanen (Einen?) Welt, die den Heranwachsenden als „eigenständig-autonome Person“ ernst nimmt, zum anderen die lokalen und globalen, sozialen und (inter-)kulturellen Anforderungen als verantwortungsbewusste, soziale und kulturelle Lebewesen.

Im elften Kapitel werden diese Gedanken als „kooperatives Lernen und Arbeiten“ in den schultheoretischen, erziehungswissenschaftlichen Diskurs eingeordnet.

Im abschließenden zwölften Kapitel bringt der Autor Lösungsvorschläge ein und diskutiert die notwendigen Folgerungen, wie sie sich für eine „antinomische“ Schule anbieten. Selbstverständlich ergibt sich daraus die Notwendigkeit zur Schul- und Bildungsreform; und der Autor widerspricht heftig der allzu wohlfeil und undifferenziert geäußerten Aufforderung, „die Schule endlich in Ruhe zu lassen“; vielmehr ruft er auf, dass „Forschende und Praktiker sensibler werden für antinomische Strukturen und Prozesse…, dass sie diese besser verstehen, sich besser darüber austauschen… und schließlich erfolgreicher handeln“.

Fazit

Jörg Schlömerkemper bringt die Argumente für „pädagogische Prozesse in antinomischer Deutung“ gewissermaßen „freihändig“ dadurch ein, dass er die diskutierten wissenschaftlichen, theoretischen und praktischen Verweise auf den Fachdiskurs in der Druckfassung des Buches nicht mit Literaturangaben ausweist; vielmehr bietet er eine kommentierte elektronische Datei dazu auf seiner Homepage www.jschloe.de an. Mit seinen Überlegungen und Vorschlägen will der Autor die Grenzen Eingrenzungen und Einzäunungen im pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen, theoretischen und praktischen Denken und Handeln aufzeigen und „theoretisch-konzeptionell öffnen und für die Praxis Organisationsformen entwickeln“. Die „antinomischen Deutungen“ sollten in der Lehreraus-, -fortbildung und beim sozialpädagogischen Denken und Handeln Beachtung finden!

Gewissermaßen als chuzpige Ergänzung zu Arbeiten von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die nach ihrer aktiven, beruflichen Tätigkeit publizieren, möge dem Rezensenten (mea culpa, moi-même) erlaubt sein, die obstruse, obsistate, obsolete, obstruktive (und obszöne?) Frage danach zu stellen, welche Bedeutung und welchen Einfluss diese Arbeiten auf den aktuellen pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Diskurs haben. Es sind die immer wieder belebenden, kritischen und weiterführenden, publizierten Beiträge von Theoretikern und Praktikern „out of job“. Dabei wird natürlich nicht gefordert, dass sich „im Ruhestand“ befindliche Expertinnen und Experten aus dem aktuellen, fachlichen Diskurs heraushalten sollten; vielmehr wird gefragt, ob etwa eine zeitliche Distanz von der beruflichen Praxis (und Stress) dazu beiträgt, theoretische und praktische Reflexionen zu befördern? Das nämlich wäre m.E. auch eine „antinomische Deutung“. Mit dieser Replik will ich anregen, in einer Studie, einer Dissertation oder einer Habilitation dieser Frage nachzugehen und vielleicht damit sogar die Antinomie von empirischer und hermeneutischer Forschung aufzuzeigen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.07.2017 zu: Jörg Schlömerkemper: Pädagogische Prozesse in antinomischer Deutung. Begriffliche Klärungen und Entwürfe für Lernen und Lehren. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3475-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23045.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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