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Kerstin Hofreuter-Gätgens (Hrsg.): Soziale Ungleichheit in der rehabilitativen Versorgung

Cover Kerstin Hofreuter-Gätgens (Hrsg.): Soziale Ungleichheit in der rehabilitativen Versorgung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2015. 444 Seiten. ISBN 978-3-643-12984-0. 49,90 EUR.
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Thema

Im vorliegenden Buch werden die Ergebnisse einer empirischen Arbeit zur Überprüfung der sozialen Ungleichheit in der rehabilitativen Versorgung auf der Grundlage einer prospektiven Studie vorgestellt. Damit soll zum einen ein Beitrag zur Schließung einer lückenhaften Datenlage zur gesundheitlichen Ungleichheit in Deutschland geleistet werden. Zum anderen werden erstmalig auch Behandlungsverläufe der Rehabilitation in Bezug zum Behandlungsergebnis mit Hilfe von Outcome-Analysen gesetzt.

Die Autorin legt für die empirische Untersuchung ihres Buches das Soziallagenkonzept zugrunde. Im Gegensatz zum „Schichtmodell“ ermöglicht das Soziallagenmodell eine mehrdimensionale und lebensweltorientierte Betrachtungsweise auf die Frage der Entstehung von gesundheitlicher Ungleichheit. Lebenslagen werden als Handlungskontexte verstanden, die unterschiedliche Chancen der Lebensgestaltung bieten. Dieser thematische Hintergrund begründet den weiteren Aufbau der Arbeit.

Aufbau

  • Die Autorin stellt zunächst in Kapitel 2 das Konstrukt soziale Ungleichheit in seiner Entstehung und seinen Facetten vor und geht in weiteren Unterkapiteln auf Analysemodelle gesundheitlicher Ungleichheit ein.
  • In Kapitel 3 werden die Grundlagen der Rehabilitation in Deutschland sowie für die Rehabilitation onkologischer und psychosomatischer Erkrankungen vorgestellt.
  • Es schließt sich in Kapitel 4 der rehabilitationswissenschaftliche Forschungsstand an.
  • Schließlich werden in Kapitel 5 die Zielsetzung und Fragestellung abgeleitet.
  • In Kapitel 6 wird die Methodik differenziert erörtert.
  • Die Ergebnisse werden in Kapitel 8 dargestellt.
  • Die abschließenden Kapitel beinhalten eine zusammenfassende Diskussion (Kapitel 9) und eine Zusammenfassung (Kapitel 10).
  • In Kapitel 11 wird die zugrunde gelegte Literatur aufgelistet.

Das vollständige Inhaltsverzeichnis ist bei der Deutschen Nationalbibliothek einsehbar.

Ausgewählte Inhalte und Diskussion

Nach einer differenzierten Hinführung zur Thematik entfaltet Frau Hofreuter-Gätgens in mehreren Kapiteln die theoretischen, methodischen und empirischen Grundlagen und Ergebnisse ihrer Studie.

In Kapitel 2 geht die Autorin sehr differenziert auf die Geschichte des Konzeptes der sozialen Ungleichheit ein und referiert das Klassenkonzept von Marx und Weber und bearbeitet schließlich die Konstrukte soziale Schichten, soziale Lagen und Lebenslagenkonzept. Es gelingt der Autorin, diese komplexen soziologischen Diskussionen komprimiert und gut nachvollziehbar darzustellen. In ähnlicher gut lesbarer und komprimierter Art und Weise expliziert sie Analysemodelle gesundheitlicher Ungleichheit sowie die Potenziale der Lagenmodelle für die gesundheitliche Ungleichheitsforschung.

In Kapitel 3 werden die Grundlagen der stationären medizinischen Rehabilitation referiert, um sodann auf die Rehabilitation onkologischer und psychischer/psychosomatischer Erkrankungen einzugehen, die im Mittelpunkt der empirischen Untersuchung stehen.

Im anschließenden Kapitel 4 werden zunächst sehr allgemein die methodischen Herangehensweisen in den Rehabilitationswissenschaften dargestellt und nicht nur der Stand der Forschung zum gewählten Thema, so wie es die Überschrift vermuten lässt. Als Leserin erschließt sich nicht so ganz, aus welchen Gründen die Autorin so grundsätzlich auf das Thema der Evaluations- und Outcomeforschung sowie Prozess- und Prozess-Outcome-Forschung eingeht. Erst im zweiten Teil dieses Kapitels stellt die Autorin den Forschungsstand zum Thema der stationären onkologischen und psychischen/psychosomatischen Rehabilitation vor.

In Kapitel 5 werden schließlich Ziel- und Fragestellung aus den vorherigen Kapitel abgeleitet. Als Ziele führt sie auf: theoriegeleitete Beschreibung gesundheitlicher Ungleichheit im Behandlungsverlauf und im -ergebnis der psychosomatischen und onkologischen Rehabilitation; die Erklärung von zu erwartender Ungleichheit im Rehabilitationsergebnis, durch die empirische Überprüfung des Erklärungsteils gesundheitlicher Ungleichheiten in der stationären Rehabilitation und die Entwicklung von ersten Empfehlungshinweisen. Das gewählte Studiendesign wird differenziert und angemessen in Kapitel 6 erläutert. Die für die Befragung gewählten Skalen und Fragebögen werden gut begründet und stehen in Bezug zum theoretischen Teil der Arbeit.

Aus Platzgründen wird in dieser Rezension nicht auf Kapitel 8 Darstellung der Ergebnisse eingegangen, die sehr differenziert erfolgt.

Es lohnt sich, Kapitel 9 dieser Arbeit zu lesen, da die Autorin auf die einzelnen Fragen ihrer Arbeit eingeht und die Ergebnisse kritisch diskutiert. Zusammenfassend resultiert die Arbeit in der Feststellung, dass bei den Teilnehmern/innen der Rehabilitation in der durchgeführten Studie eine gesundheitliche Ungleichheit bestätigt werden konnte. So konnten bspw. „Frauen ohne Partner aus dem Westen“, „ältere Frauen und Männer aus dem Westen“ und „Frauen mittlerer Bildung aus dem Osten“ weniger von den rehabilitativen Maßnahmen profitieren. Weitere ähnliche interessante Befunde lassen sich aus der Arbeit entnehmen. Die Autorin hält kritisch fest, dass trotz der dargestellten Erkenntnisse sozialer Ungleichheit in der Rehabilitation in der vorliegenden Arbeit, die Zusammenhänge zwischen sozialer Ungleichheit und den untersuchten Zielkriterien immer noch als „black box“ zu betrachten sind.

Fazit

Der Autorin gelingt es, ein für die Gesundheits- und Rehabilitationswissenschaften relevantes Thema der gesundheitlichen Ungleichheit auf ein spezielles Thema zu fokussieren und empirisch zu untersuchen. Dabei ist der theoretische Teil der Arbeit nicht nur angemessen umfassend dargestellt, sondern die relevanten theoretischen Konstrukte werden bezogen auf das Thema und die Fragestellungen der Arbeit angemessen dargestellt. Dieses Buch ist als Publikation einer Dissertation, die im Kontext eines Promotionsstipendiums und einer „Nachwuchsgruppe Rehabilitationswissenschaften“ entstanden ist, nicht zwingend für Praktiker/innen geeignet. Dies war jedoch auch nicht Ziel der Arbeit und der Veröffentlichung.

Es ist erfrischend und überaus angenehm zu lesen, wenn Forschungsarbeiten und Fragestellungen theoretisch fundiert und empirisch begründet untersucht werden. In den letzten Jahren hat die Dominanz der evidenzbasierten Medizin die gesundheits-, rehabilitations- und pflegewissenschaftlichen Disziplinen nicht selten vergessen lassen, dass theoretisch fundierte Konstrukte oder gar Theorien einer entsprechenden empirischen Untersuchung zugrunde liegen sollten. Insgesamt verweist die Arbeit am Ende auf wichtige Forschungsdesiderate zu Themen der gesundheitlichen Ungleichheit in rehabilitativer und gesundheitlicher Versorgung. Diese zu schließen sind für bedarfsgerechte Versorgungsmodelle von großer Bedeutung.


Rezensentin
Prof. Dr. rer.medic. Martina Hasseler
Homepage www.ostfalia.de/cms/de/pws/hasseler/index.html
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Zitiervorschlag
Martina Hasseler. Rezension vom 28.02.2018 zu: Kerstin Hofreuter-Gätgens (Hrsg.): Soziale Ungleichheit in der rehabilitativen Versorgung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2015. ISBN 978-3-643-12984-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23052.php, Datum des Zugriffs 21.09.2018.


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