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Andrea Köhler: Scham. Vom Paradies zum Dschungelcamp

Cover Andrea Köhler: Scham. Vom Paradies zum Dschungelcamp. zu KLAMPEN! Verlag (Springe) 2017. 151 Seiten. ISBN 978-3-86674-551-3. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.
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Thema

Andrea Köhlers Essayspürt den vielfältigen und ambivalenten Spuren nach, die die Scham im Alltag, in der Politik, der Kindererziehung, der Literatur, der Kunst und in den sozialen Medien hinterlässt. Die Autorin arbeitet heraus, wie prägend die Macht der Scham für unser persönliches und gesellschaftliches Leben auch heute noch ist: „Kaum eine Empfindung besitzt mehr Macht im Alltag und kaum eine ist heutzutage tabuisierter als sie. Obwohl sie scheinbar zuerst auf das Sexuelle zielt, trifft sie uns ganz, Körper und Seele zugleich.“ Sie richtet ihren Blick aber auch auf die positive Seite der Scham: „Doch als Mechanismus, der die empfindlichsten Anteile der Persönlichkeit schützt, ist das Schamgefühl nicht nur ein moralischer Kompass, sondern auch eine Schildwache der Integrität – obgleich sein Stern im heutigen Selbstdarstellungsrummel zu sinken scheint“.

Autorin

Andrea Köhlerist Jahrgang 1957, stammt aus Bad Pyrmont, und studierte Germanistik und Philosophie in Braunschweig und Freiburg. Seit den frühen 80iger Jahren ist sie als Journalistin tätig. Zunächst arbeitete sie als Kulturkorrespondentin in Paris. 1995 trat sie in die Feuilletonredaktion der »Neuen Zürcher Zeitung« ein. Als deren Kulturkorrespondentin lebt sie heute in New York.

Aufbau und Inhalt

Das Essay widmet sich dem Thema in 22 kurzen Kapiteln auf 151 Seiten.

Im Eingangskapitel „Maskenbildnerin“ unternimmt die Autorin zunächst den Versuch einer Annäherung an das Thema und kommt zum – berechtigten – Schluß, dass „Ragt die Scham auch in alles, was uns betrifft, so ist sie zugleich doch so persönlich, das ich ein dieser Stelle ein Bekenntnis ablegen muss: Trotz allen Nachdenkens über die Scham bin ich ihrem genuinen Geheimnis nicht näher kommen. Bis mir aufging, das es die paradoxe Natur der Scham selber ist, dass sie sich, auch wenn sie sich zeigt, immer entzieht. Man kann sie einkreisen – fassen wird man sie nie.“ (9)

Im Kapitel „Intermezzo: Beschämt“ berichtet Köhler von einer Mitschülerin aus der eigenen Schulzeit, die eindeutig als Geflüchtete zu erkennen, von denen anderen beschämt wurde, knüpft aber zugleich ein thematisches Band zu den Aspekten Schuld und Scham.

„Am Nacktbadestrand – der Prozess der Zivilisation“ leitet über in erste Definitionsversuche des Schambegriffes und die wichtigsten kulturhistorischen und sozialphilosophischen Einordnungen vor allem am Exempel von Norbert Elias, Hans Peter Duerr und Max Scheler.

Unter dem Stichwort „Kulturen der Schamlosigkeit“ setzt sich die Autorin vor allem mit dem Zusammenhang von Scham, Schamlosigkeit und Wertemangel bzw. Werteverlust auseinander. Dabei nimmt sie insbesondere Bezug auf die in diesem Zusammenhang grundlegenden Ausführungen des schweizerisch-amerikanischen Psycholanalytikers Léon Wurmser.

Ein weiteres Intermezzo schließt sich an und widmet sich unter dem Titel „ Akrobaten der Schamlosigkeit – der Hochstapler“ dem Thema Schamlosigkeit am Beispiel des New Yorker Finanzjongleurs Bernard Madoff.

Schamlosigkeit wird im anschließenden Kapitel noch weiter vertieft. Die Autorin ordnet sie exemplarisch ein in den Kontext von Konsumexzessen und maßlosen Managergehältern, Banken- und Finanzdienstleistungskrise. Dabei arbeitet sie auch eine der positiven Dimensionen der Scham heraus: „Denn das Schamgefühl ist ein schmerzhaftes Korrektiv. Um uns nicht schämen zu müssen, versuchen wir Fehler nicht zu wiederholen.“ (40). Dieses Regulativ behält natürlich nur solange seine Wirksamkeit und Bedeutung, solange nicht dass System selbst auf Schamlosigkeit fußt (45), denn „mit der Weigerung, in solchen Situationen individuelle Verantwortung zu übernehmen, geht aber auch das Schamgefühl als Regulativ verloren.“ (49).

Im nächste Intermezzo geht es um die (literarische) Sprache als Forum der Scham, beispielhaft dargstellt an Peter Handke und Robert Walser.

In allen Publikationen über Scham ist die Abgrenzung zur Schuld ein wichtiges Thema, so auch hier. Unter dem schönen Titel „Schuld wiegt, Scham brennt“ widmet sich Andrea Köhler dieser Frage. Sie nimmt Bezug auf die klassische Abgrenzung von Ruth Benedict aus den 50er Jahren, läßt aber auch die politische Dimension des Themas – also die Frage nach der Kollektiven Schuld durch die Shoah – nicht aus dem Blick. Für ihre Abgrenzung der beiden Begriffe ist u.a. wichtig: „ Scham und Schuld sind eng miteinander verschwistert und gehen meist Hand in Hand. Doch gibt es ein paar gravierende Unterschiede – wenn sie im Erleben nicht immer leicht auseinander zuhalten sind. Schuld entsteht in der Vertretung von Verboten, Scham im Verfehlen verinnerlichter Ideale. Denn Schuld bedeutet immer Verantwortlichkeit; schämen können sich auch die Opfer. So betrifft das Schuldgefühl zumeist eine bestimmte Tat, das Schamgefühl jedoch die ganze Person. Für die Scham charakteristisch ist das Empfinden einer grundlegenden Selbstentwertung, das Gefühl, klein, nichtig, schmutzig oder verächtlich zu sein. Schuld dagegen ist das Wissen, durch eigenes Handeln eine Norm verletzt, ein Verbot übertreten zu haben.“ (58f).

Das nächste Intermezzo mit dem Titel „Vorm Spiegel“ rekurriert zum einen darauf, dass Scham wie Wurmser es einst ausdrückte, der Augen eines Anderen bedarf, zum andern auf das menschliche Bedürfnis „nach Freiheit von der Scham“(61).

Das Kapitel „Augenlust und Ideal“ nimmt Bezug zur biblischen Geschichte von Eva und Adam, aber auch zur Kunstgeschichte und schlägt zugleich den Bogen zum modernen Schönheitswahn und Werbeindustrie und deren Bezügen zur menschlichen Schamanfälligkeit.

„Through the looking glasses – Reality shows“ titelt das nächste Kapitel, auch wenn es zunächst das Thema sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt am Beispiel von Strauss-Kahn, Bill Clinton und Anthony Weiner aufgreift. An Sendungen wie „Germany´s next Top Model“, „Real Housewives“ werden exemplarisch Beschämung und Peinlichkeit diskutiert.

„Scham rührt an die stets sprungbereite Angst, verlassen zu werden. Diese Angst, die aus den frühesten Zeiten der Kindheit stammt und in der Erziehung nicht selten instrumentalisiert wird, steckt zuletzt in allen Anpassungsleistungen, die wir aus Gründen der Schamvermeidung befolgen. Wir beugen uns den Regeln der Eltern oder den Namen der Gruppe weit öfter, um zu gefallen, als aus Einsicht oder Vernunft. Die Angst, nicht zu genügen, provoziert Scheu – und oft eingebildete – Gefühl von Unterlegenheit. Schamhaftigkeit ist eine verschärfte Variante der Schüchternheit, beide dienen dazu, Situationen, die eine Herabsetzung oder Ablehnung provozieren könnte, von vorneherein zu vermeiden.“ (81) – Im Kapitel „Der Stachel der Scham – Gesichtsverlust“ geht Andrea Köhlerden mit der Scham assoziierten negativen Folgen nach und arbeitet heraus, dass Scham immer die ganze Person trifft – in all ihren Bezügen, im gesamten Sein.

Der entwicklungspsychologischen Spur der Scham folgt Köhler im Kapitel „Am Online-Pranger – Scham und Pubertät“ und richtet ihr besonderes Augenmerk wie im Titel angekündigt auf die Pubertät, in der dann auch die Scham eine besondere Bedeutsamkeit entfaltet. So formuliert die Autorin meisterhaft: „dort, wo die Märchenzeit aufhört und unser Alltag beginnt, ist der Kuss des Prinzen nichts anderes als der Moment, da unser fremdes Ich die Augen aufschlägt. Im Prozess des Zurweltkommens ist diese Krisis der Identität die folgenreichste, weil mit ihr auch das Bewusstsein der eigenen Fragilität seine Krallen ausfährt. Keine andere Lebensphase ist stärker mit Scham besetzt als jene, in der der Geschlechtstrieb die kindliche Unschuld verliert.“ (89).

Ein nächstes Intermezzo thematisiert das Sprechen über Andere (hinter deren Rücken) und das dabei Erwischtwerden.

Inwiefern Schamvorstellung im weitesten Sinne kulturbedingt sind und inwiefern sich dies durch die Digitalisierung heute verändert – etwa das Telefonieren via Handy – ist Gegenstand der Betrachtungen im nächsten Kapitel „Anstand und Abstand“.

Das nächste Intermezzo „Entblößt“ bereitet das nächste Kapitel vor, in dem es um Beschämung als (vermeintliche) Erziehungsmethode geht: ein vierjähriges Mädchen, das weil es seine Hose einnässte, zur Strafe ohne Höschen den nachmittäglichen Spaziergang absolvieren musste und dies lebenslang nie vergaß. Im Folgekapitel schlägt die Autorin unter anderem auch einen wichtigen Bogen zum Feminismus- und Pornographiediskurs.

Im Kapitel „Der Kern des Selbst“ arbeitet Andrea Köhler am Beispiel von Franz Kafkas „Brief an den Vater“ die toxische, zerstörerische Seite der Scham heraus: „ Es sind die kindlichen Momente des Nichtwahrens unsere Schamschwellen, die sich dem Gedächtnis besonders einprägen: die Zurschaustellung von Missgeschicken und Mängeln und die Nichtachtung kindlicher Grenzen.Chronisch unzureichende Zuwendung führen im Extremfall zu einer Persönlichkeitsstörung, einem existenziellen Schamgefühl, das dem Bewusstsein meist nicht mehr zugänglich ist. Umso gefährlicher ist der Stachel, gegen den es löckt.“ (111).

Köhler berichtet von der Performance „The artist ist present“ der Künstlerin Marina Abramovic als eine Form, mit sich und der Welt ins Gericht zu gehen und sich dabei selbst zu entblößen. Weiterhin nimmt sie u.a. auf Beuys und Ai Weiwei Bezug.

„Scham und Gewalt“ stehen im Mittelpunkt der anschließenden Überlegungen Köhlers. Sie nimmt dabei gleichermaßen Bezug auf das Alte Testament, die Platonische Philosophie, Nietzsche, Adorno, Sloterdijk, Wurmser, Shakespeare und Kafka.

Ein kurzer Text über den – vielleicht zunächst unerwarteten – Zusammenhang von Scham und Dankbarkeit schließt sich an, bei dem die Autorin zu der interessanten Schlussfolgerung kommt: „insofern hat das Danken Teil an den Ritualen der Scham: wir anerkennen, dass wir in der Schuld eines anderen stehen. Das ist nicht immer eine angenehmes Gefühl. Es ist der eigentümliche Zwiespalt der Dankbarkeit, sowohl ein moralischer Imperativ als auch eine seelische Reaktion zu sein, der sie für die Ambivalenz der Scham so anfällig macht: Nur im besten Fall macht das Gefühl wirklich mit.“ (141)

Ihr abschließendes Kapitel stellt die Autorin unter den Titel „Der Schleifstein unserer Empfindlichkeit“ und betont noch einmal zusammenfassend die Vielschichtigkeit, aber auch die positiven und stärkenden Dimensionen der Scham, sowohl in individueller als auch in sozialer Hinsicht: „Scham stellt sich ein, wenn wir uns einzugestehen vermögen, dass wir nicht so sind, wie wir gerne wären. Dafür muss der einzelne sich von der Schlacke der Konvention befreien. Wer die Scham mit seiner Selbstachtung zu versöhnen weiß und nicht im Verhaltensgeschirr des Konformismus verharrt, vermag im Schamgefühl einen Verbündeten zu entdecken. Dann verliert es sein lähmendes Potenzial und ermöglicht jede flexible Geisteshaltung, die uns Zugang zu unserem besten Kräften verschafft: der Fähigkeit, uns selbst zu erkennen, und dem Glück, zu lieben.“

Diskussion und Fazit

Erfreulicherweise wurden in den letzten Jahren einige Bücher veröffentlicht, die nicht nur – zu Recht – die toxische Dimension von Scham entlarven – sondern die darüber hinaus auch die Ressourcen betonen, die mit Scham verbunden sein können, etwa im Hinblick auf die Identifikation und Inangriffnahme der persönlichen Weiterentwicklungspotentiale, die sozialen Implikationen und auch politisch-kulturelle Fragestellungen. Zu diesen Büchern gehört zweifellos auch Köhlers Essay. Dabei berührt ihre wunderbare Sprache und ihr umfangreiches Wissen aus Literatur, Philosophie und Kultur überzeugt. Sehr schöne zusätzliche Geschenke sind zudem die literarischen und philosophischen Zitate am Eingang eines jeden Kapitels. Eine sehr inspirierende Lektüre!


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 06.12.2017 zu: Andrea Köhler: Scham. Vom Paradies zum Dschungelcamp. zu KLAMPEN! Verlag (Springe) 2017. ISBN 978-3-86674-551-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23048.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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