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Gina Mösken: Der (Eigen)Sinn frei-gemeinnütziger Tätigkeit

Cover Gina Mösken: Der (Eigen)Sinn frei-gemeinnütziger Tätigkeit. Eine Fallstudie zur Rekonstruktion individueller Sinnstrukturen frei-gemeinnützig Tätiger aus verschiedenen Engagementfeldern. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2017. 250 Seiten. ISBN 978-3-95853-274-8. D: 25,00 EUR, A: 25,80 EUR.
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Thema

„Freiwilliges Engagement stiftet Sinn!“ Dieser Aussage werden wohl viele Menschen, die mit dem Thema vertraut sind oder sich selbst freiwillig engagieren, zustimmen. Das, was auf den ersten Blick eindeutig erscheint, ist auf den zweiten Blick nicht mehr so klar. Ist die Suche nach Sinn ein Antrieb für das frei-gemeinnützige Handeln oder stellt die Suche nach Sinn eine Zuschreibung dar, mit der Engagierte ex post ihr Handeln deuten und in die Welt einordnen? Im ersten Fall verschwimmen die Grenzen zwischen Motiv und Sinn. Sinn ist dann eine besondere Art von Motiv neben anderen und steuert die Richtung des Handelns. Im zweiten Fall geraten die persönlichen Deutungen („persönliche Konstrukte“) in den Fokus, mit denen Individuen ihre Erfahrungen strukturieren und ihnen Bedeutung zuschreiben.

Der letztere Ansatz liegt der vorliegenden Fallstudie zugrunde. Vor dem Hintergrund eines erweiterten Arbeitsbegriffes untersucht Gina Mösken den subjektiven Sinn, den Engagierte ihrer frei-gemeinnütziger Tätigkeit zuschreiben. Dabei wird angenommen, dass das freiwillige Engagement Sinnstrukturen bereit hält, die in hohem Maße an die Art der Tätigkeit gebunden sind. Auf der Basis einer qualitativen Fallstudie werden sechs Sinnstrukturen frei-gemeinnütziger Tätigkeit rekonstruiert und theoretisch eingeordnet.

Autorin

Gina Mösken arbeitet als Pädagogin bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) Regionalstelle Sachsen-Anhalt.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Studie wurde von der Fakultät Humanwissenschaften der Otto-von Guericke-Universität Magdeburg im Jahr 2016 als Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktors der Philosophie angenommen. Sie entstand im Promotionsstudiengang „Qualitative Bildungs- und Sozialforschung“. Die Fallstudie baut auf dem Forschungsprojekt „Gute Arbeit“ auf, das im Rahmen einer Kooperation der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und der ETH Zürich unter dem Titel „Die Erhebung der subjektiven Bedeutung verschiedener Formen von Arbeitstätigkeit für frei-gemeinnützig Tätige“ durchgeführt wurde.

Aufbau

Die Studie ist, neben der Einleitung in Kapitel 1, in folgende Themenschwerpunkte gegliedert:

  • Zunächst wird die Fallstudie in das o.g. Forschungsprojekt „Gute Arbeit“ eingebunden. (Kapitel 2)
  • Danach erfolgen eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Arbeitsbegriff und die Charakterisierung der freigemeinnützigen Tätigkeit als „Gute Arbeit“. (Kapitel 3 und 4)
  • Im Kapitel 5 steht die theoretische Auseinandersetzung mit dem Sinnbegriff im Fokus.
  • Die Kapitel 6 bis 8 sind methodischen und methodologischen Fragen gewidmet.
  • In dem umfangreichen 9. Kapitel werden die Ergebnisse der Fallstudie vorgestellt.
  • In den Kapiteln 10 und 11 werden die Ergebnisse der Fallstudie im Rahmen der theoretischen Annahmen interpretiert.

Inhalte

Die Anregung für die Fallstudie entstand im Rahmen eines Forschungsprojekts, dessen Ziel es war, die „subjektive Bedeutung verschiedener Formen von Arbeitstätigkeit für frei-gemeinnützig Tätige“ zu erheben. Den Referenzrahmen dazu bildete die Frage, wie sich „Gute Arbeit“ aus der subjektiven Perspektive sowohl freiwillig als auch in Erwerbsarbeit tätiger Menschen beantworten lässt. Die hier gewonnenen Daten verdeutlichen, dass frei-gemeinnützige Tätigkeit eigene Sinnstrukturen bereit hält, die eng an dieses Handlungsfeld gebunden sind. Den subjektiven Sinn frei-gemeinnützig Tätiger zu erfassen, war deshalb das Ziel der Fallstudie.

Die frei-gemeinnützige Tätigkeit wird in der Studie zunächst in den Kontext von Arbeit gestellt. Dazu werden verschiedene Theorien aus der Arbeitsforschung diskutiert. Diese reichen von Alfred Schütz („Tätigkeit als Alltagshandeln“) über Hannah Arendt („das Arbeiten, das Herstellen und das Handeln als menschliche Grundtätigkeiten“) bis zu Karl Marx („Arbeit als Aneignung von Natur“), Gerd-Günter Voß („Stufenmodell der Regulation von Tätigkeiten“) und Fritz Schütze („interpretativ-soziologischer Arbeitsbegriff“). Das Ergebnis dieser Überlegungen bildet ein „erweiterter Arbeitsbegriff“, der die frei-gemeinnützige Tätigkeit mit einschließt.

Neben anderen Indikatoren bildet das Konstrukt „Sinn“ eine Dimension „Guter Arbeit“. In einem ausgewählten Überblick über soziologische und psychologische Sinn-Theorien wird das der Fallstudie zugrunde gelegte Verständnis von Sinn entwickelt. Dabei wird die Forschungslücke zwischen der bisherigen Sinnforschung und dem in der Fallstudie gewählten Ansatz herausgearbeitet. Sinnstiftung entspricht in der Fallstudie nicht einem individuellen Motiv, sondern einem Motivbündel, das aber nur im Zusammenhang mit der spezifischen Tätigkeit, in der das Handeln stattfindet, verstanden werden kann. Bisherige Studien zur Engagementforschung erfassen diesen spezifischen Zugang zum Thema Sinn allerdings nicht ausreichend. Mit der Fallstudie soll diese Lücke geschlossen werden und die subjektive Sinngenerierung unter Verwendung weiterentwickelter qualitativer Methoden empirischer Sozialforschung („narrative Gridinterview“) rekonstruiert werden.

Da es ein Ziel der Fallstudie ist, das narrative Gridinterview als Methode der qualitativen Sozialforschung einzuordnen und weiter zu entwickeln, werden Grundlagen qualitativer Sozialforschung einerseits und Weiterentwicklungen in Bezug auf Erhebungsmethode und Auswertungsstrategie andererseits begründet sowie ausführlich und konkret dargestellt. Die methodische Vorgehensweise kann so differenziert nachvollzogen werden. Charakteristisch für diese Vorgehensweise ist, dass erzähltheoretische Reflexionen, die sich in subjektiven Orientierungsmustern und Handlungskonzepten zeigen, mit eigentheoretischen Reflexionen auf den Forschungsgegenstand, die in persönlichen Konstrukten zum Ausdruck kommen, zusammengeführt werden. Abschließend wird die Auswahl der zu interpretierenden Interviews aus dem Datenpool des Forschungsprojektes „Gute Arbeit“ begründet und dargelegt.

Den ausführlichsten Teil des Buches bildet die Vorstellung der Ergebnisse der Fallstudie (Seite 89 bis 212). Dafür stehen 14 Interviews bzw. 15 Fälle zur Verfügung, die anhand eines gemeinsamen Rasters strukturiert werden. Dieses Raster beinhaltet

  • eine Rahmung der Falldarstellung durch eine kurze Beschreibung der Lebens- und Erwerbssituation,
  • die strukturierte Auswahl und Wiedergabe der erzähltheoretischen Teile der Interviews, in denen subjektive Orientierungsmuster und Handlungskonzepte zum Ausdruck kommen,
  • die eigentheoretischen Reflexionen der Interviewpartner, die grafisch zu einem subjektiven Modell verdichtet werden sowie
  • jeweils eine abschießende tabellarische Darstellung der zentralen Ergebnisse.

Gina Mösken hat in den Interviews sechs subjektive Sinnstrukturen frei-gemeinnütziger Tätigkeit rekonstruiert, die grundlegende Orientierungsmuster und Motivbündel repräsentieren:

  1. Zugehörigkeit
  2. Grenzgänger
  3. Glück
  4. Statuspassage Engagement
  5. Engagement als Tätigsein an sich
  6. Instrumentelles Engagement

Die genannten sechs Sinnstrukturen sind trennscharf und umfassen den jeweiligen Eigensinn der frei-gemeinnützigen Tätigkeit.

In einem abschließenden Teil werden die Erkenntnisse der einzelnen Fallstudien in Bezug auf die theoretische und forschungsbezogene Anschlussfähigkeit systematisch aufeinander bezogen. Bei der Dimension „Subjektbezug und Integration“ zeigen sich Ähnlichkeiten bei den Sinnstrukturen Zugehörigkeit, Glück und Tätigsein. Bei der Dimension „Objektbezug und Individualisierung“ liegen diese bei Grenzgänger, Statuspassage und instrumentelles Engagement. Insbesondere in der Sinnstruktur Tätigsein spiegelt sich ein „moderner Engagement-Typ“ wider, der mit dem enormen Beschleunigungs- und Individualisierungsschub unserer Gesellschaft korrespondiert und seinen Ausdruck in dem Konstrukt der „situativen Identität“ (Hartmut Rosa, 2013) findet.

In Bezug auf den Begriff der Arbeit bestätigt die Studie, dass frei-gemeinnützige Tätigkeit aus subjektiver Sicht der Engagierten weder eindeutig der Arbeit noch der Nicht-Arbeit zuzuordnen ist. Ebenso kann die Annahme, dass die subjektiven Orientierungsmuster und Handlungskonzepte nicht auf ein bestimmtes, übergeordnetes Motiv, sondern auf vielfältige Motivbündel verweisen, als bestätigt angesehen werden.

Diskussion

Auffällig in der Diskussion zum Ehrenamt und freiwilligem Engagement ist, dass in jüngster Zeit vermehrt qualitative Studien Eingang in die Sozialforschung finden (u.a.: Giesmann, Christine 2016; Kubisch, Sonja & Störkle, Mario 2016). Die vorliegende Studie gehört ebenfalls zu dieser methodischen Zugangsweise, geht aber sowohl inhaltlich wie methodisch einen eigenen Weg. Sie knüpft an der psychologischen Arbeitsforschung an. Damit kommt ins Blickfeld, wie Menschen das „Tätigsein“, als eine besondere Form des Handelns, in ihrer persönlichen Perspektive wahrnehmen und interpretieren und darüber ihre eigenen sozialen Wirklichkeiten schaffen.

Die in Forschungen häufig erkennbare Grenzziehung zwischen Arbeit und Freizeit bzw. Arbeit und freiwilligem Engagement werden damit fließend. Die Studie von Gina Mösken zeigt klar, dass die subjektiven Orientierungsmuster bzgl. der frei-gemeinnützigen Tätigkeit an einem individuellen Ideal ausgerichtet sind, das zwar nicht frei ist von Bezügen zur Arbeitswelt darüber hinaus aber eigene Alltagserfahrungen und subjektive Reflexionsmuster als Grundlage einer eigenständigen Interpretation in Ansatz bringt. Dieser Zugang ist auch deshalb sehr interessant, weil in einer Zeit des raschen gesellschaftlichen Strukturwandels die Entgrenzung von Arbeit eine wachsende Herausforderung bedeutet. In diesem Sinne kann die Forschung über die Rekonstruktion individueller Sinnstrukturen frei-gemeinnütziger Tätigkeit Impulse für die Diskussion über die Zukunft der Arbeit geben.

Im positiven Sinne ist der Studie anzumerken, dass ihr spezifischer Zugang dem Diskurs eines breit angelegten Forschungsprojektes entsprungen ist. Gina Möskens Fallstudie hebt sich damit wohltuend von manchen pragmatisch ausgerichteten Studien zum freiwilligen Engagement ab, die zwar eine Vielfalt an quantitativen Daten liefern, deren theoretische Einordnung aber oftmals zu kurz greift. Dies kommt auch in dem Teil der Arbeit zum Ausdruck, der sich mit Theorie und Forschung zum Thema Sinn beschäftigt. Zugegeben, Sinnforschung ist ein komplexes und weites Feld. Zentrale Zugänge und aktuelle Erkenntnisse werden aber angemessen erfasst und für die eigene Arbeit gewinnbringend eingesetzt.

Hervorzuheben ist auch das hohe Innovationspotenzial, das in dem methodischen Zugang zum Forschungsgegenstand besteht. Das narrative Gridinterview stellt eine interessante Bereicherung der qualitativen Sozialforschung dar, das gerade in der Triangulation von erzähltheoretischen und eigenreflexionstheoretischen Perspektiven interessante Ergebnisse liefert.

Fazit

Mit der vorliegenden Fallstudie ist Gina Mösken ein eigenständiger und für die Fachdebatte sehr anregender Diskussionsbeitrag gelungen. Ihre Erkenntnisse können Grundlage weiterer Forschungen im Bereich der Rekonstruktion subjektiver Orientierungsmuster des freiwilligen Engagements einerseits und der Forschung im Bereich der Subjektivierung von Arbeit andererseits sein. Darüber hinaus liefern ihre detaillierten Ausführungen zu dem narrativen Gridinterview anregende Hinweise für dessen Einsatz und Weiterentwicklung. Das Buch richtet sich in erster Linie an die scientific community, gibt aber auch wissenschaftlich Interessierten aus dem Feld der frei-gemeinnützigen Tätigkeit interessante Anregungen.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Joachim Puch
Präsident i.R. Evangelische Hochschule Nürnberg
Homepage www.evhn.de/fh_tv_detail.html?adr_id=1
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Zitiervorschlag
Hans-Joachim Puch. Rezension vom 15.08.2017 zu: Gina Mösken: Der (Eigen)Sinn frei-gemeinnütziger Tätigkeit. Eine Fallstudie zur Rekonstruktion individueller Sinnstrukturen frei-gemeinnützig Tätiger aus verschiedenen Engagementfeldern. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2017. ISBN 978-3-95853-274-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23053.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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