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Mareike Alscher: Zivilgesellschaft­liche Organisationen ohne Jugend?

Cover Mareike Alscher: Zivilgesellschaftliche Organisationen ohne Jugend? Eine organisationsbezogene Betrachtung zum Engagement junger Menschen. De Gruyter Oldenburg (Berlin) 2017. 316 Seiten. ISBN 978-3-11-052655-4. D: 49,95 EUR, A: 49,95 EUR.
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Autorin

Die Autorin ist Soziologin und war bis 2013 Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Projektgruppe Zivilengagement am Wissenschaftszentrum Berlin. Das vorliegende Buch ist die Überarbeitung ihrer 2015 abgeschlossenen Dissertation. Sie hat an verschiedenen Projekte in den Themenbereichen freiwilliges Engagement, Nonprofit-Organisationen und Zivilgesellschaft mitgearbeitet.

Thema

Das Buch präsentiert eine Untersuchung zur Einbindung junger Mitglieder in Nonprofit-Organisationen. Es geht der Frage nach, inwiefern junge Menschen als Mitglieder, Engagierte und ehrenamtliche Funktionsträger in zivilgesellschaftlichen Organisationen bzw. Nonprofit-Organisationen vorhanden sind. Weiters wird beschrieben, welche Aktivitäten zivilgesellschaftlicher Organisationen im Rahmen einer Nachwuchsarbeit verfolgen. Hierbei geht es neben konkreten Instrumente und Maßnahmen auch um Einstellungen, die eine stärkere Einbindung junger Menschen fördern. Um eine umfassende Erklärung für die Engagementsituation junger Menschen in zivilgesellschaftlichen Organisationen zu gewährleisten, werden neben den Organisationen auch individuelle und gesellschaftliche Voraussetzungen für ein junges Engagement beschrieben.

Viele Nonprofitorganisationen (NPO) hängen von freiwilligem Engagement ab, also von unbezahlter, ehrenamtlicher Arbeit. Freiwilligenarbeit hat sich insgesamt in den letzten Jahrzehnten verändert (Simsa & Rameder, 2017). Traditionelle Formen der Freiwilligenarbeit und klassische „Ehrenämter“ sind rückläufig (More-Hollerweger & Heimgartner, 2009). Freiwilliges Engagement ist vielfältiger geworden, projektförmiger, weniger stabil und wird verstärkt in Zusammenhang mit persönlichen Entwicklungszielen oder beruflichen Zielen gesehen (Meyer & Simsa, 2013). Neue Formen wie episodisches oder virtuelles Volunteering, online Volunteering und selbstorientiertes Volunteering werden in Zukunft vermutlich an Bedeutung gewinnen (Hustinx, 2010; Hustinx, Cnaan, & Handy, 2010).

Besonders bedeutsam für NPOs sind in diesem Zusammenhang Veränderungen der Freiwilligenarbeit junger Menschen. Dementsprechend haben zahlreiche NPOs Nachwuchsprobleme und sehen sich mit dem Problem der Überalterung ihrer Strukturen konfrontiert. Die Autorin argumentiert, dass diese Organisationen auch noch keinen adäquaten Umgang mit diesem Problem gefunden hätten, ein teilweise passives Verhalten gegenüber der Jugend an den Tag legen und dass es daher dringend an der Zeit wäre, die Einbindung junger Menschen in die Organisation aktiv zum Thema zu machen, Nachwuchsarbeit zu fördern und Prozesse des organisationalen Lernens in Gang zu setzen. Die zentrale Forschungsfrage lautet daher: Welche Rolle spielen zivilgesellschaftliche Organisationen in Bezug auf das Engagement junger Menschen.

Aufbau und Inhalt

Es wird eine empirische Erhebung auf drei Ebenen vorgestellt:

  1. Auf der Mikroebene geht es um das Engagementverhalten junger Menschen und wie sich dieses verändert.
  2. Auf der Mesoebene geht es um die Funktionsweise der zivilgesellschaftlichen Organisationen, ob sie von Überalterung betroffen sind, ob sie proaktive Strategien zum Gewinnen und Halten junger Menschen finden und welche Aktivitäten dafür erfolgreich sind.
  3. Auf der Makroebene geht es um gesellschaftliche Rahmenbedingungen, um Herausforderungen, denen junge Menschen gegenüber stehen und um deren Folgen für ihr Engagement.

Nach einer Einleitung wird ein Überblick über die Zivilgesellschaftsforschung gegeben, danach über Daten zum freiwilligen Engagement junger Menschen. Es folgt die Darstellung der empirischen Ergebnisse. Danach werden Einflussfaktoren auf die Präsenz junger Menschen in ehrenamtlichen Leitungsfunktionen in Vereinen analysiert und Handlungsempfehlungen entwickelt.

Ergebnisse bestätigen, was wir aus anderen Untersuchungen wissen: Die Freiwilligenarbeit junger Menschen ist hoch, nimmt aber andere (kurzfristigere, karriereorientierte) Formen an. Weiters sind junge Menschen nur unzureichend in zivilgesellschaftlichen Organisationen vertreten, dies wird v.a. bei der Besetzung ehrenamtlicher Leitungs-, Aufsichts- oder Beratungsfunktionen deutlich. Dies ist insofern schade, als Organisationen mit jüngeren Leitungsmitgliedern wiederum eher junge Freiwillige ansprechen. Auch Möglichkeiten der Partizipation sind für junge Menschen motivierend, allerdings nur gering vorhanden. Das Buch schließt mit praktischen Handlungsempfehlungen, u.a. den folgenden:

Die Vernetzung von NPOs zur gemeinsamen Reflexion kann zu wechselseitigem Lernen und zu Unterstützung führen und einen Dialog zum Thema des Engagements junger Menschen fördern. Dies kann auch hilfreich sein für die Entwicklung neuer Strategien der Mitglieder- bzw. Freiwilligengewinnung. Weiters sollten die Organisationen neue Anreize schaffen, die an den Motiven der jungen Menschen ansetzen, etwa Qualifizierungsprogramme oder Zertifizierungen, oder auch materielle Anreize, etwa durch eine „YouCard“, die – in Kooperation mit Schwimmbädern, Theatern etc. – den Freiwilligen Vergünstigungen gewährt, oder durch günstigere Mitgliedsbeiträge. Auch der Ausbau von Entwicklungs- und Aufstiegsmöglichkeiten und bessere Transparenz in Bezug auf den Zugang zu Funktionen wird empfohlen.

Fazit

Das Buch gibt einen guten Überblick über den Stand der Forschung. Es ist sauber gearbeitet und die Ergebnisse sind für NPOs mit Sicherheit interessant.

Literatur

  • Hustinx, L. (2010). I Quit, Therefore I Am? Volunteer Turnover and the Politics of Self-Actualization. Nonprofit and Voluntary Sector Quarterly, 39(2), 236-255.
  • Hustinx, L., Cnaan, R. A., & Handy, F. (2010). Navigating Theories of Volunteering: A Hybrid Map for a Complex Phenomenon. Journal for the Theory of Social Behaviour, 40(4), 410-434. doi:10.1111/j.1468-5914.2010.00439.x
  • Meyer, M., & Simsa, R. (2013). Entwicklungsperspektiven des Nonprofit-Sektors. In R. Simsa, M. Meyer, & C. Badelt (Eds.), Handbuch der Nonprofit-Organisation. Strukturen und Management (5. ed., pp. 509-525). Stuttgart: Schäffer-Poeschel.
  • More-Hollerweger, E., & Heimgartner, A. (2009). Freiwilliges Engagement in Österreich. Retrieved from Wien:
  • Simsa, R., & Rameder, P. (2017). Die kritischen Seiten der Freiwilligenarbeit. WISO, 3(40), 144-158.

Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 19.04.2018 zu: Mareike Alscher: Zivilgesellschaftliche Organisationen ohne Jugend? Eine organisationsbezogene Betrachtung zum Engagement junger Menschen. De Gruyter Oldenburg (Berlin) 2017. ISBN 978-3-11-052655-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23060.php, Datum des Zugriffs 28.05.2018.


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