socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wolfgang Stark, David Vossebrecher u.a. (Hrsg.): Improvisation und Organisation

Cover Wolfgang Stark, David Vossebrecher, Christopher Dell, Holger Schmidhuber (Hrsg.): Improvisation und Organisation. Muster zur Innovation sozialer Systeme. transcript (Bielefeld) 2017. 391 Seiten. ISBN 978-3-8376-2611-7. D: 35,99 EUR, A: 37,00 EUR, CH: 46,80 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Herausgeber

  • Prof. Dr. Wolfgang Stark ist Direktor des Labors für Organisationsentwicklung der Universität Duisburg-Essen und des Steinbeis Transferzentrums Innovation and Sustainable Leadership sowie wissenschaftlicher Leiter des „Music – Innovation – Corporate Culture“-Projekts.
  • Dipl. Psychologe David Vossebrecher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Music – Innovation – Corporate Culture“ und seit 2012 Leiter der Stabsstelle Planung, Monitoring und Evaluation der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin.
  • Prof. Dr. Christopher Dell ist Musiker und Komponist, sowie Gründer und Leiter des Instituts für Improvisationstechnologie in Berlin. Zusätzlich hat er eine Gastprofessur für Urban Design an der HafenCity University Hamburg.
  • Prof. Holger Schmidhuber ist Managing Partner der Fünfwerken Design AG und Professor für Typografie und Gestaltungssprache an der Hochschule Mainz und bildender Künstler.

Autor*innen

Die fünfzehn weiteren Autor*innen des Sammelbands sind überwiegend Wissenschaftler*innen und Berater*innen aus den Disziplinen der Organisationsentwicklung, der Kunst und der Sozioökonomie.

Entstehungshintergrund

Wie die vier Herausgeber selbst beschreiben, basieren Teile dieser Publikation auf Ergebnissen des Forschungsverbundprojektes MICC aus dem BMBF-Forschungsschwerpunkt „Innovationsstrategien jenseits traditionellen Managements“. Die Publikation wurde aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, des Europäischen Sozialfonds, der Europäischen Union und der Fuenfwerken Design AG gefördert.

Im Mittelpunkt des Interesses der Autor*innen steht, Improvisation in Organisationen „salonfähig“ zu machen. In Zeiten von komplexen und dynamischen Umwelten, so schlussfolgern sie, bedarf es eines fließenden Verständnisses von Organisation, das nicht mehr nur auf rationaler Planung beruht, sondern die Kunst der Improvisation und damit das individuelle und kollektive Erfahrungswissen miteinbezieht.

Thema

Mit dem vorliegenden Band liefern die Herausgeber, Prof. Dr. Wolfgang Stark, Dipl. Psychologe David Vossebrecher, Prof. Dr. Christopher Dell und Prof. Holger Schmidhuber eine detaillierte Einführung in das Themenfeld der Improvisation im Kontext von Organisationen.

Das Forschungsvorhaben micc-project.org hatte zum Ziel, die Sprache der Musik als Medium zur Analyse von Organisationsmustern zu nutzen und entsprechend anwendbare Instrumente und Methoden für die Förderung einer innovationsfördernden und lebendigen Unternehmens- bzw. Organisationskultur zu entwickeln.

Dabei wurden im Rahmen von Fallanalysen verdeckte und sichtbare Organisationsmuster in ihrer Bedeutung und Wirkung für bestimmte Unternehmen analysiert und in die Welt der Musik übersetzt. Im Anschluss wurden Erfolgsmuster identifiziert und „Leitfäden“ sowie Praxisbeispiele für die Weiterentwicklung von Organisationskulturen angeregt.

Die Autor*innen wollen damit diverse Möglichkeiten aufzeigen, wie man verborgene Muster der Organisationskultur erkennen und besprechen, Diskrepanzen zwischen Ist und Soll überwinden, den Mut über die Grenzen der eigenen Disziplin und Fachlichkeit zu springen aufbringen und sich auf Unbekanntes einlassen und mit Durchhaltevermögen und Offenheit neue Perspektiven entwickeln kann.

Die Fragestellungen des Forschungsvorhabens sind:

  • Wie können sich Menschen in hochkomplexen Systemen erfolgreich orientieren und zielgerichtet sowie ergebnisorientiert agieren?
  • Wie können dabei die Innovationskraft bzw. die Innovationsfähigkeit in modernen Organisationen gesteigert werden?

Aufbau

Das türkise Bild und die weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund des Buches lassen vermuten, dass es sich um kein gewöhnliches Buch mit allzu gewöhnlichem Inhalt handelt. Der Titel erinnert an Gegensätze, während der Untertitel versucht, die Gegensätze einzuordnen und dem Ganzen eine Richtung zu geben, sodass die Leser*innen, deren Interesse nun geweckt ist, unweigerlich zum Inhaltsverzeichnis weiterblättern.

Dort erwartet sie in zwei Abschnitten die wesentlichen Ergebnisse des Forschungsvorhabens micc-project.org als Sammelband, in denen

  • im Teil 1 theoretische und konzeptionelle Zugänge und
  • im Teil 2 Forschung, Anwendung und Praxis verordet sind.

Schlussendlich schließt das Buch nach einigen Praxisbeispielen auf Seite 375 mit dem Zitat von Marcel Proust: „The real voyage of discovery exists not in discovering new landscapes but in seeing things with new eyes“, bevor ein Glossar den finalen Abschluss bildet.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu Teil 1. Theoretische Bezüge

In einem hinführenden Beitrag befasst sich Wolfgang Stark mit den Begriffen Planbarkeit, implizites Wissen, Improvisationsmuster und Improvisation Lernen. Er erklärt, dass in einer auf Effizienz ausgerichteten Welt, die Rolle, die Improvisation spielen könnte, verkannt wird. Dabei beschreibt er nach Dell (2002, 157), Improvisation als „lösungsorientierter Umgang mit vorhandenen Materialien […], der sich durch die Praktik auszeichnet […] bestehende Regeln zur Kenntnis zu nehmen, umzudeuten und für eigene Zwecke zu transformieren.“ Er argumentiert, dass implizites Wissen und rationale Strukturen einer Organisation sich gegenseitig bedingen und unterstützen. Damit unterscheidet Improvisation nicht mehr zwischen Denken (Planung) und Handeln (Ausführung), sondern scannt seine Umwelt nach Möglichkeiten, Anschlussfähigkeit und Nutzbarkeit.

Der zweite Beitrag beschäftigt sich mit dem Begriff „musikalisch denken“, seiner Konzeption und seiner Einbettung in Organisationen. Musikalisch denken heißt dabei, abstrakte und konkrete Form der Steuerung komplexer Prozesse in der Zeit zuzulassen und einen Bezug auf der phänomenologischen, der konzeptuellen und gelebten Ebene herzustellen.

In einem weiteren theoretischen Beitrag wird Improvisation mit ihren Grenzen diskutiert. Dabei wird Reflexivität nicht als Feind der Improvisation, sondern als zusätzliche Quelle verstanden. Kreativität entsteht dabei „als emergentes Resultat der spannungsvollen Mischung intuitiver und reflexiver Handlungsweisen und Befähigung“ (p. 68).

In den weiteren theoretischen und konzeptionellen Beiträgen werden teilweise in deutscher und teilweise in englischer Sprache Improvisation durch objektivierendes und subjektivierendes Handeln in den Kontext der Arbeit gestellt, der Zusammenhang mit Rhythmus und Zeit diskutiert, Kulturmuster von Organisationen erklärt, Technologien der Improvisation (das vier-Ebenen Modell, Bricolage, Deep Listening…) beschrieben, Prozesse zur Verantwortungsübernahme gestaltet, eine Mustersprache (Pattern Language Approach) zur komplexen Problemlösung vorgestellt, sowie Tacitness und künstlerisches Denkens und Handelns tiefer erklärt, um non-lineare Muster für die Zukunft entdecken und leben zu können.

Zu Teil 2 – Forschung, Anwendung und Praxis

Die Erkenntnisse werden in insgesamt neun Beiträgen zusammengefasst. Dabei werden Methoden, z.B. zur musikalischen Organisationsanalyse mittels Organisationspartituren-Workshops vorstellt und auf das Prozesshafte, Veränderungsbezogene und Performative von Organisationen eingegangen. Die Methode, so beschreibt der Autor, eignet sich um implizite Dimensionen des Organisierens ans Tageslicht zu bringen und aufbauend eine neue Praxis zu generieren. So lassen sich in Organisationspartituren „komplexe Situationen und Prozesse, gegenwärtige Strukturierungen, Rhythmen, Interaktionen, Muster anderer mehr aus verschiedenen Perspektiven aufzeichnen“ (p. 221).

Weitere Beiträge aus der Praxis, z.B. aus der Gemeindepsychologie, der Architektur und Stadtplanung, der Kunst und den Bildungswissenschaften beleuchten sehr anschaulich ihren jeweiligen Zugang zur Improvisationsfähigkeit und die Macht des impliziten Wissens.

Diskussion

Der Sammelband erlaubt einen tiefen Einblick in die Welt der Improvisation zur Gestaltung neuer Herangehensweisen in Organisationen und beim Organisieren. Das Thema, das für die Gesellschaft und Wirtschaft hoch relevant ist, ist auf vielfältige Weise und aus vielen Perspektiven beleuchtet, auch wenn die Beiträge untereinander nicht oder sehr oft fast nicht miteinander vernetzt sind. Durch die komplexe Sprache, den wenigen Zusammenfassungen und Bildern im Theorieteil sowie den wenigen Überleitungen zwischen den Beiträgen ist es manchmal eine Herausforderung für die Leser*innen die Eindeutigkeit der Zusammenhänge auszumachen.

Sobald man dies geschafft hat, ist der Sammelband ein wertvoller Beitrag zum Verständnis des Nutzens von Improvisation in Organisationen. Trotz seiner Länge und komplexen Sprache, zeigt er mit seinen vielen Praxisbeispielen auf, dass Improvisation gelingen und Unerwartetes hervorbringen kann.

Fazit

Das Buch umfasst die zentralen Aspekte zur Entdeckung und Steigerung der Improvisationskraft in Organisationen. Neben einführenden Beiträgen zur Begriffsklärung, den Zusammenhängen und zum Nutzen von Improvisation als Muster für Innovation sozialer Systeme, präsentiert es einzelne Praxisbeispiele aus diversen Disziplinen.

Das Buch lädt – durch seine losen verbundenen Kapitel – dazu ein, den einen oder anderen Beitrag separat zu lesen. Das Buch ist ein Gewinn für alle, die viel Zeit mitbringen und Lust am Begreifen der Materie verspüren.


Rezensentin
FH-Prof. Dr. Johanna Anzengruber
Professorin für Strategie und Innovation, Department für Gesundheits-, Sozial- und Public Management FH Oberösterreich
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Johanna Anzengruber anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Johanna Anzengruber. Rezension vom 21.06.2018 zu: Wolfgang Stark, David Vossebrecher, Christopher Dell, Holger Schmidhuber (Hrsg.): Improvisation und Organisation. Muster zur Innovation sozialer Systeme. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-2611-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23051.php, Datum des Zugriffs 17.07.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!