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Patrick Oehler, Nadine Käser u.a. (Hrsg.): Emanzipation, Soziale Arbeit und Stadtentwicklung

Cover Patrick Oehler, Nadine Käser, Matthias Drilling, Jutta Guhl, Nicola Thomas (Hrsg.): Emanzipation, Soziale Arbeit und Stadtentwicklung. Eine programmatische und methodische Herausforderung. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 390 Seiten. ISBN 978-3-86388-747-6. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
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Thema

Eigentlich liegt es auf der Hand, wenn man die europäische Stadt betrachtet. Der Begriff der Emanzipation ist konstitutiv mit der Geschichte der bürgerlichen Stadt verbunden. Die Emanzipation aus feudalen Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnissen, von Fürsten, Bischöfen und Adel hat die Stadt in Europa zu einer besonderen politischen Organisation geführt, in der die Bürger sich selbst regierten und nicht mehr regiert werden.

Dass also Emanzipation etwas mit der Stadtentwicklung zu tun hat, dass Städte in ihrer Entwicklung nicht nur auf Partizipation ihrer Bürgerschaft angewiesen sind, sondern auch auf einem vom Individuum selbst verantworteten und in freier Entscheidung gewollten bürgerschaftlichen Engagement, gehört zur Emanzipationsgeschichte der Europäischen Stadt. Nicht allen in der Stadt gelingt dies – und das ist die Herausforderung für die Soziale Arbeit.

Herausgeberinnen und Herausgeber

  • Dr. Patrick Oehler ist Sozialpädagoge und Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter am Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung.
  • Nadine Käser, M.A. ist Sozialwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am selben Institut.
  • Prof. Dr. Matthias Drilling ist Sozialgeograph und Raumplaner und Leiter des Instituts Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung.
  • Jutta Guhl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am selben Institut.
  • Nicola Thomas, M.A. ist Soziologin und Urbanistin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am selben Institut.

Das Institut gehört zur Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit, Basel.

Autorinnen und Autoren

Die übrigen Autoren kommen aus den Bereichen der Erziehungswissenschaften, der Kinder- und Jugendhilfe, der Geographie, der Stadtplanung und -forschung, der Sozialarbeit und der Sozialpädagogik sowie der Architektur.

Aufbau und Einleitung

Das Buch gliedert sich nach einer Einleitung der Herausgebergruppe in folgende vier große Kapitel:

  1. Theoretische Perspektiven
  2. Empirische und vergleichende Analysen
  3. Praxisbezogene Einblicke und Reflexionen
  4. Methodische Ansätze

Im Einleitungskapitel („Soziale Arbeit und Stadtentwicklung – Emanzipation als neue Leitperspektive?“ von Patrick Oehler, Matthias Drilling, Nadine Käser, Nicola Thomas) stellt das Herausgeberteam sein Anliegen vor. Nach einer kurzen kritischen Betrachtung des Emanzipationsbegriffs in Abgrenzung zum Begriff der Partizipation werden die unterschiedlichen Emanzipationsverständnisse vorgestellt und ausführlich erörtert.

  • Emanzipation im römischen Recht – ein integratives Emanzipationsverständnis
  • Emanzipation in der bürgerlichen Stadt – ein freiheitliches Emanzipationsverständnis
  • Emanzipation im Marxismus und in der kritisch-emanzipatorischen Sozialen Arbeit – ein befreiendes Emanzipationsverständnis
  • Emanzipation in der Postmoderne – ein paradoxes und reflexives Emanzipationsverständnis

Dann werden kurz die unterschiedlichen Positionen dargestellt, die sich mit der Emanzipation im Kontext Sozialer Arbeit beschäftigen, um dann auf die Emanzipation in der Stadtentwicklung zu kommen. Es geht um den Versuch, ein multiperspektiv beleuchtetes Konzept der Stadtentwicklung als eine mögliche emanzipatorische Praxis der Stadtentwicklung zu reformulieren (24). Dabei stellt sich die Frage, inwiefern die mit Partizipation belegten Formen der Mitgestaltung und Einflussnahme in der Stadtentwicklung emanzipatorische Potentiale enthalten. Die Konturierung der Begriffe Emanzipation und Partizipation soll dazu auch helfen, beide in ein konstruktives Verhältnis zueinander zu setzen.

Im Folgenden werden dann noch die Intentionen der einzelnen Beiträge kurz erläutert.

Zu I. Theoretische Perspektiven

Zu: Emanzipation und Lebensweltorientierte Soziale Arbeit im städtischen Raum (Hans Thiersch)

Mit Hans Thiersch verbinden wir die sozialpädagogische Perspektive der Emanzipation und sicher ist es schwierig, dies auf die urbane Lebensweise zu beziehen. Der Autor geht zunächst auf das Verhältnis von Emanzipation und Freiheit ein und entwickelt ein historisches und analytisches Verständnis von Emanzipation im Kontext von Freiheit, Befreiung, frei sein.

Danach geht es Thiersch um drei Punkte:

  1. Im sozialen Kontext ist Emanzipation immer mit Spannungen verbunden. Die Befreiung des Menschen aus Unfreiheiten und Unmündigkeiten steht in einem Spannungsverhältnis zu einer Befreiung unter der Bedingung einer geschützten Entfaltung privater, individueller und ökonomischer Befreiung.
  2. Emanzipation in kein Zustand, sondern ein Konzept, das im Laufe seiner Entwicklung zu sich selbst kommt (38) und das die Neuzeit weitgehend mit geprägt hat, mit Konflikten und Widersprüchen verbunden ist und letztlich noch nicht zu einem Ende gekommen ist.
  3. Gerade die moderne Gesellschaft macht mit ihren Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen deutlich, wie entgrenzt gesellschaftliche Strukturen sind. Aber dennoch stehen sich ökonomisch und technologisch bestimmte Interessen sozialen Interessen gegenüber und deshalb ist auch im Alltag Emanzipation immer noch ein Projekt.

Der Autor kommt dann zu Emanzipation in der Stadt,; er beschäftigt sich mit der Stadt als Lebensraum mit der ihr eigenen Urbanität, mit der sozialen Spaltung der Stadt in privilegierte und deprivierte soziale Räume, um dann zu fragen, welchen Anteil Soziale Arbeit an der Stadtgestaltung haben könnte.

Zum Schluss geht Thiersch auf die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit im Kontext der Gestaltung des Stadtraums ein. Denn Emanzipation bestimmt auch das Konzept einer kritischen Lebensweltorientierung. Es sieht Ungerechtigkeiten in sozialen und kulturellen Strukturen, in der sozialräumlichen Ausstattung der Quartiere und damit in den Lebensbedingungen und den Bedingungen, unter denen Bedürfnisse und Interessen realisieren können, die Menschen im Kontext ihres unmittelbaren sozialräumlichen Umfeldes haben. Dies wird ausführlich entfaltet.

Zu: Planen vor der Herausforderung gelingender Partizipation, Rechtsstaatlichkeit und Emanzipation (Axel H. Schubert)

Es geht in diesem Beitrag nicht um die Frage, inwieweit – wenn überhaupt – planendes Verwaltungshandeln Emanzipation befördert oder nicht. Vielmehr geht es um den Handlungscharakter von Emanzipation, der stets auf das Individuum bezogen ist.

Der Autor geht mit diesen Fragen kritisch um und fragt zunächst nach dem Emanzipationsgrund und -verständnis. Von was kann Emanzipation im Kontext von Planung befreien? Stellt sich überhaupt die Planung die Frage, ob Emanzipation von der Planungslogik her erforderlich ist. Der Autor setzt sich mit einigen Planungsthemen auseinander und diskutiert sie in Blick auf Emanzipationschancen und -erfordernissen. Ist Planung als Ausübung von Herrschaft zu verstehen und Emanzipation ein erforderliches Instrument der Befreiung von Herrschaftszwängen? Diese Fragen werden ausführlich erörtert, um dann Emanzipation als (post-)fundamentale Herausforderung ausführlich zu diskutieren.

Was ist gelingende Partizipation? fragt der Autor dann weiter. Schließlich hat seit den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts Partizipation an der Stadtplanung eine Tradition, die vom Autor aufgeführt wird. Dabei ist sicher auch die Erfahrung von Enttäuschung im Spiel, wenn Demokratisierung nicht so gelingt, wie sich die Akteure das vorstellen, wenn die Vertretung „für unten“ nicht gelingt, weil die Mandatsfrage nicht eindeutig geklärt ist oder weil die Akteure „auf der anderen Seite“ zu mächtig sind.

Die Frage des Rechtsstaats ist auch eine Frage hoheitlichen Handelns des Staats, dessen Gewaltmonopol und der Herrschaftsrolle der Bürokratie und bürokratischer Herrschaft. Der Autor diskutiert zunächst Habermas´ diskurstheoretische Überlegungen zu Recht und demokratischem Rechtsstaat und fragt dann wie weit das transzendentale Diskursprinzip reicht. Nach einer ausführlichen Diskussion einschlägiger Protagonisten kommt der Autor zur Kritik am Konsens und der Bedeutung der Dissenserklärung.

Schließlich diskutiert der Autor sein Anliegen, nach der Binnenperspektive handelnder Individuen zu fragen. Was könnte sie motivieren, was hindert sie daran, den Weg der Emanzipation einzuschlagen? Dies wird ausführlich erörtert und mit einer komplexen Graphik veranschaulicht.

Zu: Die Achtsame Stadt: Partizipation, Perspektivenvielfalt und eigensinnige Handlungsräume als notwendige Bedingungen urbaner Zukunftsfähigkeit (Annette Harth)

Nach einer kurzen Einschätzung der Gestaltungsmöglichkeiten kommunaler Planung und der Darstellung der aktuellen Herausforderungen für die Städte umreißt die Autorin das Konzept einer achtsamen Stadt. Dabei führt sie mit der Diskussion um den Begriff der Achtsamkeit auch in anderen sozialen Kontexten zum Thema hin und betrachtet den Begriff aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Autorin geht auf zwei Perspektiven besonders ein: auf die Risiko- und Organisationsforschung und auf die Nachhaltigkeitsforschung. Beide Perspektiven werden ausführlich diskutiert, Forschungen werden zitiert und entwickelte Ansätze werden vorgestellt, bevor die Autorin zu Praxisbespielen kommt. Diese Beispiele beziehen sich

  • auf das Aufspüren unbeachteter problemlösender Handlungsweisen,
  • auf die Erforschung räumlicher Atmosphären,
  • auf ungewohnte Perspektiven und das Verlassen bewährter und selbstverständlicher Routinen,
  • auf die Sensibilität für (verborgene) soziale Ressourcen,
  • auf die Perspektivenvielfalt durch Partizipation und
  • auf experimentelle Veränderungen in eigenen Handlungsräumen.

In ihrem Fazit geht die Autorin auf vier zentrale Dimensionen der achtsamen Stadt ein:

  1. Differenzierte Analysen sind wichtig, die verschiedene Methoden bedienen (statistische Sozialberichterstattung, stadtpolitische Diskurse).
  2. Im Mittelpunkt steht die soziale Integration der Stadtgesellschaft.
  3. Es geht um die Installierung einer Kultur der Partizipation.
  4. Freiräume für eigen-sinniges Handeln sind notwendig.

Zu II. Empirische und vergleichende Analysen

Zu: Soziale Stadtentwicklung in trinationaler Perspektive (Martin Becker, Jutta Guhl, Bruno Michon)

Grundlage des Beitrags ist ein Kooperationsprojekt in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Die Forschungsmethoden werden einleitend benannt.

Zunächst geht es um Grundlagen und das Anliegen einer sozialen Stadtentwicklung. Dazu werden die von der UNO 1992 verabschiedete „Agenda 21“ ebenso herangezogen, wie die EU-Charta Leipzig 2007. In beiden Papieren ist von den sozialen, ökologischen, ökonomischen Herausforderungen die Rede und die besondere Verantwortung der Kommunen wird hervorgehoben. Das deutsche Programm Soziale Stadt hat Pendants in Frankreich (Politique de la Ville) und in der Schweiz (Projets Urbaine).

Im Folgenden werden die drei nationalen Stadtentwicklungsprogramme vorgestellt. In Frankreich ist es das Programm Habiat et vie sociale (1977). Dabei stellt sich die Politique de la ville als eine Politik dar, die zu einer positiven territorialen Diskriminierung geführt hat.

Das 1999 in Deutschland installierte Programm Soziale Stadt ist ein Städtebauförderungsprogramm und versucht einen integrativen Ansatz der Aufwertung benachteiligter Stadtviertel.

Das Schweizer Programm Projet Urbaine (2008) hat das Ziel der gesellschaftlichen Integration in Wohngebieten, die besondere Anforderungen an die Verbesserung der Lebensqualität stellen.

Danach werden eine Reihe von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den Programmen vergleichend dargestellt.

Weiter wird auf drei zentrale Themen eingegangen: auf Bewohnerbeteiligung, auf soziale Mischung, und auf die Integration der Bevölkerung mit Migrationsgeschichte.

Bewohnerbeteiligung ist in allen Programmen ein Thema. In Frankreich findet diese zwischen verordneter Teilnahme und Empowerment statt, in Deutschland ist Netzwerk- und Gemeinwesenarbeit bzw. Quartiersmanagement die Basis der Beteiligung.

Durch eine soziale Mischung erhoffen sich alle Programme eine bessere Qualität der Integration und des Lebens im Quartier. Dies wird ausführlich unter Bezug auf die klassischen stadtsoziologischen Protagonisten begründet.

Das Gleiche gilt auch für die Thematisierung der ethnischen Zusammensetzung der Quartiersbevölkerung. Die Autorengruppe stellt große Unterschiede in der Thematisierung fest. In Frankreich findet die Autorgruppe eine vergleichsweise geringe Berücksichtigung des Themas fest. Dies wird für Frankreich historisch mit der besonderen Situation seit der Französischen Revolution und ihren Idealen begründet.

Zu: Bürgerhaushalte im Spannungsfeld von Partizipation und politischer (Un-)Gleichheit (Nuria Hoyer)

Einleitend geht die Autorin auf einige prominente Erscheinungsformen einer „Legitimationskrise der Demokratie“ ein und erläutert die besondere Bedeutung der Bürgerhaushalte für die Installierung und Entwicklung der Partizipation.

Danach betrachtet die Autorin den Bürgerhaushalt, geht auf seine Geschichte ein und auf seine Prinzipien. Der Bürgerhaushalt ist in der brasilianischen Stadt Porto Alegre Ende der 1980er Jahr entstanden und hatte das Ziel, die Menschen wieder in demokratische Prozesse einzubinden. Die Autorin geht dann noch auf ein anderes südamerikanisches Beispiel ein und beschreibt dann ausführlich den Bürgerhaushalt und die Kiezkasse in Treptow-Köpenick. Der institutionelle Rahmen ist in Deutschland die Lokale Agenda 21. Bürger sollen bei der Verwendung lokaler Finanzen mitentscheiden können. Dies wird ausführlich begründet, um dann in der Schlussbetrachtung die Bürgerhaushalte von Porto Alegre und Berlin Treptow- Köpenick mit einander zu vergleichen.

Zu: Stadtentwicklung als Emanzipationsprojekt bottom up? Empirische Befunde internationaler Sozialraumforschung (Anselm Böhmer)

Auf der Basis eines Forschungsvorhabens in Süddeutschland und Südaustralien sollte herausgefunden werden, „welche Menschen den öffentlichen Raum nutzen, wie sie dort ihre sozialen Prozesse gestalten und welche Möglichkeiten auf Teilhabe und Emanzipation ihnen durch die konkrete Stadtpolitik geboten oder eben verwehrt werden“ (139).

In Anlehnung an Foucaults Konzept der Heterotopie wird der öffentliche Raum als ein Ensemble verschiedener, jeweils anderer Räume beschrieben und begründet. Ein weiterer theoretischer Ansatz ist das Subjektivitätskonzept von Zizek, wonach Subjektivität eine Konsequenz sozialräumlicher Gegebenheiten zu verstehen ist und was die Menschen auch veranlasst, sich selbst im Kontext dieser Gegebenheiten zu verstehen.

Die Autorin geht dann auf das Verständnis des sozialen Raums ein, geht auf den politischen Transformationsprozess städtischer Räume ein, die sie mit dem Neoliberalismus verbindet und die zu einer sozialen Ungleichheit im Zugang zum öffentlichen Raum führt.

Weiter stellt die Autorin den untersuchten Raum in Australien – Whitmore Square – vor, diskutiert die damit zusammenhängende Forschungsfrage und stellt dann einige Befunde des untersuchten öffentlichen Raums in Adelaide vor.

Des Weiteren stellt sie Unterschiede zu den Ergebnissen der süddeutschen Studie fest, was die Nutzung der Räume angeht und was das Verständnis eines offiziellen Raums gegenüber einem öffentlichen Raum ausmacht.

Zu: Städtisches Gärtnern als emanzipierende Praxis – Die Aktivierung lokaler Gemeinschaft und der Anspruch auf autonome Produktion städtischer Räume (Simone Tappert, Tanja Klöti, Matthias Drilling)

Der Kleingarten ist eine der Antworten auf die Problematisierung der Lebensverhältnisse in der Großstadt, die im 19. Jahrhundert in eine konservative Großstadtkritik mündete. Der entwurzelte Arbeiter sollte wieder an die Scholle gebunden werden und sollte sozial vernetzt werden, wie es dann viele Vereinsgründungen zu dieser Zeit signalisieren. Das ist der Ausgangspunkt des Beitrags. Die Autorengruppe fragt dann nach der Neuformatierung des Gartens im Zuge der Nachhaltigkeit. Gemeinschaftsgärten signalisieren den Wunsch nach sozialer Kohäsion und Gemeinschaft und das erreicht inzwischen auch die Stadtplanung und den Städtebau.

Damit verbindet das Autorenteam auch eine gouvermentale Praxis, die sie in Anlehnung an Foucaults Begriff der Gouvernementalität begründen. In diesem Begriff verschmelzen das Wort Regieren (gouverner) und Denken (mentalité). Regieren meint dabei zahlreiche unterschiedliche Handlungsformen und Praxisfelder, die auf vielfältige Weise auf die Lenkung, Leitung und Kontrolle von Individuen zielen und Formen der Selbstführung wie der Fremd-Führung umfassen. Die Autorinnen und der Autor beziehen sich dabei auf Böckling, Krasmann und Lemke.

Wie städtisches Gärtnern zu Aktivierung der „Stadtmenschen mit grünem Daumen“ führt, wird an einigen Beispielen verdeutlicht: Guerilla-Gärtnern in Genf als spontane Aneignung, die staatlich kontrolliert wird; die ökologische Stadt Bern in der statt „Betreten verboten“ „Pflücken erlaubt“ ist.

Zum Schluss kommt das Autorenteam zu einer Kritik und Praxis einer emanzipatorischen Sozialen Arbeit, die an den Beispielen anknüpft.

Zu III. Praxisbezogene Einblicke und Reflexionen

Zu: Naturnahe Freiräume für Kinder und mit Kindern planen und gestalten – ein wertvoller Prozess! (Timo Huber, Carlo Fabian)

Wie können kindergerechte und zugleich naturnah gestaltete Freiräume partizipativ entwickelt werden? Die Autoren beschreiben ein Programm einer naturnahen und kinder- und jugendgerechten Quartiers- und Siedlungsentwicklung im Schweizer Kanton Aargau.

Der Beitrag befasst sich mit den Fragen, inwieweit partizipative Prozesse zur Gestaltung von Lebenswelten auch eine emanzipatorische Wirkung entfalten können, und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Partizipation, Empowerment und Emanzipation ausgemacht werden können. Diese Fragen sind wichtig für die Frage, welche Möglichkeiten sich für die Soziale Arbeit eröffnen.

Zunächst wird dieses Programm QuAKTIV vorgestellt und der Mehrwert dieses Projektes verdeutlicht. Dabei kommen die Autoren auf sechs entscheidende Punkte:

Naturnah und kindergerecht gestaltete Freiräume und deren partizipative Entwicklung

  1. sind Lern- und Erfahrungsräume, die die gesunde Entwicklung von Kindern unterstützen,
  2. stärken die Ressourcen und Kompetenzen der Kinder,
  3. ermöglichen Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Generationen und Herkunft,
  4. begünstigen die Identifikation mit dem Ort,
  5. sensibilisieren Kinder für Natur und Gestaltungsprozesse und
  6. fördern die Demokratieerfahrung der Beteiligten Kinder und Erwachsenen.

Diese Punkte werden erläutert und diskutiert.

Es geht dann um die Ziele, die Organisation und die Struktur des Programms, die ausführlich dargestellt werden.

Welche Bedeutung die Partizipation für das vorgestellte Programm hat, wird an Hand der vier Schritten verdeutlicht: Informieren, Mitwirken, Mitentscheiden, Selbstverwalten. Dabei wird diese Frage auch auf Kinder in ihrer Entwicklung bezogen. Es werden dann die Vorgehensweise und die Methoden beschrieben, ein Projektzyklus graphisch vorgestellt und Partizipationsmethoden erläutert.

Um dem Verhältnis von Partizipation und Emanzipation näher zu kommen, werden zunächst die Begriffe Partizipation, Demokratie und Macht diskutiert und dann die Begriffe Partizipation, Emanzipation und Empowerment. Dies wird auf der Basis von Literatur auch ausführlich entfaltet.

Zu: „Gemeinschaftliches Wohnen in der Oase 22“ – Evaluierung sozialer Begleitprozesse in einem Wiener Neubaugebiet (Katharina Kirsch-Soriano, Christoph Speck)

Die Besiedlung dieses Wohnquartiers wurde über zweieinhalb Jahre sozial begleitet. Einmal wurde der Prozess durch das Quartiersmanagement begleitet, zum anderen gab es eine Begleitforschung durch die Fachhochschule Wien.

Zunächst verorten die Autoren das Projekt in die Wiener Stadtentwicklung, die gerade im sozialen Wohnungsbau seit den 1920er und beginnenden 1930er Jahren bis heute ein Eigenstellungsmerkmal unter den europäischen Metropolen darstellt. Dann werden auf das Quartiersmanagement in der Oase 22 eingegangen, seine Aufgaben beschrieben und seine Ziele erörtert. Dabei steht Nachhaltigkeit im Mittelpunkt der Bemühungen. Dabei greifen die Autoren auf ein Stadtwicklungsverständnis zurück, das sich interdisziplinär versteht und das das Wechselverhältnis von geplantem, gebautem, lebensweltlich wahrgenommenem bzw. angeeignetem Raum im Blick hat.

Weiter erläutern die Autoren die Evaluierung in Form einer kooperativen Begleitforschung. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Forschung sind

  • eine hohe Beteiligung der Bewohnerschaft,
  • die Entwicklung von Mitgestaltungsmöglichkeiten, welche die Aneignung, Nutzung und Identifikation förderten,
  • die Bedeutung von quartiers- und bauträgerübergreifenden Angeboten,
  • die Nachbarschaftsbildung ist ein Ensemble vielfältiger Prozesse,
  • die Bedeutung der Beziehungsarbeit vor Ort durch das Quartiersmanagement,
  • die Rolle des Quartiersmanagements als Übersetzer zwischen der Bewohnerschaft und den Bauträgern,
  • Die Bedeutung von Kooperationspartnerinnen und -partnern in und außerhalb der Oase 22 als Ressource für die Bewohnerschaft

Es werden dann die Forschungsergebnisse in Hinblick auf emanzipatorische Prozesse beleuchtet und das Forschungsmodell reflektiert, was in drei Thesen zum Ausdruck kommt.

Zu: Stadt (auch) selber machen (lassen) – Einblicke in die Wiener Praxis der Mehrfach- und Zwischennutzungen (Jutta Kleedorfer, Annelies Larcher)

Die Projektkoordination für Mehrfachnutzung ist ein strategisches Instrument der Wiener Stadtplanung. Es geht wohl um den öffentlichen Raum und seine Mehrfach- und Zwischennutzungen und Jutta Kleedorfer ist die Projektkoordinatorin, die Wien als eine Mutter beschreibt, die in ihrer Fürsorge für die Kinder die Emanzipation der Kinder von ihr verhindert. Das Projekt hat zwei Schwerpunkte. Einmal geht es um „Spielräume“, die nicht wie Spielplätze gestaltet sind, sondern um wenig genutzte stadteigene Plätze und Orte, die als Bewegungsräume unterschiedlichen Nutzungen dienen sollen und entsprechend umstrukturiert werden. Zwischennutzung meint hingegen die Nutzung von Räumen anderer Eigentümer, in denen begrenzte Aktivitäten wie z.B. Ausstellungen möglich werden. Dazu werden einige Beispiele genannt und die Idee wird ausführlich entfaltet.

Einen anderen Ansatz beschreibt Annelies Larcher. Die „Grätzloase“ ist ein Beispiel einer temporären Gestaltung durch die Stadtbewohnerinnen und -bewohner. Es geht im Kontext der Agenda 21 um die verstärkte Nutzung und Einbindung der Bevölkerung in die Gestaltung des öffentlichen Raums. Auch dieser Ansatz wird ausführlich vorgestellt und begründet und mit Bildern unterlegt.

Zu: „Formate der Innovation“ als Instrument kooperativer Quartiersentwicklung: Der Wohndialog der KALKschmiede in Köln (Svenja Grzesiok)

Es geht um experimentelle Formen kooperativer Quartiersentwicklung. Welches Innovations- Verstetigung- und Transferpotential haben solche Formen und welchen Beitrag leisten sie zu einer nachhaltigen Entwicklung von Quartieren? Die Autorin beschäftigt sich dabei mit dem Wohndialog in Köln-Kalk. Der Wohndialog ist eine quartiersbezogene Kooperation der wohnungswirtschaftlichen Schlüsselakteure in Kalk-Nord und das Ziel dieses Dialogs ist es, Interventionen mit den unternehmenseigenen Wohnbeständen abzustimmen. Zum Kreis dieses Dialogs gehört eine kommunales Wohnungsunternehmen, eine Wohnungsgenossenschaft und der Verein zur Interessenvertretung privater Einzeleigentümer. In diesem Dialog werden Faktoren identifiziert, welche die Implementierung von Governance-Strukturen im Sinne einer kooperativen und integrativen Quartiersentwicklung fördern.

Zunächst geht es um die Notwendigkeit einer innovativen Quartiersentwicklung jenseits von etablierten Strukturen und Prozessen. Es geht um die Entwicklung einer engagierten Stadtgesellschaft und um Akteure, die in der Lage sind, eine strategische und integrierte Quartiersentwicklung zu initiieren und zu tragen.

Dann werden Formate der Innovation vorgestellt und die KALKschmiede als Format der Innovation dargestellt.

Die Autorin geht dann auf Kalk-Nord ein, das mit einer besonderen Problematik der Zusammensetzung der Wohnbevölkerung zu tun hat und wo der Wohnungsbestand in einem sanierungsbedürftigen Zustand ist.

Die strategische und operative Ausrichtung des Wohndialogs wird ausführlich erläutert und diskutiert und Konfliktfelder benannt.

Zu: Partizipation in der unternehmerischen Stadt? Quartiersentwicklung im Hamburger Osten aus der Perspektive der Bewohner_innen (Joscha Metzger)

Wie gelingt Partizipation in Stadtentwicklungsprozessen in einer neoliberalen Stadt? Zwar wird die Bürgerbeteiligung als ein besonderes Instrument der Mitwirkung an der Hamburger Stadtentwicklung hervorgehoben, aber eine auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtete Stadtpolitik stellt die Frage nach der Wirksamkeit von Beteiligungsverfahren überhaupt.

Diese Frage beschäftigt den Autor dieses Beitrags. Es geht ihm um den Zusammenhang von neoliberaler Stadtentwicklung und Partizipation, was ja auch immer heißt: Einbindung der Bevölkerung vor dem Hintergrund ihrer Interessen und Bedürfnisse und den lokalen Erfahrungen ihrer quartiersbezogenen Verortung.

Und Stadtentwicklung bedeutet die Auseinandersetzung um verschiedene Optionen und Interessen und deren Entfaltung. Der Autor beschreibt eine generelle Tendenz der Neoliberalisierung des Städtischen im Zuge des Strukturwandels vom Fordismus zum Postfordismus im Zuge der Veränderung der Stadt zur postindustriellen Stadt. Er geht dann auf ein Hamburger Projekt „Stromaufwärts“ ein, das ein Zusammenschluss verschiedener Stadtteile und Quartiere ist und eine Kooperation der Wohnungswirtschaft und der Stadtentwicklung darstellt. Weiter geht der Autor auf die Pilotquartiere ein, in denen das Bündnis für Quartiere aktiv werden will.

Geht Quartiersentwicklung mit Beteiligung und ohne Verdrängung? fragt dann der Autor weiter; denn die Leitvorstellung des Bündnisses für Quartiere ist die Weiterentwicklung von Quartieren ohne Verdrängung. Dies wird ausführlich kritisch beleuchtet, bevor der Autor dann zu den Beteiligungsverfahren in den Pilotprojekten kommt. Sein Fazit ist, dass noch kein angemessener Umgang mit der Frage gefunden wurde, wie der bestehende Widerspruch zwischen den Profitinteressen der Unternehmen und den Wünschen und Interessen der Bewohnerschaft bei der Ausgestaltung der Quartiere bearbeitet werden soll. In der Konsequenz bedeutet dies – so der Autor – dass sich Soziale Arbeit parteilich einmischen muss.

Zu IV. Methodische Ansätze

Zu: Bewegung geht mit Erkenntnis einher. Stadtteilbegehungen zur Untersuchung und Reflexion subjektiver Raumwahrnehmungen (Michael Noack)

Welche Rolle kann Soziale Arbeit im Kontext von Stadtentwicklungsprozessen spielen und sind Stadtteilbegehungen ein Instrument sozialarbeiterischen Handelns und zugleich ein Beitrag zu einer integrativen Stadtteilentwicklung? Diese Frage beschäftigt den Autor. Dabei geht er zunächst auf die theoretischen Ansätze des Konstruktivismus ein, um zu verdeutlichen, dass „die subjektive Perspektivität jeder Erkenntnis bzw. jeden Wissens nicht hintergangen werden kann“ (300). Der Autor beschreibt dann die Dreidimensionalität des Raums als Planungs-, Lebens- und Sozialraum und stellt diese graphisch dar.

Nach einer ausführlichen Erörterung des damit verbundenen Raumverständnisses kommt Noack zu Konzipierung von Stadtteilbegehungen als Methode zur Erkundung von subjektiv erfahrenen und konstruierten Lebensräumen. Dabei stellen sich ihm drei Fragen:

  • Was soll mit der Stadteilbegehung erreicht werden?
  • Von wem braucht man Eindrücke und Beschreibungen des Stadtteils und wer sind die Adressaten der Stadtteilbegehung?
  • Wie muss das Setting des Statteilbegehung zugeschnitten sein, um es den alltagsweltlichen Ausdrucksformen gerecht zu werden?

Der Autor geht dann kurz auf die Stadteilbegehung im Rollstuhl ein, mit dem ganze andere Erfahrungen und Wahrnehmungen verbunden sind.

Noack diskutiert dann Dimensionen der Sozialraumanalyse, wie Wohnraum und öffentlicher Raum, Helfens- und Hilfebedarf, Besorgung und Versorgung, Freizeit und Kultur. Diese Aspekte wurden mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Stadtteilbegehung diskutiert und Vorschläge der Veränderung erörtert.

Der resümierende Ausblick befasst sich dann schließlich mit dem Begriff der Emanzipation. In Bezug auf Emanzipation sind noch weitere Schritte der Beteiligung erforderlich.

Zu: Spazierend zur Emanzipation? Die Spaziergangswissenschaft als Instrument innovativer Stadterkundung (Aline Schoch, Markus Bossert)

In seiner Einleitung beschreiben die Autorin und der Autor die Geschichte und den Ansatz der Spaziergangswissenschaft, die sich einerseits mit den Bedingungen und Funktionsweisen der Wahrnehmung beschäftigt und andererseits die didaktischen Mittel zur Verfügung stellt, um auf die Wahrnehmung individuell und gesellschaftlich einzuwirken. Eigentlich ist es eine Hommage an Lucius Burckhardt, den Begründer der Spaziergangswissenschaft.

Weiter wird das Praxisbeispiel Stadtentwicklung angeführt. Es sollten die Rhythmen einer Stadt im Vordergrund stehen, die auf einem Spaziergang durch Basel erkundet werden sollten, der mit geschlossenen Augen und an der Hand geführt stattfand. Die damit verbundenen Effekte werden ausführlich geschildert und analysiert.

Ein weiteres Praxisbeispiel ist der Hörspaziergang; zuvor wird der Spaziergang von der klassischen Stadtführung unterschieden.

Wie emanzipativ ist die Spaziergangswissenschaft? fragen dann die Autorin und der Autor weiter. Auch hier steht wieder Burckhardt Pate. Planung muss von unten kommen und offen sein für andere Optionen und die Spaziergangswissenschaft vermittelt den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein sinnstiftendes Erlebnis, das auf das Verhältnis zur sozialen und natürlichen Umwelt einwirkt.

Zu: E-Partizipation in der Stadtentwicklung: Kritische Erfolgsfaktoren, Mehrwert und Anforderungen an die Umsetzung (Julia Klammer, Fred Van den Anker, Markus Nollert)

Nach einer allgemeinen Einschätzung der Aufgabenfelder und Möglichkeiten der Teilhabe in der Stadtentwicklung geht es dem Autorenteam um die Innovation durch E-Partizipation, die in der Wirtschaft und vielen Unternehmen längst Eingang gefunden hat. Sie kommt ganz allmählich auch in der Stadtentwicklung an und einige Kommunen sind dafür auch gerüstet. Das gilt vor allem für die Aktivierung von Bürgerinnen und Bürgern, wenn es um Anliegen geht, an denen diese beteiligt werden sollen. Das Autorenteam geht dann auf einige technischen Fragen der E-Partizipation ein und erläutert diese ausführlich – auch in Blick auf die Erfolgsfaktoren wie die klare Definition der Partizipationsaufgabe, die Moderation, die Medieneigenschaften und die Nutzerfähigkeiten, das Erwartungsmanagement, die Kommunikation und Rekrutierung von Teilnehmenden sowie die Motivation zur Beteiligung.

Weiter werden partizipative Entwicklungsschlaufen am Beispiel eines Züricher Projekts diskutiert und es werden die Stärken und Schwächen von E-Partizipationsmethoden in der Stadtentwicklung ausführlich erörtert.

Zu: Öffentliche Räume in der Praxis der Wiener Stadtentwicklung – Ansätze der Anwaltsplanung: Funktions- und Sozialraumanalyse (Udo W. Häberlin)

Der Autor beginnt seinen Beitrag mit einer Darstellung der Anforderungen und Wirkung öffentlicher Räume als „Gesicht der Stadt“. Was leisten öffentliche Räume als Hauptplätze, Quartiersplätze oder – in Wien – Bezirkshauptplätze und wie wirken öffentliche Räume und deren Belebung? Dabei sind die Lage und das Raumangebot genauso entscheidend wie das Nutzungsangebot, die Belebung durch Menschen, die soziale Kontrolle und das Sicherheitsgefühl sowie die kulturelle, identifikatorische Bedeutung als besonderer Ort. Dass die Nähe zum Wohnort, die Zeit, die man dort verbringen will, der Treffpunkt, das Ausruhen und andere ähnlich gelagerte Faktoren eine Rolle spielen, ist ebenso von Bedeutung für die Wirkung öffentlicher Räume.

Der Autor geht dann auf die Anforderungen ein, die die Wiener Bevölkerung an den öffentlichen Raum stellt. Drei Aspekte sind hier genannt.

  1. Es muss Möglichkeiten zum Zeitvertreib und zum Austausch, zur Begegnung und zum Gespräch geben.
  2. Der öffentliche Raum muss allen Bevölkerungsschichten gleichermaßen zugänglich sein.
  3. Die nichtkommerziellen Bedürfnisse wie ausreichend Platz und Wahlfreiheit für konsumfreien Aufenthalt müssen weiterhin gewährleistet sein.

Dies wird erörtert und dann wird auf beobachtbare Trends in Wien eingegangen. Demnach werden öffentliche Räume vielfältiger und aus unterschiedlichen Motiven genutzt; sie werden zunehmend kommerzialisiert; in vielen neu errichteten Stadtteilen fehlen solche öffentlichen Räume; es fehlt auch an Geld für die Einrichtung und Erhaltung solcher Räume, die klimatischen Verhältnisse beeinflussen die Nutzbarkeit, zur Nachverdichtung werden öffentliche Räume verwendet.

Der Autor geht dann auf die Funktions- und Sozialraumanalyse als Instrument der Planung ein, erläutert diese Methode auch in ihrem interdisziplinären Ansatz, erläutert die vier methodischen Säulen der Analyse (Interpretation, Funktions- und Nutzungskartierung, Beobachtung von Nutzungen und Gespräche), stellt dann die drei Phasen der Analyse, die Vorbereitungs-, die Durchführungs- und Ergebnissicherungsphase vor. Dies wird an Hand von Beispielen konkretisiert.

Diskussion

Das Anliegen der Emanzipation diskutieren die Autorinnen in zwei Richtungen. Einmal geht es um den Anspruch einer emanzipatorischen Sozialen Arbeit, also der Befreiung der Menschen aus Notlagen, unwürdigen Lebensbedingungen und der Bedrohung der Exklusion hin zu einem selbst bestimmten und eigenverantwortlichen Leben. Zum anderen wird die Frage virulent, was Emanzipation im Kontext der Beteiligung an der Stadtentwicklung heißen kann. Oder ist etwa gemeint, dass eine soziale Stadtentwicklung die Stadt zu einer Lebensform befreiter und selbstbestimmter Individuen entwickelt, die alle an einer urbanen Lebensweise teilhaben können und nicht von ihr ausgegrenzt werden?

Die Beiträge kommen sehr unterschiedlich mit dem Begriff der Emanzipation zurecht, thematisieren diesen Begriff aus unterschiedlichen Perspektiven und zum Teil auch eher rudimentär. Das ist auf der einen Seite reizvoll, weiter zu denken; auf der anderen Seite bleibt es letztlich relativ unbestimmt, von was Stadtentwicklung befreien soll – von den Zwängen einer Planung, die Lebensverhältnisse letztlich bestimmt und formt, oder von den durch die Struktur und Dynamik städtischen Lebens erzeugten Lebensbedingungen, unter denen Menschen leiden, wenn sie nicht die Ressourcen und Kompetenzen besitzen, damit umzugehen? Die programmatische und methodische Herausforderung, die der Untertitel des Buches signalisiert, bleibt also auch letztlich ungelöst und wird sich so schnell auch nicht lösen lassen, aber die Frage ist auf vielfältige Weise angegangen worden. Die Beiträge machen auf eine Notwendigkeit einer emanzipatorischen Stadtentwicklung aufmerksam und fragen zugleich, welche Rolle die Soziale Arbeit in diesem Prozess spielen kann. Das führt auch zu der Erkenntnis, dass auch die Soziale Arbeit ihr Verhältnis zur Emanzipation auch theoretisch noch zu klären hat. Aus der Perspektive der Sozialen Arbeit besteht Handlungsbedarf bei der Stadtentwicklung. Was aber muss Soziale Arbeit lernen, um den Anforderungen einer sozialen Stadtentwicklung gerecht zu werden?

Fazit

Die Beiträge in diesem Buch sind eine Bereicherung der Diskussion um die Entwicklung der Sozialen Arbeit wie auch der Stadtentwicklung. Auf unterschiedliche Weise wird deutlich, was Emanzipation in der Sozialen Arbeit und einer sozialen Stadtentwicklung heißen kann. Dies gilt es, weiter zu entwickeln und das Buch ist eine angemessene Grundlage für diese weitere Diskussion.

Summery

This book pays the attention to the relationship of emancipation and social work in the development of cities. In 17 articles discuss the authors different perspectives and accesses to this relationship. What means emancipation in the development of cities and in the city planning and what is the contribution of social work in this context? Is participation in the city planning a way of emancipation and from what should city development be liberated and what is the theoretical understanding of emancipation in social work? These questions should be further discussed in order to develop social work and city development. This book is an interesting approach to do this.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 04.10.2017 zu: Patrick Oehler, Nadine Käser, Matthias Drilling, Jutta Guhl, Nicola Thomas (Hrsg.): Emanzipation, Soziale Arbeit und Stadtentwicklung. Eine programmatische und methodische Herausforderung. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-86388-747-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23050.php, Datum des Zugriffs 20.10.2017.


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